Rainald Goetz Abfall für alle I 1.1 - HIER LEBTE ABFALL I 1.2 - ABFALL FÜR ALLE I 1.3 - LOS GEHTS I 1.4 - HASSE SIE ALLE I 1.5 - REDEMOKRATISIERUNG I 1.6 - ALL IN ALL I 1.7 - ABFALL FÜR ALLE I 2.1 - DIE EROTIK DES PFIRSICHS I 2.2 - FESTAKT ZUM GEBURTSTAG VON BERT BRECHT I 2.3 - BARACKE I 2.4 - ICH HABE NIE MIT KOKAIN EXPERIMENTIERT ICH HABE ES IMMER NUR GENOMMEN I 2.5 - IM TREIBHAUS DES ERFOLGS I 2.6 - ÜBER DAS ÜBER I 2.7 - SONNTAG: RUHETAG I 3.1 - KASCHMAR I 3.2 - ERNST JÜNGER IST HEUTE MORGEN GESTORBEN I 3.3 - PARTEI DER LETZTEN CHANCEN I 3.4 - EIN MANN VON 43 JAHREN I 3.5 - MEER DES FRIEDENS I 3.6 - LETZTER RITTER VON DER TRAURIGEN GESTALT I 3.7 - GESPRÄCHE IN BAGDAD I 4.1 - SPONTANER JUBEL I 4.2 - MIT SCHWEREN SCHATTEN AUF DER SEELE I 4.3 - POLITISCHE PLANUNG I 4.4 - ZIELLOS MUSS DIE STILLE WACHSEN I 4.5 - WAHN ALS DYSFUNKTION NEURONALER NETZE I 4.6 - 46. POLITISCHER ASCHERMITTWOCH IN BERLIN I 4.7 - KLEINE GESCHICHTE DER ANTIKEN PHILOSOPHIE I 5.1 - UHL WILL AGGRESSIVE BETTLER ZUR ARBEIT ZWINGEN I 5.2 - RAUS RAUS RAUS ALKOHOL MÄNNER DROGEN ICH BIN SO WILLENLOS DAS IST SO GEIL I 5.3 - UND HIER DIE ANGEKÜNDIGTE UNWETTERWARNUNG I 5.4 - ER HAT KEINE VISIONEN ER LIEST ZEITUNG I 5.5 - ERFOLGREICHSTER REGISSEUR ALLER ZEITEN I 5.6 - GEDENKTAG ZU EHREN VON JOHANNES JANSSEN I 5.7 - FÜNFTE KRAFT WIEDER IM GESPRÄCH I 6.1 - ACH UM DEINE FEUCHTEN SCHWINGEN I 6.2 - ANLÄSSLICH DES 50. GEBURTSTAGES DES STAATES ISRAEL I 6.3 - DIE LÄDIERTE FRAU I 6.4 - RUHE SANFT I 6.5 - DAS WAR DAS STABAT MATER VON ROSSINI I 6.6 - IF I COULD MELT YOUR HEART I 6.7 - MANIFEST DER GLÜCKLICHEN ARBEITSLOSEN I 7.1 - AM FELSFENSTER MORGENS I 7.2 - GEDENKTAG ZU EHREN VON KLAUS JANKUHN I 7.3 - BEGUTACHTUNGSSTELLE FÜR FAHREIGNUNG I 7.4 - BUILDING THE GETTY I 7.5 - FRÜHLINGSANFANG I 7.6 - DIE SCHÖNSTEN MÄRCHEN AUS 1001 NACHT I 7.7 - HELLBLAUER NYLON-WINDBREAKER VON HELMUT LANG II 1.1 - ZIEMLICH KATASTROPHALER TAG II 1.2 - DIE VIELFALT RELIGIÖSER ERFAHRUNG II 1.3 - RAVE IST VORGESTERN ERSCHIENEN II 1.4 - 18 SEITEN LITERATUR-BEILAGE II 1.5 - FROM A TO B AND BACK AGAIN II 1.6 - SCHAM UND SCHÖNHEIT II 1.7 - BEGINN DER SOMMERZEIT II 2.1 - ABFALLS FIRST DAY OUT II 2.2 - DER MÄRZ VERABSCHIEDET SICH MIT WÄRME II 2.3 - RAF DAS WAR FÜR UNS BEFREIUNG II 2.4 - VERBRECHEN UND STRAFE II 2.5 - ILONA'S ASSHOLE 1991 SIEBDRUCK AUF LEINWAND MIT ÖL 228 X 152 CM II 2.6 - POETIC USE OF BLOOD $ 2 RAYMOND PETTIBON COMPLETE AND UNABRIDGED II 2.7 - GALERIE DER GEGENWART II 3.1 - ICE 815 FLIEGENDER HAMBURGER II 3.2 - GALLE FÜR ALLE II 3.3 - ABFALLS SCHWEIGEKLAUSEL II 3.4 - SCHWIMMWESTE UNTER IHREM SITZ II 3.5 - TAGELANGE HEILIGE HANDLUNGEN II 3.6 - ABSOLUT SCHMERZBEFREIT II 3.7 - OSTERN 1998 II 4.1 - SINN ALS GRUNDBEGRIFF DER SOZIOLOGIE II 4.2 - ZUR BILDERZÄHLUNG SEIT GIOTTO II 4.3 - THE FAST TRACK CONSTRUCTION APPROACH II 4.4 - NEUE LYRISCHE SACHLICHKEIT II 4.5 - DIE ÖFFENTLICHKEIT IST AUSGESCHLOSSEN II 4.6 - UNTER AFFEN II 4.7 - LAND DER TUGENDEN II 5.1 - DIESE KIRSCHBÄUME WURDEN HERRN PROF. DR.ROBERT SCHINZINGER ZUM 80. GEBURTSTAG GEWIDMET II 5.2 - DJAKARTA SALVADOR-BAHIA SAN FRANCISCO TEHERAN MONTREAL BELGRAD SCHWÄBISCH HALL NEW YORK TOKYO II 5.3 - POSITIVE SPACE TRIP PASS II 5.4 - DER ERSTE SOMMERLICHE TAG II 5.5 - HYPNOTIC TANGO II 5.6 - TIMES FADE SO LET THEM PASS YOU BY II 5.7 - BÖSER VOGEL JUGEND II 6.1 - WARUM LÄUFT HERR R AMOK II 6.2 - PRAXIS I DIE FORMPHANTASIE II 6.3 - LET'S RIOT II 6.4 - HEADCLEANER II 6.5 - MAYDAY XIII AND THE MOTHERFUCKING SAGA CONTINUES II 6.6 - DER MAI IST GEKOMMEN II 6.7 - DISKUSSION AUSGEWÄHLTER KLÄNGE II 7.1 - WOUNDED BY WAR, CRYING FOR LIGHT II 7.2 - DIENSTAG IS PRAXIS DAY II 7.3 - ICE 993 ISAR-SPRINTER II 7.4 - TOTENBUCH II 7.5 - CHRONIK DER VOR- UND FRÜHGESCHICHTE II 7.6 - DIE REPUBLIK II 7.7 - ALL AREAS III 1.1 - BURN URBAN BURN III 1.2 - JOSEPH BEUYS 12.5.21 III 1.3 - INSTITUTE: DER AUFSCHWUNG VERSTÄRKT SICH III 1.4 - REVUE PHILOSOPHIQUE III 1.5 - IM FEUER GESCHRIEBEN III 1.6 - SAMTIG, SANDIG, SANFT III 1.7 - SEIDIG, SILBERN, STUMM III 2.1 - EIN STURM DER UNTERSCHIEDLICHSTEN GEFÜHLE III 2.2 - LUFTHANSA LH 1023 14 UHR 35 III 2.3 - UNSERE ILLUSION ABER IST DIE BEWEGUNG III 2.4 - STRAFWECKEN UM 6 UHR III 2.5 - DÄMONISCHE IRGENDWIEKONSTRUKTIONEN III 2.6 - SCHLEEF UNTERBRACH BEI DER VERLEIHUNG DIE LAUDATIO VON LÖFFLER MEHRFACH HEFTIG UND BESCHWERTE SICH ÜBER EINE SEINER ANSICHT NACH UNGERECHTE KRITIK III 2.7 - KRANK III 3.1 - ÜBER DIE UNABSCHAFFBARKEIT FALSCHER GEDANKEN III 3.2 - PRAXIS IT'S OVER III 3.3 - HEY ALL YOU KIDS OUT THERE THIS IS THREE FEET HIGH AND RISING III 3.4 - DE LA SOUL III 3.5 - METAPHYSIK BEGRIFF UND PROBLEME III 3.6 - ELECTRIC KINGDOM ELECTRO CRASH COURSE 98 III 3.7 - WIR MÜSSEN SO WEIT KOMMEN DASS WIR DIE FORMEL FÜR EINE ASSOZIATIONSREIHE AN DIE WANDTAFEL SCHREIBEN KÖNNEN III 4.1 - NIKE DIE FIRMA DIE GÖTTIN DER MYTHOS III 4.2 - JE MEHR REDEN, DESTO BESSER III 4.3 - THE GLOBE III 4.4 - JEFF KOONS BERLINER FASSUNG III 4.5 - MEINEN HUNDEN III 4.6 - ZUSÄTZE AUS DEN NACHGELASSENEN SCHRIFTEN III 4.7 - THE DARK STUFF III 5.1 - SYSTEMVERTRAUEN ENDFASSUNG VORSTUFEN MATERIALIEN III 5.2 - KRACHKULTUR III 5.3 - ONE WORLD ONE FUTURE III 5.4 - DAS KAPITAL III 5.5 - SO HERRLICH WOHNT DIE DEUTSCHE MANNSCHAFT III 5.6 - OUT OF THE DARK III 5.7 - BEITRÄGE ZUR GRUNDLEGUNG EINER OPERATIONSFÄHIGEN DIALEKTIK BAND III III 6.1 - DAS FAUCHENDE LACHEN DER KATZE III 6.2 - ESCAPE III 6.3 - SOMETHING I FEEL III 6.4 - THE NEW TESTAMENTAL PICTURES III 6.5 - BUNDESNACHRICHTENDIENST AUSSENSTELLE BERLIN III 6.6 - VERZIERTES DÖSCHEN FÜR BEWUSSTSEINSVERBESSERUNGSVERSUCHE III 6.7 - HITLERS SEKRETÄRIN VOR DEM GLOBUS IN DER GOSSEN HALLE DES BERGHOFS III 7.1 - »UND AUSSERDEM LINKSRADIKALER« III 7.2 - EINEN NEUEN DIESEL IN DIE WELT ZU SETZEN KANN ETWAS WUNDERBARES SEIN III 7.3 - HOLY III 7.4 - MUNICH MACHINE III 7.5 - MAX PLANCK GESELLSCHAFT ZUR FÖRDERUNG DER WISSENSCHAFEN E.V. III 7.6 - SUCK MY DECKS III 7.7 - FRAGMENTE EINES ANDEREN SOZIALEN LEBENS IV 1.1 - WENN WIR ÜBER DIE AUSSEN KOMMEN IV 1.2 - DAUERKOLONIE TOGO E.V. IV 1.3 - FRATZE DES TERRORS IV 1.4 - BULLSHIT AND PARTY IV 1.5 - HIER WIRD DEMNÄCHST EINE BÄCKEREI MIT CAFÉ ERÖFFNET IV 1.6 - JONATHAN MEESE DE RÄUBER 20.6. - 19.9.1998 IM AUGUST NUR NACH VEREINBARUNG CONTEMPORARY FINE ARTS BRUNO + NICOLE SOPHIENSTRASSE 21 10178 BERLIN TEL: 030-2836580 FAX: 2836582 IV 1.7 - NIGHTS OF LOVE AND LAUGHTER IV 2.1 - INS WEGLAUFHAUS IV 2.2 - UND DANN WERDEN WIR BLUMEN? IV 2.3 - NOCH 3 TAGE BIS ZUR LOVE PARADE IV 2.4 - EVELYN HOFER ANDY WARHOL'S STUDIO 1987 IV 2.5 - 100 WÖRTER DES JAHRHUNDERTS IV 2.6 - PARADE IV 2.7 - HURRA! IV 3.1 - 9 DIE PRAXIS IN DIE THEORIE UMSETZEN IV 3.2 - ELFENLAND IV 3.3 - MÄDELS IV 3.4 - VERBLENDUNGSZUSAMMENHANG IV 3.5 - KUNST-HALLE BERLIN IV 3.6 - PROJEKT APOLLO IV 3.7 - GEDANKEN ZUM SONNTAG IV 4.1 - WIE ÜBLICH FESTELLUNG DER ANWESENHEIT IV 4.2 - WHITE DESASTER I IV 4.3 - MORE & MORE COMPANY IV 4.4 - ABFALL FOREVER BEGINN DER ZWEITEN HALBZEIT IV 4.5 - DAS BISHER GRÖSSTE SCHÜTT- UND SCHLACHT-EVENT IV 4.6 - HILLARY FURCHTBAR GEDEMÜTIGT IV 4.7 - EVERY SOUL AND HIS BROTHER IV 5.1 - DIALOG MIT MEINEM URENKEL IV 5.2 - CAFÉ PINOCCHIO IV 5.3 - BEAUTY-TAG IV 5.4 - GALAKTISCHE ZENTRALE FÜR DELEGIERTE DES UNIVERSUMS IV 5.5 - GEWALTLITERATUR-INFORMATIONSSYSTEM IV 5.6 - OPERATIONSBERICHT 1. AUGUST 1998 IV 5.7 - KLOPFGERÄUSCHE IV 6.1 - BÜRO FÜR DEN AUFBAU DER ZIVILISATION IV 6.2 - UND AB UND ZU WÜRDEN ISABELLA UND ICH UNS ANSEHEN UND DANN LÄCHELN IV 6.3 - IM LABYRINT DES GEFRORENEN IRRSINNS IV 6.4 - BESTSELLER IV 6.5 - HEROIN-HOUSE IV 6.6 - EINE HART ARBEITENDE FRAU IV 6.7 - HEISS IV 7.1 - PFERDETRANSPORT IV 7.2 - 4. SCHRITT: DAS NETZWERK WIRD GERUFEN IV 7.3 - DAS HEISST AUCH URLAUBSFLIRT LIEBE BEI NACHT UND SEX AM STRAND IV 7.4 - DIE LETZTEN TOTEN SIND GEBORGEN IV 7.5 - ZUR ELEKTRODYNAMIK BEWEGTER KÖRPER IV 7.6 - WEGEN URLAUB BIS 15.8.1998 GESCHLOSSEN IV 7.7 - HASS SPRICHT V 1.1 - DER TAG DER WAHRHEIT V 1.2 - WIEN STADT MEINER VÄTER V 1.3 - PROJEKT: DIALOG! V 1.4 - LOLA RENNT V 1.5 - POSTZUSTELLUNGSURKUNDE V 1.6 - DER HEILIGE DER GALAXIEN V 1.7 - HOCHSPRUNG FRAUEN V 2.1 - HERBS OF DUB V 2.2 - MEDITATIONEN ZUR METAPHYSIK V 2.3 - EXTRA THIN V 2.4 - KÖNIGINNEN V 2.5 - ABGRUND V 2.6 - ARBEIT IST SCHEISSE V 2.7 - ALLES ZU VERKAUFEN V 3.1 - FEHLERBERICHT 31-AUG-98 12:16 V 3.2 - FRÜHSTÜCK DER RUDERER V 3.3 - ANGEBRÜLLTE V 3.4 - GÄSTEHAUS AXEL SPRINGER V 3.5 - SOPHIE-CHARLOTTE-OBERSCHULE V 3.6 - TECHNOLECTRO EP Nº1 V 3.7 - EIN HELLER UND EIN BATZEN V 4.1 - STRAFKOLONIE V 4.2 - KRANKENGYMNASTIK V 4.3 - ICH SEHE KEINE WELTWEITE DEPRESSION AM HIMMEL V 4.4 - HARDYS BIRTHDAY BOAT PARTY V 4.5 - SEINE LORDSCHAFT IST ZUR ZEIT AUF WELTREISE. SIE KÖNNEN GERNE HIER BLEIBEN UND LESEN, BIS ER WIEDERKOMMT V 4.6 - HILLARY FURCHTBAR GEDEMÜTIGT V 4.7 - LIVE AUS MÜNCHEN V 5.1 - NEW WORLD ORDER V 5.2 - DEN GÖTTERN WIRD GEOPFERT V 5.3 - 501 W 32 L 32 RICH INDIGO DYE V 5.4 - DAS ERSTE MAL V 5.5 - ORGANISIERTE KRIMINALITÄT V 5.6 - AUF DEM WEG ZUR MENSCH AG V 5.7 - ADLERPARTITUR V 6.1 - DAS SPEKTAKEL IST VOR WENIGEN MINUTEN ZU ENDE GEGANGEN V 6.2 - MÜNCHNER ORTSGRUPPE DES BAYERISCHEN VEREINS FÜR FRAUENSTIMMRECHT V 6.3 - RED DESASTER, 1963 236,2 × 203,9 V 6.4 - SYMPTOME DES UNIVERSUMS V 6.5 - 100 RECORDS THAT SET THE WORLD ON FIRE V 6.6 - WIEN INNERE STADT 1/4 STURM 23.- V 6.7 - NACH 16 JAHREN IST HEUTE DIE ÄRA HELMUT KOHL ZU ENDE GEGANGEN V 7.1 - ZU DEN KONFERENZRÄUMEN 1 - 2 UND 3 V 7.2 - DER NEUANFANG V 7.3 - RÜCKTRITT RILKE ANTRITTSBESUCH V 7.4 - KONSEQUENZEN V 7.5 - KASSENSTURZ VERWAHRLOSUNG III SYSTEMHYSTERIE V 7.6 - FESTAKT ZUM TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT LIVE AUS DEM KUPPELSAAL IN HANNOVER VERWAHRLOSUNG IV V 7.7 - VERWAHRLOSUNG V IV 1.1 - MEINE LIMONEN DIENEN DER GRUNDVERSORGUNG DER GESAMTEN BEVÖLKERUNG UND NICHT NUR IHREN ÜBERSPANNTEN PRIVATALLÜREN IV 1.2 - WAFFENKAMMER AUFGERÄUMT IV 1.3 - KRITIKER EMPFANG 50. FRANKFURTER BUCHMESSE PETER WEBER LESUNG IV 1.4 - ICH WOLLTE KEIN GELD SONDERN HERAUSRAGENDE LITERATUR MACHEN IV 1.5 - THEY'VE TAKEN THE WORLD NOW WHAT? IV 1.6 - NOW WE'RE TALKING BUSINESS IV 1.7 - ENDE DER SOMMERZEIT IV 2.1 - BACK HOME HOME FROM WAR IV 2.2 - DIE GESAMMELTEN SCHRIFTEN VON VERMEER IV 2.3 - VERONAS GRÜNDE IV 2.4 - 15.10.1926 MICHEL FOUCAULT 26.6.1984 IV 2.5 - GLAUBE UND VERNUNFT IV 2.6 - GROSSER ZAPFENSTREICH IV 2.7 - 1989 HONECKER BAADER ENSSLIN RASPE KLEIST 1977 IV 3.1 - MÜNCHEN FRANKFURT WIESBADEN FRANKFURT BERLIN IV 3.2 - MELDESTELLE WACHE HAUS DER WIRTSCHAFT IV 3.3 - VERSCHWENDE DEINE JUGEND IV 3.4 - DAS HERBSTGUTACHTEN DER WIRSCHAFTSFORSCHUNGSINSTITUTE IV 3.5 - FLASHBACKS IV 3.6 - FEAR AND LOATHING IV 3.7 - ENDE DER SOMMERZEIT IV 4.1 - KULTURKRITIK UND GESELLSCHAFT III IV 4.2 - MIT JA HABEN GESTIMMT 351 IV 4.3 - BESUCH EINES OBDACHLOSENASYLS IV 4.4 - MEGAEGAL IV 4.5 - SPEED ATTACK IV 4.6 - INSTANT GERMAN ACCENT PILLS IV 4.7 - MUTMASSUNGEN ÜBER DAS WASSER IV 5.1 - OCCULT CHEMISTRY IV 5.2 - PINK SHOTS IV 5.3 - VERSTREUTE GEDANKEN, VERSAMMELTE TITEL IV 5.4 - ICH MALE ALLES UND REDE MIT JEDEM IV 5.5 - TSCHAKKA ZEITSCHRIFT FÜR THEORETISCHES FERNSEHEN IV 5.6 - ART COLOGNE 32. INTERNATIONALE MESSE FÜR MODERNE KUNST IV 5.7 - DER KLEINE BONNER IV 6.1 - BURG FÜR IMMER BURGEN IV 6.2 - AUSSPRACHE ZUR REGIERUNGSERKLÄRUNG IV 6.3 - EXPERIMENTELLE EXISTENZ IV 6.4 - EMOTION EXPLORATION OF THE SOUL IV 6.5 - SOZIOLOGISCHE AUFKLÄRUNG BAND 8 IV 6.6 - SPARTANISCHE VERSE IV 6.7 - GHOSTS IV 7.1 - HAVANNA IV 7.2 - DESTRUKTIVE KONZEPTE IV 7.3 - DEUTSCHE GESELLSCHAFT ZUR RETTUNG SCHIFFBRÜCHIGER * AUSGEGRENZTE GREISE WEHREN SICH * ISLAMISCHE FÖDERATION BERLIN IV 7.4 - EMOTION EXPLORATION OF THE SOUL IV 7.5 - STRUKTURALE KOMPOSITION B-8 GRAVUR IN RESOPAL AUF HOLZPLATTE 1954 IV 7.6 - KOKAIN DISKO IV 7.7 - LICHT THERAPIE VII 1.1 - ERSTE ÖFFENTLICHE WASSERSTOFF-TANKSTELLE DER WELT * DAS LETZTE KAPITEL VII 1.2 - THRONREDE VII 1.3 - SOFORTPROGRAMM GEGEN DIE JUGENDARBEITSLOSIGKEIT VII 1.4 - WONDERLAND VII 1.5 - UNGEDRUCKTES ZETTEL-MEER VII 1.6 - WASTED VII 1.7 - SAUFE SAUFE SAUFE * DIE WIN-WIN-WIN-LÖSUNG * 1. ADVENT VII 2.1 - ANANGARANGA VII 2.2 - INFORMATIONEN STABILISIEREN VII 2.3 - SPRUNG VON DES TIGERS RÜCKEN VII 2.4 - MUTTER SPRACHE MÜNCHEN VII 2.5 - BENACHRICHTIGUNG ÜBER EINE ERSATZZUSTELLUNG VII 2.6 - ENERGY FLASH FUCK DANCE, LET'S ART VII 2.7 - DÉFENSE D'AFFICHER VII 3.1 - VOUS AUSSI, VOUS ÊTES NOTRE MUSÉE VII 3.2 - MYTHEN, LEGENDEN, GENEALOGIEN UND DAS ERZÄHLEN DER ABENTEUER DER VORZEIT VII 3.3 - WIE SONST WURDE DIE ALTE ORDNUNG DER DINGE ZERSTÖRT? VII 3.4 - LICHTBILDMAPPE ZUM LICHTBILDGUTACHTEN VII 3.5 - PALAST BISTRO VII 3.6 - AKADEMIE ISOTROP VERSCHIEDENE GEBIETE VII 3.7 - WOULD YOU GO TO BED WITH ME? VII 4.1 - HELL SUICIDE COMMANDO STUDIO 1 GAS GETEILTES LEID I THE SECRET TAPES OF DOKTOR EICH INTERSTELLAR FUGITIVES DIE UNVOLLENDETE VII 4.2 - WE SPEAK RAILWAYS VII 4.3 - VON FAHRTEN IN DEN WELTRAUM DER SEELE * WORLD NEWS SPECIAL * WE CAN SEE LIVE PICTURES AGAIN FROM BAGHDAD VII 4.4 - MÜLLERHALLE VII 4.5 - NEW SCHOOL FOR SOCIAL RESEARCH VII 4.6 - VERSUCH ÜBER DEN NORMALISMUS VII 4.7 - MEHR MÄRCHEN AUS DER GROSSEN STADT VII 5.1 - SPANK VII 5.2 - WERKZEUGSET MIT PUTZLAPPEN DM 5,95 VII 5.3 - BOHLEN BARACKE VII 5.4 - WEIHNACHTEN VII 5.5 - THE NAMES VII 5.6 - HOUSE OF YES VII 5.7 - GEDICHTE AUS DEN ERSTEN VIERTAUSEND JAHREN VII 6.1 - REPRO-STUDIO LAZAROV & CO GMBH VII 6.2 - NOMOS VERLAGSGESELLSCHAFT BADEN-BADEN VII 6.3 - RUBENS ALS HISTORIKER VII 6.4 - CHRONIST DES AUGENBLICKS VII 6.5 - 1.1.1999 VII 6.6 - VERWIRRTE SINNESEINDRÜCKE ANITBARBARUS OKKULTES TAGEBUCH VII 6.7 - INTERAKTION UND GESELLSCHAFT VII 7.1 - ERSTER ELEKTRISCHER WELTKONGRESS VII 7.2 - WORD FACTORY VII 7.3 - OHNE RÜCKSICHT AUF THEORIEÄSTHETIK VII 7.4 - BIS-MIL-LA-HIR RAH-MA-NIR RAHIM VII 7.5 - I'M A BEAT BOX ROCKER AND YOU'RE DANCING TO MY BEAT VII 7.6 - TAGESBERICHT ÜBER DEN BAUBETRIEB VII 7.7 - ABFALLS LETZTER TAG ABFALL FOREVER hier lebte Abfall 2.2.98 bis 10.1.99 7 mal 7 mal 7 Tage lang täglich neu für alle ruht jetzt hier noch kurz und wird demnächst als CD-Rom bei Suhrkamp erscheinen Abfall für alle Roman eines Jahres Los gehts. Mittwoch, 4.2.98, Sonnentag, Berlin. Anruf von Herrn Häberlen. Ich soll jetzt mal mit Texten rüberkommen. Ganz am Anfang Trete hier ein in diese Institution ... - siehe Foucault alles bisher Gesagte ... - und dann gleich aber natürlich DAS ABREISSEN sofort - loslegen - irgendwas von außen intervenieren lassen ... bloß nicht RUMSUHLEN im Alten PRAXIS Heute morgen für Ascan Diese Schriftzeichen Kyubi bedeuten STREBEN NACH SCHÖN-HEIT öffentlich nackt baden kleine Skizze mein Bruder Horst. Ein Vermächtnis wir haben geweint WIE ALTE FRAUEN ASCAN IBM SMART WORD naturally speaking - und das geht auch Deutsch? - ja ja - und kostet? - Moment, das ist ganz günstig - aha - das kostet 350 Mark - stimmt, das ist günstig, das ist ja toll war gerade am Notieren Titel des es-Bändchens CELEBRATION logisch, was denn sonst und dann mit oder ohne: Texte zur Nacht oder sowas ähnliches - oder: nee?, nicht gut? hatte gerade geschrieben diesen Faxbrief an Bettina 1532.51 aha: jetzt also doch: im Briefkasten unten lag der EMS-Kurier-brief, auf den ich den ganzen Morgen gewartet hatte. Jetzt also panikartiges Scannen der letzten Korrekturen für Rave; des neuen, korrigierten Umschlagumbruchs ... Herr März: freundlich matte Rebellion; Dienst nach Vorschrift; immer nur die Hälfte der Korrekturren machen; kann ja noch mal kommen, wenns ihm nicht paßt ... geile Art seine Arbeit zu sehen, die eigene Existenz zu bekämpfen; von innen her; Gemütlichkeitsterror gegen sich selber. 1555 Frank angerufen - Sekretariat er ist in einer Lektoratsbesprechung er probierts oder ich auch 1556 jetzt geht also dieser ZIFFERNWAHNSINN wieder los und mit welchem Vergnügen für mich dann heute Nacht Brief kaputte Szene dann heute mittag soll der und der vorkommen? Verrat? WIE vor allem das meiste muß schweigen, sonst gehen riesige Lügen los, Spastereien, im Grunde Literatur und das wollen wir ja gerade VERMEIDEN hier 1602 Salut an Hubert Fichte an seine Alte Welt die da eröffnete FORM an Konrads Empfelung damals, vor Jahren eternal Hamburg Stadt meiner Städte neulich auf der Zeit-Relaunch-Party mit Raddatz er: ich wollte nicht Wasser in Ihren Wein gießen oder hieß das umgekehrt? ich wußte erst gar nicht, was damit gemeint ist stellte sich dann raus: was Negatives der zweite Teile von Krieg hatte ihm nicht so gut gefal-len, und er wollte dann auf der Premierenfeier, wir alle voll im Glücksrausch ..., da nicht rumnörgeln meinte: Sie sind also Hegelianer?! ich: ja, natürlich! er: da müssen wir mal in Ruhe darüber diskutieren selbstverständlich, gerne, immer Verständigten wir uns dann auf unsere Uraltbekanntschaft von meinen Transatlantik-Interview her ... alles so extrem angenehm GESELLSCHAFT 1624 Anruf von Frank die Korrekturen alle durchgegeben in der Lektoratssitzung wurde das Herbstprogramm noch mal durchgesprochen; da steht Jeff Koons jetzt vorerst also noch da bin ja ganz guter Dinge eigentlich noch jedenfalls ... die kucken sich heute Ilja Richters Stripteasenummer an, in der sogenannten Alten Oper wo hatte ich den nur wieder neulich im Fernsehen gesehen, ganz ausführlich über seine Mutter erzählend, wahrscheinlich bei Biolek natürlich; wahrscheinlich hieß der Abend Muttersöhnchen, bzw. natürlich bißchen anders - gestern, dort: Dieter Bohlen. Wahnsinn. danach: Günter Jauch bei Harald Schmidt, absolutes Highlight. Saßen einfach nur blöd da, mehr oder weniger, redeten über Tiere, die Jauch HASST, aber er hat ja Kinder usw - und aßen dazu Hundefutter aus Dosen. Unglaublich gut. Machte morgens auch Notizen für Schumanns Hatte zwischendurch auch gewaschen, HELLBLAU, und aufgehängt morgens wieder am Küchentisch Büro alles was ganz leicht geht: ja alles andere: nicht 1704 wieder daheim Kopierladen - Briefkasten - Zeitungen und Geld gekauft im Hof eben: die Vögel wie heute morgen, als ich vor 6 wach lag ach was: zwei Stunden lang rumgeackert und rumgerödelt habe wie blöd ... - WAS sind das für Tage, die - was ist das für ein Land, in dem - wer bin ich, um hier zu ... - VORSICHT Literatur alles aussteigen bitte geil auch: neulich mit Theo die Debatte über Tagebücher, Krausser, wer war da noch?, ach ja: der Andreas Bernard Ar-tikel in der SZ: ob er den gelesen hat, der war toll - nee, hat er nur angefangen, war ihm dann zu langweilig - zu LANGWEI-LIG?! - ... Tageücher also: kann er nicht, mag er nicht, langweilt ihn; darf dann im Grunde natürlich auch sonst niemand ma-chen (kleine Übertreibung); ob ich denn Tagebuch schreiben würde - Nö. Wie das schon klingt: 'Tagebuch schrei-ben' - Blödsinn - Meine Minutendinger durfte ich dann trotzdem vielleicht weiter machen - wenn ich ihn richtig verstanden habe - Theodors Negationsmaschine: absoluter Irrsinn Wobei der Abend neulich in Wirklichkeit ja seit langem wieder speziell nett war - hatte ja eben noch in Hamburg Benedikt gegenüber nur vom Streß-Theo geredet - so richtig fies und böse - aber er hat uns alle eben bißchen ZU lange ge-quält, gernervt, terrorisiert - und jetzt erst, mit Verspätung, kriegt er dafür zurück ist das fies? ist das normal? 1718 time time time - time marches on - während ich hier Stunden wachliege, gequält von scheußlichen Gedanken, die anfingen, als ich gestern kurz Karla Brembacher im Fernsehen gesehen habe, wieder dachte, wie damals im Zusam-menhang mit deinen Strengberg Aktionen: ich kann heute verstehen, daß dein Onkel absolut JEDEN Kontakt mit dir abgebrochen hat. Innerhalb zweier Abende kam man jetzt neulich wieder zu dem Punkt, wo - ich kann nur fragen: woher ein solcher absoluter - Woher das Defizit an Takt, Gefühl, simpelstem Be-nehmen? Ganz konkret: die Frau, mit der - am Klo in-diskret und und letztlich und un-zulässig interessiert Bist du wirklich wahnsinnig? Ist dir nicht klar, daß - das Intrigante, Ver-logene und Ver-schlagene - gesehen, gefürchtet, ver-achtet und gehaßt. Und nicht nur aufgrund irgendeiner Pathologie, son-dern sicher auch genau DESHALB - Wenn ich jetzt diese beiden Abende in der Trachine nehme, und die Gespräche, - über alles mög-liche Inhaltli-che, aber auch über diesen absoluten Irrsinn der Telefonanrufe damals bei Strengberg und Graf Wetter zum Strahl - und das Resultat von alledem ist nichts ande-res, als daß es wieder so eine entscheidende und eindeutige Dis-kretions-grenze - ich kann es ein-fach nicht begreifen. Es gibt dafür für mich - Ich will mit diesem - wütenden Gift - solange reinbohren in irgendwas ur-sprünglich Freundliches, Nettes, Zugewendetes, bis wirklich alles in Grund und Boden zerstört und kaputt zerbohrt ist. Warum nicht mal in-nehalten vielleicht, bei einem irgend-wie komplizierten, schönen Moment? Geht nicht. DIE ENTTÄUSCHTE FRAU 1734 wir biegen ein in die Endkurve: weicher Karton beware of Gestank matter Schutzumschlag 1739 guten Tag Goetz hier ich wollte fragen, wann die Vorstellung in der Baracke bei Ihnen heute beginnt? - immer um zwanzig Uhr immer um zwanzig Uhr, vielen Dank - bitteschön aufwiedersehen - wiedersehen 1740 jetzt aber noch schnell die Durchdrehbremse reinhauen und die Jeff Koons Datei öffnen 1800 ausgedruckt der Drucker macht schlapp und ich habe keine neue Patrone morgen: Patrone, Faxpapier, evtl Überweisung und Paß? 1809 ersticke im Wahnsinn meiner Papiere schönes Gefühl 2319 wieder daheim zurück aus Shoppen und Ficken obergeil morgen mehr HASSE SIE ALLE Ich muß mich KONZENTRIEREN dachte ich eben ganz panisch (zum Problem Sozialaktion, Zeitdruck, Textmaschine) - und dann gleich: bzw genau UMGEKEHRT: und das ist ja genau die Schwierigkeit, sich zu dezentrieren - und das kann man so schwer MACHEN, diesen Zustand herbeiführen, der muß sich einstellen, der Schriftvoraussetzungszustand - gilt ja eigentlich auch fürs Lesen, fürs Musikhören - Verlorenheit PRAXIS Trödeln - Daddeln - Spielen - Do 5.2.98 - FOR ALL 1342 eigentlich bräuchte ich jetzt hier wirklich einen zweiten Schreib-tisch, sonst lassen sich diese verschiedenen Arbeitsebenen nicht mehr lässig nebeneinander her bespielen 1429 wir haben doch keinen PAPIERMANGEL, Mann! - als ich eben eine neue Zeilenform ausprobieren wollte fürs Stück 1443 vergesse ich immer wieder: Bücher einfach IRGENDWO aufschlagen - und dann zu lesen anfangen - es gibt so einen freien, kla-ren, unbeeinträchtigten, vom eigenen Problem losgelösten Blick auf die Sache - frei auch von der unweigerlichen Ur- teilsabsicht, die automatisch mitliest (eigentlich eine Art Urteilszwang, ein Urteilsautomatismus, den man oft nur ganz schwer ausbremsen kann), wenn man so ganz neugierig von vorne zu lesen anfängt ... - eben, ganz toll: Dietmar Dath, Cordula killt dich, Seite 67, 68: völlig klarer Text - was für mich komischerweise, merke ich da, heißt: Denktext, analytischer Vorgang der Klarheitsgewinnung - ohne jeden erzählerischen Firlefanz, der mich immer so krank macht, langweilt, durch den ich immer erst so mühsam hindurch lesen, mich durch quälen muß, bis ich vor Ort bin - was ich jetzt so diffus als Problem mit diesem Buch in Erinnerung hatte - stimmt gar nicht - zeigt sich jetzt - Energieschub PRAXIS genau das Gegenteil neulich bei Streeruwitz, Bein und Stein, was ich ja schon ganz durchgelesen hatte - aufschlug, um den Schwachsinn mit der Sprache, die die Frauen nicht haben, zu suchen - und dann innerhalb weniger Zeilen sofort wieder einen solchen Haß und so wahnsinnig schlechte Laune davon kriegte - von diesem ganzen UNSINN ... - schnell zumachen mußte - vom Leben mit Büchern. PRAXIS Dietmar Dath, in der Ankündigung: "Dieses Buch ist der Beginn einer Hexalogie, das heißt, einer Serie von insgesamt sechs Büchern. Der Gesamttitel der Arbeit lautet: "TENSOR oder die sehr anstrengende Reise in die mehr als ausreichende Verständlichkeit." Es geht um eine Untersuchung des Problems der Verständigung zwischen Leuten und den Nichtleuten ("Dingen"?) des täglichen Lebens in den nächsten 15 Jahren. Es ist so geplant, daß die Hexalogie zusammen mit mir, dem Autor, älter und leider auch dümmer wird, zugleich aber auch entspannter und vielleicht lehrreicher oder sowas. Die Titel und vorraussichtlichen Fertigstellungs- sowie Erscheinungsdaaten (es kann allerdings eine Menge dazwischenkommen, wie z.B. Tod, Apokalypse, Lustlosigkeit, plötzlicher Reichtum usw.) aller Bände der Hexalogie sind diese:" dann kommen die alle, die Titel - "Roman, 2002": steht dann da da, zum Beispiel, ha ha ha, unter "TEILCHEN UND TEILCHEN UND TEILCHEN" finde ich heute absolut geil, sowas hätte ich früher total gehaßt verstehe ich nicht Was folgt daraus, fürs Urteil? Das Urteilen? Die ganze Art wie man denkt und sieht? optimism, somehow PRAXIS 1556 es hilft nichts: ich kann das einfach nicht ernst nehmen, daß sich irgendwer zum HERRN macht und aufschwingt, über ein TIER - trotz Marlen Haushofers Sicht darauf, in der 'Wand', und das Verstehen dieser Geschichte dadurch - wie ich eben wieder aus dem Fenster schaue - und so eine blöde Anorakfrau sich von so einem blöden Hund so sehnsüchtig anschauen läßt - bitte spiel mit mir! - ja, gut, mach ich - andererseits: Externalisierung der Kreatur des einem selbst sonst Verschlossenen in einem Verschlossene des Kreatürlichen siehe auch Frau Durkheim Ekel DIE ENTTÄUSCHTE FRAU 1608 zugeschissen mit Papieren Bombenangriff: Arbeitszimmer macht mich KRANK 1616 keine Urteile zur aktuellen Arbeit, klar das wirkt immer so furchtbar zuletzt bei Rühmkorf bei Krausser weil ich eben dies und das dachte, zum Stück JA UND! get on with it halts Maul! ist ja gut, ist ja gut bremsenlos fahren und trotzdem irgendwie steuern kontrolliert, klar (schon beim zweiten Mal ist es ein MANIERISMUS: Problem der Form - lächerlich) PRAXIS geil auch, wie der Schlafes Bruder Schneider gestern in der SZ sei-nen Pathetikstil verteidigt: wäre doch genau so wie beim letzten Mal ... - JA EBEN! will man schreien deshalb funktioniert es vielleicht diesmal nicht mehr so gut - eine ausgeleierte Pathetik ist wahrscheinlich so ausgeleiert, wie das neulich im Fernsehen gezeigte ausgeleierte, 20 Jahre alte HÜFTGELENKSIMPLANTAT ... Prothetik und Pathetik. 