a.s.ambulanzen Feminists Like Us 1. Night & Day, Body & Soul, Head & Shoulders ... und Herzen & Blumen: Wir sind sooo lange im Grafikprogramm gewesen, und doch mußten wir am Ende wieder in die Textverarbeitung. "The project: to rescue our bodies from their own disrepute." Stimmt das überhaupt? Müßte es nicht heißen: "from their own history"? Geht das? Und was für eine Geschichte geben wir ihnen dann stattdessen? Brauchen sie vielleicht gar keine? Oder geht es nicht vielmehr um "sex"? Um "gender"? Eins ist sicher: Wenn die Geschlechtergrenzen fallen, wird nichts einfacher, nicht einmal das Schreiben. Worüber also nochmal? Über den Abschied vom Körper? Wie wir ihn kannten? Wo auch immer wir landen: Irgendwo in meinem Herzen ist ein Stern, der für dich scheint! 2. Die Befreiung unserer Körper aus den verlängerten Armen der Bedeutungslosigkeit In den Körpern, um die es hier geht, sind wir nicht zur Welt gekommen, die haben wir erst später bekommen. Gut, irgendetwas war von Anfang an da, aber das war nicht viel mehr als ein undifferenziertes Bündel mit den besten Wünschen der Eltern im Gesicht. Das ist Biologie, langweilig wird sie nie, von Bedeutung aber ist sie auch nicht. Von genetischen Codes wollen wir nichts wissen, damit haben wir nichts zu tun, darüber kann man nicht schreiben, das ist fertiger Text in Maschinensprache, das haben wir uns nicht ausgesucht, darin kommen wir nicht vor. Ein paar Körper, zugegeben, hat uns auch die Familie mit auf den Weg gegeben, doch auch die hatten nie etwas mit eigener Entscheidung zu tun, wie überhaupt die Familie im Verdacht steht, nur der verlängerte Arm der Biologie zu sein, wie diese immer nur von Schicksal, Abstammung und Vererbung zu handeln. Das sind keine Körper, an die wir gebunden wären, auf die wir immer wieder zurückgeworfen würden; niemand muß zurück ins Kinderzimmer und sich da wieder mitten zwischen die Kuscheltiere legen, um etwas über sich und seinen Körper zu erfahren. Die einem das einzureden versuchen, haben zumeist ein Problem mit Mama, stehen zumeist (ob sie's wissen oder nicht) in einer bestimmten Tradition der Psychoanalyse, von der bestimmte Leute, die wir mögen, aus bestimmten Gründen, die wir auch mögen, wegwollen, was vielleicht von anderen an anderer Stelle einmal ausführlicher diskutieren werden wird, hier jedenfalls nicht. 3. Schulmilch auf unserer Haut Hier wollen wir uns lieber nochmal auf den Weg zur Schule machen; erstens aus reiner Willkür, zweitens aber, weil dort tatsächlich mehr Raum vorhanden war zum Kriegen eigener Körper, zum Austesten und Verschieben vorgefundener Strukturen, nicht zuletzt dank der Offenheit solcher Konstruktionen wie der der Klasse, die, im Gegensatz zur Famile, nicht dadurch zusammengehalten wird, daß irgendjemand mal mit irgendjemandem geschlafen hat, sondern erstmal durch gar nichts; da konnte man erstmals frei wählen, was man mit bestimmten Leuten und deren Körpern zu tun haben wollte, und wenn man schnell genug war, eigene Verbindungslinien und Grenzen gezogen hatte, bevor einen Lehrer, Stundenpläne, Klassenarbeiten und eigene Dummheiten zusammenschweißten respektive auseinanderrissen, hatte man möglicherweise sogar was davon. (Drittens dann wohl doch aus reiner Willkür.) Der Weg zur Schule: Eines Tages klingelt um 6 Uhr 15 der Wecker. Was an Körperteilen schon vorhanden ist, wird aus dem Bett gewälzt, provisorisch im Nahverkehr verstaut und schließlich im Klassenzimmer installiert. Der Klassenraum ist von Anfang an durchzogen von einem Geflecht von Linien, entlang derer wir einen Körper kriegen: Tische, Stühle, Wände, dazwischen die eigenen Narrenhände, die zur Raison zu bringen sind, zur