1645 Anruf von Benedikt: die Schumanns-Geschichte planen: müßte nächste Woche Freitag und Samstag nach München kom-men verschiedene gestern notierte Sachen besprochen, ihre Pläne, daß auch Promis, die eigens gecastet werden, da auflaufen würden - oje oje je konkreter sowas wird, desto mehr Normalität - Horror wollte gerade noch was ich eben im Ohr hatte meinen 'Prothetik und Pathetik'-Aufsatz-Titel durch ir-gendeinen lustigen Untertitel präzisieren - vom Telefon jetzt natürlich wieder ausgelöscht vergessen - war sicher wahnsinnig wichtig 1707 drucke gerade - jetzt hier - vorhin Jeff Koons grau heute, Dämmerung jetzt kalte Füße und das Datum fehlt noch oder gehört das auf jeden Fall vorne hin? eigentlich schon vergaß auch wieder zu trennen wie trennen Sie denn? manuell oder von Hand? och, wissense, wir trennen automatisch STIMMT GAR NICHT ich trenne immer von Hand 1711 und Goethe müßte ich anrufen Thorsten Beckers Mitte selig in TOKIO und die Spirits besuchen und die Umsatzsteuerrate zahlen und die neuen Ausweispapiere in Charlottenburg abholen und Bombenangriff Schlafzimmer aufräumen und Zeitungen aussortieren in der Küche und die irgendwo vergrabenen Notizen zum Stück endlich mal suchen und finden und Bürozeug kaufen und das Meier-Buch kaufen Artforum Shoppen und Ficken das Jelinek Stück was war denn noch? gestern im Theater traf ich Peter Steiner - auf der Straße - ich rief, stellte mich vor - er: a!, hallo!, ja, sie kommen nachher auch da in die Baracke - bis nachher ... redeten wir dann in der Pause - war so ein supermarkantgesichtiger Wedel- Schauspieler dabei, und eine hübsche ältere Frau - davor, auf der Suche nach Ostermeier grüßte mich wer - ich so fragend zurück: sind Sie vielleicht der Herr Ostermeier? er: Michael Merschmeier, guten Abend ich so: a, entschuldigung, ich dachte, wissen Sie, ich soll den Herrn Ostermeier hier irgendwo treffen, wissen Sie vielleicht, wie schaut denn der aus?, schaut der aus wie Sie?, so ähnlich? - ja, ä, hm - voll prall dann nahm mich wer mit in die Kantine saßen die da am Tisch - zwei Jungs und der Dramturg mit grauem Bart - Sympathie, Irritation - die scheinen unter ihrem Erfolg schon zu leiden - wie ist das? wie war das? kann mich da gar nicht daran erinnern - fand man das FALSCH, als was erfolgreich war? einfach vergessen erinnere mich nur an diese Begegnung mit dem Ehepaar Durkheim, nach der großen Gesamt-Aufführung von Krieg hier in Berlin, beim Theatertreffen, Mai 88 oder so - wie ich auf die Frage, was ich jetzt machen würde, sagte: endlich GESCHEITE Theaterstücke schreiben - weil mich die Unbeholfenheiten in Krieg so wahnsinnig NERVTEN - und Kontrolliert war ja gerade fertig geworden - und ich fing an, die verlorenen Fetzen (mich) wieder zusammenzuklauben - in der Hoffnung, jetzt ginge es dann gleich weiter - mit den NEUEN, endlich gescheiten STÜCKEN ... next stop: 1994! - da war das denn erst fertig Wahnsinn - absurd - die Folter ja ä dingens: beim Reingehen an der Türe traf ich dann noch Iso ich: he!, du hier?! er: ja, schon zum zweiten Mal ECHT?! Aber dann muß es ja wohl gut sein, wie? ja ja, total - er: wir sehen uns auf jeden Fall Freitag ich: ja, genau, Freitag 1736 und vom Stück selber jetzt noch gar NICHTS gesagt vorhin da in der Baracke angerufen nein, der Herr Ostermeier ist in einer Besprechung aha kann ich was ausrichten? ja, ich wollte nur sagen, ich habe gestern mit ihm gere-det, ich reihe mich ein in den Chor der Begeisterten er, am Telefon: notiere, reihe mich ein in den Chor der Begeisterten - ja, ha ha ha, genau, vielen Dank 1748 los 1846 wieder daheim VERSCHISSENE STADT - beim Cruisen am Gehweg, auf der Suche, in den kleinen Straßen hier, nach einem Laden, wo man Butter kaufen kann - alles nur voll SCHWADEN VON KOT - in leicht geschwächtem Zustand: so lächerlich das klingt: das ist der Grund, warum ich hier letztlich dann doch wieder weg ziehen muß - und die ewigen Herrchen, mit ihren Nazifressen - jung, alt, Ausländer, Deutsche - weil das einfach so WIDERLICH ist alles - ich hasse sie alle davor am Leopoldplatz im Kaufhof Zeitungen und Papier für Drucker, Fax, Patro-nen gekauft in der Post ein dicker Brief vom Finanzamt Bescheid sofort zu zahlen verstehe kein Wort: ob gut jetzt - oder schlecht? dann am Rad: um nun endlich also doch auch EINZUTRETEN in diese FUCKING Gesellschaft da Mitglied zu werden Rentner wie die Krieg-Kritikerin in der jungen Welt so richtig schrieb - fühlt sich dann plötzlich irgendwie zumindest AUCH TOLL an - verrückt - nachdem man - nach all diesen Jahren ... KAPUTTE SZENE riß den Brief vom Finanzamt im Hof auf, neben den stinkenden Tonnen, las, blätterte, versuchte zu verstehen - und steckte ihn dann wieder zurück in den Briefkasten VERSCHISSENE STADT 1907 versuche überall Ascan zu erreichen - ob ich meine Faxe da ins leere Haus auf der leeren Insel schicke - Köln, Hamburg, Gisela, Max - niemand da die komische Käthe: Raffael wäre schon nach Berlin gefah-ren - ja, gut, vielen Dank will noch Butter kaufen runter kommen Klarheit über die Probleme im Stück kriegen was ich tun muß was los ist bin absolut WIRR 1919 noch mal raus 1943 wieder daheim - mitten im Krieg ich hasse sie alle wie jeder alle hassen alle auch ein großer Motor des Sozialen ARMUT MACHT AGGRESSIV MACHT MACHT MILD GESTIMMT UND MILDE MACHT EINEN FERTIG FOREVER FOR GOOD hungrig, traurig, dumm - altes Lied UNSERE GEDULD IST ZUENDE im Demonstrationsschreiton irgend ein Arbeitslosenfunktionär in der Tagesschau ich weiß ich auch ja ja ja und Ton ab was ist der Kerl für dich? nur ein Psychopath? oder die gewöhnliche Krankheit der Gesellschaft? meldet wer im WDR gegessen und Spiegel gelesen 2038 Ascan auf der Insel erreicht - war in Madrid - ist jetzt noch zwei Wochen da 2327 nervige Telefone zu dämmern versucht heiß geduscht nochmal am Stück und immer wieder wilder Schabernack getrieben wird hallo meine Damen und Herren bitte beruhigen Sie sich ich weiß die Werbung war sensationell aber sie wird noch besser für die nächsten Tage erwarten die Meteorologen WEITERE STÜRME REDEMOKRATISIERUNG Fr 6.2.98 1109 Abfall bekämpfen überrollt von Abfall von Abfall überschüttet vom Abfall verschüttet - dachte ich unter der Dusche: ich kann mich überhaupt nicht mehr richtig auf das Stück konzentrieren - als wäre ich unfähig, zwei Dinge gleichzeitig zu machen - das heißt: gleichzeitig im Sinn von: hintereinander, nebeneinander her - das ist doch wohl lächerlich ich kann nicht aus der eigenen Konfliktpraxis herausschöpfen - das wird dann immer eng, verkrampft, blöd, platt - deswegen brauche ich die Ruhe und Distanz, um die objektiven Aspekte, die Einzelaspekte in vielfältiger, widersprüchlicher Form und Anordnung, in einer Art objekiven Gestalt eben sehen und erkennen und darstellen zu können - kann immer nur ganz direkt schreiben, was ich gerade denke - weswegen ich so umsichtig letztlich für Bedingungen sorgen muß, unter denen ich nicht zu viele falsche Sachen dauernd im Kopf habe und denken muß ... - heute Nacht, bei diesem absolut irren Wutanfall: ATME GANZ RUHIG ICH ATME GANZ RUHIG ATME GANZ RUHIG ATME GANZ RUHIG ICH ATME GANZ RUHIG ATME GANZ RUHIG ICH ATME GANZ RUHIG da dauernd dann drauf konzentriert, auch auf die wan-dernde Ordnungsbewegung der Wortfolgenbezüge, sozusagen der Zeilenbrüche - und wurde dann tatsächlich ruhiger - beim Aufwachen morgens, unglaublich erleichtert, daß das gelungen war, wieder einzuschlafen, sich zu beruhigen, besänftigt - PRAXIS 1138 "etwas machen" "falls" ihr "die Erzählung gefällt": leider im Moment schlecht: denn ringend um Konzentration und unter großem Zeitdruck sitze ich am nächsten Büchlein: denn die Erzählung ist das erste kleine Ding einer größeren Sache, die in möglichst dichter Folge weiter fortgeführt werden soll. Wenn sie über die Erzählung ohne meine Porträt-Mithilfe - bla bla bla DIE ENTTÄUSCHTE FRAU 1148 für Benedikt wir haben nichts zu verlieren, außer unser GESICHT - und daß wir noch keines haben, medientechnisch gesehen, ist unser KAPITAL keiner darf die Rolle WISSEN, die er besetzt - das muß natürlich auch offen sein, changieren können - gehört zum sozialen 'Spiel' (wie der Amerikaner sagt), daß jeder in den Augen eines jeden anderen, jeder für jeden anderen eine ANDERE, und außerdem ja auch noch dauernd wechselnde Rolle besetzt, spielt - Zuweisung, Festlegung, Offenheit, Annahme, Verdeckung, Geheimnis - diese Grundregel, daß man über die nahen Menschen nicht wirklich präzise, analytisch nachdenkt, nachdenken darf, um sich offen, zart und handlungsfähig zu halten - man bohrt einfach nicht rum, im nahen anderen Menschen, man nimmt ihn, wie er sich geben will, ganz praktisch, äußerlich, situativ - all das, also das Gelingen auf dieser Ebene der Rollenbesetzung, Annahme und doch auch dauernden Offenheit, bestimmt auch mit darüber, wieviel SPASS ein bestimmtes Agieren in einem definierten sozialen Feld macht - wieviel gute Laune eine Gruppe als Ganzes produziert, den einzelnen Beteiligten macht - nach außen ausstrahlt ... SCHUMANNNS 1200 Terror durch extrem stumpf, hohl, billig klingende, und hier im fucking "roten" Wedding terrormäßig ununterbrochen läutende und ihren fucking Katholenterror verbreitende absolut scheußliche KIRCHENGLOCKEN - um 9, um 12, um 10, um 6 - dauernd - sonntags hoch zehn VERSCHISSENE STADT 1208 Büro Büro Abfall - absurd plötzlich: das wird ja so ähnlich wie Achternbuschs letz-tes Horrorbuch - wie heißt das gleich? - in dem ich vorge-stern dann doch wieder plötzlich mit Spaß und Vergnügen und dann aber auch sofort wieder ENTSETZEN - so rumgelesen habe - an der Stelle wo er seine Filme alle rekapituliert - da-vor - blättere immer ZURÜCK in diesem Buch, steige irgendwo ein, denke, wo kommt das her, blättere zurück, zurück - bis man wieder aufgibt, erschöpft, abgestoßen von so viel Pri- vatem ... - genau: der letzte Schliff - und wirklich und in Wirklichkeit das totale und absolute und programmatische und foltermäßig konsequent durchgehaltene GEGENTEIL von irgendsowas Ähnlichem wie Schliff, Bearbeitung, Gestaltung - die reine Urform - Dokument der Qual wers furchtbar findet - wie ich - brauchts ja nicht zu lesen - und sicher finden es viele Leid-Suhl-Menschen ganz TOLL, nehme ich mal an DIE ENTTÄUSCHTE FRAU 1234 Kaffee ist aus - Tee gekocht - Perversion Verhakungsprobleme - das sowieso Erbe gedacht - dann: a ja! - DAS sollte doch das Motto werden, morgens, gestern, für den zweiten Tag - in der FAZ, im Monika Maron Bericht gelesen - bloß wo ist der jetzt?! - ganz am Anfang sollte das kommen ... - wollte ja das und das noch ausschneiden für Ascan das und das noch lesen das und das noch aufräumen aussortieren ordnen aufräumen die große RAUM obsession KRANK 1251 suche und baue den Berg des Wahnsinns ab aber was solls habe schon so viele so viel schlimmere Zustände der ... alles das gibt es nur weil es die ganz andere Zielrichtung, Absicht, Geistorientierung Arbeit gibt - ganz klar das wissen, sehen, erkennen lächerlich finden und alles das KRANK 1256 Ascan Bildchen gefaxt Foto aus der taz, von AP oder so Gemälde Straßenszene in New York Autos, Fußgänger, Fassaden, Werbungen, Lichter und hinten hoch oben zwischen Schriften, Zeichen, Linien riesig der öffentliche BILDSCHRIM mit Clinton drauf ganz hell und scharf leuchtend vor den Streifen der Flagge im Kongreß, flankiert vom Vizepräsidenten und diesem einen anderen, Speaker oder so aber im Rahmen des Bildes, des Fotos, eigentlich ganz klein, oder relativ klein das Fernsehbild GROSSE ROMANTIK, 13,5 auf 10,8 cm in ERREGUNG geraten sich losreißen sich verhaken, verbohren verbohrt verlieren da sitzen aufspringen durchatmen am Fenster ans Fenster stürzen in der Küche mit der Tasse in der Hand am Fenster trinken aufstöhnen wieder am Schreibtisch planvoll und ruhig neue Idee das Alte schnell aufgeben ruhen lassen zumindest ABSTURZ des Computers Abschrift, Neustart das Verlorene rekonstruieren das Zerstörte alles da KRANK Später: Affären hatte er immer nun ist er verliebt LESERPOLL 97 suche wie ein Depp in den Papieren nach den genauen Namen für die Maildateien im Leibniz Rechenzentrum die Aufwühlung liegt in der SACHE kann nicht in mir sein darf nicht in mir sein (wenn sie in MIR ist verschwindet die Sache geht sie unter wird sie unsichtbar geht verloren) das ist doch ganz einfach alles KRANK sich vorne kratzen Blick aus dem Fenster unten die Mädchen Schulranzen, bunt groß karierte Hose in orange und beige hübsch warum soll es das nicht geben: die Helden des Feuilletons - meisterhaft inszeniert Robert Wilson Brecht in Berlin: heißt es da in der Überschrift - die POESIE, nach der sich die ewige Prosa des Feuilletons so unausrottbar und automatengleich fix immer wieder sehnt - vielleicht sehnt sich ja auch wirklich das Publikum genauso danach, wahrscheinlich sogar - die SCHNULZE - natürlich MEISTERHAFT - wie anders denn sollte Robert Wilson inszenieren - das ist wie Kohl: das stirbt dann erst durch Aussterben aus, durch Altenteil, durch neue Leute, die dann das Sagen kriegen und wieder zwanzig Jahre lang IHREN speziellen, ganz anderen Terror ablassen - vielleicht POP oder sowas - aber daß das in SICH mal bißchen beweglicher wäre, würde, abwechslungsreicher, - das darf wahrscheinlich nicht erwartet werden, das wäre zu viel verlangt wahrscheinlich - die ewige Leier - wobei ja in DEREN Augen die Kunst das selbe Problem hat: irgendwas bestimmtes NICHT zu leisten, auf was bestimmten zu starr immer wieder zu bestehen, das immer wieder zu reproduzieren - vermute ich PRAXIS bin schon ganz WUNDGEHÖRT - Musik: beim Musikhören als Lauschen, um zu verstehen, was los ist, was vorgeht, wie es gemacht ist denke eigentlich an einen noch viel SPARSAMEREN, reduktionistischeren, puristischeren - und gleichzeitig poetischeren, melancholischeren, eingängigeren, und letztlich aber vorallem ABSTRAKTEREN Funk ... beim Hören von Stampfen die 808 letzlich noch radikler programmieren klarer, funkiger MUSIK so weit kommts noch, daß ich auf einen Brief des Herrn Spiegel von der FAZ, den ich überhaupt nicht kenne, antworten MUSS und dem mitteilen muß, ob ich denn jetzt über Brecht was schreiben würde oder nicht - ganz so als wäre ich dem sein Angestellter, sein Weisungsempfänger - daß er besser planen kann - die haben alle einen derartigen DACHSCHADEN, in ihren Redaktionen - den mehr oder weniger automatischen Redakteursdachschaden - auch den Tonfall, in dem ich früher immer POSTKARTEN von Frau Radieschen gekriegt habe - ob ich das und das machen würde für sie - im Kumpelsound - als wäre man sonstwie vertraut miteinander - obwohl ich mit der, glaube ich, ein einziges Mal nur etwa eineinhalb Sätze auf einem Österreicherempfang, glaube ich, auf einer dieser lustigen - für uns jedenfalls so lustigen (Konrad, Theo, Vince) - 80er-Jahre-Buchmessen gewechselt habe, sonst nichts, mehr nicht - Frage: ob die das gar nicht mehr HÖREN, wie sie da so klingen, für einen, als Außenstehenden, Fremden? - man weiß es nicht - sehr ko- misch jedenfalls DEKONSPIRATIONE wobei man ja weiß natürlich, daß man selber eben den automatischen, ebenso unweigerlichen und obendrein natürlich komplett und genauso standardisierten Isoliertschreiberdachschaden hat - klaro - siehe oben - wat soll sein PRAXIS Dachschadenformen unterscheiden man darf ja wenigstens frei wählen welchen man gerne hätte welchen hätten Sie denn gerne? ach, ä, ich ä NA?! NU?! okay, dann nimm ich Prolldachschaden echt?, der ist aber besonders anstrengend ach so, ich dachte - Sie sollen nicht denken sondern wählen mein Herr okay dann ä, dingens ... KRANK 1510 Blick auf die Uhr Panik so wird das nichts 1734 sehr gut am Stück - raus jetzt 1930 eingekauft Notizen für Abfall in alten Notizbüchern nach LRZ-Angaben gesucht Notizen fürs Stück dann mit dem Computer gestritten Mail-Programm eigentlich erfolgreich eingecheckt im LRZ aber trotzdem dann die Daten an Herrn Häberlen nicht übergebbar, keine Anhung, warum - aber immerhin bekam ich die Rückmeldung vom sogenannten bösen MAILERDÄMON, daß irgendwas nicht geklappt hat das wird schon 1934 ganz schnell jetzt los 2328 wieder daheim bei Iso tolle Eröffnung Ruff: FUCK CONTEMPORARY ART danach oben in der Wohnung Dabatte mit ALLEM deswegen bin ich in Berlin NEU was du nicht weißt GÜNTHER JAUCH hat tierisch Angst vor Hunden ich will nicht sagen daß er Hunde HASST aber wenn er nicht sehr aufpaßt dann haßt der bald HUNDE NEUE Enthüllungen MORGEN in BILD! Bild dir deine Meinung ALL IN ALL Sonnentag, 7.2.98 geht auf über Berlin, milchig v AUFHÖREN mit dem Scheiß las der Plattenspieler singt der Wasserkessel schreit komm ja schon der Wecker fiept ist ja gut also mit dem zweiten Pott Kaffee neben mir CONCOR nennt sich die Tasse ewige Welt der pharmazeutischen Werbung durchaus und immer schon geliebt von Kindertagen an was ich also sagen wollte las in Dietmar Daths Cordula voll angenehm und wie ich dann dachte das könnte jetzt eine Geschichte werden peinlicherweise dachte ich sogar: Liebesgeschichte was ja ganz abstrakt und intellektuell natürlich gemeint war aber so scheußlich kulinarisch klingt also zwischen mir und Daths Cordula Buch da wollte ich dann also ganz schnell hier loslegen, losbrettern, auftexten und hatte zuvor mit Lied im Ohr von dem ich nicht wußte welches es war die entsprechende Platte gesucht und das war dann tatsächlich MUSIC FOR PLEASURE Monaco What do you want from me und das lief also und dann war das Wasser in der Küche fertig und das Pfeifen des Topfes wurde immer lauter ich rannte rüber und da sprengte schon der bla bla bla so war das alles also wieder mal KRANK 914 Dath erklärt, er hätte sich beim Ausgehen - was er natürlich nicht mit diesem Wort benennt - mit jemandem über Ken Kesey streiten müssen, über den er "neulich irgendwo" was ge-schrieben hatte - und dann heißt es da auf Seite 9 also so superlustig aufgedreht: "Mein Gott, immer diese Diskutiererei. Schreib halt sel-ber was. Es muß ja nicht so eklig überproduktiv sein wie ich, mit so einem Riesen-Mist-Quotienten, den ich einfach brauche, um ein bis zwei mal im Jahr was Gescheites zu schreiben, aber IRGENDWAS könnten sie schon mal selber machen, bevor sie auf Partys ihnen persönlich bekannte Selbermacher volllabern. Aber vielleicht bin ich nur neidisch auf des Streiters Unabhängigkeit. Unabhängigkeit ist ein Geschenk, das Gott den Untätigen gibt. Und denen, die Böses tun, so wie ich, wieder wegnimmt." TOPF war ich das? habe ich wirklich TOPF gesagt? des TOPFES? was ist denn das überhaupt für ein Wort? Todeskopftopf KRANK überhaupt muß überhaupt auch viel öfter vorkommen 939 sich kurz ans Spektrum des Möglichen, ALLES MÖGLICHEN erin-nern: Radio Fernseher Musik andere Musik Bücher Zeitungen Zeitschriften ... um nur mal die wichtigsten zuhause mit einen dauernd so mit lebenden Geister zu nennen - Geisthaber, Kunstdinger, Speicher, Baller, Halter, Träger - abstrakte Masse schwer, reich, dicht was von den meisten eher als Bedrohung erlebt wird, diese Möglichkeitenflut - und von einem selber oft ja auch, in Momenten der Schwäche - wo doch eher gemeint ist davon: Freiheit gute Laune Offenheit ALLES steht dir zu, alles ist möglich ... Reichtum, Überfluß, Paradies PRAXIS Nehme jede Arbeit an heißt es in so einer Nazirunenschrift auf Umhängeschil-dern unter Geknechtetenfressen von so Ausstellungsstück-prollleuten unter der SZ- Überschrift 'Massenproteste gegen Arbeitslosigkeit' auf der der ersten Seite - das stellen die sich als Politikmachen vor - aber das Kalkül auf den ästhe- tischen Mehrwert - geil: die schauen so zerstört, geknech-tet, kaputt aus - rui- niert einfach die Wirkung - jedenfalls für mich - ich kann mir solche Nazipropaganda für soziale Gerech-tig-keit einfach nicht anschauen, ohne automatisch zu sagen: he, Nazi-schwein, mach mal dein Volksempfängergekrächze leiser, mich stört dieses Heztgeschrei - andererseits, völlig klar: die sehen sich da in so einer Zeitung eben in einem öffentlichen Kampf um Gehör, um richtige Postionen, um ganz reale POLITIK - und DAS bringe ich eben nie wirklich vernünftig zusammen, in mir, für mich: Schrift und Politik, Wahrheit und Interesse - weshalb ich es mir ja auch immer wieder vorhalte: NICHTS dazu zu sagen - und so will ich es fortan hier auch wirklich halten und tun DEKONSPIRATIONE geil war auch in dem Gespräch mit Andreas Bernard neulich, im Gnosa in Hamburg - überhaupt dieses Treffen! - wie er sagte, auf meine Frage, was er vom Feuilleton der FAZ hält: er liest das nicht, nur manchmal, selten, wochenends oder so - und mir diese Idee wirklich NEU war, daß man als jemand, der im Feuilleton und fürs Feuilleton schreibt, selber nicht wirklich ALLE einem erreichbaren Feuilletons scannt und liest und wahrnimmt, um sich damit auseinanderzusetzen, um sein eigenes Sprechen in diesem Raum notwendig, objektiv situieren zu können - und er meinte, er liest eben andere Sachen - und mir das zum ersten Mal so einleuchtete - als eine nichtdefensive, nichtdurkheimsche (ach, wissen Sie, die Zeit lesen wir ja schon lange nicht mehr - genau: WIR, schon lange, nicht mehr - endlich gesundet von so einer früheren Krankheit der Offenheit, Neugier - zum Gesund-schwachsinn des ganz sicheren Wissens, was alles einen nicht "mehr" zu interessieren braucht usw usw) und also wirklich nichtschwachsinnige Position - daß man vielleicht einfach bessere Artikel fürs Feuilleton schreiben kann, zumindest eine Zeitlang, wenn man geistig nicht komplett ZUGEMÜLLT ist von dem kollektiven Gelalle und Gerede in diesem Raum da - PRAXIS wie Benny mir gestern vom Dr. Mabuse Film erzählte - den ich noch nie gesehen habe - der am Schluß also offenbar in so einer Irrenanstalt sitzt und WIE EIN IRRER da Papier voll schreibt, schreibt und schreibt - und er wirft die Papiere dann an- geblich immer so hinter sich - schreibt, schreibt, schreibt - als Inbegriff des Bilds vom Irrsinn: da so vor sich hin kritzeln, wie ein Irrer eben - weil so viel DRIN ist, was RAUS muß - leuchtet einem völlig ein weil Iso erzählt hatte, ich wäre da in Shoppen und Ficken drin gesessen und hätte ununterbrochen, dauernd, in einem fort, hektisch, immerzu usw usw - meine Notizen gemacht - und ich dann schon noch erzählen wollte, daß ich manchmal ja schon extra aufs Klo gehe, um damit nicht zu nerven, die Leute, um möglichst keinen blöden Angeber-ACT daraus zu machen - und dann andererseits immer denke: fuck it, blow it, suck my dick - das ist mein Beruf - wie das wirkt, ist mir letztlich dann eben doch scheißegal - und wenn ich allein bin, zuhause, dann gehts diesbezüglich im Zweifelsfall nochmal ganz anders ab, was Hektik, Madness, Obsession und den dabei gehabten autistischen SPASS betrifft - dann auch die Erinnerung: wie ich mal vor vielen Jahren in Graz mit Ascan in einem Café saß, spät nachts, trinkende und vermutlich auch schon leicht betrunken Runde - und er dann, blätternd in einer Zeitung, ein SKALPELL aus der vorderen Brusttasche - nicht erfunden, das mit der Jackettasche, glaube ich, glaube das so vor mir zu sehen - zog, und mit diesem Skalpell - das wird dann umgesteckt: wird die Scheide da als Griff aufgesteckt - also ein Bildchen aus der Zeitung ausschnitt - und das einsteckte und irgendwas dazu meldete, warum er das gut findet und für irgendwas brauchen könnte - und ich nur dachte: GENAU, ge-nau so wirds gemacht, so wird gelebt und gearbeitet von uns - in jedem Zustand, an jedem Ort, zu jeder Zeit - und letztlich eben auch schamlos genug, ohne sich zu scheren darum, wie das blöd wichtigtuerisch wirken könnte - weil es so nicht gemeint ist und es deshalb auch nicht IST - fertig, aus, Äpfel, Amen - das dann aber nicht erzählte dort, gottseidank, weil das Gespräch schon so freunlich eilig wieder weitergeeilt war, zu ir-gendwas Neuem PRAXIS andererseits ist durch dieses ganze Gegrübel - ach ja 1108 für Benedikt muß mich aus all den konzeptionellen Sachen und Gedanken wirklich VÖLLIG raushalten - sonst kriege ich so wahnsinnig schlechte Laune davon - weil das ja alles absolut nichts bewirkt, was man da meldet, im Kontext so einer Sozialveranstaltung, so eines kollektiv hergestellten Produkts - es ist ja das nicht MEIN Baby - so wie damals Heikes Heike Makatsch Show - ich darf da ja ganz definiert als ein so ein Rädchen fungieren mit meinem ich - ist doch auch mal eine tolle Rolle, oder? SCHUMANNS ich darf nur meinen Jungs nichts davon erzählen, vorallem Sigi natür-lich - sonst wird das schon im Vorfeld derart in Grund und Boden geredet und einem MADIG gemacht madig: Lieblingswort der Stuttgarter Sabine, Pulverturm-Wiesen-Zeit - tolle Nähen - sehr geil - und wie ich sie dann in SAN FRANCISCO out of all places plötzlich wie-der sah - beim Gabba-Gig - als Bernhard gerade zu spielen angefangen hatte - und sie winkte mir da aus einer vorderen Reihe zu und ich sprang von der Bühne runter und fand das so irr, daß ich hier - einfach nur durch den Feierkontext - jemanden treffe, so weit weg von irgendwo Naheliegendem - mit dem man sich schon mal so - geil wäre natürlich auch, zu sagen: Sonntag: Ruhetag - ich glaube, das macht gute Laune - oder das ganze Wochenende vielleicht? - Abfall gibts nur an Bürotagen - das wäre doch lustig - entstehen dann so Wochenpäckchen - innerlich Freiheit, Energie, neue Lust nur eines muß ich noch schnell sagen: wie Theo neulich - wie ich wieder mal das Theaterstückeschreiben so anpries, daß das doch JEDER Schreiber eigentlich machen müßte, und er natürlich auch usw usw - daß ich auch irgendwann Drehbücher schreiben werden würde, natürlich, klaro, weil: wieso NICHT?! - wieso irgendeine mögliche Form sich nicht zuweisen als besondere, andere Problemstellung usw - und er dann von MIR wissen wollte, worüber ER ein Theaterstück schreiben soll - und schon so ein irr aufgekratztes und mich total abstoßendes LAUERN in seinem Gesicht war - wieder so eine typische Theosche Sozialinterventions-aktion - die ich HASSE - weil er gar nicht wissen wollte, was ich darauf sage, sondern nur so erheitert war von seiner Frechheit, mir diese Frage zuzumuten, in der Gewißheit, ich würde da gleich drauf einsteigen und ihn damit noch mehr ERHEITERN - den Sozialfädenziehermann wobei man dann sagt: okay, Depp, wenn du an sowas Spaß hast, such dir jemand anderen, ich finde das doof, ich geh da weg, servus, machs gut, bis dann DEKONSPIRATIONE mit Bernhard in einem Art Ferienlager, Schweizer Hotels, wir steigen durch ein Fenster im Parterre ins Freie, laufen auf eine Wiese, wo die anderen feiern. 'Wie fandst du die Nummer?', bezogen auf etwas, was ich und eventuell Dany gemacht hatten. 'Okay', sagte ich und sah, wie eine der Frauen, eventuell Bea, nee Rabea, die Aufrichtigkeit prüfend mich anschaute. Berhard hatte mir eine Schlüsselanhängermünze gezeigt, irgendwas mit Lars, Diebstahl, Geld sparen - bevor wir aus dem Fenster kraxelten - Ende eines langen - MUSIK DIE GEBÜCKTEN am Görlitzer Bahnhof - wir alle hatte notiert let's create an new ensemble of Sanftnesses tiefe Hubschrauber, Tuba, Bass was noch? ja, nein, gar nicht oder doch doch? KRANK ABFALL FÜR ALLE Sonntag: Ruhetag DIE EROTIK DES PFIRSICHS welches ichs? des Pfirsichs, Depp 2.1 Montag, 9.2.98 frühlingshafter Ja - ach, was: Februartag ja: jedes Jahr beginnt mit einem Ja im Januar wußte ich bisher gar nicht ach: jedes Jahr ist ja Jajahr - aha, soso FARBENLEHRE bloß nicht davon verrückt machen lassen dann ist es schon recht also: Februartag: Sonne, Kühle, Zirpen der Vögel - oder genau genommen: eines Vogels - und fast so etwas - wie ich die Balkontüre aufmache - wie nicht total schlechte, bißchen frisch, unberlinerische Luft - und die Sonne scheint einem ins Gesicht und spiegelt sich so stark im Laptop-bildschirm, daß man die Buchstaben praktisch kaum erkennen kann - und das fucking schiefe Klapptischchen steht auf dem scheißschiefen Bohlenboden schief, Computer schief, Tastatur schief, Kopf schief, Rücken schief, ganzer Mensch schief - ich halte diesen ganzen provisorischen Scheiß hier nicht mehr AUS (stimmt gar nicht) KRANK ? sich Stille anschlafen Ruhe, Ordnung, Zuversicht später dann: durch Blättern in Texten Wirrnis wieder aktivieren, gegen zu verhakte Klarheiten Moment, ich muß mir schnell Mut anlesen PRAXIS Sorry, aber diese Seite hat Frames. wieder mit dem Computer gestritten - aber Herrn Häberlen auch mit ae die Mail wieder nicht übergeben können, wie der Mai-ler-Daemon wieder meldete - Fax von Tokyos Goethe, mit Terminen. 13.4. bis 22.4.98. Der DJ-Gipfel wird entweder am 18. oder 21. April stattfinden, schreibt Martin Haldwehr. kriege gleich so einen ZUSTAND, wegen dem Stück Zeitvorgriffspanik - krank 1348 wie Ordnung entsteht mit der Zeit hier: die Wochen also durchnumerieren, römisch - DANN DIE ÜBERSCHRIFT, auf Mitte alles natürlich - und darunter, die Tage der Woche: arabisch - römisch, arabisch: wie toll das klingt - dabei muß ich immer erst zweimal überlegen, wel- ches welches ist - so wie mit französisch - italienisch? - italienisch kostet 20 - arabisch nur 4 - echt? - was isn das, arabisch? - dann nimm ich japanisch bitte PFIRSICH wenns nervt kann ich es ja wieder weglassen - schon passiert wollte nur ganz kurz duschen dann wurde es doch gleich wieder so ein ORGIE Wärmeorgie, Wasserexzeß, rot entflammt, der ganze PFIRSICH gestern, so geil: Schlingensief auf Arte über Brecht: das sind heute so Wichsvorlagen, wo alle zeigen können - (und ich hatte eben davor Wieberte, Ostenser, Willemsen im ZDF erlebt, in der großen offiziellen Brecht-Gala, wo einem dann alles, was Brecht ist, ha ha ha, wirk-lich so richtig sympathisch wird, diese KULTUR, die Willem-sen-Kul-tur, der -) DEKONSPIRATIONE zeigen können, ob sie noch, schon, wieder können, einen hochkriegen, meinte Schlingensief, oder schon gekommen sind oder gleich kommen - (wobei so Metaphern - oder wie heißt das? - aus dem Sexbereich immer irgendwie so leicht gestört wirken - denkt man: was hat denn der für ein Problem - mit seinen BILDERN?) - wie er in seinem Brecht-Porno ASOZIALE PLASTIK sagen würde ... - also, jedenfalles: meinte Schlingensief dann irgendwas von Groß und Klein, was ich sofort plausibel fand, irgendwie einleuchtend, aber nicht richtig verstand - man könne also das Ganze des großen Gan-zen wahrscheinlich nicht so leicht auf die Bühne des Berli- ner Ensembles bringen - wie umgekehrt - also das Kleine vergößern - hm? - dazu war dann die Puppentheater-bühne zu sehen, die er in seiner Brecht-Inszenierung verwendet hatte - auch diese wahnsinnig Begeisterung des Publikums in Hartmanns Käthchen in Hamburg, wo die Ritter-kampfszene auch Puppenbühne war - warum wird das so wahnsinnig geliebt? - das ist doch total eklig - vielleicht also: man muß die Sache klein machen, neben-sächlich, lächerlich, märchenhaft, puppig niedlich - und zwar auf der Bühne - so daß sie sich im Kopf des Zuschauers zum großen ganzen des Allgemeinen vergrößern kann - so funktioniert ja auch, auf eine Art, Beckett - oder Bernhard, dessen Theatermacher als Lachfigur DAS RAD DER GESCHICHTE aufführen wird - was heißt das für die Arbeit am Stück? entfalmt: schönes Wort 1545 Herrn Häberlen angerufen - der hat beide vom Mailer-Dämon als nicht übergebbar gemeldete Mails doch bekommen - dann ist es ja alles ganz wunderbar ... ewige STEINZEIT der elektronischen Welt davor Brieflein an Konrad Musik: Carl Craig: DJ-Kicks ja, mein Rainaldo, du weißt doch, wir fliegen da mal eben rüber, falten die Bergbauern zusammen, und sprechen nicht weiter darüber. UNKRANK So Bernhard in Sachen wir für Goethe in Tokyo hier eben am Telefon Beckenbauer paraphrasierend zu mir. 1606 Anruf von Benedikt: Freitag, möglichst spät. Termin für den Rückflug bitte offen, wenns geht. Es geht. Carl Craig nervt - entschuldigung KRANK ist ein Titel Krankheit natürlich keiner aber so was hört Frau Jelinek nicht sie hat nämlich keine Ohren DARAN scheitert diese Literatur, nicht an "Sprecherpostition der Frau" oder irgendso einem Scheiß, wie sie gestern wieder auf Arte gemeldet hat, in ihrem präten-tiösen Scheiß-österei-chisch: daas haat jaa auuch schoon deer Beern-haard gesaagt, ... - die redet immer über Bernhard, wie Handke über Goe-the: eine distanzlose OBSZÖNITÄT - merken die aber gar nicht AUTOREN OHNE OHREN 1839 am Stück wollten Sie nicht schon immer Ihr Leben ändern? ehrlich gesagt: nicht fragte die Werbung antwortete ich UNKRANK Genscher schien unbeeindruckt. In der Menge erspähte ich Diedrich Diederichsen, ich rief nach ihm, aber der Schnee fiel zu laut, mitten im Raum. DATH Seite 10, in einem vielleicht bißchen zu sehr seiner Traumtollheit selbst bewußten Traum. Echte Träume sind unschlagbar. 1856 die Abende werden schon wieder kürzer schnell raus, zum Einkaufen fummeln und machen dann wird es schon Quatsch Mysterium Zeilenbruch perverse Obsession Länge der - PRÄZISION im Unbestimmten Vagen wäre das Traum? UNKRANK 1954 wieder daheim wie geboren Dath 1970 WELT DER LANGEN TITEL beim Stempelmacher 2 Stempel bestellt Paperworks Essen und Zeitungen UNKRANK ganz ohne irgendwelche GEDANKEN ohne daß irgendetwas Bestimmtes klar WORT geworden wäre he, Stempelmacher, mach mir neue Stempel Diese Leitung ist besetzt. Wiederholen Sie den Vorgang später. 2039 ja ja ich weiß Hunger und müde hungermüde, hundemüde, Travemünde KRANK was ist heute eigentlich für ein Tag? Psychiatrie wo befinden Sie sich? ja, also, ä - da ist man schon fällig wieviel stehts? wie heißt du? wer bin ich? keine Ahnung zu Zeit, Person und Ort nur eingeschränkt ORIENTIERT das wars dann, servus, machs gut KRANK Nagano: mir doch egal Wilkinson SWORD Protector silber, metal, neu blau und schön schwer für 14,90 etwa mit extra tollem Sound beim Klappern dieses Schwingdings oben UNKRANK Am vergangenen Freitagnachmittag aber setzte sich Falco, der seit zwei Jahren in der Dominikanischen Republik lebte, in seinen Jeep; es wurde die letzte Fahrt seines Lebens. Um Zigaretten zu kaufen, hielt er an einem Supermarkt; als er ausparken wollte, erwischte ein Bus sein Auto. Hansi Hölzel war sofort tot, dreizehn Tage vor seinem 41. Geburtstag. In Wien herrschte am Wochenende Entsetzen. erzählt Christoph Amend in der SZ rätselhaftes Naturschauspiel und sagen können wir haben eine ordentliche Arbeit gemacht vielen Dank sagt Schröder ins Mikrophon dreht sich um und geht ab KRANK ein Symposion der Bertelsmann-Stiftung Texte schreiben die man NICHT SCHREIEN kann hier für Jürgen Vogel der als schreiender Junkie in einem ununterbrochen schreienden Junkiefilm dieses ganze Junkielügenleben vor sich hin schreit alles Lüge KRANK der feingeistige Stumpfsinn, eine Art gehobene Blöd-mann-Arabeske für die allerbiederste Idee davon, was gei-stiges Leben wäre, als genüßlich kulinarische Inszenierung von Lebensart - Willemsen-Kultur DEKONSPIRATIONE ich darf Sie gleich noch einladen mit rüber zu kommen in die Runde ja danke sehr gerne FESTAKT ZUM GEBURTSTAG VON BERT BRECHT 2.2 Dienstag, 10.2.98, Bernhards Geburtstag, der wievielte eigentlich?, 57 dachte ich, aber es ist der 67., das ist viel wichtiger als Brecht, viel trauriger. mit wund gekauten Zähnen wachte ich auf pervers die Mühsal mit den Korrekturen am gestrigen Abfall so kann das nicht weiter gehen KRANK Herr Auersperg rief an: ob die Hamburger die Rave-Veran-staltung jetzt anküdigen können, wie besprochen - klaro, gerne - dann zum Stück: ich solle mich da nicht wieder so unter Druck setzen oder setzen lassen, Stücken bekäme das nicht so gut, das ginge nicht so gut, wie bei Prosa, wo man sich einzelne Szenen und Handlungsvorgänge so ganz bürokra-tisch brav vornehmen könnte, und das dann so runterschrei-ben und abhaken, jetzt die Ibiza-Szene, dann die Flughafen-Szene, usw usw. Er hätte das an seinen Schreibern im Unter-schied zu den von Frank betreuten immer wieder beobach-tet, Stückeschreiber würden also dauernd nichts tun, auf-saugen, kucken - und dann plötzlich, zack, wären die Stücke prak-tisch da. Stimmt alles, und ist ein guter Hinweis zur Abre-gung für mich. Andererseits habe ich ALLE meine Stücke re-lativ langsam geschrieben und genau eben doch unter die-sem letztlich ganz präzisen selbsterzeugten Druck: jetzt muß das Ding endlich wirklich NIEDER geschrieben werden. Es ist fertig. Genug bedacht, genügend Notizen gemacht, lange ge-nug gezaudert. Es ist so weit. Los gehts. OHNE diesen Selbstbefehl käme bei mir gar nichts zustande. Außer unun-terbrochen ABFALL natürlich, ohne Ende. Abfall ohne Ende. PRAXIS Mein Vater und meine Mutter verstanden sich als Freidenker. Das war ein Witz, denn sie waren weder frei noch Denker. erzählt der Erzähler Alan Isler im Spiegel große Kaffeeverschüttungsarie auf dem Teppich im Computer eine Post von Konrad Herrn Häberlen Abfall 3 geschickt Telefone mit Benedikt wegen Talkprobe am Samstag im Kopf: alles wirr und KRANK 1548 am Stück dann im Kippenberger-Buch geblättert und gelesen und da-von total traurig geworden Manie und Melancholie 1551 Anruf von Bernhard eine Theorie über gerade und und ungerade Beats die er den Japanern in die Krippe legen will heute zu besprechen, abends bei einem Essen 19 Uhr Büro 1626 Zeitungen gekauft unterwegs, im Gehen: eigentlich hört, streng genommen, JEDES Urteilen auf, wenn man selber in der Produktion steht - gerade WEIL man dauernd so übernervös urteilt, um im Pro-bierten zu prüfen, ob es stimmt - für einen - was man dann auch automatisch an anderen Sachen prüft, wo das aber in echt gar nicht interessiert, als Urteilsmaßstab gar nicht taugt - deswegen ist praktisch ALLES, was Autoren kritisch über andere Autoren zu melden haben, Unsinn - uninteressant letztlich, eigentlich, im Grunde - und meist auch noch ir-gendwie ein ARMUTSZEUGNIS - siehe oben als ich im Tagesspiegel in die Brecht-Szenen von Moritz Rinke reinschaute PRAXIS aß und dämmerte mich blöd - am Schluß ist alles UNSINN - und ALLES Unsinn - und Lähmung re-sultiert sortiere Zeitungen SZ, Seite 3: Vielleicht hat der Pastor seine Frau getö-tet. Eva Hesse, gestern bei Kluge: sie sagte immer ein "ja" zwischen den Worten, als automatisches Redeeinsprengsel, zwischen Sinneinheiten, was automatisch sympathisch wirkt, angenehm, vernünftig, und einfach sinnvoller, als wenn je- mand dauernd sein eigenes Gesagtes mit einem "net", "nicht" oder "nicht wahr" kommentiert. THIS IS A CHORD this is another this is a third NOW FORM A BAND - ewige Weisheit des Punkrock totale Finsternis BARACKE 2.3 Mittwochabend, 11.2.98, vormittags im Bett, mit kaputt gerauchtem Kopf, den Nachmittag am Schreibtisch, am Stück. Diese Worte darf ich nur sagen, wenn auch wirklich was weitergegangen ist. Kam mir gestern plötzlich. Erst bei meinen Spirits, Bernhards Texte für Mayday und die neuen Theorien über ungerade und gerade Beats, für die Japaner verfaßt, ge-lesen. Dann mit Alan zu Bernhards, Hilde kochte. Wir kuck-ten auf dem neuen riesigen Fernsehbildschirm eine Tier- sen-dung im ZDF über Polarbären, irre Aufnahmen und Erzählungen. Immerzu Hunger, Suche nach Nahrung. Totale Grazie aller Bewungen, klar, natürlich, aber bei diesen riesigen Tieren wirkt das so zeitlupig überschwer und unfaßbar geil. Nach dem Es-sen, auf Pro 7, saß Herr Puttkammer im Anzug mit Nasa-Aufnäher neben einem Pro 7 Heini in Weltraumklamotten und sie redeten über Weltraumreisen in der Zukunft. Um halb 11 fuhr ich ins Berliner Ensemble. Goddard hatte sich den Arm gebrochen, beim Tennisspielen, und konnte deshalb nicht kommen. Die Leute fluteten gerade aus dem Theaterfoyer, der Film war aus, keine Diskussion. Schöne Menschen, die sich Zigaretten anzündeten und miteinander redeten. Ich weiß gar nicht, wieso ich immer so hetze gegen das Theaterpublikum. Das hat sich alles total geändert, in den letzten zehn Jahren. Oder bilde ich mir das nur ein? Ich ging rein, fragte eine su-perhübsche junge Garderobiere nach Culmann. Der würde hier schon irgendwo rumlaufen und gesichtet worden sein. Oder in der Probebühne. Und die ist wo bitte? Da drüben. Ah, da drüben, vielen Dank. Dann ging ich in die Kantine, brutal voll. Drängte mich da durch, richtung Licht. Am Mikrophon: Culmann, der ansagte, daß das Buffet jetzt geöffnet wäre usw. Ich stellte mich vor. Er: ah!, hallo. Kurz geredet. Später stellte er mir Kippenberger vor und ich erzählte ihm, ich hätte ihn gestern mit seinen tollen BRECHT PORNO Statements auf Arte gesehen. Leuchtende Gestalt, sympa-thisch, wie im Fernsehen. Zuvor war ein anderer Typ herbei getreten, wie sich rausstellte ein Schauspieler des Berli-ner Ensembles. Mit dem dann geraucht und geredet wie ver-rückt. Dann kam seine Frau dazu, dann wurde es noch besser. Es ging eigentlich um alle wichtigen Sachen: Theater, Texte, Musik, Politik, Sexismus, Werbung und und und. Kurz vor eins wollte ich panisch los, um die letzte U-Bahn zu kriegen. Sie boten an, mich mit zu nehmen und mit einem kleinen Umweg für sie nachhause zu fahren. Ja? Nein? Weiß nicht. Wieso? Also gut, ja. Im Auto ging es noch über Medizin, Werdegang, Handoperation, kaputte Sehne. Jeder hat viel zu erzählen. Normal. Dann sprang ich raus, winkte und lief nach Hause. Fernseher an. Auf Berlin House die Franzosen von Air, dann das Electrolux-Porträt. Alex, als sympathisch zerstreut professorales Mastermind vielfältigster Aktivitäten. Kurz die letzten Takte von Domian wieder gekuckt. Eine Aidsfrau. Dann eine, die ihrem Erniedriger, also dem Mann, mit dem sie zusammen war, der sie aber so wahnsinnig dauernd gequält und erniedrigt hat, Scheiße in die Jackentaschen gefüllt hat, was sie superasozial von sich selber und lustig und notwendig fand. Der Freund hat sie dann aber angezeigt. Sie aber stritt ab und kam durch. Er-zählung nach einer Novelle von Heinrich von Kleist. Dann machte ich das Licht aus und rasend pochte das viele Nikotin in meinem Kopf an alle möglichen Gedanken. Richtig: Ostermeier hatte ich auch kurz noch getroffen. Er fand die Aufführung an dem Abend auch sehr gelungen. Und wir verabredeten uns auf ein Telefon demnächst. ICH HABE NIE MIT KOKAIN EXPERIMENTIERT ICH HABE ES IMMER NUR GENOMMEN 2.4 Donnerstagabend, 12.2.98. Das verschwundene Motto ist aufgetaucht, aus der Monika Maron Geschichte in der FAZ: "Nur wer nicht weiter weiß, murren sie, will wissen, woher er kommt." heute war ein guter Tag hatte ich gestern nach dem Licht ausmachen noch notiert. Nachts wachte ich dann aus einem superpräzisen Traum auf, in dem ich einen Selbstmörder, der sich eben erst aufgeknöpft hatte, von der Gardinenträgerstange runterschnitt und dann am Boden reanimierte. Seine Freundin war mit mir gewesen und hatte mich am Arm zurückgehalten, als sie sagte: ob man da wohl noch was machen kann? Sie wollte das eigentlich gar nicht, was ich voll asozial fand. Das Gesicht des Typen, wie er da hing, war so gräßlich sackhaft und entleert, erst am Boden kam noch so ein Röcheln aus dem schlaff daliegenden, leblosen Körper, was mir Hoffnung machte, daß er noch nicht endgültig tot ist. Dann wachte ich auf, erleichtert und verstört. Bevor ich wieder einschlief, hatte ich dann so komische Halbschlaf- grübelgedanken zu der Frage, warum der Erhängte nicht mit den Händen nach dem Strick greift, um sich am Hals Luft zu verschaffen, in seiner Todesangstnot? Also natürlich nur für den Fall, der auch in diesem Traum sichtlich vorgelegen hatte, daß nicht sofort das Genick