Schönschrift, zum pfleglichen Umgang mit dem Schuleigentum undsoweiter. Je nach Sitzordnung bilden sich frontale, autoritäre oder demokratische Körper, je nach Aufmerksamkeitsgrad bekommen sie feste, klare oder fließende Ränder; je nach der Bedeutung, die man dem beimißt, determiniert einen das oder ist es völlig aus der Luft gegriffen. Ausgerichtet sind diese Körper auf die Tafel, die an der Stirnseite des Raumes angebracht ist. Auf der Tafel ist ein Tafelbild zu sehen. Das ist nicht nur einfach so hingemalt, das hat etwas zu bedeuten. Jede Linie an der Tafel verweist auf ein Problem (oder schlimmer: einen Tatbestand), das und dem sich jemand stellt, der oder die meist gar nicht weiß, warum. Jede Linie an der Tafel ist eine Grenze: mal Geduldsgrenze, mal Grenze der Konzentration, mal Grenze, jenseits derer der Spaß aufhört. Die Tafel selbst ist eine Körpergrenze: bis hierhin und nicht weiter, hier kommt keiner durch, hier dürft ihr nicht anfassen, und wenn doch, dann nur nach bestimmten Regeln, die ihr zwar noch nicht versteht, aber deswegen seid ihr ja hier. In diesen Körpern wird, sobald es schellt, zielstrebig auf den Flur geschnellt: ab in die Turnhalle, in den Sportunterricht. Dort werden wir ganz viele Sachen tun, von denen es heißt, daß sie uns Spaß machen: uns in einer Reihe aufstellen, im Kreis laufen und mehr. Die Linien, entlang derer hier die Körper auf uns zukommen werden, sind auf dem Hallenboden bereits eingezeichnet. Zuerst aber müssen wir in den Umkleideraum, müssen uns für eine der beiden Türen entscheiden - und so willkürlich diese Wahl auf den ersten Blick auch erscheinen mag: für den weiteren Verlauf des eigenen Körpers ist sie von entscheidender Bedeutung. 4. Der Körper der Freundin: so in love Neben der Schule liegt der Park. Im Park liegen unsere Freundinnen und warten schon auf uns. Es war gewiß nicht leicht, sie zu kriegen, aber jetzt, wo wir sie haben, ist alles ganz einfach. Sie geben uns alles, was uns fehlt, und nehmen uns all das, wovon wir sonst zuviel kriegen. Aha: uns fehlt was, aha: wir kriegen zuviel. Daß Freundinnen uns hier weiterhelfen, deutet darauf hin, daß wir einen klassichen Männerkörper bekommen haben. Unter Männern im klassischen Sinne verstehen wir Leute, die von Geburt an davon ausgegangen sind, sie seien von Geburt an Männer; diese verbinden weniger gemeinsame Eigenschaften oder Merkmale ihrer Körper, als vielmehr ein bestimmter Umgang mit ihrer eigenen Körperlichkeit, der genaugenommen ein Nicht- Umgang ist: Was mit dem Körper zusammenhängt - Gefühl, Berührbarkeit - ist ihnen prinzipiell gefährlich und muß beherrschbar gemacht werden, je schwieriger das ist, desto gründlicher hat es zu geschehen, bis hinter den Kontrolltechniken vom eigentlichen Körper kaum noch etwas übrigbleibt. Das hat natürlich Konsequenzen. Von da an sind die einzigen Körper, die und denen sie sich vorstellen können, Frauenkörper, die es in Besitz zu nehmen und mit Begriffen zu besetzen gilt: Begriffe kommen von begreifen, begreifen kommt von Kleid abstreifen, dann kann man sagen: hab ich dich! Begriffe sind das, womit man einen Körper zu fassen bekommt. Von bestimmten Begriffen geht eine konkrete, physische Gewalt aus, nicht im metaphorischen Sinne von: Schlagwort, mit dem man jemanden mundtot macht, vielmehr strukturieren Begriffe den Körper, geben ihm eine Gestalt, machen ihm Körperteile, zerlegen ihn, setzen ihn wieder zusammen. Die Diskurse, zu denen solche Begriffe sich ihrerseits zusammensetzen, sind keine abgehobenen, immateriellen Abstrakta ("Intellektuellengewichse", wie man gerne sagt, also schändlich vergeudete physische Fruchtbarkeit), diese Diskurse kann man im Spiegel