bricht, daß der Hängende sich also mit seinem eigenen Gewicht via Strick wirklich erwürgt. Und ob da irgendwelche Nerven zu den Armen so abgedrückt werden, daß man zwar wohl in letzten Momenten die Arme würde heben wollen, das aber wegen der gelähmten Nerven nicht mehr ginge? Der Typ in dem Traum hatte sich also eben erst, kurz bevor wir dazu kamen, offenbar aufgehängt, denn er baumelte noch so und schien noch nicht tot zu sein, sondern irgendwie da so zu zappeln. Erst jetzt fällt mir ein, daß vielleicht die kurz zuvor gehörte Nekrophiliegeschichte, die bei Domian ein Medizinstudent aus dem 5. Semester zum Besten gegeben hatte, den Traum mit ausgelöst haben könnte. Der Student erzählte, er hätte sich neulich, ich glaube letzte Woche, im Pathologiesaal seiner Universität, wo er allein Zutritt hätte, weil er sich auf Pathologie spezialisert hat, er hat sogar die Stadt genannt, in der er studiert, die habe ich vergessen, und da hätte er jedenfalls im Pathologiesaal neulich also versucht, mit der Leiche einer vieleicht 27jährigen jungen Frau zu schlafen. Anfang des Semesters, letzten Herbst, hätte er zum ersten Mal eine ihn diesbezüglich irritierende Wahrnehmung gemacht: da habe er sich schon einmal zu einer Leiche, aber dieses Wort wäre ihm nicht so angenehm, er würde lieber von Toten sprechen, aha, na gut, einer sehr hübschen vielleicht 19jährigen Frau hingezogen gefühlt. Da wäre aber nichts passiert. Aber diesmal wäre er also da alleine mit der in dem Saal da gewesen. Und was genau ist denn jetzt passiert?, wollte Domian wissen, dieses Mal. Ja, er hätte sie angelangt, hätte da das Totenhemd, so würde das heißen, zur Seite ge-macht, hätte dann versucht, wie er sagte, in sie einzudrin-gen, was aber nicht gelungen wäre. Und jetzt? Ja, jetzt ist er also von sich selber sehr schockiert. Domian natürlich auch, auch die nächsten Anru-fer. Was muß jetzt geschehen? Domian: Er muß also morgen zum sogenannten Psychiater, oder zum Therapeuten, sofort. Ob ihm das klar wäre, was das jetzt alles bedeuten würde, für sein Leben, sein Studium, seinen Beruf usw usw. Er sollte dann am Apparat bleiben und mit der eventuell sogenannten Elke, eventuell Psychologin, noch genaueres besprechen. Alles total sympathisch und zugleich komplett grotesk. Davor der Typ mit acht Millionen Lottogewinn. Da konnte ich gar nicht zuhören, weil ich durch Rosannas Zweifel an der Echtheit der Mörder-story von neulich, so ganz auf Zweifel und Erfindung ge-eicht war. Aber wenn man so zweifelt, macht das Zuhören keinen richtigen Spaß. Ich weiß gar nicht, wie Domian selber dieses Echtheitsproblem für sich verdrahtet. Vielleicht geht es ihm im Prinzip auch so, daß er zunächst erstmal alles so ungefähr GLAUBT meistens. Sonst könnte man die Sendung wahrscheinlich gar nicht machen. Wenn er von Anrufern für seine Antworten gelobt wird, ist ihm das auf völlig vernünftige Art peinlich, auch stört das dabei entstehende Rückkopplungspfeifen den normalen Fortgang des Hin und Hers der Rede. Wer sind die blöden Idioten, die jedem dauernd ungefragt ihr blödes Urteil, ihr scheiß Lob ins Gesicht spucken? He, Depp, du warst gar nicht gefragt, bist für Lob und Tadel hier überhaupt nicht zuständig, halts Maul, Blödmann. Aber diesen Zweifel, daß er für irgendwas vielleicht nicht zuständig sein könnte, daß ihm irgendwas vielleicht überhaupt nicht zustehen könnte, kennt der normale Blödmann natürlich überhaupt nicht. Anyways. Hatte den ganzen Abend in alten Zeitungen gelesen und im Fernsehen so einen Gero-Gemballa-Bericht über Manager-Abfindungen gesehen. Mit natürlich tadelndem, dauernd leicht anprangerndem Unterton. Aber wieso soll so ein Riesenmanager in des Lebens Abendtagen nicht paar Millionen kriegen, am Schluß, wenn es ihn waffelt, durch eigene Fehler, Umstände, großes Blutvergießen, oder warum auch immer? Vorallem der eine Rechtsanwalt, der diese dann sogenannten goldenen Handschläge aushandelt, war so lässig und down to earth. Dann kam ein Ostler-Bericht über DDRler im Grenzge-biet zu DDR-Zeiten, dann über die Moskauer Schauprozesse 36-38, immer mit den Zeugen, den Erzählungen der Betroffen, was sie gesehen und gehört haben. Prinzip der Zeugenschaft: einer erzählt sein Erlebtes, das von ihm erlebte Leben. Nie war so viel Schrecken und Leid so nah für so viele, so plausibel, unabweisbar, personal gedeckt. Davor bei Pygmäen. Und ne-benher Harald Schmidt. Statt Geiß-ler lieber Schauprozeß, dann aber Sönke Wortmann eher als die Urteile in Moskau. Ne-benher machte ich Notizen für hier. So wie auch heute Mor-gen. Das so schon No-tierte müßte man dann noch mal Wort für Wort extra hier einschreiben. Bißchen ABSURD. Andererseits versinke ich im Abfall, wenn ich nur erst an-fange, morgens, die Datei Abfall zu öffnen. Notierte in alle Richtungen, probierte am Stück. Ging Zeitungen holen abends. Schickte Herrn Häberlen Abfall 4 und telefonierte davor mit ihm. Telefonierte mit Inge, der Film wäre heute abend um 12 Uhr, im Delphi. Ich soll mich nachher noch mal mit Bern-hard verabreden. JAHRZEHNT DER SCHÖNEN FRAUEN macht das Spaß wenn das alles so im Block da steht? Gedenktag heute zu Ehren von Falco Wiener Schmäh und Wien IM TREIBHAUS DES ERFOLGS 2.5 Freitag, 13.2.98. Nieselregen und Halsweh morgens. Gut an allem: Abfall, Stück. Neues, Korrekturen. Telefon mit Frank wegen Fonds, Praxis, Schutzumschlag fürs Stück. Davor Anruf von Benedikt: 1. Wir treffen uns Samstag um 9 im Roma. 2. Das eigentliche Ding fällt aus, die Generalprobe. Finde ich extrem angenehm. Fünfzig gestörte SZ-Redakteure hatten sich zum Betriebsausflug als Schumanns-Komparsen ins eigentlich geschlossene Schumanns verabredet. Und die wird man jetzt nicht mehr los, es sei denn, man sagt das ganze Ding ab. Dann sagt man eben das ganze Ding ab. Ist doch kein Akt. Absolut angenehme und schnelle und vernünftige Verständigung über alles mit Benedikt. Er agiert so geil im extrem komplizierten und konfliktreichen Feld, wo das Soziale und kreativ Produktive sich berühren. Er hat da schon so viel erlebt und immer die richtige IDEE gehabt, wie diese Dinge zu traktieren wären. Und ist inzwischen genau dabei auch noch wirklich so ein das Handwerk der Problembändigung so cool beherrschender Profi geworden. Schrieb eine Szene fürs Stück, während Westbams WE'LL NEVER STOP LIVING THIS WAY Musik lief, plötzlich wurde das ein Rap, für die WORD Serie. Musik machen wollen wieder sofort. Kam mir dann noch die Idee für Anselm, unser Residenztheaterprojekt mit der Filmsache zu verbinden, das genau auf die Bühne zu bringen: NEUE DEUTSCHE KOMÖDIE. Das wäre doch ein Kracher. Rechnete dann an den Monaten rum, ob man das schaffen könnte. Wir werden es erleben. Vielleicht. Hoffentlich. Frage mich, ob ich morgen hier vielleicht frei habe? Für Abfall, von Abfall? Apropos, das Ding. Folgende Bücher soll ich für mich besorgen: Mark Ravenhill, Shoppen und Ficken, Rowohlt Jelinek, Sportstück Blixa Bargeld, Einstürzende Texte, Gestalten Wagner, Das Ding und Big Story Kurt Löcher, Malerei des XVI. Jahrhunderts, Hatje Artforum, Konrad Artikel Patrick Marber, Hautnah Ballard, Crash Leonard Michals, Shuffle, Suhrkamp Richard Maier, Building the Getty Thomas Bernhards Andere Häuser Blanchot, Der Gesang der Sirenen Autonome Afrika Gruppe, Hb. Komm. Guerilla, Schw. Risse Kerr, Berlin Buch ÜBER DAS ÜBER 2.6 Samstag, 14.2.98. Von draußen von Walde komm ich her, ich muß euch sagen, der Frühling ist sehr - Kurz also doch noch schnell paar Splitter und Scherben der letzten Woche hier zusammenfegen und fügen und Fetzen und Lumpen aufklauben und sammeln. Wat wa denn nu allet jewesen, an nicht jelesenem und jewesenem? - Wie bitte? Noch mal in die Ja-Kerbe schlagen, während man in Wirklichkeit längst schon zurückrudert in echt. CELEBRATION Zeitaufwendig ist ja nicht das Schreiben - sondern, ewig gleiches altes Lied - das Definieren des Nichtzuschreibenden. Mathias Oswald - der heißt doch so? - war auf ntv, in dem durchgeknallten Büchermagazin, und im Zeitmagazin als Partyboy aufgetreten, und sagte lauter lässige Sachen. Er schreibt jeden Tag von halb 5 bis halb 7. Dann ruft der Rechtsanwaltberuf. Schreiben kann man in zwei Stunden pro Tag natürlich wirklich mehr als genug. Aber das AUFNEHMEN von anderem, die Einsicht ins Gegebene, in die Natur der - entschuldigung - Schrift, den aktuellen Status des Wortsinns, des vom Gebrauch der Sprache dauernd neu bestimmten Sinnes von jedem Wort, das Lesen, Zuhören, Sprechen, und dauernde Kritzeln und quasi atmende Schreiben - all das und die davon aufgeworfenen Probleme auf irgendeine Art zu behandeln, in sich zu bewegen - und gleichzeitig immer doch auch wieder genügend VERGESSEN zu können, um weit offene Handlungfreiheit und wirklich JEDE Möglich-keit im Text für sich zu sehen und zu haben - und so weiter und-soweiter usw ... - das DAUERT einfach. DAS kostet die Zeit. Dazu braucht man Konzentration und Hautlosigkeit, Verloren- heit, Ziellosigkeit, Taumeln und Santeln in Papie-ren und Texten, im Gehörten und Gelesenen. Aha. So ist das also? Nicht ganz. Denn so allgemein gesagt, kann man das alles in Wirklichkeit wahrscheinlich gar nicht sagen. Es gibt Schreiber, die lösen diese Probleme im Schlaf, beim Zähneputzen oder - und, meine Damen und Herren, warum auch nicht - beim Studium ihrer Rechtskanzleiakten oder während der Staatsanwalt vorträgt oder während ihrer eigenen Plädoyers. Was weiß denn ICH? PRAXIS Diese hochprivate Zuspitzung also, auch wenn man dauernd man sagt: gemeint ist immer diese extrem persönliche Erfahrung. Auch wichtig, um sich klar gegen als THEORIE ernst zu nehmende Versuche IN Theorie abzusetzen, mit den eigenen theoretischen Gedanken, die wirklich NIE realen Theoriecharakter erreichen können. Es bleibt immer ein selber gedachtes Denken, selbstgestrickt, wie Heideggers Socken und Denken in Bernhards Attacke, selbstgekocht, selbstgeschreinert und also letztlich theorietechnisch gedacht: Autismus. Lächerlich. Das macht für mich so Leute wie Valery oder Canetti oder wie diese Pseudophilosophen auf dem Dichterthron alle so heißen - so läppisch, letztlich abstoßend. Daß die Einsicht in diese Verhältnisse erkenntnistheoretischer, textkritischer, wissenssoziologischer Art so absolt NICHT da ist. Daß die sich selber für ernstzunehmende DENKER halten, anstatt für private Spinner, die von Gedanken heimgesucht werden. Und von dieser Heimsuchung Rechenschaft ablegen, Zeugnis geben, Kunde tun. Das ist einfach dann eine ganz andere Perspektive auf jeden notierten Gedanken. Wenn man völlig ernsthaft bei jedem Satz so mitdenkt: Ich habe nichts gesagt, ich mein ja bloß. PRAXIS Dachte über Kraftprobleme beim Stückeschreiben: das Wegwerfen und Verwerfen der Ideen und Konzepte, das Nonextensive, Reduktionistische, Hingespuckte, Hingeworfene: das ist das Schwierige. Und wenn ich an Heldenplatz denke, oder Germania 3: was einen daran so traurig macht: daß diese Verwerfungsenergie offenbar nicht mehr stark genug war, um zum Konzept zu sagen: he, Depp, WEG. Und es zu zerschlagen und zu zertrümmern, und es darüber und in der Form erst zur Sprache zu bringen. Aus dieser Schwäche im Prozedere der Produktion entsteht der Selbstplagiatscharakter beider letzten Stücke. Was ich bei den anderen immergleichen, sich selbst gleichenden und die persönliche Struktur und Manier fortsetzenden und auch im Stillstand immer neu belebenden Stücken davor - ganz anders empfinde. Das verstehen die Nachmacherschreiber, wie etwa Meinecke, nicht. Bernhard wollte ja nicht schreiben wie Bernhard. Er wollte jedesmal neu ANDERS schreiben. Bis er sich schließlich doch seiner Natur fügen mußte, und seine Musik wieder durchbrechen lassen konnte. Aber nur aus dem Widerspruch und Widerstand gegen deren Verführung kommt das Neue, Schöne, Großartige und letztlich eben dann doch Immergleiche, auch im anderen wieder Gleiche als SENSATION daher: He did it again. Again and again and again. PRAXIS 1456 schrieb jetzt hier ziemlich genau eine Stunde, mit dauerndem Blick auf die Uhr, weil die Zeit drängt. Um 16 Uhr 50 geht das Flugzeug nach München. Und ich muß hier noch packen und aufräumen und mich sammeln und ja nichts vergessen. Hinter mir, im Rücken, bricht jetzt eben die Sonne hervor. Und das Zimmer vor mir flammte hell auf. Sonntag: Ruhetag KASCHMAR 3.1 Montag, 16.2.98, Berlin. Schwerer, dicker, sommerregenartiger Regen mit tiefdunkler Gewitterverdüsterung des nachmittäglichen Lichts, während fast gleichzeitig, während das Geplatsche des niederplatschenden Wassers schon wieder nachläßt, vom Horizont her in allen einschlägigen Pastellfarben die Sonne ihr riesiges Antiding da aufzieht, giftgelb, optimistisch, überheroisch - geil. VERSCHISSENE STADT Der schönste, bekannteste Beginn einer Vorlesung - jedenfalls für paar so Leute wie unsereinen - ist natülich Michel Foucaults Beginn der Antrittsvorlesung am College de France; der sein Leuchten auch aus dem Widerspruch bezieht, daß hier jemand am Beginn des Endes einer hochambitionierten und geradezu französisch institutionengläubig und superehrgeizig betriebenen Denker-KARRIERE, alle Konsequenzen und Lasten dieses Wegs wie mit einem Zauberspruch zu verscheuchen versucht und sich zugleich, im Wissen, daß das nicht geht, all diesen Gespenstern und Dämonen stellt. Dieser Anfang sagt: Nein, bitte nicht. Ich will nicht. Ich selbst habe es so gewollt. Hilfe. Nun gut. So fangen wir also an. PRAXIS Politk: Ich hatte vergessen, daß ich KEIN REDERECHT habe, auf diesem Feld. CELEBRATION In München, gestern, war Frühling gewesen. Im Flugzeug zurück las ich den Schluß von Marlen Haushofers Wand. Daß die ganze Weisheit dieser Weltsicht von 1963 aufgegeben werden mußte vielleicht, wegen ihrer auch resignativen, sich fügenden, beugenden und hinnehmenden Momente, um rebellischeren, erobernden, auf- und an-sich-reißenden Gesten und Plänen vom Weltaufstand und Umsturz Platz zu machen, für EINE ZEIT: wahrscheinlich ganz klar. Nur, daß das immer so lange DAUERT, bis diese Dinge wieder zurückkehren können, in veränderter Gestalt, in eine veränderte Welt: seltsam. Man würde sich einfach mehr GLEICHZEITIGKEIT der ganzen Widersprüche wünschen, einen viel offeneren Krieg der Positionen, eine schnellere Wucht der Kollisionen der gegensätzlichen Sichten, Haltungen, Ideen, Perspektiven. Andererseits besteht genau dieses Imaginarium ja in der ganz realen Tatsache des Vorliegens und Vorhandenseins aller dieser Texte IN ECHT. Man muß es ja nur bestellen und lesen, fertig. Und dann speist sich das zurück, über den eigenen Kopf, in die Realität des Dikurses, via Abfall zum Beispiel, so wie hier. Und der Frau Radischen, die pro Saison vielleicht 20 oder 40 neu erschienene Bücher liest, lesen muß, kann man nicht so richtig sinnvoll vorwerfen, daß sie nicht nebenher auch noch so eine intuitiv verschlungene, dunkle, ganz andere Leseweltseite hat, wo dauernd irgendwelche Entdeckungen gemacht werden von irgendwas Versunkenem oder Vergessenen, oder? Überhaupt hat das einen Hau ins sehr Scheußliche: Abgelegenes entdecken und toll finden. Entschuldigung, daß es ausnahmsweise mal passiert ist. Was war also die Klage? Nein. Ich möchte mal genauere Interviews zum Leseverhalten von Kulturarbeitern in Redaktionen und Positionen machen. Die alte Idee, die Tagerzählung wirklich im Vorfeld ganz realistisch zu recherchieren. Aber dann kennt man die Leute plötzlich wirklich. Und hat tausend zusätzliche Probleme am Hals, die allerscheußlichsten obendrein. DEKONSPIRATIONE Gestern Abend, vor dem Zoo-Palast-Kino. Die Aufregung, wenn man plötzlich sieht, daß man die Berlinale natürlich als EVENT erleben kann, daß sie das IST. Sowas wie Mayday für uns. Der Spaß, Zutritt zu haben, einen PASS, dabei zu sein, Zuschauer, Macher, Mitmacher. Romuald Karmarkars Frankfurter Kreuz war ausverkauft. Man durfte also NICHT mit rein, stand davor, rauchte, und freute sich an dieser überdrehten Stimmung und Hysterie. Da rauschte der Regisseur selbst heran, in einem Pulk, grüßte nett und gestreßt die, die er kannte, und eilte nach innen, hinein, zur PREMIERE. Geile Szene. Großes Versprechen. VERSCHISSENE STADT Aufmerksamkeit fürs Wetter. Das ist schon DEPRESSION an sich, in Reinform. Krank. Wenn man sich das durchgehen läßt, wenn das mit einem durchgeht, diese Art Präzision dem Allervergänglichsten und zugleich Hyperpräsentesten gegenüber. Ich glaube, diesen Gedanken habe ich mal vor vielen Jahren bei Julie Burchill gelesen, in irgendeiner Kolumne. Der andere Punkt: daß gerade von den intensivsten Wettereindrucken, vom Versuch wirklich präziser Wiedergaben der sinnlich überwältigenden Daten nur so ein komisch poetisch-sentimentalischer, hochtraditionell kodierte WORTMÜLL schönster Worte übrig bleibt. Überhaupt nichts Vorstellbares. Man liest ein beschriebenes Wetter und denkt sich: Er hat ein Wetter erlebt. Es hat ihn beeindruckt. Er hat sich Mühe gegeben, das darzustellen. Die arme Sau. Was hat der denn für ein Problem? KRANK ERNST JÜNGER IST HEUTE MORGEN GESTORBEN 3.2 Dienstag, 17.2.98, Berlin. Strahlend, kalt. 1217. Julian Birger ruft an. - Stör ich? - Nein, gar nicht. - Der wievielte Anrufer bin ich? - Der Erste. - Ach, komm, das gibts nicht. - Doch, echt. - Also, Rainald, Ernst Jünger ist gestorben, und wir - WAS? ECHT? - ja, und wir - o nein, ist das TRAURIG - ach, entschuldigung, ich dachte, das ist für dich - 1236. Herr Auersperg ruft an, liest die gestern besprochene Präzisierung der neuen Regelung mit den Stücken vor. Genau. Dann ich: Haben Sie gehört, daß Ernst Jünger gestorben ist? - Nein. - Ja, mich ruft gerade ein Redakteur aus der Süddeutschen Zeitung an. - Aha. Man hat nicht mehr erwartet, daß er überhaupt stirbt. - Mhm. - Genau das aber habe ich seit vielen Jahren ununterbrochen erwartet und doch gehofft, daß es NICHT geschieht. Sein Weiterleben war für die vielen Leute, die ihn scheußlich fanden, eine irgendwie dumpf anhaltende Belästigung. Jetzt ist der Mann des Todes doch gestorben. Er war ein ängstliches Männchen, wollte sich verpulvern, verglühen, vergehen. Mit allen Sinnen hat er sich der finsteren Letzttatsache des sinnlichen Erlebens gestellt, fühlte sich ganz einfach angezogen vom Tod. Und er konnte später von dieser Jahrhunderterfahrung wirklich sprechen in Texten, vielleicht der Einzige. Daß der Tod ihn zurückwies und zurückstieß in die Schuld des Lebens, hat er mit einer Art offiziersmäßigen Würde hingenommen, erlitten und durchgelebt, als das eben nun mal Unabänderliche, Befehl von oben. Eine gewaltige Melancholie geht durch seine auf all das antwortende Obsession für Natur, Kreatur, Getier und Leben. Gebückt und gebeugt sieht man ihn da suchen, forschen und abschreiben. Und dann immer neu sich aufrichten und hinrichten als Figur, treu der Etikette einer längst versunkenen Zeit. Er war der schlechteste Schriftsteller, wie man so sagt, von Rang, das fand ich immer besonders toll. Der Nonstilist, gefoltert von stilistischen Handwerksideen zu den Vokalen, zum kleinsten Komma. "Das Komma gehört zum Duktus; der Gedankenstrich kündigt eine Schwelle an." Soso, aha, na wenn Sie es sagen! Da lacht man, da entsteht gute Laune, fast schon so etwas wie Mitleid, zugleich Respekt. Im Kleinsten, Banalsten, Biedersten und Kleinbürgerlichsten wollte er versinken, der Kleinbürger als Philosoph. Jenseits der Heroik des Arbeiters, modern im Wissen, daß dessen Zeit vorbei ist, genauso wie die des Bürgertums. Das Abenteuernde: das war eh klar, geschenkt. Biederkeit und Bürokratismus hat er gesucht und gelebt, davon superbieder Rechenschaft abgelegt: groß. Daß der Tod, den er im Übermut der Jugend herausgefordert hatte, ein überlanges Leben lang nicht von ihm weichen wollte - das vielleicht schrecklichste, traurigste und menschlichste Bild dieses Lebens. "Ernstels Geburtstag", heißt es immer wieder, da ist der geliebte älteste Sohn schon viel Jahre lang tot, "gefallen". Jahrzehnte später war auch der zweite Sohn der Schwärze und Eiseskälte, die um seinen Vater waren, nicht mehr gewachsen, hat sich "erschossen". In Träumen und Reflexionen ist Jünger seiner Schuld immer wieder nachgegangen, hat so Zeugnis gegeben von einem Zwischenreich zwischen Leben und Tod. Keine beruhigenden Nachrichten. Dort, im Furchtbaren, Angstmachenden, wollte der Ängstliche immer wieder Mut zeigen, offenen Auges schauen. Jetzt ist er da, endlich angekommen. Die Götter und Geister, die um ihn waren, denen er diente und sich verantwortlich fühlte, werden ihn führen, in diesen Stunden und Tagen. Es ist ein herrlicher, kalter Tag über Berlin. Er geht jetzt da hinaus. Traurig sind nur wir, die Sterblichen. 1448 schrieb nun also doch, nachdem ich Julian abgesagt hatte, einen Text zu Jüngers Tod. Ein Nachruf? Rief da eben in der SZ an, die netten Sekretärinnen: Julian holt eben Semmeln. Nein, da ist er. Ja, ich soll das gleich schicken. Nein, ich will es ihm bitte lieber vorlesen zuerst. Vielleicht ist das alles von den anderen ja auch schon gesagt, so in etwa. Okay, er ruft mich in einer Viertelstunde noch mal an. Jetzt essen sie alle zusammen, die da sind, erst mal Leberkässemmeln. Helmut Krausser ist auch da. Den hat Claudius eben an der Pforte, wie er seinen Text abgeben wollte, getroffen und mit hochgebracht. 1535 Korrekturen am Text gemacht, dann einer genervten Frau Mehlkorn in einem unglaublichen Tempo den Text durchgegeben. Zwischendurch meinte sie immer, ganz ungehalten: es geht bitte schneller! - Entschuldigung, Frau Mehlkorn. 1609 Anruf von Herrn Häberlen: es ist Weihnachten. Abfall ist fertig. Ich bekomme mein Paßwort. Kann nur leider die Seite immer noch nicht aufrufen. Wie gibts denn das? Mal kucken. 1611 Fax von der Süddeutschen. Text meines Textes. 1621 Frau Julia Fischer im Feuilleton angerufen und die minimalen Korrekturen durchgegeben. Gut, meint sie, die Änderungen werden gemacht. Alles so cool und lässig, das ganze Prozedere. Danke, SZ. 1701 Birgit ruft an. Sie wollen das kleine Textlein aus Rave im May-day-Booklet bringen, es wird gerade auch übersetzt, ins Englische und Französische. Ob man nun in den Übersetzungen den Eigennamen WIRR lieber übersetzen oder lassen sollte? Lieber lassen, eigentlich. Ja, das hätten die Übersetzer auch vorgeschlagen. Okay. Kurz dann noch über die Gema-Anmeldung für die Krieg-Musik. 1733 Julian ruft an: es hätten jetzt doch so viele Leute zugesagt, daß sie übermorgen nochmal Texte zu Jüngers Tod bringen würden. Er liest die Namen derer vor, die heute für morgen dabei sind. Liest Ilse Aichinger vor, Theweleit. Er hätte noch einen Absatz reingemacht bei mir, sonst wäre alles unverändert. Die Überschrift wäre: Die Schwelle. Finde ich bißchen sexuell. Also: Mann des Todes. Banal, aber wahr. 2014 installierte von den LRZ-Disketten Nescape Gold 3.1. Kriegte es aber nicht zum Laufen. Netscape is unable to locate the server proxy.lrz-muenchen.de:8080. Schade. STEINZEIT DER ELEKTRONISCHEN WELT PARTEI DER LETZTEN CHANCEN 3.3 1035 Anruf von Hans Culmann. Die Partei der letzten Chancen geht jetzt in Gründung, wann ich wie auflaufen, mitmachen kann. Sie sind da immer am Prater, proben in dem Zirkus da. Die Zirkusfamilie sei so nett. Schlingensief ist morgen mit einem Prokschdarsteller beim Opernball in Wien. Sonst immer da. 1043 Anruf von Frank: er habe eben "Feindberührung" gehabt, Herr Schöller vom Hessischen Rundfunk hätte angerufen. Nachdem Frau Streeruwitz also im letzten Moment abgesagt hätte, wollten sie jetzt wissen, ob ich da die Poetikvorlesungen filmen lassen würde. Frank: ja, prinzipiell schon, aber es bestehen da genaue Vorstellungen wie, von wegen starrer Kamera. Schöller: NEIN, kommt nicht in Frage, da lassen sie sich nicht reinreden, ich hätte schon früher mit Podak solchen Ärger gemacht, wir haben Berichterstattungsfreiheit in Deutschland usw usw. So so. Na gut. Dann eben nicht. 