sehen, wenn man genau hinguckt. Wenn man genauer hinguckt, sieht man nichts als Diskurse. Die Rede vom Männerkörper besagt, dessen Struktur orientiere sich am Staat, oft bis ins Detail, bis in die gesetzgebenden, rechtsprechenden und ausführenden Organe. Die Rede vom Frauenkörper dagegen behauptet, in diesen sei noch ein Rest Anarchie zu Hause, was natürlich keine feministische Verheißung ist, sondern ein feuchter Männertraum. Der Glaube, daß Unterdrückung, indem sie unterdrückt, im Unterdrückten als Negativ die Vorstellung einer besseren Welt hinterläßt, ist eine Vorstellung aus der Welt des romantischen Idealismus. Was Unterdrückung hinterläßt, sind Wunden und Narben und Scheiße im Kopf. Ein Materialismus, der seinen Namen verdient, sollte davon eigentlich etwas wissen. - Wie kamen wir jetzt darauf? Wenn es Völker ohne Raum gibt (und wie darauf?), dann weil (ach so) sie aus Männern ohne Körper bestehen. Was dem Kolonialisten das fremde Land ist, ist dem Mann der Körper der Frau: der ferne, rätselhafte Kontinent, vielbesungen, dunkel, voller Mysterien, voller Gefahr, und doch der einzige Ort möglicher Erlösung (da es daheim zu eng geworden ist, jede Berührung einen zum Platzen bringt), so wird er zum Ziel sagenhafter Expeditionen, die stets als Rückkehr zu den Wurzeln der eigenen Natur verstanden werden (da es daheim zu kompliziert geworden ist, jeder Fortschritt einen zur Verzweiflung bringt). Dann kommt man an und es ist alles ganz zauberhaft und total grauenvoll: hier gibt es zwar jede Menge unberührter, wilder Natur, aber man kriegt sie nicht zu fassen, es fehlen einem die Worte, sie sperrt sich, paßt nicht auf die Karte. Was fehlt, ist Struktur, hier und da müßten ein paar klare Linien gezogen werden usw... - hinterher liegt natürlich alles in Schutt und Asche. 5. Der Körper vom Freund: so in Medientheorie Eines Tages kommen wir in den Park, und unsere Freundinnen sind nicht mehr da. Wir sitzen also zu zweit im Park, eine ziemlich peinliche Situation, denn wir können uns ja schlecht selber in den Arm nehmen und küssen. So bleibt uns nicht viel anderes übrig, als uns zu unterhalten: - Wie ist deine Freundin denn so? - Nett. Und deine? - Auch nett, aber sie hat nur 10 Schallplatten. - Echt? Meine hat nur fünf. - Komisch. - Was? - Na, daß die keine Platten haben, daß denen das nicht fehlt. - Ich hab ihr neulich was aufgenommen, aber irgendwie... - Ja? - Also, sie hat sich zwar bedankt, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, sie konnte nichts damit anfangen. - Kenn ich, kenn ich, das ist total komisch. Ich hab hier eine Studie, die besagt, daß... - Wo bitte hast du diese Studie? - Naja, ich hab die nicht vorliegen, ok, ich hab mir die gerade ausgedacht, aber die scheint trotzdem ziemlich plausibel zu sein, die besagt nämlich, daß sich 80% aller jemals verkauften Platten, Bücher und Zeitschriften im Besitz von Männern befinden. - Da hab ich aber die Studie, daß sich auch 80% allen jemals gedruckten Geldes im Besitz von Männern befindet. - Das ist aber totaler Quatsch in diesem Zusammenhang, meine Freundin kriegt schließlich genausoviel Taschengeld wie ich. - Und was macht die damit? - Keine Ahnung. Vielleicht kauft die sich irgendwelche Crèmes oder so, ich weiß es nicht. - Und was machen die dann, wenn die sich untereinander treffen? Wenn die keine Platten haben, die sie sich anhören können? Crèmen die sich dann gegenseitig ein oder was? - Ich glaub, die crèmen sich echt ein, und dann nehmen sie sich in den Arm und küssen sich. - Weil sie Mädchen sind. - Ja, und weil wir Jungen sind. - Jungen? - Ja, weil wir Jungen sind und mit unseren eigenen Körpern im Grunde überhaupt nichts anfangen