1513 Anruf von Martin Siebler, der Spiegel, Hamburg. Ob ich ihnen das Buch zuschicken könnte, zur Besprechung. Er werde es diesmal auch nicht selber besprechen. Nach allem, was man hören würde, worüber es gehen würde, würde er davon ja noch weniger Ahnung haben, als von den Sachen, von denen die früheren Bücher gehandelt hätten. Ich: Die Spekulationen über das Ausmaß deiner Ahnungen von den Sachen, über die du schreibst und geschrieben hast, möchte ich eigentlich ganz dir selber überlassen, ha ha. Er: Er hätte gehört, ich selber würde das Buch an ausgewählte Leute verschicken. Ich: Nee, überhaupt nicht, es erscheint, wenn es erscheint. Er: Ach so, gleiche Chance für alle. Ich: Nein, Ruhe für mich. Ich bin heilfroh, daß ich noch bis Ende März Ruhe habe für das neue Büchlein, an dem ich sitze. - Anschließend und abschließend wünscht man sich gegenseitig noch frohes Schaffen. - Ich hatte ihn neulich bei der Krieg-Premiere in Hamburg darauf angesprochen, daß ich schon wieder ganz gespannt wäre, auf seinen nächsten Verriß meines nächsten Buches. Er: wieso? Der wußte das natürlich gar nicht mehr, daß er alle Bücher von mir besprochen und verrissen hat, außer das erste, immer im Hinblick darauf, daß alle nichtersten nicht so geworden waren wie das erste. - Früher fand ich es eine ein bißchen anstrengende Zumutung, daß er in der persönlichen Begegnung die Erwartung signalisierte, daß ich ihn einen wahnsinnig netten, interessanten, interessierten und intelligenten Zeitgenossen finden sollte, der zwar alles, was ich wirklich mache, schriflich öffentlich scheiße findet, aber das sollte uns doch nicht hindern, einfach so bißchen locker und lässig gute Freunde zu sein, im unmittelbaren Umgang, wenn man sich zufällig mal so trifft. Bei Theos Geburtstagen saß man dann da so rum, und ich quälte mich ab mit dem Gefühl, gequält zu sein von der Frechheit dieser Erwartung, daß das Schriftliche doch auf einem ganz anderen Blatt stehe als das direkt Persönliche, davon dann auch noch ganz direkt belästigt zu werden, vom Herrn Siebler. - Dann habe ich mich irgendwann damit abgefunden, mit diesem Verfolgungs Zusammenhang, auch weil es ja keinem anderen Schreiber anders geht. Weil jeder von irgendsoeinem Immergleichen über all die Jahre hinweg immer wieder besprochen wird. Seither ist das Problem komischerweise weg. Er selber ist inzwischen beim Spiegel in so ein POSITION eingerückt. Für mittelmäßige Leute immer ein Segen. Die werden dann einfach netter dadurch, das Nervensägenmäßige geht weg, etwas fast Demütiges kommt. Sie wissen ja selber inzwischen, wie weit es her ist mit ihren Talenten, mit ihrem Können und Wissen. Wie das im Verhältnis steht zu dem ihnen von ihrer Postion Geliehenen. Sind das alles komplett asoziale Überlegungen? Es ginge eben darum, eine unnörglerische Perspektive auf all diese Schreiber Realitäten und Verhältnisse zu finden. Eine Darstellungsweise, die stimmt und gute Laune macht. Und trotzdem die ganze Melancholie der irgendwie immer irgendwie gescheiterten - IMMER? - GESCHEITERT? - was rede ich denn da? DEKONSPIRATIONE 1631 das Wunder ist geschehen: ich bin eben mit meinem Netscape Programm auf meiner Abfall Seite gelandet. ES GEHT! Ein kleiner kleiner Schritt für die Menschheit, ein riesen Schritt für mich. Wollte eben schon die LRZ-Hotline anrufen, um zu fragen, warum mein Netscape Programm den Host nicht locaten kann. Startete das Programm, und da ging es jetzt plötzlich. Wunder der Schöpfung. STEINZEIT DER ELEKTRONISCHEN WELT 1719 jetzt steht also der erste Abfall im Netz - beim Versuch den zweiten gleich hinterher zu schicken meldete das Programm in riesigen Buchstaben: Error: script http://www.suewestnet.de/rainaldgoetz/scripts/add.pl encountered FATAL ERROR okay, Steinzeit, immerhinchen geht es ja so bißchen 22 Zeilen 70 Anschläge Datum und Ort oben: weg Schlüßel unten: weg Einzug: kleiner auf Mitte: wie? 1857 eingekauft und Nachrichten gekuckt. Wie scheußlich das Ganze natürlich werden kann, wenn da dauernd auf die Art ins Blau dahergelabert wird. Andererseits geht es ja genau um diese Art von Dreck, absurderweise nochmal andererseits genau um ein FORM dafür. Es gibt ja nichts, was ich nicht sagen würde wollen, was ich denke, finde, tue. Die Frage ist nur, WIE kann es rauskommen, ohne zu nerven. Ohne forciert wahrhaftig zu sein. PRAXIS 1915 Anruf von Julian. Nochmal über die gestrige Arbeit. 2312 Fernsehen Das Grundnahrungsmittel. Hunger, Freude, Alltag, Reichtum. DIE SPIELER reichen sich die Hände tauschen die Trickots es muß niemand traurig sein es war ein großer Abend die SPD nannte dies einen Faschingsscherz EIN MANN VON 43 JAHREN 3.4 einen Moment lang ist alles Hoffnung Auftrieb, Energie, dann - fällt es aber auch schon wieder in sich zusammen KRANK 1155 hja es ist eine sehr komplizierte Situation aber ich denke es geht weiter meldet Franzsika Schenks Trainer, sie selber will natürlich sofort wieder im Sportstudio auftreten heute Abend, nach ihrem Sturz eben, merkt gar nicht, wie sie ihre komische Imagekiste da überreizt - oder spinn ich? 1448 Anruf von Bertram. Besprechung der Pläne für München. Der Auswahl zum Theatertreffen. Die Ästhetik der Baracke. Unsere Lage, unsere Probleme, unser Ding. Er beginnt damit: hast du zwei Minuten? - Klar. - Wenns schnell geht, dauert es dann zwanzig. - Und ich komme unter den Bedingungen dieser dauernden kleinen Unterbrechungsvorgänge einfach zu keiner richtigen geschlossenen, ruhigen Konzentration. - Erregung auch, weil Christian das Rave Manuskript natürlich doch wieder weitergegeben hat, entgegen allen Absprachen. KRANK 1452 Direkt danach Anruf von Tobias. Ob ich die Übersetzungen fürs Booklet sehen möchte? Nein. Ideen für die Gestaltung hätte? Nicht wirklich. Ich soll doch morgen vielleicht mal ins Büro kommen und einen Blick auf die Seite werfen. Gerne. Gemeinsame Freude am 'geht doch' im Textlein. 1514 so geht es auch nicht weiter: Liste der Anrufe: Referat des Besprochenen: Blödsinn, Quatsch, KRANK. hierzu ergibt sich kein Widerspruch und somit eröffne ich die zweite Lesung das sind immer wunderschöne Momente 1637 Sabrina Setlur, mit ihrer komischen Mundhaltung, hier im Freisein-Video: die Lippen ganz streng zusammengepreßt und aufgeworfen zugleich. Cool, böse, ernst. Aber natürlich nur als ausgedachtes Ding, angestrengt, so daß es ganz uncool und lächerlich wirkt, das Cool- und Bösesein. Der einzig aus dem 3P-Stall, bei dem das normal und echt rüber kommt, ist Moses Pelham selber. Die anderen MÜHEN sich da alle so ab, so gestört. 1712 jetzt also mit Christian telefoniert. Der Rave-Verrat. Regt mich so auf. Komme nicht zur Ruhe heute. Was ist bloß los in meinem Kopf? 1715 suche nach einer neuen Satzform ohne Einzug. Wohin mit den schönen Zeifziffern? Das Blättrige, Flattrige erhalten. Wie? Habe tatsächlich noch keinen einzigen klaren Gedanken gefaßt heute. Das nervt. Ist das krank? Ist das normal? Krank, krank, KRANK. ich will freisein nur freisein freisein nur freisein ich will frei sein Toller Track. Komische Melodie, catchy und strange, wie die S-Klasse-Hits davor, ein irgendwie wirklich NEUER Melodie-Style, finde ich. Tolle Sound-Welt von 3P. Mit allen Registern, konventionell, nach allen Regeln der Kunst der Sache, und trotzdem irgendwie eigen. Irritierend, angenehm. ein selten schöner Tag neigt sich dem Ende zu da gibt es in Hauptstädten eine alte Regel die besagt die die etwas wissen reden nicht und die die reden wissen nichts so begannen mit reichlich Geschunkel und Gesang die tollen Tage KRANK alles Walzer und viel Vergnügen MEER DES FRIEDENS 3.5 Freitag, 20.2.98, Berlin. Wachte mit gräßlicher Panik auf, wegen Zeit, Termin, Wirrnis der Verhältnisse, arbeitsmäßig praktisch völlig verlorener Woche, wildesten Umsturzphantasien für alles, Unglück, Hoffnungslosigkeit, Angst usw usw - und ich redete dann auf den Verrückten besänftigend ein mit den Worten: Meer des Friedens in mir mehr des Friedens Meer des Friedens in mir Meer des Friedens mehr des Friedens in mir Meer des Friedens und tatsächlich, als wäre man wirklich nicht ganz dicht, stellte sich wieder, wie durch die Ruhesuggestion mit der Atmung neulich, ein fast instantmäßig veränderter Geisteszustand ein, einen ersten Moment lang jedenfalls, dann merkte das Gehirn den Betrug, und die Panik schoß ganz ungehindert wieder hoch. Dann aber war, durch die kurze Erfahrung der Möglichkeit des Wechsels des Erregungslevels, der Freiheitsgrad gewachsen, anders zu empfinden, als vom Panikdiktat diktiert. Man sah eine Lernmöglichkeit, vernünftig zu werden und bemühte sich, die zu nutzen. Schwierig. Ruhe, Panik, Ruhe, Panik, Ruhe, Ruhe, Panik, Ruhe. Ruhe. Ruhe bitte. Bitte Ruhe. Ruhe, Ruhe, Ruhe, Ruhe. Dann auf. Und mit dem Computer gestritten. Mit Herrn Häberlen telefoniert. Gefroren und Kaffee getrunken. Und in Baden-Baden ist natürlich schönstes Frühlingswetter. Die gestrige Post an Konrad konnte wieder mal nicht zugestellt werden. Die Götter der STEINZEIT DER ELEKTRONISCHEN WELT wissen oder wissen auch nicht, wer weiß, warum. Finster, diesig, verhangen. LETZTER RITTER VON DER TRAURIGEN GESTALT 3.6 Das Meer des Herzens geht in tausend Wogen dichtet Arte in einer Sendung über den Sufismus Samstag, 21.2.98, der erste richtige Frühlingstag hier in Berlin. Ich räumte in der Küche, im Schlafzimmer, im Arbeitszimmer: Zeitungen, Zeitungen, Zeitungen. Las alles, was nicht - ja, ich weiß gar nicht, alles eben. Rolf Winter schreibt in der Woche über bunte Zeitungen und das neue Gesicht der Zeit. Herr Ott setzt in der Süddeutschen Zeitung seinen heiligen Krieg gegen Kirch fort. Was hat der füchterliche böse Kirch dem armen Herrn Ott angetan? Wir werden es nie erfahren. Auch Todesanzeigen müssen wieder auswendig gelernt werden. Thomas Assheuer über Celan bei Heidegger, vorgestern über das neue Handke Buch. Wie ich gestern an der Jungfernheide auf den Expreßbus wartete, kamen mir dann plötzlich Ideen zu einer Handke Besprechung, in der Assheuer Art, nur vielleicht noch schärfer in beide Richtungen: verstehend und kritisierend. Dann machte ich paar Notizen dazu, und spürte sofort, wie ich mich da wieder HEILLOS verrennen würde, wenn ich das wirklich versuchen würde, das darzustellen, was ich da dazu denke, finde, meine etc. LÄSCHERLISCH. Ich las Suicidels Artikel über das Suicide Heft von Benetton. Neulich haben sie irgendwo wieder gemeldet: die zweithäufigste Todesursache unter Jugendlichen. Ich las Beaucamp über Heisig. Machte Tüten: Abfall aus Abfall und Jeff Koons. Im Fernsehen kam Madonnas neues Lied FROZEN. Dachte, wie geil das ist: die lässige Luftigkeit des rhythmischen Basistracks, und dazu das Italo-Mafiafilm-Opern-Sentiment der Streichermelodie, und dazu ihr Gesang. Dann: als Idee fürs Stück. Was würde das heißen? So eine Struktur anzustreben? Was würde das in einem Theatertext heißen? Welches Formabstraktum sozusagen wäre diese Mischung ganz konkret? Dann schaute ich auf Vivas Videotext die Charts an, von 1 bis 100. Vorallem um zu kucken, ob Crash Course schon eingestiegen ist. Freisein steigt von 30 auf 28. Tom Novy, Superstar, auf 31. Missy Elliot, wo ich immer mitzähle, um zu hören, wann was wo kommt, und vor allem wo was NICHT kommt, um zu verstehen, warum das so FETT wirkt, obwohl so wenig los ist eigentlich, wie das GEMACHT ist. DER LUFTGEIST DER KRITIK, von Ulrich Raulff, hundertmal schon angefangen, immer wieder von einem Zimmer ins andere mitgezogen, über Günter Metken, 70. Dann zum 60. Geburtstag von Hödicke. Das ist die GRAUSAMKEIT der Faz: den Leuten schon zum 60. Geburtstag so einen Würdigungsprügel überzuziehen. Brutal. Dann blätterte ich in Allegra, im Sonderheft über "love & sex". Super vorallem der Editorial, mit der Fotogalerie der Macher. Besonders schön geworden: Harald Braun. Schaut es euch selber an, es ist mir fast zu mühsam, das zu beschreiben, er schaut einen jedenfalls an wie so ein Flatz für Arme, der Bart, die Brille, dann der Text: "Harald Braun ist bei Allegra für Kultur & Sex zuständig." Schöner kann man es doch kaum sagen. Zuständiger. Dann der erste Text von Stefanie Hellge, die mich mal bei einer Geburtstagsparty von Benedikt so koksmäßig überdreht angesägt hat, was ich voll lustig fand damals, total gestört. Dann las ich Wiglaf Droste als Christiane Sabinsen über irgendeine abstruse Unterlassungs Klage. Im Fernsehen: Narren ohne Ende. Eben küßte Herzog mit Narrenkappe eine Närrin, ganz fest, zweimal, oder dreimal. Toll war Tommy Ohrner vorhin, im Eröffnungsmonolog zur Jahressendung der versteckten Kamera. Bis in die Gestik und Sprachmelodie hinein hat er wirklich das amtliche Sonnyboy-Erbe angetreten, auf dem Gottschalk-Thron. Dann las ich den Brief von der Honorarbuchhaltung, z. B.: "-13 Expl. (3 verkauft, 16 remittiert)". Umgekehrt wärs schöner. Dann las ich, wieder in der taz, Eugen Fröhlbecks Internet Surfbrett über die Berlinale Netzadresse, nett, besonders der letzte Satz: "Desgleichen der Ton zuweilen." Dann rief Sigi an und sagte, ich soll endlich wieder nach München kommen. Das Wetter wäre so geil, schon die ganze Zeit, und ÜBERHAUPT. Dann schaute ich im Deutschlandbilder Katalog Bilder von Heisig an. Jetzt ist hier Feierabend. Ich muß nämlich noch bißchen LESEN. abgefertigt, ausgebeutet und erniedrigt GESPRÄCHE IN BAGDAD 3.7 Armut: man fängt an, mit zwei Fingern im halbvollen Staubsauger-Papiersack nach den Staubballungen zu tasten, ob man das Ding schon wegschmeißen muß, oder ob es eigentlich noch geht, gehen müßte, obwohl die Saugkraft schon so schwach ist, beim laufenden Staubsauger usw usw, und ehe man sich versieht, puhlt man da so konzentriert wollige Staubballen aus dem engen Staubansaugeloch, wie so ein Gestörter, total Kranker - wirklich Armut? Oder ist das nicht eher schon Geiz, Angst, Angstgeiz, totale Perversion? Kaputte Szene. Krank. Große Haushaltsoper, riesen Spaß. ich will lesen, arbeiten, allein sein fernsehen, reisen, mich bewegen frei ich will frei sein nur frei sein nicht die vom mündlichen Erzählen schon ganz abgeschliffenen, fertig gemachten Geschichten auftischen und verzapfen wollen, im Schriftlichen, im erzählenden Text, - aber eben umgekehrt auch nicht aus den finster geheimnisvollen Tiefen des ganz und gar STUMMEN der Dinge und den menschenfernen freien Höhen der Abstrakta her sprechen wollen - sondern so einen Mittelort suchen, wo das ausgesprochene Wort sensationell ist, Diskretionsgrenzen berührt, das Denken verändert, Bilder schafft und präzisiert - wo also die gesprochene Sprache als was Tolles erlebt wird, Vergnügen spendend, banal, alltäglich und doch sehr MÄCHTIG, aber nicht zu was Heiligartigem hinstilisiert wird, sondern in ihrer Gebrauchsgestalt sozusagen heimlich nur verehrt wird - und wo die Erzählungen im Mündlichen so Eichmesser und Naturalhorizonte sind für Klang und Stimmigkeit der schriftlichen Erzählungen - erzählen wie erlebt und erzählt ... PRAXIS entschuldigung - als mir Jüngers Siebzig verweht V eben vom Stuhl auf den Boden fiel - zum Buch, zu Jünger, zum Ganzen der Situation, in der ich ungeschickt war - und gleich danach versuchte ich eine Mücke, die mir zwischen Bild der Schrift am Laptopbildschirm und meinen Augen umhertanzte - die erste dieses Jahres - zu ERSCHLAGEN - mit den gedachten oder gesagten Worten: also DAS geht ja nun jetzt zu weit - zwei mal schlug, nicht sah, ob ich sie traf - und dann dachte: was war denn DAS jetzt wieder für ein Anfall? Wieso darf denn diese Mücke hier nicht bißchen vor mir tanzen? Was geht denn da zu weit? Wieso? Heute morgen, im Bett, beim Lesen im Jünger Buch: der Text war nicht tot und verriegelt, von der plötzlichen realen Leblosigkeitstraurigkeit - wie ich es bei den anderen Toden so stark empfunden habe: Warhol, Bernhard, Foucault, Heiner Müller - sondern plötzlich sogar viel freier, leichter, zugänglicher - eine Art offene Ruhe - total schön -ist das alles? -ja -neun Mark zwanzig bitte -bitte -und elf -danke -einen schönen Sonntag wünsche ich noch -danke, Ihnen auch -auf wiedersehen -wiedersehen im Zeitungsladen, und wieder hoch, mit: Bild am Sonntag (Modern Talking wieder vereint) BZ am Sonntag (Deutschland im Gold Rausch) Welt am Sonntag (Abschied von Ernst Jünger) Tagesspiegel (Robert de Niro auf der Berlinale) hatte die Brecht Umfrage der Zeit, irgendeine soundsovielte Seite dazu, schon zum Zeitungs Abfall gelegt gestern Abend, dann doch wieder zur Hand genommen und hoch getan, auf den Kühlschrank - und las da heute morgen, von Doris Schade, diesen wunderbaren Satz zum Problem: "Er will einfach, daß klug ein gutes Theater gespielt wird." Das wäre ihr Ergebnis ihrer Beschäftigung mit Brechts Theorien übers Theater. Genau, genau, genau, finde ich auch. Und sie fügt hinzu: "Doch scheint mir gefährlich, dies so genau zu beschreiben." Auch das stimmt ja. Hindert aber andererseits auch nicht, daß Leute wie sie diese Theorien lesen und genau RICHTIG verstehen wahrscheinlich. Und gefährlich ist auf eine Art JEDE Theorie, die von Praktikern und Nichttheoretikern gemacht wird, siehe oben, bzw unten. PRAXIS die MAROTTIFIZIERUNG des Stils: der "Berliner Anthropologe Friedrich Durkheim" berichtet in seiner Berlinale-Anthropologie in der taz wieder mal aus der Welt seiner Feldforschung - aber was gibts denn da zu meckern? Dagegen zu sagen? Es ist ja eigentlich interessant, es ist ja eigentlich ganz wunderbar, und was ich hier mache, ist ja im Grunde auch überhaupt nicht etwas so total anderes. Ganz abgesehen davon, wieviel ich selbst ihm verdanke, als er beim Merkur Redakteur war, dann bei Transatlantik. Wiederum andererseits hat er sich - aber ach, was solls - Ich finde nur, der einzige der so schlaff vor sich hinlallen darf, öffentlich, gedruckt, ist Harald Schmidt, der große Focus-Kolumnist. Ich lese das zwar fast nie, macht aber nichts. Harald Schmidt selber liest die Kolumne auch nicht, weiß ich genau, der schreibt sie nur schnell, im Taxi. Oder spricht sie gleich auf Band, während er am Kinderspielplatz auf der Bank sitzt, anstatt mit blöden Mitmüttern zu fraternisieren. Oder er pappt am Schreibtisch geistig bißchen Brainpool Abfall zusammen schnell. Wo die Kolumne so ein wurschtig amerikanischer Nebenzustand ist, nicht der gravitätische Ort der politischen Kämpfe wie bei Theodor oder so ein poetisch provinzieller Provinz-Poesie- Freiraum wie bei Frau Venusberg - entschuldigung Thomas. Letztlich geht es um den Status des GEDRUCKTEN. Wie locker man sich da machen will. Am besten natürlich unendlich locker. Bloß: was macht einen lässigen Lockerstil aus, was einen blöden, einen, der einen nervt? Wahrscheinlich irgendsowas Diffuses und doch Entscheidendes wie der geistige Duktus eines Menschen, des Schreibers, des Erzählers, des Menschen, der da in lockerer Weise und also ganz ungeschützt direkt zu einem spricht, schriftlich. Und da kommt dann Stil als Marotte ins Spiel: das heißt, wie schnell einen eine eigene Form nervt, die eigene Melodie abstößt, das sich im Nu Einschleifende anwidert, das bißchen Gekonnte einfach ankotzt. Daß man darauf einfach keinen Bock mehr hat. Daß einem das einfach zu hohl ist, fünfzehn Jahre lang da auf EINER Sounderrungenschaft rumzuturnen. Das muß einen doch komplett deprimieren, so eine Art Stillstand. Und genau diese Depression strahlt für mich das Marottöse des Sounds des "Berliner taz- Essayisten Friedrich Durkheim" aus - entschuldigung Herr Durkheim. PRAXIS in AUTOREN OHNE OHREN gestern, von 5 an: dauernd alle Nachrichten gekuckt, auf allen Sendern, um was von der Jünger Beerdigung zu sehen. Kamen dann sekundenkurze Beiträge. Man sah einen offenen Holzwagen, mit dem Sarg, wovon eigentlich gezogen? Von Pferden? Unten schwankte so ein Eimerchen. Bunte Uniformträger gingen daneben. Oder trugen die den Sarg? Ging alles zu schnell, wirklich nur Sekundenbilder. Und dann, Gipfel des Schwachsinns der Kameraleute: den komischen Teufel, den Ministerpräsidenten und noch so einen Politiker, die man eh dauernd sieht, die mußten jetzt hier also auch wieder als die fast einzigen Trauergäste länger gezeigt werden, dringend. Die Hohlheit der Leute vom Fernsehen ist wirklich absolut unübertroffen. Strafe, Haß, Niedertracht, böseste Wünsche und Verwünschungen. - Jetzt lese ich im Seite 1 Bericht der Welt am Sonntag. "Nach der Feier wurde Jüngers Sarg, begleitet von Abordnungen von Bürgerwehren aus Oberschwaben, zum Familiengrab auf dem örtlichen Friedhof gebracht. Dort liegen auch Jüngers erste, 1960 verstorbene Ehefrau Gretha sowie seine beiden Söhne Ernst und Alexander begraben." der fliegt wie ein Adler frei und verwegen das wollte er auch nannte sich ab sofort Falco Glockenläuten, 18 Uhr: PANIK, Angst, Horror. Verschissene Stadt. Terror der Kirche. Davor im Internet eineinhalb Stunden nach Jünger und Luhmann gesucht. Der resultierende Geisteszustand: totale WIRRNIS. Da ist lapprigstes Zeitungslesen und Zeitschriftenblättern ganz strenge Sammlung dagegen. Aua. Immerhin fand ich ein Luhmann Interview, das ich noch nicht kannte, aus dem sogenannten Sonntagsblatt, über das Medienbuch, wo er sagt: "Selbst daß Serbien und Bosnien überhaupt existieren, weiß Handke doch nur aus der Zeitung." Und schöne Sachen dieser Art mehr. SPONTANER JUBEL 4.1 Könnte das Herz denken stünde es still Stimmt ganz bestimmt nicht. Ganz im Gegenteil. Der Satz kommt von Joachim Kaiser, der sogenannte Fernando Pessoa hätte das gesagt. Was war oder ist der Mann von Beruf? Dichter wahrscheinlich. Die Grenzen des metaphorischen Sprechens; oder auch nur, daß ich daran keinen richtigen Spaß haben kann, weil das Material eine andere Sprache spricht, der Mensch, die Medizin, eine viel vernünftigere, reichere, ernstere, richtigere - für mich halt, klar. Kaiser war in London im Museum und war, bei ihm ein absoluter Sonderfall, weil er optisch ziemlich unterbelichtet ist, von einem Gemälde richtig angeschaut, betroffen, erschreckt, bewegt: ein sehr spätes Selbstporträt des sehr alten Bonnard. Ich notierte mir: Hamsun, Auf überwachsenen Pfaden, Altersaufzeichnungen, an die Kaiser sich von dem Bild erinnert fühlt. Aus dem ewigen Bildungsschatz des Feuilletons. PRAXIS aber mich interessiert immer noch DIE BOTSCHAFT DER STRASSE man kann nicht in die Geheimnisse von mehr als EINER Kunst wirklich eindringen - leider. Wie ich eben die Jeff Mills CD einlege und denke: schade, daß ich nicht mehr Musik machen