können. - Du meinst, du findest das doof, daß wir uns immer bloß unterhalten und Platten anhören? - Nein, was ich doof finde, ist was anderes. Guck mal: Wir haben erst die Schülerzeitung gemacht... Hallo? - Hallo, ja, ich höre zu. Die Schülerzeitung... - Waren da Mädchen dabei? - Äh, nein, keine dabei. - Dann kam die Schülerband. Mädchen? - Auch keine. - Schließlich haben wir die Medienpolitischen Ambulanzen gegründet... - Wieder keine Mädchen... - ... und sind die ganze Zeit nicht drauf gekommen, womit das was zu tun haben könnte. - Und zwar? - Daß die einen Körper haben und wir nicht. - Bitte? - Daß die was können, was wir nicht können. - Du hast sie ja nicht alle... Hier bricht die Aufzeichnung des Gespräches leider ab. Wer von den beiden hat nun recht? Der Fairneß halber wollen wir sagen: beide. Einer von ihnen tendiert zwar dazu, Probleme seiner Biographie zu Problemen der Menschheitsgeschichte aufzublasen und dabei seine eigenen Grenzen als Geschlechtergrenzen festzuschreiben, doch liegt in dem, was er sagt, auch ein Fünkchen Wahrheit. Denn in der Tat: Männerfreundschaften funktionieren selten 1+1, sie benötigen fast immer ein imaginäres Drittes, einen höheren Zusammenhang, Apparate, Maschinen. Diese Maschinen sind Extensionen des männlichen Körpers ("Die Medien sind Teil unserer Organismen", schreiben die Medienpolitischen Ambulanzen in Auseinander #1), eine gerade Line zieht sich von den Walkie-Talkies der Grundschulzeit über die weiterführenden Schülerbands und -zeitungen bis hin zu den Telekommunikationsapparaten der männlichen Medientheoretiker. Einer der Ausgangspunkte männlicher Medientheorie ist gewiß der Mangel an konkretem Körper, der Mangel an Öffnungsmöglichkeiten, potentiellen Verbindungsstellen. Es gibt männlicherseits eine lange Tradition der Überwindung dieses Mangels, der Herstellung von Schnittstellen und Verbindungen: Schlagende Verbindungen, gewaltsame Annäherungen, Kriege. Unsere Medientheorie gibt eine andere Antwort. Sie behauptet: Uns hat der konkrete Körper nie gefehlt, wir wollten immer noch abstrakter, noch komplexer und noch komplizierter werden. Und wir lieben unsere Apparate. 6. Minimarkt der Eitelkeiten Wir wissen, daß wir schön sind. Wir wissen aber auch, daß wir es nicht von Anfang an waren, sondern erst geworden sind, daß es bestimmter Entscheidungen bedurfte, die wiederum bestimmte Wege bedeuteten (und wir sind noch nicht am Ende), auf denen wir total viel von dem verloren haben, was uns früher total wichtig war; wir wissen, daß es notwendig war, das alles hinter uns zu lassen, und daß wir sofort unschön würden, sobald wir anfingen, etwas davon zurückhaben zu wollen. Wir wissen auch das eine oder andere über die Art dieser Schönheit, daß sie immer in Gefahr ist, daß sie aus diesem Immer-in-Gefahr-Sein erst entsteht, daß ein jedes ihrer Merkmale immer auch eine Wunde ist - und daß sie uns immer wieder pathetischer gerät, als wir sie klaren Kopfes würden haben wollen. Was wir vor allem wissen, ist, daß Schönsein allein nicht reicht (man muß schon mindestens zu zweit sein), daß das Schöne am Schönwerden nicht ist, daß man am Ende gut aussieht, sondern daß man ein paar Sachen kapiert hat dabei, hinter die man so leicht nicht mehr zurückkommt. Denn die Schönheit, die wir meinen, ist nicht essentiell, natürlich, theoretisch, vielmehr in höchstem Maße künstlich, praktisch und gemacht; sie ist nichts, was wir hätten, sondern das, was wir würden, wenn wir's hinbekämen. 