kann - um wirklich zu dem Punkt zu kommen, ein Präzisionspunkt, der nur aus ununterbrochener Produktion hervorgeht - wo ich da Aussagen machen könnte, auf diesem Feld, in dieser Form, auf der Ebene DIESER Sprache - der Musik eben - und wie immer in dem Zusammenhang sofort an Achternbusch dachte - auch wegen der Fan-Besprechungen überall für seinen neuen Film (Eugen, Julian) - und es auch immer als eine Art BELEIDIGUNG der speziellen Kunstform empfinde, des Films also bei Achternbusch, der Malerei - wenn jemand, insistierend auf dem Dilettanten-Bonus und ja aber in Wirklichkeit (33. Film oder so) doch genau NICHT mehr Dilettant - sich einer Kunst nur so BEDIENT, ohne sie sozusagen zu erfüllen - ohne Respekt vor ihr, vor ihren Geheimnissen und Gesetzen, ihrer speziellen Wahrheit und ihren Weisheiten usw usw - nur so für sich - ANDERERSEITS aber natürlich - PRAXIS am nächsten Morgen unten am Fluß wir sind müde und abgekämpft wir frieren und wir sind hungrig MIT SCHWEREN SCHATTEN AUF DER SEELE 4.2 Dienstag, 24.2.98, sehr trüber Tag. Schrieb am Stück. Auf der Suche nach der dramatischen Ballung im ersten Akt. Gestern machte ich Korrekturen am zweiten. Heute kam dann wieder so ein komischer Poesieirrsinn dabei raus, anstatt Personal, Plot, Ballung, Konflikt. Trotzdem. Wie heißt es doch so schön in Rossini, aus berufenem Deppenmund da: Ich hab ein GUTES Gefühl. Genau. Ich auch. Ich hatte das Telefon ausgemacht, um mich besser konzentrieren zu können. Jetzt zeigte sich aber, daß der Faxapparat doch noch so leise schnurrt. Und wenn ich die Information erst mal HABE, gelingt es mir nicht, NICHT hinzugehen. Konrad hatte ganz früher auch schon immer die Position vertreten: wenn das Telefon läutet und man ist da, MUSS man hingehen. Gebot. Das fand ich immer als Prinzip gut, gegen meine Asseltendenzen. So bekam ich also doch Anrufe von Frau Tiedke vom Residenztheater. Und von Herrn Raddatz vom Schauspielhaus. Es geht um die Modalitäten der Rückzahlung des Geldes, das sie mir versehentlich zu viel überwiesen hatten: 15 000,- Mark zu viel. Ich hatte dann da bei Christian angerufen, am Freitag, und gemeldet: ich glaube, ich muß das leider melden: ihr habt mir leider bißchen zu viel Geld geschickt. Christian: du könntest es natürlich auch so machen wie Achternbusch, der statt 500000 Schilling versehentlich 500000 Mark von Österreich bekommen und dann auch gleich für den nächsten Film ausgegeben hatte, angeblich. Angeblich müßte man so was dann auch nicht mehr zurückzahlen. Das wäre dann quasi die Gespenst-Rate, die Zimmermann selig dem Achternbusch wegen Blasphemie vorenthalten hat. Oder wie war das? Ewig her. Romuald Karmarkar hat in der Süddeutschen Zeitung berichtet, daß sein Frankfurter Kreuz von den Berliner Berlinale Behörden nicht zum Wettbewerb zugelassen worden ist, praktisch kommentarlos. Da wäre er in Venedig besser behandelt worden. Und sein neuer Film wäre von der Förderkommission auch abgelehnt worden. Frechheit. Ein sogenanntes Originaldrehbuch von Bodo Kirchhoff, Deutsche auf dem Flughafen von Manila, mit berühmten Schauspielern usw usw. Irgendwie denkt man automatisch: wenn mal was gelungen ist, man sich so bißchen durchgesetzt hat, müßte es in Zukunft mit den neuen Sachen auch irgendwie leichter und besser gehen. Stimmt aber nicht. Die Erfahrung sagt was anderes. Es ist immer neu gleich schwierig, irgendwas realisiert zu kriegen. Und es wirkt immer bißchen komisch, wenn sich Leute darüber beschweren, daß sie schlecht behandelt werden, nicht ihrem Status entsprechend gewürdigt würden. Mit jedem Erfolg öffnen sich Türen, und gehen gleichzeitig auch welche zu, aus Trotz, zum Ausgleich, einfach so, aus Zufall. Fallen aus Zufall zu. Ja. Macht doch nichts. Muß doch nicht alles immer nur immer besser werden. Es wird halt vielleicht besser UND schlechter meistens, oder? Oder ist das der totale Schwachsinn? PRAXIS Stimmt: Krausser fällt mir dazu auch ein. Er jammert darüber, in September war das glaube ich, daß der Lektor so komisch distanziert oder desinteressiert auf sein neues Buchmanuskript, die Callas-Story, reagieren würde. Immer was anderes zu tun hätte. Nicht erreichbar wäre. Nicht zurückrufen würde. Und ich immer denke, daß das so ein Zielpunkt für das Sozialprozedere als sozusagen freier Schreiber wäre, daß man das immer einzurechnen versucht: diesen riesen Unterschied, daß die anderen alle in ihren Institutionen und Sozialmaschinerien sitzen, in den Redaktionen und Verlagen, Dramaturgien und Agenturen. Und man selber einfach nur so bei sich, allein, daheim. Auch DESHALB ist es so wichtig, dann und wann in diese anderen Außenproduktionsstätten reinzugehen, als unsereiner, um das da wirklich mal mitzukriegen: wieviele zig und hunderte Sozialkontakte, Einzelereignisse, Zerstreuungsmomente und Entscheidungssituationen da jeden Konzentrationsakt durchschießen und überlagern, durchkreuzen, grundieren und mitbestimmen. Daß das wirklich TOTAL andere Vorgänge des Produzierens von Entscheidungen und Produkten sind, als eben die in der Stille der Klause der Schrift des einzelnen Schreibers usw usw. PRAXIS als erstes zerstören wir ihre Augen und Ohren hatte in Spiegel TV vorgestern lüstern der amerikanische Kriegsspezialist gemeldet und dabei auf die Karte des Irak gedeutet. Wahrscheinlich aber kommt es jetzt doch anders. Ich war dann gleich wieder ganz dabei, im Theatre of War, wie 91, in London. Die Berichterstattung darüber, was geschehen könnte, schafft so eine Gier, daß irgendwas dann auch wirklich geschieht, IRGENDETWAS, ganz egal was. Und ich rede da nicht von irgendwelchen anderen Deppen, sondern von mir selber. Sofort springt die Irritation an: wie asozial, kaputt oder normal ist so ein Reaktionsgefühl. Großer abstrakter Moralprozeß, von der Art wie man ihn in der Kindheit dauernd gegen sich führt, im Inneren der Emotionen und Intuitionen. Jeder für sich, gleichzeitig bei ganz vielen. Unio Mystica der planetarischen Events. Vielleicht habe ich auch nur bißchen zu viel Jünger gelesen gerade. Tschuldigung. they don't know what it is but they enjoy all the pleasures of it POLITISCHE PLANUNG 4.3 das Denken des Herzens: badum badum seine Sprache: badum badum sein Tun: badum badum sein Wollen, sein Streben, sein Sein und sein Glück: badum badum badum das ist das Herz: Herzschlag solange es lebt KRANK Abends. Schwer. Mittwoch, 25.2.98. Gestern in der HdK bei einem Brecht-Abend. "Käte, du sollst blau tragen". Am Anfang hat der Slapstick genervt, nach einer viertel Stunde fand ich es ganz toll. Das Komische, Parodistische, hysterisch Überdrehte wurde so eine extrem vielfältige, reiche Palette. PRAXIS Im Internet war ich auf einen Luhmann-Aufsatz zum GEWISSEN gestoßen, dessen erste Seite ich mir ausdruckte. Das klang so toll. Dann suchte ich in den Bänden der Soziologischen Aufklärung, ob der da abgedruckt ist. Ich dachte, ich hätte auch Band 1 da, den fand ich aber nicht und landete dann in Band 3 an so einer Altlieblingsstelle, aus einem Aufsatz von 1979, wo es um Wissenschaftssprache geht, Seite 176: "Zum Schluß noch eine Bemerkung: Ich denke manchmal, es fehlt uns nicht an gelehrter Prosa, sondern an gelehrter Poesie. Wissenschaftliche Theorien haben einen eigenen Weltstimmungsgehalt, den sie selbst (bei allem Einbau von Selbstreferentialität) nicht formulieren, vielleicht nicht einmal wahrnehmen können. Die so unzulänglichen Versuche einer politischen Interpretation der 'eigentlichen' Aussage von Theorien zeigen diesen Bedarf nach einer Zweitfassung an, ohne ihn angemessen befriedigen zu können. Vielleicht sollte es statt dessen für anspruchsvolle Theorieleistungen eine Art Parallelpoesie geben, die alles noch einmal anders sagt und damit die Wissenschaftssprache in die Grenzen ihres Funktionssystem zurückweist." PRAXIS Weltstimmungsgehalt Parallelpoesie Dann schrieb ich ein einen Brief und brachte ihn zum Briefkasten. Dann rief ich bei Herrn Häberlen an, und er sagte, der Fehler wäre behoben. am Ende war das Wort hatte es vorgestern in dem Schwab-Porträt geheißen. Der Film war von 1994, kurz nach seinem Tod gemacht, ich hatte den damals schon mal gesehen. Das Schockhafte, empörend Vitale seines Todes, das damals so stark war, ist jetzt natürlich weg. Es war dann nur noch komplett ABSURD, daß jemand sich so wegsaufen muß, vor der Zeit. Ein Fehler, ein Unsinn, ein Blödsinn. Viel sinnloser, als direkt danach kam es mir vor. Ganz seltsam. Er selber war in den Interviewszenen wirklich supersympathisch, hell, fast grazil, obwohl der Kiefer bei ihm so derb und kantig geschnitten war. ich will wissen was für ein Mensch ich bin warum ich so aggressiv bin soll der sogenannte GEWALTTÄTER RUNG laut Spiegel zum Psychiater gesagt haben, der ihn begutachten sollte, auf eigenen, auf Rungs Wunsch. Später hat sich der Psychiater erhängt. Vielleicht auch ein anderer. ein widersprüchlicher Moment der Wahrheit Stille gefühlsintensive Momente sind keine Seltenheit wie Lachen, Weinen oder auch Erinnerungen stand als Schrift auf dem Bildschirm, während man eine fast nackte, sehr weiße Frau sich von einem indischhäutigen Muskelmann sich massieren lassen sah. Und der turnte dabei so auf und an der herum. ZIELLOS MUSS DIE STILLE WACHSEN 4.4 trüb ist gar kein Ausdruck Donnerstag, 26. Februar 1998 Herr Doktor Wobbe erzählt beim Blutabnehmen von einem von ihm sogenannten Neger, den er im Fernsehen gesehen hätte, der am Kopf oben eine riesige klaffende unversorgte Kopfschwartenschnittwunde gehabt hätte - Illustration dafür, daß es woanders anders zugeht - allgemeine Schlußfolgerung aus der Beobachtung, daß manche Leute mit ihren Autos von ganz weit her auf unseren Straßen rumfahren würden, die wären in einem absolut gemeingefährlichen Zustand, auch das wäre im Fernsehen gekommen neulich - Assoziation dazu, daß man ja irgendwelche Regeln wohl schon braucht, im Straßenverkehr, sonst wird es für alle zu gefährlich - Abschweifung dazu, daß die Prozedur zur Wiedererlangung meines Führerscheins sich ja schon ganz schön in die Länge ziehen würde, oder? - Ich sagte nur, ja genau, Wahnsinn. Und er redete dann da so los, von hier nach da. Ich nickte dauernd, ganz seiner Meinung. Nebenher lobte er meine Venen. "Aber das wissen Sie ja sowieso." - Um viertel vor acht kam ich in die Praxis, da saßen etwa sechs, sieben Leute vor mir im großen Wartehallengang, das beste Wartezimmer, das ich kenne, weil zentral, groß, mittig, offen, und um sieben nach acht war ich schon wieder oben in der Wohnung. Perfect Wedding. VERSCHISSENE STADT. Debattenfeuilleton Professionalisierungsschwelle Worte, an denen Argumente hängen würden. Ich denke dann nur immer oder manchmal: dauernd dieses blöde Argumentieren, ist doch eh klar alles. DEKONSPIRATIONE. "Zuletzt triumphieren die Viren." Behauptet Sascha Anderson im Zeit-Magazin. Ich glaube, er denkt, es ist ein Gedanke, ein Befund, eine Prognose, ganz was abgeklärt Illusionsloses, der kühle klinische Blick, Diagnose: "Zuletzt triumphieren die Viren." Aua. Wirklich die Viren? Nicht wir, nein, die Viren. Ich glaube zwar, daß wir, die wirren, wirmäßig wirigen Menschen-Wire, nicht die Viren triumphieren. Aber der Dichter läßt sich lieber so bißchen vom Reim verführen. Eigentlich ja total okay. Nur: ich glaube, er merkt es nicht. Er nennt unser Jahrhundert, auf Sorokins Frage hin: "besonders schäbig". Schäbig. Auf den Begriff muß man auch erst mal kommen, für dieses Jahrhundert, in dem doch die Schaben wahrscheinlich eher das kleinere Problem waren. Und wäre es nur bißchen schäbiger gewesen, bißchen weniger großartig und herrlich und unschäbig. Aber soll man SO die Sprache befragen? Es passiert eben dann, wenn jemand selber eine Sprache verwendet, die was signalisieren will, die so einen leichten Stich ins Ausgefallene, Gewählte, und für mich dann gleich natürlich auch scheußlich Prätentiöse hat. Botho Strauß ist ja auch so ein Fall, in den essayistischen Sachen. Wo ich immer denke, der merkt das gar nicht, der hört das gar nicht, wie bullshittig, eklig, schief und schlicht und einfach auch ganz schlecht sein Deutsch ist. Der maßgebliche Artikel dazu von Michael Maar, der heißt doch so?, damals beim blöden Bocksgesang - allein dieser Titel, er will mir kaum durch die Finger, über die Lippen, während ich hier tippe. Nur das Problem: Sprachkritik bei anderen fördert unweigerlich Sprachaufmerksamkeit bei einem selber. Und das ist für den Schreiber einfach nicht so richtig gesund. Das macht einen fertig, wenn man auf die Sprache zu achten anfängt. Ich komme mir schon vor, wie der komische Herr Gremliza selber. Entschuldigung. Ich mache das nie wieder. PRAXIS alles riecht - Heraklit - Klitkritik - Regale in Aufruhr. Dabei habe ich noch nicht mal die extra aus München neu mitgebrachten Bücher ausgepackt. Ich wollte die Schallplatten im Arbeitszimmer wegräumen, weil die Sonne auf die immer so böse stichig draufbrennt. Es war zwar total diesig und ultratrüb den ganzen Tag lang. Trotzdem. Räumen, schleppen, packen. Das System meiner Tüten, die immer irgendwo anwachsen, unauffindbar werden, dann werden neue angelegt, ähnliche, gleiche. Dann funktioniert die Ordnung wieder kurz, dann wuchern sofort die neuen Zeitungsmassen darüber hinweg, urwaldmäßig. Ich beruhige mich mit dem Gedanken, daß ich zwar nicht weiß, warum ich das tue, dieses Aufheben, Ordnen, Beschriften, Rumziehen und Bändigen, daß es mich aber während ich es tue einfach BERUHIGT. Wie das kritzelnde Notieren, im Kino, im Theater, beim Fernsehen. Es ist absurd, es kommt etwas Unverwaltbares dabei raus, aber es wird Erregung und Unruhe abgebaut, komischerweise transformiert in Kummer. Dem beuge und füge ich mich eben. Andere müssen ja auch Arbeiten machen, die sie absurd oder sinnlos finden. Punkt - Loch - Kugel - Kreis - schön krank wir sind hier live in der Stadthalle in Bremen Ich glaube, Nena ist komplett betrunken. Die torkelt da rum, voll hysterisch. Die Grand Prix Vorausscheidung beginnt. Mit Guildo Horn, der war gestern auch bei Harald Schmidt gewesen. Behauptete, 35 zu sein. Das war ein geiler Moment, weil man nicht klar sehen konnte, in dem ganzen Gestörtheitstheater, das er dauernd aufführt, ob er von der Frage jetzt wirklich irritiert war, Irritiertheit gespielt hat, oder eben überhaupt nicht irritiert war. Ich hatte mich das noch nie gefragt, wie alt er ist. Plötzlich kam es mir vor, daß er doch vielleicht eher 42 oder 43 ist als 35. Darauf eine Nußecke. Das Publikum bei Harald Schmidt tobte, er ging auf die Knie, küßte papstmäßig den Boden, zum Dank. Machte eine Rolle vorwärts. Konnte sich kaum auf Harald Schmidt konzentrieren, völlig obsessed von seiner eigenen Mission im Moment, von sich selber. Harte Suppe. ich bin auf jeden Fall im Grand Prix Fieber es macht hier riesen Spaß und es ist toll dabei zu sein ich glaube das ist sicher das Größte was man sich vorstellen kann die Musik ist pure Leidenschaft und Bauch die Qualität der Musik wird absolut phantastisch sein Ich machte vormittags Notizen für den 1. Akt. Und schrieb am Nachmittag die Pennerarie für den 3. Dann Essen, Zeitungen, Fernsehen. So leben wollen. Und das zugleich unendlich traurig und falsch finden. WAHN ALS DYSFUNKTION NEURONALER NETZE 4.5 another gray day. Freitag, 27.2.98, Berlin. Dichtet die englische Sprache so? Wahrscheinlich nicht wirklich. die Klage konnte nicht zugestellt werden weil sich die Bewohner verbarikadiert hätten, im letzten besetzten Berliner Haus, deshalb wurde es jetzt geräumt. Ich mache da weiter, wo ich gestern aufgehört habe, und hebe einzelne Blätter des Zeitungsteppichs in der Küche vom Boden auf, schaue was drauf steht, lese paar Überschriften, versuche schnell zu wissen, ob ich das noch brauche, und habe Gerd Schulte-Hillen in der Hand. Gruner und Jahr läuft super. Foto von Christian von Alvensleben. Das Gespräch führte Axel Schnorbus. Einer dieser Porträt-Sach-Artikel aus dem Wirtschaftsteil der Faz. Ich kann mich an der SPRACHE dieser Bosse nicht satt hören. Neulich in Focus auch, so ein Hoechst-Manager. Ich übertrage die Effizienz- und Aufwand- Nutzen-Metaphorik immer automatisch auf die Produktionsprozesse und -Probleme im künstlerischen Bereich. Es wird alles mit so komischen klaren und doch blumigen Worten beschrieben. Vorallem aber schafft die ewige Ungewißheit, wie über die Entscheidungen der Mächtigsten da letztinstanzlich von der letzten Macht selbst, vom großen rätselhaften Unbekannten, dem geheimnisvollen unberechenbaren Souverän, dem PUBLIKUM, am Markt, entschieden wird, entschieden werden wird, entschieden worden ist, - so eine irre Mischung aus Spekulation, Demut, Überheblichkeit, es immer schon gewußt haben, stumpfesten Ausreden und stolz geschwellter Brust. Deswegen DRÖHNEN diese Typen immer so. Auch das Prollige, das die meistens so an sich haben und ausstrahlen, gefällt mir natürlich. Das so ganz definitiv, entschieden und offensiv UNFEINSINNIGE dieser Welt. Saufen, Sex, Geld, Zahlen, Macht. Das schaut mich an, wenn ich dieses schöne Foto sehe und den Typen reden höre, dröhn dröhn. Bei der Berliner Zeitung setzt der Verlag konsequent auf Qualität. Super. Wir hatten eben alle gedacht, da geht es jetzt ganz konsequent um unterstes Niveau. NEIN. Um Qualität. Ach so. Natürlich. Vielen Dank für das Gespräch Herr Schulte-Hillen. DEKONSPIRATIONE 1452 ich habe ein Messer das ist so bissig vor dem habe ich Angst sogar beim Abspülen, ja so oft hat mich das schon geschnitten da das ist MEIN BESTES MESSER natürlich, klar hast du vielleicht auch so ein Messer? KRANK 1527. Dann war ich also einkaufen. Hatte vormittags von Herrn Häberlen einen Anruf bekommen, daß der Süwestnet-Zugang, über den ich die letzten Tage auf meine Seite konnte, jetzt wieder GELÖSCHT wäre. Aha, sehr schön. Kann man nichts machen. Ich machte dann mit neuen und alten Abfällen rum. Dann änderte ich wieder alle internen Einstellungen in meinem Netscapeprogramm, die ich mit Herrn Häberlen zusammen letzte Woche alle auf Südwestnet umgestellt hatte, zurück auf Leibniz Rechenzentrum. Schritt für Schritt. Probierte, ob ich rein komme: ja. Danke. Meine Seite war von dort aus aber natürlich immer noch nicht erreichbar. Anruf bei der LRZ-Hotline. Ja, nein, unerklärbar. Kann man auch nichts machen. Der Server aktualisiert sich automatsich, jeden Tag, spätestens jede Woche. Kann man die Domain vielleicht direkt, sozusagen von Hand eingeben? Nein. Daß er sie einmal und dann dadurch vielleicht immer weiß? Nein. Das geht also nicht. NEIN. Ich sage Ihnen doch, es geht nicht. Da kann man also gar nichts machen? Nein. Aha, das ist ja schade. Ja. Aha, schade. JA. War dann natürlich echt genervt, der Typ. Tschuldigung. Gut. Dann wieder bei Herrn Häberlen angerufen. Entschuldigung, Herr Häberlen. Lange Erklärung, was das Leibniz Rechenzentrum via Hotline so zu melden hat. Große Ratlosigkeit. Ob ich vielleicht da in der Domain-Zentrale anrufen kann, direkt, ob man die Domain vielleicht noch mal anmelden kann oder muß oder was? Ausgeschlossen. Da müßte man die erst löschen, dann wieder anmelden. Dann käme da vielleicht sogar noch wer oder was dazwischen. O je, um Gottes Willen, bloß nicht. Und jetzt? Hm? Tja. Ä. Aber vielleicht könnte ich den Herrn Haubrich anrufen, bei Südwestnet, der das da alles verwaltet, vielleicht weiß der noch irgendeinen Rat oder Ausweg. Wunderbar, vielen Dank Herr Häberlen und einen schönen Tag noch. Ihnen auch. Gut. Dann da angerufen. Supersympathisch und freundlich: der Herr Haubrich. Stelle mich vor, erläutere mein Problem. Ja, er erinnert sich, die wäre doch schon ewig angemeldet, mindestens fünf Wochen, die Adresse. Genau, das dachte ich auch. Er sagt dann, er schaut mal nach, in der nationalen Vergabestelle für Domainnamen in Frankfurt. Sein Computer rödelt und lädt sich das runter, er sagt, daß dauert jetzt bißchen, und gibt eine Megabytegröße an, die da jetzt schnell geladen werden muß. Schreibung des Namens, ei, ai, oe, mit Bindestrich, ohne. Und dann, Wunder der Technik, Zauber der Forschung, sagt er: aha, ja, registriert und erreichbar. Jetzt sehe ich das Problem. Er sieht das Problem, Jubel. Er erklärt mir, was ich so schnell nicht verstehe, sie hätten ein anderes sogenanntes Formular ausgefüllt, das wäre ihr Fehler gewesen, würde sofort korrigiert, heute Abend würde es dann auch funktionieren. Bin absolut begeistert. Ob heute, oder morgen. Oder in zwei Tagen. Ganz egal. Wenn es nur überhaupt ein irgendwie lokalisierbares Problem war, lösbar. Bedanke mich tausendmal beim netten Herrn Haubrich und hupfe danach hysterisch euphorisiert durch die Wohnung. Entschuldigung, Leute, ich weiß. STEINZEIT DER ELEKTRONISCHEN WELT 1559. Ascan ruft an. Er kommt morgen um 5. Wir treffen uns in der Galerie, danach bei Max. Ob ich die Schlick CD dabei hätte. Nee, scheiße, die ist in München. Er hat ein komplettes Studio im Laptop, wir könnten die Schlick-Nummer jetzt machen. Ohne Schlick natürlich schlecht. Tja, hm. Aber er soll den Computer doch trotzdem vielleicht mitbringen, dann könnten wir endlich den Track für die Tüte machen, den wir schon ewig zusammen machen wollen. Okay, er schaut mal. Er hat sich den Sonntag frei gehalten. Wunderbar. Dann ich natürlich auch. Bis dann. die Fans in Ekstase und der Meister gibt ihnen alles der Anbruch einer neuen Zeit Guildo Horn hat irgendwie überzeugt der Meister er vertritt Deutschland beim Grand Prix Zugaben, Andacht, Sanftmut das entschied heute die russische Regierung 46. POLITISCHER ASCHERMITTWOCH IN BERLIN 4.6 Regen Sa 28.2.98 Interview: aber man schreibt doch eh, als Schreiber. Also wozu? Aber man will eben Zugriff auf Regionen, Orte, Positionen und Äußerungsweisen kriegen, die einem sonst und so nicht direkt zugänglich sind, am Schreibtisch, allein. Fiktive Gespräche, erfundene Interviews sind ja auch die Hölle. Andererseits zerstört man dadurch in sich Motoren und Energien. Es ist auch was pervers Asoziales dabei, sich irgendeinem Fremden so intim zu öffnen, im Geistigen, wie das bei guten Interviews geschieht, was diffus Promiskues. Ich rede ja auch wie so ein gestörtes Heimkind auf jeden gleich wild und im Grunde herzlich ein, wenn mich wer irgendwas fragt. Danach Scham, als lächerliches, blödes, aber auch ganz richtiges Gefühl. Vor allem von seiten der Interviewer her hört man das immer wieder ganz deutlich durch: ich habe sie alle gehabt. Die Willemsen-Perspektive auf die Welt, nur mit Arafat will er noch, oder hat er schon? Gestern mit Sophie Mautner. Die Art der Fragen von dem Typ sind so scheiße, so wahnsinnig widerlich. Wobei Fernsehen ja noch mal ganz was anderes ist. Ausgangspunkt hier war ein Spiegel Interview mit Günter Grass, das ich bei den Hamburger Krieg- Papieren, die ich morgens umräumte, hatte. "Triumphieren nicht gelernt" meldet die Überschrift triumphierend. Dieser faszinierende Lallfall Grass. Jetzt mit Metainterview neulich: nie mehr Interviews. Wie Frau Jelinek, von der ich mehr Interviews gesehen, gelesen, gehört habe, als auf eine Kuhhaut geht, nicht ohne daß jedes das LETZTE war, oder das ERSTE seit Jahren, weil sie keine Interviews