7. Dieser Körper ist anders ... ruft der verliebte Körper angesichts des geliebten (und was anders ist, ist nicht zwangsläufig das vielzitierte "andere Geschlecht", das muß nicht sein), und wenn er in Liebe ist, dann zwar einerseits, um sich zu vereinigen, Zellen zu bilden, in denen man sich's gemütlich macht: wieder ein Paar mehr!, andererseits aber auch, um selbst anders zu werden, wieder ein paar mehr, plus die, die auch der andere wird, indem er sich verbindet, wozu noch all diejenigen (und diejenigen Körper) kommen, die zu werden jeweils nicht gelingt, so sehr man sie auch sein möchte, die man aber, und das ist wichtig, deswegen nicht vergessen und zerstören muß, sondern ruhig weiter und dringender wollen darf, zuzüglich noch all der Körper, von denen einem die anderen sagen, man hätte sie bekommen, verliebt wie man sei - und wir sehen schon: das sind jetzt bereits eine ganze Menge. Und das ist, erstmal, gut so. Denn je mehr wir sind, desto eher entgehen wir, erstmal, unserem Schicksal, das wie jedes Schicksal von oben kommt, aus der Richtung Ich-Papa-Mama-Lehrer-Staat, und das uns einredet, wir seien, was wir sind, immer schon gewesen, und das sei gut so. Und ginge ja auch gar nicht anders. Dieser Körper ist anders - genau das sagt aber auch der Körper, der morgens, mittags, abends von der Arbeit kommt. Der fragt sich täglich: Fehlt mir was? Haben die mir schon wieder was weggenommen? Oder ist da was zuviel? Etwas, das ich vielleicht nie haben wollte? Während im Bett und dessen unmittelbarer Umgebung Wahlverwandtschaften eingegangen und gekündigt werden können, finden am Arbeitsplatz fast ausschließlich Zwangshochzeiten statt. Immer weniger Arbeit, gewiß, und doch bleibt auch 1995 noch viel zu viel von dem zu tun, was niemand je freiwillig zu machen bereit wäre. Mein Körper und der Stuhl, auf dem er sitzt, mein Körper und der Apparat, an dem er steht, mein Körper und die abstrakten Systeme mit all ihren konkreten Techniken und Diskursen, die durch ihn durch funktionieren, mein Körper in den Armen der Ablaufoptimierung, in den Armen des Dienstplans - nach ein paar Stunden oder Jahren sieht er dann auch dementsprechend aus und fühlt sich auch so an. Jeden Tag stirbt der Mensch um 24 Stunden ab (sagt der Arbeitstheoretiker Karl Marx), an jedem Arbeitstag bekommt er einen Körper, mit dem das, worum es ginge, nicht geht. Der täglich x Stunden lang dies und das am Laufen hält, was im Gegenzug ihn am Laufen hält, ihm Richtung und Struktur verpaßt, ganz nach den Regeln einer unsexy Ökonomie und einer unsexy Rationalität. Der kann sich dann beim besten Willen nicht mehr verbinden, nicht mal mit sich selbst, der gefällt sich nicht, nicht mal in der Zeit, die frei von Arbeit ist. Wer Freizeit hat, dem stellt sich heraus: was sich an Vergnügen dorthin hinüberretten läßt, scheint plötzlich nicht mehr Spaß, sondern nur noch blöd zu machen. "Jetzt wird ihm bestätigt: unter den gegebenen Verhältnissen führt der Vollzug der bloßen Existenz bei Erhaltung einzelner Fertigkeiten, technischer oder intellektueller, schon im Mannesalter zum Kretinismus. [...] Es ist, als ob die Menschen zur Strafe dafür, daß sie die Hoffnungen ihrer Jugend verraten und sich in der Welt einleben, mit frühzeitigem Verfall geschlagen würden." - Guck mal, wer da spricht! 8. Auf der Suche nach dem verlorenen Leib Wer da spricht, sind Adorno und Horkheimer. Was sie uns zu sagen haben, über Körper und wie man sie bekommt, wollen wir uns einmal genauer anschauen. Also: "Den Körper lähmt die physische Verletzung, den Geist der Schrecken. Beides ist im Ursprung gar nicht zu trennen. [...] Dummheit ist ein Wundmal. Sie kann sich auf eine Leistung unter vielen oder auf alle, praktische oder geistige, beziehen. Jede partielle Dummheit eines Menschen bezeichnet eine Stelle, wo das Spiel der Muskeln beim Erwachen gehemmt anstatt gefördert wurde. Mit