mehr gibt, geben wird, seit ewigen Zeiten keines mehr gegeben hat, außer die zehn von vorgestern, aber die gelten nicht. Warum? Weil, ja, das war doch nur für die Emma, das war doch nur im dritten, das war doch nur der Stern. Verstehe. - Richtig Spaß haben die Interviews gemacht, die wir als Merve-Mix-Band für das Interview-Büchlein gemacht haben, Westbam und ich. Danach will man nie mehr allein interviewt werden, das kommt einem irgendwie läppisch vor. Als Gang, Team, Band auftreten. Wenn man was zusammen gemacht hat. Das Soziale des zu Präsentierenden hat in der Interview-Situation seine Entsprechung, das paßt. Und das allein in der Stille Gemachte, soll man dann da auch so bißchen in Ruhe lassen und auf stillere Art wirken lassen. - Trotzdem habe ich schon wieder jede Menge geile Ideen für neue Interviews gesammelt. Alles für nach Heute Morgen. PRAXIS ja so etwas muß auch Platz haben in einer Unterhaltungssendung 1429 Sturm grelle Sonne Düsternis in fliegendem Wechsel als wäre es April KRANK Beim Einkaufen gewesen am Leopoldplatz, mit dem Brief. Zu Fuß hin, zu Fuß zurück. Gehen und Denken. Gestern hatte ich unterwegs in so einer kleinen Weddinger Trashbuchhandlung (Reise, Kochen, Gesundheit, aber auch ein Tisch mit Kempowskis Bloomsday und Ortheils Faustina, und sogar ein Regal mit Taschenbuch- Biographien und geisteswissenschaftlichen Resten) eine kleine Geschichte der antiken Philosophie gekauft, erschienen in einer neuen bunten Reihe bei Beck, von Wolfgang Röd, Innsbruck. Ich glaube, das ist der Typ, bei dem Clemens ganz viel gehört und studiert und gemacht hat. Am Hinweg las ich in der Einleitung, sofort so wohltuend geflasht von diesem philosophie-geschichtlichen Altsound. Immer wieder neu muß das auferzählt werden, für mich jedenfalls, wie das war, mit dem Denken und den Mythen, in der Menschheit Jugendtagen. Zwischendurch blätterte ich im Party Boy, das Oswald Buch, das ich mir nach kurzem Zögern jetzt doch gleich gekauft habe. Das war direkt da an der Kasse ausgelegen. Von solchen Werbemaßnahmen lasse ich mich besonders gerne führen. Kauf mich! Kauf mich, bitte! Stimmt, wieso nicht, gute Idee. Am Rückweg hatte ich dann so ein Geratter im Kopf zu: Rücksicht Außenorientierung Kontrollterror Asozialität blindes Agieren, fassungslos Geratter heißt hier: aus dem diffusen Denkgefühl, das halbdeutlich immer nebenher irgendwie mitläuft, wie die Gleichgewichts-Wahrnehmungen oder so, stakten plötzlich ganz kohärent präzise Gedanken heraus, bißchen anstrengend, wichtigtuerisch, die mir neu waren, mich aufgeregt haben, sehr schnell gingen und mir gerade zu hin-und-her-mäßig verwickelt waren, um sie unterwegs schnell zu notieren. In Alexa Hennig von Langes Relax, fällt mir bei dem Wort Geratter eben ein, heißt Rattern Sex alleine, der beste Ausdruck, den ich dafür je gehört habe. Da geht es dann auch dauernd darum, das ist so geil. Große Huporgie, unten, auf der Straße. Das gehört hier zum guten Ton. Bloß nicht aussteigen und irgendwo läuten, um Bescheid zu geben, daß man da ist. Ganz oft ganz laut hupen. Man selber ist ja schließlich auch auf der Welt. Oder hast du was gegen Ausländer? Hast du Meinung? Wichtig ist auch, daß man das Auto mitten auf der einspurigen Straße stehen läßt, daß sonst niemand mehr vorbei kommt. Dann ganz langsam, wenn sich genügend Wartende und Hupende hinter einem aufgestaut haben, auf das Auto zugehen, nachsichtig nicken, in-der-Ruhe-liegt- die-Kraft-mäßig ums Auto rumgehen, wenn nötig die Wartenden noch bißchen beschimpfen und läßig und wichtig in seinen tollen schwarzen BMW einsteigen, brumm brumm. Anlassen, aufheulen lassen, abzischen. Und warum auch nicht? VERSCHISSENE STADT KLEINE GESCHICHTE DER ANTIKEN PHILOSOPHIE 4.7 Ich freue mich so an den gelben Tulpen, die ich gestern endlich gekauft habe. Die jetzt in meiner Asselküche auf dem Kühlschrank stehen. Kriegt man so ein mädchenmäßiges Rohmer-Welt-Gefühl davon. Da bin ich erst im Frühjahr 91 drauf gekommen, in London, daß man sich auch als Mann Blumen kaufen kann, für den eigenen Flat. Daß das was Freundliches und Tröstliches hat. Ich schaue beim Speichern auf meine RADIO CONTROLLED Elite Uhr aus dem Münchner Kaufhof am Marienplatz, kneife die Augen zusammen und - ja, fuck, es ist soweit: der März ist da. 1.3. SON 7:49. Steht da. Gott o Gott. Himmel hilf. Sonntag, 1.3.98, Berlin. 1326. Anruf von Ascan. Der kommt jetzt dann her. Gestern erst die Kippenberger Bilder in der Galerie angeschaut, dann Herold im Café Adler getroffen, zurück zur Galerie. Mit dem Taxi zu Max. Dort ein richtiger EMPFANG in der neuen Wohnung, richtige GESELLSCHAFT, große offene Räume, fett. Mit Raffael über Kungfu geredet, mit Ascan über Politik und Musik. Nach zwei Stunden war ich KOMPLETT erledigt und fuhr wieder heim. Unterwegs wieder weiter im Partyboy Buch. Daheim Gottschalk und Konsorten bei Wetten daß. Zu k.o. um Fersehen zu schauen. Beziehungsweise: schauen ging schon noch, aber jeder Ton Sprache war zu viel. Auf Videotext: Bayern hat daheim gegen Köln 0-2 verloren. Dann gegessen und dann kam eine ganz ruhige Architektursendung im BR. Neue moderne Holzhäuser für den sozialen Wohnungsbau. Dann kam im WDR ein absolut irrer Dokumentarfilm über Polizeieinsätze in Köln während der Karnevalstage. Eine neue Art zu feiern: Leute grundlos zusammenschlagen, verprügeln oder gleich niederstechen. Hast du mich angeschaut? Bin ich schwul? DEKONSPIRATIONE DER GROSSE ARCHITEKT LE CORBUSIER schreibt DIE ARBEITER singen göttlichen Segen herbei Protestschund gibt es ja genau so und genau so viel wie ZUSTIMMUNGSKITSCH. Bloß der nervt irgendwie mehr. Der kreischt greller. PRAXIS bislang bestreite ich jede Schuld ja so weit die Prognose hier der Gewinner ist also die SPD noch eine Frage als Niedersachse an Sie wie haben die Arbeitslosen gewählt ich mach einfach mal weiter ich tu jetzt so als ob die noch da wären die letzten Hochrechnungen erscheinen übrigens immer am unteren Rand des Bildschirms das sind Szenen die man selten gesehen hat UHL WILL AGGRESSIVE BETTLER ZUR ARBEIT ZWINGEN 5.1 Neue Bücher, neue Woche, neues Glück. Montag, 2.3.98, Berlin. Gestern Abend gab es noch Schnee. Das ist doch absurd. Helmut Krausser, Thanatos The Making of Bandits, Eine Collage vom Bandits-Team Peter Handke, Am Felsfenster morgens Sibylle Berg, Sex II Knut Hamsun, Auf überwachsenen Pfaden In der Reihenfolge ihres gekauft worden seins. Kiepert sei dank. Ja, diese Buchhäuser, vorallem natürlich der Hugendubel am Marienplatz in München, Thalia in Hamburg, diese geilen Bunker und Tempel des Geistes, eigentlich Party locations. Wie die Leute im Hugendubel auf den Treppen am Boden und in Sitzecken da abhängen und Comics und sonstwas blättern und auch ganz konzentriert lesen. Jedem gefallen andere Geheimnisse. Mir eben die des Geraden, zum Beispiel in der Musik. Gestern baute Ascan hier also sein zehn tausend Mark Powerbook auf, was heißt aufbauen, stellte es hin, stöpselte den Strom an, und los gings. Das telefonisch angekündigte Studio inside war dann leider aber nur eine 303 Rebirth. Ich will aber die Musik, die ich mache, bitte auch SEHEN, nicht nur eingeben und knöpfchenmäßig an den Sounds bißchen rumspielen. Ascan wollte ausprobieren, ich konstruieren, also rhythmische Verdachtsorte belegen und DANN erst kucken, wie sich das anhört. Nicht einfach irgendwas drücken. Wobei dann in einem Fall genau die Kombination der Gegensätze natürlich doch gerade wieder einen geilen Effekt brachte. Musik machen: Zusammen machen. Alle fünfzehn Minuten muß Ascan aufstehen und sich von der wahnsinnigen Anstrengung erholen. Ich ging ihm leider gleich wieder derart auf die Nerven, daß er davon noch zusätzlich erschöpft war. So kam es auch nicht mehr dazu, daß wir unser kleines Layout noch schnell hintereinander weg arrangieren konnten. Nur der Titel steht natürlich schon fest: NIGHTCRAWLERS. PUSH THE FEELING ON. Das hatte ein Derrick- Lookalike auf der Insel neulich auf so einem T-Shirt stehen, diesen Text. Da wären Ascan und die Pudels so abgebrochen, der Typ hätte das dann mitgekriegt und wäre voll rot geworden. Franka Potente. Die muß natürlich auch mitspielen, in unserer NEUEN DEUTSCHEN KOMMÖDIE. Nur wegen dem Namen. Die tauchte heute im jetzt-Magazin auf und auf einer Einladung zu irgendeiner Lesung, die ich zugeschickt bekam aus München. Geil auch die Einladung zu 'Des Künstlers Hirn' in Bonn: Messer, Pinzette, Säge, Skalpelle, Meißel und Hammer, vermutlich Pathologie, und ein halbes Gesicht. Gesponsert von: Thomapyrin. Wir wünschen viel Vergnügen, mit einer Lesung von Sascha Anderson. ich kenne keine Gnade bei Protesten gegen mein Regime unterdessen warnte ich den Westen davor in den Konflikt einzugreifen mir wird sexueller Mißbrauch von Schülern und Mönchen vorgeworfen ich habe bis heute zu den Vorwürfen geschwiegen was man mir vorwirft habe ich nie getan Massenimpfungen werden erwogen ich habe sogenannte ERINNERUNGSFENSTER Zitat und jetzt gibt es Kulturzeit und da geht es um den Regisseur Schlingensief einen schönen Abend noch das bricht alle Rekorde Gestern, in der Bild am Sonntag, das Gesicht von Barbara Eligmann. Acht Millionen Einschaltquote, oder so. Für mich fast so anziehend wie Sabine Christiansen. Wie soll das je was werden, mit den eigenen Sachen? ich begrüße nun im Studio Doktor Erwin Scheuch auf jeden Fall eine Kultur die anspruchslose Wärme anbietet RAUS RAUS RAUS ALKOHOL MÄNNER DROGEN ICH BIN SO WILLENLOS DAS IST SO GEIL 5.2 Mit dem Bauch nach unten liegen aufgeschlagen die gestrigen Bücher ums Bett, zwischen den Zeitungen. Ernst Jünger, Georg M. Oswald, Knut Hamsun, Sibylle Berg: "Zu deutlich ist der vorangegangene Geschlechtsverkehr erkennbar." Seite 14. Sex II. Im Buch hinten, ha ha, heißt es, daß sie in Weimar geboren ist. Ich hätte nach den Kolumnen immer auf so einen mittleren Vorort von Saarbrücken oder Paderborn oder so was Ähnliches getippt. Dienstag, 3.3.98, Berlin. Immer noch bei ausgestelltem Telefon, wie letzte Woche, wo ich dann aber auch wirklich im Stück jeden Tag einen entscheidenden Schritt weiter kam. Die IDEE Paul Weller finde ich so toll, also die Gerüchte, Geschichten, Fotos, sogar immer noch den Style, die ganze ewige Fortsetzungsgeschichte - bloß die MUSIK nervt so brutal. Das ist natürlich bitter, bei einem Musiker. Weil ich eben die letzte Platte noch mal aufgelegt habe, Heavy Soul. Ich halts kaum aus, seine schwere Seele. Gesucht habe ich ursprünglich nach Bob Dylans MIND, weil in Detlef Kuhlbrodts Berliner Ökonomie ein Anfang Vierzigjähriger Kiffer, der den ganzen Tag kifft und Zeitungen liest und sich durch das Heizen mit Briketts furchtbar genervt und an der sinnvollen Entwicklung seiner Produktivkräfte gehindert fühlt, nicht nur tagelang über manche Zeitungsartikel nachdenkt, sondern auch "viel" über Ovid und gerne Songs von Bob Dylan hört. Von Ovid habe ich noch nie eine Zeile gelesen. Vor dem hat mir allein wegen Ransmayer immer schon so geekelt. Obwohl Wolli auch oft gemeldet hat, er liest Ovid, das wäre ganz toll. PRAXIS 1206. Kommt ein Fax vom Goethe Institut in Tokio. Wegen des Termins für die Flüge. Ich rufe sofort dort an, ob Herr Wernhard zu sprechen ist. Die japanische Maus: nein, es ist hier acht Uhr. Ich: Ich weiß, aber ich habe eben ein Fax von ihm bekommen. Sie: Ich weiß, ich habe es geschickt. Ach so, alles klar. Bitte sagen Sie ihm, daß ich ihm wegen des Termins noch eine Mail schicke. Dann Anruf bei Max, ob er den genauen Termin von Ascans Eröffnung in Los Angeles weiß. Ja, also, hm. Moment. Am 22. Ist das totaler Irrsinn, dieser Plan? Ist doch scheißegal. Andere Leute hättens immer gerne GEMÜTLICH. Ich hätte es gerne sauber, frisch, leer, poliert und unpersönlich, wie in richtig guten Hotels. Wohlriechend natürlich, hell, weit, offen, leer, immer wieder neu. Jeden Tag alles frisch bezogen, frische Handtücher, frische Wäsche, frische Luft. Ha ha ha. Bin ich ein Kind der 80er Jahre? Wie ich in meinem voll angesifften Schlafzimmer, im vom älteren Bruder geerbten Drecksteppichboden knöcheltief in den Papieren stehe. Herr, gib Schatten. Der traurigste Brief, der gestern in der Post aus München dabei war, kam von der Uni. Rückmeldetermin verpaßt, ich könnte mich aber noch mal rückmelden, einfach durch Überweisung "unter ausschließlicher Verwendung der den Studienpapieren anhängenden Überweisungsformulare". Die aber habe ich irgendwo zwischen München und Berlin verloren, bei dem dauernden Hin und Her. Ich frage mich dauernd, wie andere Leute das machen: Beruf und Haushalt. Gottseidank hat man wenigstens keine Scheißkinder. Bei Durkheims, wo alles so intellekutell und toll ist, macht alles die Frau, ganz traditionell. Und er sitzt als Pascha da und schwadroniert rum und kennt sich aus. Streichelt den Hund, spricht mit der Katze. Auch super. Das Studium. Was war das für eine irre Freude, vor 6 Semestern, die Neuanmeldung in Soziologie und der Plan, noch mal richtig scheinemäßig auf Abschluß hin zu studieren, mit allem Scheiß. Aber dann merkte ich, daß ich neben der eigentlichen Arbeit her NICHT WIRKLICH etwas so ganz anderes auch noch machen konnte, nebenher. Ich kriegte keine richtige Motivation zustande. Ich fuhr immer in dieses große rote Mietshaus in der Konradstraße in Schwabing, hatte da Erledigungen und fand alles ganz toll. Aber ein richtiges Studium kam eben doch genau nicht mehr zustande. Im letzten halben Jahr habe ich dann auch innerlich und endgültig kapituliert. Ich bin KEIN Student mehr. Ich finde das total blöd, aber es ist so. Ich bleibe lebenslänglich Student, habe ich immer gedacht, einfach weil ich ALLES Studentenmäßige immer so geil gefunden habe. Die Uni, das Lernen, das Sinnlose und Sinnvolle, diese Lebensfiktion, das Ganze einfach. Nicht wirklich zu wissen, wozu und wieso und warum. Und doch genau das dann ganz konzentriert betreiben, das Ziellose. It's over. 1321. Ich rief in der Baracke an und fragte nach Herrn Hillje. Der Dramaturg neulich, der Herr Ebert hätte zu mir gesagt: es gäbe Shoppen und Ficken als Buch, bei Rowohlt. Ich kriege das nirgends, die haben das gestern bei Kiepert in ihren Computern nicht gefunden. Ja, nein, da müßte ich im Rowohlt Theaterverlag anrufen, die schicken einem das dann zu. Ach so, das habe ich ja noch nie gemacht. Ob er mir die Nummer geben soll. Gerne. Es würde jetzt aber auch im März Heft von Theater Heute erscheinen. Ach, das ist ja noch besser. Bis bald mal, vielen Dank. Und ein HOCH auf Mercedes, die die Baracke sponsern. 1421. Brief an Herrn Wernhard. Langes Telefon mit Herrn Häberlen. Den Neuaufbau der Seite besprochen. Wenn es so würde, wie ich es mir denke, wird es so GEIL. wirr und lapprig 1530. Streiten mit dem Mailerdämon. Unzustellbaren Mails. Nichtlokalisierbaren URLs. Draußen brutaler Regen. Abfall Telefone Faxe Lektüre Büro 1718. Wieder daheim. Alles trieft. Und der Gestank der Feuchtvariante des aufgeweichten Hundekots überall. Dabei spitzen an allen Sträuchern die grünen Blättchen hervor, aber ohne für mich fühlbaren Frühlingsflash. So stelle ich mir das Heimweh irgendwelcher Aussiedler aus Rußland oder Auswander nach Amerika vor. München, mein Mädchen. Luft und Duft. Knospe, Frühling, Jugendzeit. DER SÜDLÄNDER 2224. Sie nennen es Feierabend. Klingt doch gut. Ich öffne den Abfall. Notiere das letzte. las aß fernsehte dämmerte duschte trank Tee schrieb am Stück dann war Feierabend das klingt gut KRANK Korrekturen am Abfall Namen beheizen und dennoch sei die Truppe verunsichert doch darunter versteht jeder etwas anderes UND HIER DIE ANGEKÜNDIGTE UNWETTERWARNUNG 5.3 es geht nicht um Stunden es geht ums Lauschen es geht ums Gehör es geht um die Ohren die Stille die Worte den Klang ihrer Musik irgendwie geht es um Ordnungen es geht um den Fluß des es geht es geht KRANK Heute ist Mittwoch, der 4. März 1998. Berlin. Der Himmel ist diesig. Die Uhrzeit ist 12 Uhr 54. Ich wasche dunkle Socken, ohne Vorwäsche, mit 40 Grad. Die Nacht war unruhig, gejagt und rastlos ging es dahin, schwitzend. Dann Tiefschlaf, zwischen 7 und 9, Wohltat. Ich räumte in der Küche Zeitungen weg und machte Notizen in verschiedene Richtungen. Geriet quasi absichtlos rein ins Schreiben am Stück. Und hatte neue Ideen für PRAXIS. Dann kam die Sonne hervor, jetzt. Seit heute Morgen riechen die Tulpen in der Küche nach Blüte. Blumen, die Boten des Todes. Brüderlein Schwesterlein sprich Dann kam Regen. 1604. Handke will "verehren können!", mit Ausrufezeichen natürlich, am Felsfenster morgens, auf Seite 530. Aber: "Aber ich kann fast niemand jetzt Lebenden verehren. Liegt das an mir?" - Ja, Schatz, das liegt an dir. Einer meiner auch sofort ganz sacht auf Sand gelaufenen Gesprächsanfänge beim Empfang neulich: Habt ihr auch gelesen, Christian Klar soll noch elf Jahre im Gefängnis bleiben, frühestens 2008 frei kommen? Nö. Aha. Das stand in der taz gestern. Hmhm. So so. Hart, oder? Hja, also. 1928. Wieder daheim, schwer bepackt. aber der Pfeil auf dem Buch von Peter Handke ist nicht von Walter Pichler sondern von Peter Handke selbst und damit zu Walter Pichler ZUSTAND ist kaum noch ein Ausdruck. Fascho Nazi Angeber Bürokrat ich will mich dazu aber nicht konkret äußern ich forderte von der Universität das Einverständnis zur Zerstörung des Buches ich lehnte die Forderung ab ER HAT KEINE VISIONEN ER LIEST ZEITUNG 5.4 Donnerstag, 5.3.98. Sturm. Welche Formen gibt es noch? Oder eher: gibt es denn wirklich irgendwelche NICHT mehr? Das gegenständliche Porträt, den Roman, die E-Musik-Oper. Den Stummfilm gibt es ja nun nicht mehr. Wobei ich das eigentlich gar nicht so genau weiß. - Der Punkt ist: die meisten Deklarationen zur Gegenwart und Befunderhebungen am Status der Zeit und die daraus gefolgerten Konsequenzen sind eigentlich eher - nee, anders: es wird immer so locker auferzählt von den Aktualitäts-Beobachtern, was die Gegenwart gebieten würde. Und mir kommt das immer sowohl ohne wirklichen Blick auf die Vergangenheit vor, wie ohne jegliches Verstehen der Gegenwart. Der Witz ist vielleicht, daß genau das schon der Fehler ist: sich als BEOBACHTER der Gegenwart zu sehen. Daß das genau der Unterschied zur Vergangenheit wäre: daß man die nur beobachten kann, die Gegenwart aber selber nur sein kann, leben muß. Und daß das genau das Anstrengende und Schwierige ist, die Zeit mehr oder weniger einfach durch sich durch zu lassen. Für die Gegenwart kann man sich nicht INTERESSIEREN. Die Gegenwart ist ein Zerstörungs- und Erschöpfungsvorgang in einem, dem man ausgeliefert ist, sich hingibt, der man dadurch WIRD. Und von da aus ausgehend geht es immer um Vergangenheit, die Schwierigkeit, die FERNE des Vergangenen wirklich zu erkennen, zu sehen, zu verstehen. Wie es damals war. In dieser geistigen Arbeit verglühen alle blöden, läppischen, zu kurz gedachten Gedanken über die Gegenwart. Und die Konstruktion der Vergangenheit positioniert einen zurück in die Gegenwart, aus der heraus man natürlich agiert. Klaro, Banalität. Aber der Ausgangspunkt: durch diese Entfernungs-Bewegungen werden alle direkten Beobachtungen der Gegenwart gebrochen, problematisiert, fraglich, entdirektifiziert. Als Beispiel: daß man aus Foucaults Untersuchungen zum XVII. Jahrhundert vielleicht mehr über die Zeit der 1960er Jahre erfährt, als aus Roland Barthes Mythen des Alltags über die ausgehenden 1950er? Falsche Zuspitzung, Idee richtig. Nochmal der Hauptpunkt: Ich hätte absolut keine Lust, eine sogenannte Novelle zu schreiben, allein das Wort ekelt mich schon so sehr, wie vielleicht nur noch das Wort: Stories, oder gar Short Stories. Aber ich zweifle überhaupt nicht, daß irgendwer, den diese vom diesem Wort vorgegebene Formphantasie so richtig kickt, eine vollamtliche sogenannte Novelle würde schreiben können, heute. Eine wahrscheinlich bessere, als irgendein blöder Tieck, oder wie hießen oder heißen diese klassischen Novellenheinis? So wie Kippenbergers Leidensmann-Zeichnungen auf Hotel-Briefpapier jetzt schon, weniger als ein Jahr nach seinem Tod, völlig jenseits der Frage stehen, ob man so gegenständlich realistischen Direktheitsschund denn überhaupt machen könnte noch, heute. Ja. Und wie. Man konnte, er jedenfalls konnte es. Es gilt, es stimmt. Und ist vielleicht eine stärkere Fassung der Gegenwart, als eine Installtionskasperei von - nee, andersherum: ist etwa so toll, wie eine Realmercedes-Installation von Vito Acconci. - Alles, weil ich in der Berliner Zeitung einen Artikel zum 90. Geburtstag von Balthus las. Oder Janssen, der wirlich ALLEN Leuten, die ich kenne, als das absolut ALLERLETZTE gilt. Oder Hochhuth, der - nur weil er so ein komisch bürokratisches, fast schon außerzeitliches Theaterformat für seine Texte im Kopf hat und vielleicht auch weil er ausschaut wie der Sparkassenfilialleiter von Niederenslingen, aber wie schaut eigentlich Schirrmacher aus? - sich da kürzlich von Schirrmacher genauso blöd ankübeln lassen muß wie von dem ultrablöden Willms. Mit hämischen Bemerkungen, denn er war also der angeblich einzige Autor, der auf der Beerdigung von Jünger war. Aber das gilt ja nicht bei ihm, als wäre ausgerechnet der nun genau KEIN Schriftsteller. Oder eben Hrdlicka, dessen geschundener Vitalismus vielleicht scheußlich ist, aber wieso ist so völlig klar, daß es keine gegenwärtige Kunst sein kann? Nur weil Beuys abstraktere Räume geöffnet hat, für Plastik? PRAXIS Der Sturm, der gestern über Deutschland ging, hat eine bisher nie gesehen STAUBWOLKE aufgewirbelt. Die Staubwolke verdüsterte die Autobahn. Die Autofahrer wurden dadurch blind, es kam zu einer mittleren Massenkarambolage. Hier, in meinem Zimmer, hat dieser Sturm Blatt für Blatt Manuskript angeweht, für das Stück. Ich saß einfach da, und tat, was ich immer tue, und schrieb. Und das Haus wackelte und alles ächzte. DER SÜDLÄNDER Treibstoff. Zur Arbeit. Trinkerprosa. Kokainkunst. Bei Musikern finde ich alles okay, aber bei allen anderen ist doch JEDE extern induzierte Beseitigung von Hemmnissen und Schwäche und Mutlosigkeit: ein Fehler, falsch, zerstörerisch für die Arbeit. Gerade auch der Abbau der EINSTIEGS-Schwierigkeiten ruiniert irgendwie die ganze Motorik. Ich habe noch keine wirklich GUTE Drogenkunst gesehen, keine gute Alkoholikerproduktion. Man kann weit weg abtauchen müssen oder wollen, in diese Welten und Erfahrungen. Aber um davon berichten zu können, muß man ganz zurückkommen in die Nüchternheit. Zeig mir ein Gegenbeispiel, wenn ich irre. - Weil alle immer vom Lockermachen und sich Lockertrinken fürs Schreiben erzählen. Oder, härtestest Beispiel, von dem ich neulich hörte, vom Fitkoksen fürs Malen. Mit flatternden Kiefern, zitternden Händen. Sich nach der Arbeit wirr saufen: mein Ding eigentlich. Da stehen, trinken und dem Gemachten hinterherträumen. Mir im Moment vom Staat allerdings verboten, wegen Führerschein. Seit der Ibiza Reise mit Sigi, nach der Love Parde letztes Jahr: keinen, wie es heißt, Tropfen Alkohol mehr getrunken. Harte Suppe. Danke, Staat. PRAXIS Ich konnte wieder nicht schlafen gestern nacht, nach Harald Schmidt, Zeitungen, Hamsun. Machte das Licht wieder an und las