der Hemmung setzte ursprünglich die vergebliche Wiederholung der unorganisierten und täppischen Versuche ein. Die endlosen Fragen des Kindes sind ja schon Zeichen eines geheimen Schmerzes, einer ersten Frage, auf die es keine Antwort fand und die es nicht in rechter Form zu stellen weiß. [...] Sind die Wiederholungen beim Kind erlahmt, oder war die Hemmung zu brutal, so kann die Aufmerksamkeit nach einer anderen Richtung gehen, das Kind ist an Erfahrung reicher, wie es heißt, doch leicht bleibt an der Stelle, an der die Lust getroffen wurde, eine unmerkliche Narbe zurück, eine kleine Verhärtung, an der die Oberfläche stumpf ist. Solche Narben bilden Deformationen. Sie können Charaktere machen, hart und tüchtig, sie können dumm machen - im Sinn der Ausfallserscheinung, der Blindheit und Ohnmacht, wenn sie bloß stagnieren, im Sinn der Bosheit, des Trotzes und Fanatismus, wenn sie nach innen Krebs erzeugen. Der gute Wille wird zum Bösen durch erlittene Gewalt." Ein jedes Problem mit dem Körper, so sehen wir hier, ist ein Problem mit den gegebenen Verhältnissen: Einst hatten wir einen Körper, der heil und subjektiv war, dann ist eine böse Objektivität zu Tür hereingekommen und hat ihn uns kaputtgemacht. Einst hatten wir einen Körper, der ganz und rund war, dann ist ein böser Schmerz zur Tür hereingekommen und hat ihn fragmentiert und zerfurcht. Was als Körper also ursprünglich zusammenhing (oder zumindest als zusammenhängend gedacht wurde), zerlegt der Existenzvollzug in seine Einzelteile, und weil man diese schließlich nicht mal mehr im Kopf zusammenkriegt, bedeutet der Zerfall des Körpers zugleich den Zerfall der Subjektivität. Der theoretische Ausgangspunkt von Adorno und Horkheimer ist zugleich ihr biographischer: eine intakte bürgerliche Kultur, zu deren wichtigsten Stützpfeilern die Einheit des Körpers gehört. Nimmt man das weg, bricht das alles zusammen; und da man das natürlich andauernd wegnimmt und weggenommen bekommt, handelt die Kritische Theorie, wie Adorno und Horkheimer sie betreiben, hauptsächlich davon, wie fortwährend alles zusammenbricht. Da ihre Erinnerung bezüglich der Kultur, der sie entstammen, vor allem die Erinnerung an ein Intaktsein ist (natürlich war sie schon damals voller Defekte, funktionierte hinten und vorne nicht mehr; ihr gelang gerade noch das, was sie schon immer am besten gekonnt hatte: Leuten nämlich ebendiese Erinnerung an ein weit zurückliegendes Intaktsein mit auf den Weg zu geben), können sie sich sogar noch dessen entsinnen, was man vor dem Körper (der bei ihnen immer im Verdacht steht, längst bloß corps, Leiche zu sein) mal gehabt hatte: einen Leib. Leib erinnert an Laib, also Brot, schön rund, aber es hat auch schon Furchen auf der Oberseite, die vom Backen kommen, oder die absichtlich hineingemacht worden sind, damit sich das Brot leichter brechen läßt, oder Brötchen, die in der Mitte ja auch eine Furche haben, entlang derer sie in zwei Hälften geteilt werden können; schließlich gibt es Brot, das bereits in Scheiben geschnitten ist, wenn man es kauft, und es gibt die Stelle bei Adorno, wo er beklagt, wie furchtbar das ist: kein Laib mehr, sondern bloßer Brotkörper, dem die Fragmentierung nicht nur äußeres Merkmal, sondern innere Struktur ist, der auf seine Verwertung schon zugeschnitten ist. Spätestens hier erreicht der kritische Körper Adornos seinen kritischen Punkt. Die einzig mögliche Praxis ist von da an die Theorie, und deren einzig möglicher Ort die kleinste unteilbare Einzelzelle, das fensterlose Dachzimmer im Elfenbeinturm: die Monade. 9. Bodybuilding, Körperbau Von der Monade ist der Nomade mehr als bloß eine Lautverschiebung weit entfernt. Der Nomade steht für ein entgegengesetztes Modell: Er zieht - so glauben es zumindest seine Fans - ziellos durch die Steppe, gleitet an den Furchen, Verwerfungen und Grenzen des jeweiligen Territoriums genauso leicht entlang wie an den Grenzen anderer Leute Theorie und taucht immer wieder dort auf, wo man ihn nicht vermutet hat. Mit seinem Körper - glauben seine Fans - verfährt er auf ähnliche Weise: er kriecht auf dessen Oberfläche umher, folgt Einschnitten und Kanälen, erfindet im Inneren neue Funktionen und schmeißt seine Organe munter zum Fenster raus. Wir bauen uns einen organlosen Körper. Wir bauen uns ein Haus aus den Knochen von Cary Grant. "Wie auch immer, ihr habt einen (oder mehrere), und zwar in erster Linie nicht, weil er schon vorher oder fertig da wäre (auch wenn er in gewisser Weise präexistent ist); auf jeden Fall schafft ihr euch einen, ihr könnt nicht begehren, ohne einen zu schaffen; und er erwartet euch, er ist eine Übung oder ein unvermeidliches Experiment, das bereits in dem Moment durchgeführt ist, wo ihr damit beginnt, und das unvollendet bleibt, wenn ihr nicht damit beginnt. Das ist nicht beruhigend, denn er kann euch ja auch mißlingen. Er kann auch schrecklich sein, euch in den Tod treiben. Er ist sowohl Nicht-Begehren als auch Begehren. Vor allem ist er kein Begriff oder Konzept, er ist vielmehr eine Praktik, ein ganzer Komplex von Praktiken." (Deleuze/Guattari) Dieser letzte Satz ist genau der Satz, der nicht über dem Portal unserer Schule stand, aus guten Gründen, obwohl er da natürlich hingehört hätte. Die Schule muß einem das verschweigen, sie muß sagen: Hallo, wir wollen heute einmal den Körper durchnehmen, wir haben hier ganz viele tolle Begriffe und Komplexe, die ihr alle noch nicht kennt, die ihr aber unbedingt kennenlernen müßt, einmal natürlich, damit ihr die guten Jobs bekommt, vor allem aber, weil sie so etwas wie ein kulturelles Kapital bilden, das verzinsbar ist, nicht nur am Arbeitsplatz, sondern eben auch im Leben. Wie wollt ihr denn bitteschön eine Freundin kriegen, oder einen Mann, wenn ihr nicht z.B. diesen Text hier gelesen habt... - In diesem Moment faßt sich jemand ein Herz und sagt: Aber wie soll ich eine Freundin kriegen, oder einen Mann, wenn ich scheiße aussehe, und zwar deswegen scheiße aussehe, weil sich hier alles scheiße anfühlt, und wie sollen wir miteinander schlafen, wenn wir überhaupt keine Körper haben, jenseits eurer Begriffe und Konzepte und Komplexe? - Und dann sagt die Schule eben: Das mit dem scheiße aussehen, das tut und leid, aber das ist dein persönliches Pech, und was das miteinander schlafen angeht, das gehört nicht hierher, das könnt ihr zuhause machen; und daß ihr keine Körper hättet, ich bitte dich, setz dich erstmal wieder hin. Statt uns mit diesem sich jetzt erstmal wieder hinsetzenden jungen Menschen und dem Problem, das er hat (das weniger ein Problem mit seinem Körper zu sein scheint, als vielmehr ein Problem mit seiner Schule) weiter zu beschäftigen, wollen wir versuchen, nochmal auf Deleuze/Guattari zurückzukommen. Deren Körper funktioniert anders: sein Feind ist weniger, was ihn auseinanderfallen läßt, eher das, was ihn zusammenhält: diejenige Organisation der Organe, die man Organismus nennt (um den loszuwerden, öffnet er selbst dem Schmerz die Tür und läßt sich fragmentieren), und mit ihr die Subjektivität, die ihn ständig neu zu zentrieren versucht: "Wo die Psychoanalyse sagt: Halt, findet euer Selbst wieder!, müßte man sagen: Gehen wir noch viel weiter, wir haben unseren organlosen Körper noch nicht gefunden, unser Selbst noch nicht genügend abgebaut. Ersetzt Anamnese durch Vergessen und Interpretation durch Experimentieren. Findet euren organlosen Körper, findet heraus, wie man ihn macht, das ist eine Frage von Leben und Tod, von Jugend und Alter, von Traurigkeit und Fröhlichkeit. Und eben da spielt sich alles ab." 10. Ich, der Staat, dein Körper Das wären, grob, die beiden Programme: Erinnert euch an den verlorenen Körper, oder: Vergeßt diesen Körper. Die Frankfurter Körperschule bringt ihren Hauptvektor am Körper an, beschreibt eine Verfallslinie; wo diese versiegt, setzt die Fröhliche Körperwissenschaft an mit ihren tausend Vektoren, zieht Fluchtlinien und läßt zirkulieren, was vom Körper noch übrig ist. Noch befinden wir uns in jener historischen Phase, in der das Funktionieren gesellschaftlicher Macht, das Funktionieren des Staats, auf der Einheit der Individuen und ihrer Körper beruht. Im Paß muß ein bestimmter Name stehen, die Familie muß heil sein, die aus ihr hervorgehenden Körper müssen heil sein, müssen sich als Einheiten/Ganzheiten begreifen (müssen, wo sie das nicht hinkriegen, in Paaren und Familien zu Einheit/Ganzheit kommen) - nur so kann kontrolliert, überwacht und gestraft werden. Das Individuum und der individuelle Körper sind nicht etwa Opfer solcher Vorgänge: sie sind ihr Ergebnis. Der Kampf, in dem sich der Staat in dieser Phase befindet, ist nicht so sehr der gegen soziale Bewegungen (die einwenden, Pässe, Familien, Kontrolle, Überwachung, Bestrafung und Staaten überhaupt hingen ihnen zum Halse raus, das sei alles Terror usw.), viel eher der gegen die Eigenarten des ökonomischen Systems, dessen Ausdruck er selber ist, gegen die Dynamik eines Kapitalismus, der die Körper der Leute und ihre Familien stets von neuem spaltet und zerreißt. An zahllosen Fronten zugleich muß reguliert, gedämpft, gekittet und repariert werden, damit das Individuum nicht auseinanderbricht. Mittlerweile (seit ein paar hundert Jahren) häufen sich jedoch die Anzeichen dafür, daß dieses Zeitalter, tendenziell, zu Ende geht, daß der Staat den Kampf gegen die ökonomische Dynamik an immer mehr Fronten aufzugeben bereit ist. Der Staat findet an sich selbst immer weniger öffentliches Interesse und beginnt, die ersten seiner Organe zu privatisieren, dezentralisiert sich, verliert an Gewicht, wird zum schlanken Staat, streut das Gerücht, er sei am Verschwinden, beginnt tatsächlich, sich aufzulösen, nach außen in einen globalen Wirtschaftsraum, nach innen in den freien Markt seiner Dienstleistungsunternehmen. Kurz vor Schluß ein Telefonanruf: - Warum sieht meine Deterritorialisierungsbewegung eigentlich so aus, als sei sie bloßer Nachvollzug der gesellschaftlichen Deregulierung auf der Ebene des Individuums? - Vielleicht, weil sich dein organloser Körper so anfühlt, als hätte er einen Staat verschluckt? Ich bin luftlos, ein Vakuum-Kind, singt hier gerade Lee Ranaldo. Dem schließen wir uns voll inhaltlich an. 11. Outro (Berlin, 28.5.1995) Wenn irgendwo etwas passiert, fahren sowohl die Medienpolizei als auch die Medienpolitischen Ambulanzen so schnell wie möglich mit Blaulicht zum Unfallort. Der Unterschied zwischen diesen beiden Institutionen besteht darin, daß, während die Medienpolizei damit beschäftigt ist, den Tathergang zu rekonstruieren, die Personalien der Beteiligten aufzunehmen sowie erstmal alles, was ihr in die Quere kommt, weiträumig abzusperren, die Aufgabe der Medienpolitischen Ambulanzen darin besteht, LEBEN ZU RETTEN. Das gelingt zwar nicht immer, macht aber trotzdem Spaß. Die Fehler, die passieren, passieren beim Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit. Der verheerendste Unfallort ist immer der eigene Text. Wenn es uns gelänge, zumindest von dort die Presse fernzuhalten, wäre schon viel gewonnen.