weiter im Krausser, wo Johanser jetzt bei den Verwandten in Niederenslingen angekommen ist. Dann las ich weiter im Buch von Frau Venusberg, wo sie Maxim Biller beschimpft, und Geschichten, die ich schon aus der Kolumne so ähnlich kannte. Sie hat einen Wunsch frei, wünscht sich ihre Angst weg. Dann geht alles ganz schrecklich den Bach runter, ohne Angst. Schlimme Sache. PRAXIS Zum zu bearbeitenden Projekt: das Ein-Satz- oder drei-Sätze- oder eine-Seite- Postulat: man muß in einem Satz, in drei Sätzen, auf einer Seite erklären können, was man da beabsichtigt. Was das werden soll. Was das Projekt IST. Form, Thema, Art. Die Art meint: den Sound, die Stimmung, den Grobappeal. Wird sich alles später natürlich noch ändern, wird sich präzisieren. Aber im Projektstatus sollte es einem zunächst mal ganz genau vor Augen stehen. Thema: Was Schönes? Was Scheußliches? Die enttäuschte Frau. Oder nicht doch eher: Jahrzehnt der schönen Frauen? Wie fremd? Wieviel Wissen hat man? Das ewige Phantasma der genauen Recherche. Simmel und Arno Schmidt, doch nicht unbedingt. Vorhin im Kaisers: eigentlich komisch, daß man fast am schlechtesten über Gedanken denkt, die man früher selber mal gedacht hat - dachte ich - dann: stimmt ja gar nicht - dieses bekannte: Elche, selber welche: nein, empfinde ich anders: am meisten nervt doch was anderes - und ich dachte dabei an Frau Venusberg - nämlich dieses absolut AUSGELEIERTE, einfach ZU OFT Gehörte dieser Gedanken, Postionen, Gereiztheiten, Urteile, Weltsichten, die Altheit dieses ganzen Stumpfsinns - weil ich an Leute dachte, die das lesen und dauernd sich denken: ja, ja, genau. Und mich dann wunderte, daß ich selber offenbar zustimmen will, aber bei keinem einzigen Satz da zustimmen kann. Und dann: daß nicht das nicht zustimmen können nervt, denn man will gar nicht ZUSTIMMEN, sondern schockiert werden, überrascht werden, was Neues hören, eine Wendung erleben, die einen umhaut usw - sondern eben die Altheit, Ausgeleiertheit, die Verbreitetheit und Platitüdizität dieses ganzen Scheißes hier - ja genau, so ist das - du lachst ja gar nicht? PRAXIS Das vorhin verlangte Gegenbeispiel wäre zum Beispiel direkt doch Kippenberger selber, oder? Außerdem natürlich alle Leute, die Sachen ZUSAMMEN machen, in Redaktionen, im Theater. Alle, die irgendwas mit Humor machen. Titanic oder Brainpool ohne Alkohol und Kiffen wäre wahrscheinlich so lustig wie das Buch "The Making of Bandits, das Buch von Bandits-Team". NEUE DEUTSCHE KOMMÖDIE ja so gehts zu beim Making of The Making of ERFOLGREICHSTER REGISSEUR ALLER ZEITEN 5.5 Freitag, 6.3.98 Es gibt auch eine Art der Güte aus DESINTERESSE. Alles dreht sich eh um einen selber. Andere erreichen einen gar nicht. Wenn doch: freundliches Nicken, Nachsicht. Ja ja, sehr schön. Ich denke zum Beispiel daran, wie Christian die Arbeiten seiner jeweiligen Freundinnen fördert. Die werden total zutode bewundert und gelobt, völlig maßstabslos. Was man als Freundin dann mit der Zeit natürlich merkt. Dann wirds bitter, bißchen schal und mühselig. Andererseits hat das eine absolut vernünftige lebenspraktische Seite, und Christian hat auf die Art über die Jahre drei große Freundschaften hingekriegt. - Und die andere Variante, mit dauerndem Ernst und dauernder Debatte und dauernd Blutbad, Wahrheit und Gemetzel: da ist man dann eben in dieser kafkaesken - entschuldigung - Briefe-an-Milena-Welt - oder wie diese Kafaka-Verlobten alle heißen. Jedes Detail eine Oper, Terror, Horror, Überwachung, AUFMERKSAMKEIT. Da ist dann Interesse am anderen wirklich da. Bloß wird der andere davon schlicht erwürgt, erstickt, gemordet. Wiedersehen, das wars dann. Toller Urlaub, dankeschön. JAHRZEHNT DER SCHÖNEN FRAUEN Stimmt: Kraussers Johanser zum Beispiel bemerkt ganz trocken, wie er hört, daß seine Frau das Malen aufgibt und eine Galerie aufmachen will, er hätte eh immer gedacht, die Bilder seiner Frau wären scheiße. In Kraussers eigenen, ja immer so leicht geschraubten Worten: "Konrad begrüßte den Entschluß - er hatte immer vermutet, daß ihre Bilder nichts taugten". Begrüßte, vermutet, taugten. Vor allem dieser letzte daß-Satz-Konjunktiv ist natürlich besonders schön geworden. PRAXIS Ordnungsphantasien. Die aber leider immer gleich so leicht ins Psychotische lappen. Gehört auf irgendeine Art trotzdem zum Prozeß der Produktion. Bloß wo wirds wahnhaft? Mathematik und Psychose, Musik und kosmischer Universal- Bezugsirrsinn. Daß man von ORDNUNG wirklich fasziniert ist, dazu muß es eben sehr WIRR zugehen im Inneren des Kopfes. Es erscheint einem dann Ordnung als die LÖSUNG, als etwas Beruhigendes und Sanftes. Andere fühlen sich davon nur terrorisiert, reglementiert, eingeengt. - Weil ich heute morgen mit Herrn Häberlen sprach, und mein völlig simpler und logischer Zeitbaum-Aufbau für diese Abfallseite hier sich als ganz verrücktes, unrealisierbares Irrsinnsprojekt darstellt. In der Größenordnung von mindestens 50,000.- Mark. Was? Ja!, nein, echt. Kein Witz. Von 50,000.- Mark an aufwärts, realisierbar ist ja alles. Das kostet dann cirka 250,000.- Mark. Ein Wahnsinn also. Aha, na gut, dann mach mas halt anders. Anders wärs schön, aber so gehts auch. Tag für Tag. PRAXIS Hier noch mal kurz eine geraffte Zusammenfassung der eben mit Herrn Brock für die Abfall Seite besprochenen neuen Details. Also, man wählt sich ein. Es erscheint die Seite des letzten Eintrags. Dabei lädt der Computer alle Tage der laufenden Woche. Unten, am Ende der Seite, erscheinen diese Tage mit den ausgeschriebenen Namen der Wochentage. Jeder dieser Tage hat eine interne Ordnungsziffer aus drei, durch Punkte getrennten Stellen. Die letzte Stelle gibt den Wochentag an, die mittlere die Woche und die erste einen 'Monat' aus sieben Wochen. Für den heutigen Tag ergibt sich nach meiner Zählung die Ordnungsziffer: 1.5.5 Klickt man auf das Zeichen ALT erscheint der Tag vor dem, den man gerade sieht. Klickt man von MONTAG aus auf ALT wird die ganze Woche davor geladen. Und man landet auf dem Sonntag vor dem Montag. Umgekehrt kann man sich mit NEU wieder nach vorne, Richtung Gegenwart bewegen. Ob sich aus dieser Anordnung auch Zugriffsmöglichkeiten ergeben, die in der Zeit SPRINGEN, muß noch besprochen werden. Ob man also beispielsweise von der Woche 5 direkt in Woche 2 zurück springen könnte. Das wäre natürlich wünschenswert. Man könnte sich dann innerhalb dieses eigentlich ja sehr simplen Zeitbaums ganz einfach und schnell bewegen. 1854. MADNESS IN MY MIND Ursache des Unglücks war vermutlich zu hohe Geschwindigkeit sollte ich weitere Teile meines Gedächtnisses wiedererlangen würde ich dies dem Ermittlungsrichter sofort mitteilen es geschah in elf Sekunden GEDENKTAG ZU EHREN VON JOHANNES JANSSEN 5.6 Traurig und erschöpft, schon um halb elf vormittags. Nach Stunden mit alten Zeitungen, wie gestern Abend, und wirr von lauter interessanten Artikeln. Draußen tröpfelt der Regen. Samstag, 7.3.98, Berlin. Ich möchte einen Gedenktag zu Ehren von Johannes Janssen einrichten. Er wird im Impressum der FAZ als der für "Graphische Gestaltung" Verantwortliche genannt. Ist die FAZ wirklich die am schönsten gestaltete Zeitung auf der ganzen Welt? Bis ins letzte kleine Sportergebnis hinein: ein Wohlanblick. Schrifttypen, Seitenaufbau, Fotos, Blätterspaß des Ganzen. Einfach perfekt. Es muß ja einer da sein, der jeden Tag neu sagt: nein, die Bilder werden bei uns nicht umrahmt, mit einem egal wie feinen schwarzen Rahmen. Nein, wir machen keine Freistellung von Köpfen oder ganzen Körpertorsos. Nein, wir schreiben unsere Bildtexte nicht in die Bilder hinein, sondern drunter. Wir machen das alles einfach ohne blödes Kasperletheater, wie es sich gehört und angenehm ist und schön ausschaut fürs Auge. Fertig. Wobei es ja auch wiederum nicht plakativ ultrasparsam oder ideologisch wie ein Springer-und-Jacoby-Arbeitszimmer wirkt. Einfach normal aufgeräumt. Und ich stelle mir vor, daß das dem Auge und Hirn dieses Herrn Janssen alles entspringt, letztlich. Mit dem würde ich gerne mal ein Interview lesen. Gibts wahrscheinlich sicher sogar schon längst irgendwo. Oder es wird genau in diesem Augenblick geführt. Weil all das eben hier Gesagte sich ja ix andere Leute im gleichen Moment auch denken. Wenn einem plötzlich auffällt, daß einem ein bestimmter Name schon öfter und immer wieder aufgefallen ist, als interessant, toll oder speziell doof, wird einem auch die komische Art plötzlich bewußt, wie da all die Namen von Schreibern, die man die ganze Zeit liest, im eigenen Kopf so halbbewußt verwaltet werden. Wie oft fragt man sich: wer spricht? Wer schreibt denn das? Wer hat denn das geschrieben? Von wem ist denn das? Kurzer Blick, zack, gespeichert. Weiter, weg. Nächstes Ding. Und wie dann da, im Grunde über Jahre und Monate hin, um bestimmte Namen so ganz ungeordnete Vorstellungen agglutinieren. Man denkt sich nicht dauernd ganz präzise: zu dem denke ich das und das. Den finde ich so und so. Das sind ja alles mehr so Urteilsanmutungen, eher als wirklich Urteile, die einem ganz präzise vor Augen stehen würden. "Andreas Schäfer": ist das jetzt der, von dem ich neulich über - was war das nochmal, hat der nicht diesen Artikel über das Mouse on Mars Konzert geschrieben? Über den Blixa Bargeld Auftritt? Über das Wildenhein Buch? Oder verwechsel ich den? Wie hieß der nochmal gleich? "Christian Geyer". "Andreas Bernard". "Jürgen Kaube". "Thorsten Schmitz". Oder Schmidt? In diesem Stadium, bevor einem das Profil eines Schreibers so ganz klar ist, hat man auf eine Art am meisten Spaß an den Texten. Man ist beim Lesen überrascht, denkt sich, Mensch, ist das gut, und freut sich am noch neuen Wiedererkennen: ach der ist das wieder. Ist ja toll. Auch die ganze Indirektheit, Verborgenheit, die Verdecktheit, über die ein Text ja das Charakteristikum seines Autors mitteilt, gehört zum Vergnügen dieser beim Zeitungslesen dauernd so nebenher und halbbewußt gemachten Entdeckungen. Am Schluß hat man dreckige Hände und kriegt ein Automechaniker-Gefühl, nicht wirklich, aber so bißchen. Der manische Zeitungenleser ist auch ein glücklicher Mensch, nicht nur ein melancholischer. FÜNFTE KRAFT WIEDER IM GESPRÄCH 5.7 Sonntag, 8.3.98. Regen. Schon wieder Regen? Ja. Immerzu Regen. Und! Wie wars? Wie war die Woche? Was macht die Liebe? Die Karriere? Der Beruf? Wie WAR die Woche denn? Kann mich schon kaum mehr erinnern. Arbeitsmäßig gut, also gut. 5 CDs gekauft, von denen mir keine einzige gefällt (Radiohead, Boa, sogar die Madonna LP, mit den ausgeleierten William Orbit Techno Sounds haut mich extrem wenig vom Hocker, leider. Bleibt Frozen, die Single, wo ich auf all die Extramixes auch gut hätte verzicht können. Und dann noch Air, mit praktisch eingebauter und mitgelieferter Brechreizautomatik), tolle Ausbeute also, für 130.- Mark. Depp. Gut, weiter. Die Bücher: Krausser: toll. Noch angenehmer zu lesen wäre es, wenn man nicht dauernd im Hinterkopf hätte, daß irgendwo in den Tagebüchern, wo er Thanatos Korrektur liest, die Selbsteinschätzung empfunden, festgehalten und eben leider auch mitgteilt wird: wird BLEIBEN. Ja, okay, gut, kann sein. Wird vielleicht bleiben. Hat irgendjemand was anderes behauptet? Oder was? Wo ist das Problem? Das heißt: vom Autor selber will man so etwas nicht so gerne hören. Ich jedenfalls nicht. Das ist mir irgendwie zu intim, da ekelt mich. Gut. Dann ä. Sibylle Berg, wie gesagt. Handke, natürlich toll. Prügel. Buch zum Leben, zum Streiten. Und dann, das absolute Highlight: die Kaiser-Empfehlung: Knut Hamsun, Auf überwachsenen Pfaden. Erschütternd, rührend, leicht. Ganz toll. Langsam lesen, und alte Menschen dadurch völlig neu verstehen. Das ist für mich Feuilleton: so eine Empfehlung bekommen. Out of nothing. Durch was sonst hätte ich jetzt auf dieses Buch kommen sollen? Wichtig auch, in der Allegra, auf dem Titel, groß: Wir müssen dringend über Sex reden Okay, Schatz, wenn du es sagst. Wenn wir SO dringend darüber reden müssen. Dann muß es halt wahrscheinlich total dringend sein und wir müssen über Sex reden. Was sagst du? Wie bitte? Verstehe kein Wort. Geil war auch so eine supergemeine Kernerkritik in der Faz, nee!, die war in der Süddeutschen: Kerner wäre vorallem für Leute ohne Fernseher ganz toll. Die müßten Kerner nicht kucken. Kerner ist für mich der Erfinder des Wortes "löffeln". Noch öfter und noch penetranter als seine Nettigkeit hat er ja verkündet, er und seine Freundin, bla bla. Zärtlichkeit. "Löffeln". Finden das andere Leute normal, daß einem so einer so etwas einfach ins Gesicht sagt? So schnell kann ich mich ja gar nicht abdrehen, daß ich von Kerner und seiner Freundin nicht gegen meinen Willen "gelöffelt" werde. Ich will nicht gelöffelt werden. Ich hasse dieses Wort. Ich will dieses Wort nie mehr hören. Bitte. Ich sage es auch nie wieder. Soviel zu Allegra. Warum kaufst du die eigentlich? Wenns dich alles so nervt? Mich nervts ja nicht nur, mich faszinierts ja auch. DEKONSPIRATIONE Fünfte Kraft. Natur und Wissenschaft. "Die Teilchenschauer würden demnächst näher am Erdboden entstehen." Wie bitte? Ja, steht da, klingt doch toll. Außerdem bin ich aus sozusagen musikalischen Gründen der Meinung, daß es fünf, nicht vier Grundkräfte geben müßte. Die Vier ist vom Organischen, via Kohenstoff-Atom besetzt. Oder verwechsel ich da jetzt was? Ich dachte, der Kohlenstoff hat vier Bindungsorte, das wäre die Grundarchitektur des Organischen, die Vier. Weil ich mir immer denke: irgendwann bin ich reif für ein Werk aus vier Teilen. Noch nicht. Bin sozusagen noch nicht nahe genug am Leben dran. Lieblingswerbung. GEMÜTLICHKEIT. Lag da die ganze Woche offen am Boden. So eine Afterhour-Szene: zwei Jungs die reden, Bodenmatratze, ein knutschendes Pärchen, und ein Typ, der schläft. Bettdecke, viel Haut, normale Klamotten. Gameboy, Buch, leere Malboro Light Schachtel. Sehr geil alles, wie im Susi-Sommer, zur Pulvizeit. Für MTV, von start aus München. MADE IN GERMANY. Daß denen eine zweite so geile Kampagne geglückt ist. Das war doch auch die Woche: der Spiegel- Artikel über die neue Werbung, die frechen, neuen, freien, jungen Agenturen, die neue Ära, wo Jung von Matt schon ganz alt ausschaut, ha ha. Auch so ein endloses Thema, an dem ich mich nicht sattlesen kann. Wie es der Werbung so geht. Was der sogenannte "Werber" also macht, denkt, findet, tut. Daß es zu wenig gute sogenannte "Texter" gibt, um Gottes willen, die werden händeringend gesucht. Werberschulen, ein riesen Artikel in der Berliner Zeitung, die Werberschulen sind natürlich in Hamburg. Alles extrem wichtig. Ich weiß. DENKONSPIRATIONE deshalb sage ich vielen Dank nur neun waren ins Ziel gekommen dreizehn ausgefallen klassisches Ende eines Formel eins Rennens ich spreche am Abend vor der deutschen Industrie und Handelskammer ich übereichte ihr die Buber-Rosenzweig-Medallie ich würdigte die Sängerin als eine der größten Künstlerinnen des Landes DAS WIRD ES MIT GRÜN NICHT GEBEN wir sind und bleiben die Partei die ACH UM DEINE FEUCHTEN SCHWINGEN 6.1 Neue Woche, neue Bücher, altes Leid. Montag, 9.3.98, Berlin. Sonnentag, klar, kalt, leuchtend. Das alte Lied. KRANK Letztlich stelle ich mir eine Literatur vor, die wie Zeitung ist. Noch nicht mal wirklich BESSER als Zeitung, sondern nur erweitert um dieses eine reale Einzelmoment, das jeder einzelne Leser der Zeitung zufügt, durch sein Lesen, in Gedanken, in Gesprächen, durch seine Interessen, sein emotionales Geführtsein von seiner Geschichte, all das als sozusagen abstraktes Schwerefeld, nicht EIN konkretes Leben, sondern die allgemeine Tatsache, daß dem Allgemeinen ein Ich gegenübersteht, ixzillionenfach. Diese Kollision oder Interferenz: das wäre das mehr, das ich von einem Buch erwarte, von Literatur. Sicher nicht, daß sie ist wie Literatur, das ist sie ja eh. Da kann sie ja nur wegwollen davon. - Dachte ich mir heute Abend bei Kraussers Thanatos. Bedrückende Lektüre, also wahrscheinlich auch wirklich gelungen. Es entsteht genau dieses seltsame Angstgefühl, das ich kaum aushalte. Idylle als Hölle. HORROR. Dann diese komisch finsteren Altworte, aus der Jüngerwelt, "morgane Abgüße", was ist das?, die gestelzte Grammatik, und dabei alles ganz gegenwärtig zugleich. Echt finster. Zusätzlich deprimierend, daß man - entschuldigung - wieder aus dem Tagebuch von einem irgendwie gearteten Zerwürfnisverhältnis mit seinen Eltern weiß, ich glaube, er erzählt, man hätte sich plötzlich ganz kurz nach vielen Jahren zufällig getroffen und wieder gesehen und paar Belanglosgkeiten ausgetauscht, oder wie war das? Ich suche das raus, das interessiert mich jetzt. Und er zeichnet ja in diesem ersten Buch, Titel "Das Sehnsuchtsland", so eine hochparanoid normale Horrorkleinstfamilie, die Szenerie für die Rückkehr in die eigene Jugend, eine absolut schreckliche Rückkehr, furchtbare Jugend, gräßliche Eltern. Entwurf eines Verhängnisses, Skizze der Drohung. Noch ein Stück Käsekuchen vielleicht? Puh. "Er überlegte, welche Gangart gegenüber dem Jungen einzuschlagen sei." Seite 79. Gangart. Einschlagen. Sei. Herr Rittmeister, es tut mir leid, da kriege ich Angst. Ich HASSE die Romantik, das XIX. Jahrhundert, diesen ganzen alten Bullshit. Auch DAS meine ich mit Zeitung, das Gegenteil dazu. PRAXIS J.G. Ballard, Crash Irmgard Keun, Das kunstseidene Mädchen Yasmina Reza, Kunst Rainer Werner Faßbinder, Antiteater Gegen Ende des Tages lappert das Schreiben oft so aus. Da wird Freiheit und Beweglichkeit im Text dann plötzlich Gelaber. Aber wir sind hier ja kein Reinschrift-Weltmeisterschafts-Betrieb, sondern eher so eine dauernd laufende Entwurfs-Auswurfmaschine. Und jedes Zuviel an egal wie Falsch, ist ein Mehr an ganz konkreter Möglichkeit, es genau so NICHT zu machen. PRAXIS Offenheit und Autismus. Ohne Autismus geht gar nichts. Kann man die Stimme überhaupt nicht erheben, das Wort gar nicht ergreifen. Nicht zu sprechen anfangen, nicht reden. DAS WORT ERGREIFEN Eine Woche, Tag für Tag, eine Arbeitswoche. Im Gegensatz zu den Wochenendbüchern, Rave und Jeff Koons, aus Heute Morgen. Buch 5. Die Schicksalssymphonie, sagte jemand, jemand anderer: ist das nicht die Todessymphonie? DEKONSPIRATIONE Skizzen? Wie geht das? Gibts das? Wollte ich immer machen, ging nie. Warum? Ich versuchte, das Personal zu charakterisieren, die Handlung. Mit der Textform Exposé als Vorbild. Das kam mir dann immer voll lächerlich vor, absurd, grotesk. Dann eben nicht. Daß es darum eben bei mir nicht geht, egal was ich mir vornehme. Daß der ORT der Sprache sich irgendwie einstellen muß, durch irgendwas, sich finden muß, von dem aus der Text spricht, an dem ihm alles zusteht, ganz automatisch dann auch. Und daß dieser Ort sich bei mir durch die dauernden, an allem Gelesenen und Gefernsehten anschließenden theorieartigen Überlegungen eben erschließen würde. Und daß mir diese Überlegungen auch totalen Spaß machen, daß ich diesen Grübelgeschichten mit einem solchen Vergnügen nachgehe, folge, da rumstochere und forsche, kucke, notiere. Und immer nur Angst vor der Musilfalle habe, daß einem das alles plötzlich so über den Kopf und über die reale Textpraxis hinauswächst, daß im eigentlichen Text selbst, vor lauter Gegrübel und Gegrübelnotaten, auf einmal totaler Stillstand und Stille eintritt, Textende. PRAXIS Antiästhetik Antipoetik Antiantike Antipraxis Antichianti ja guten Abend ich begrüße Sie zum Brennpunkt zum Konflikt im Kosovo der sich dramatisch zuspitzt ANLÄSSLICH DES 50. GEBURTSTAGES DES STAATES ISRAEL 6.2 958. Schnee lag eben noch am grünen Metalldächlein auf der Mauer der Balkonbrüstung. Gehts vielleicht noch bißchen präziser? Daß man es gar nicht mehr versteht? Tschuldigung. Ich wache auf, stehe auf, mache den Vorhang auf und schaue raus und sehe da dieses WEISSE vor mir. Schnee? Ja. Und oben sonniger Tag und winterblauer Himmel und winterweiß füllige fluffige relativ tiefe Winterwölkchen. Und unten auf den Autodächern auch überall noch Schnee. Jetzt ist er schon weggetaut, hier oben bei mir, im vierten Stock. Die Sonne kriecht schon heran. Gleich kann ich meinen Laptopbildschirm nicht mehr lesen. Hellste Wohnung meines Lebens. Ich habe Winterkleider angezogen, dunkelblaue Cordjeans, dunkelblaues MÜLLER Records Shirt, dunkelblauen Armykapuzensweater. So sitzt man da und blättert in Faßbinders Antiteater. Und denkt an Dietl: Ich habe ein gutes Gefühl. Dienstag, 10.3.98 Fällt mir ein, wie ich den Tag schreibe, daß mir das bei Rühmkorfs Tagebuch oft so abgegangen ist: welchen TAG haben wir denn heute, welchen Wochentag? Konnte man dann manchmal zurückrechnen, weil manchmal ist es angegeben. Der Wochentag bestimmt doch auf eine Art ganz extrem das Grundklima der Zeitordnung, in der man sich irgendwie so eingeordnet, der man sich zugehörig fühlt. Ich bin Dienstag heute. Ist doch was ganz anderes als - Freitag. Sonntag. Montag. Als die 90er Jahre anfingen, habe ich aufgehört, das schöne jugendliche 19 unseres Jahrhunderts vor die Jahreszahl zu schreiben. Als wären diese Jahre tatsächlich schon Vorstufe und Auftakt zum kommenden, zum 20 plus x. Diese Notiz widme ich Andreas Bernard, der neulich im Jetzt so eine nette kleine Meditation zum Bild der analogen Uhrzeiten durchgespielt hat, welche Gefühle, Gedanken, Assoziationen und Erinnerungen an welchen Uhrzeiger-Positionen und - Konstellationen anschließen würden. War mir ganz neu, sofort plausibel. Überlegung von der Art, die man NIE vergessen wird. So wie ich bei JEDER Münze, die angewärmt aus einem Telefonautomaten kommt, an Handkes Gewicht der Welt denke, wo diese Beobachtung festgehalten ist. Das große, milde, brüderliche Gespräch der Schrift. PRAXIS 1458. Herrn Brock von Südwestnet angerufen und mit ihm noch mal die Benutzeroberfläche durchgesprochen, die von ihm sogenannten INTERNE NAVIGATION. Davor Neureinschrift des ersten Akts, Neuentwurf des letzten. Mütterliche Härte. Schwesterliche Melodie. Und Wäsche gewaschen. Und die Balkontüre war den ganzen Tag offen, bis jetzt. Bloß keine Intimitäten. Keine Sorge. bin ich pervers oder was 2121. Wieder am Schreibtisch. eingekauft wieder daheim nochmal eingekauft wieder daheim Bücher Kunstzeitschriften Essen gegessen gedämmert paar Liegestützen geduscht notiertchen Büro Telefon mit Clemens wieder am Schreibtisch KRANK Fast wie in Trance. Am Savignyplatz notierte ich: 1715. Und schreiben Sie auch gerade etwas? Ja. Aha? Ein Theaterstück. A. Ich war gerade in der Autorenbuchhandlung gewesen, davor im Bücherbogen. Erst draußen kam mir, welche Freude es ist, auf diese Frage 'ja' sagen zu können. Ganz verbreitet ist die Vorstellung, daß man als Schreiber eben seine Phasen und Zeiten hat, in denen man NICHT schreibt. Man liest das immer wieder, es wird immer wieder so dargestellt, als wäre das was ganz NORMALES. Stimmt gar nicht. Die Wahrheit ist: diese Zeiten, in denen man nicht schreibt, sind schlicht und einfach die HÖLLE. Weil man ja nicht nicht schreibt, weil man keine Lust hätte zu schreiben, weil man was besseres zu tun hätte, sondern aus dem einzigen Grund, weil es nicht geht, weil man nicht KANN, weil es nicht gelingt. Nichts daran ist lustig. Man ist gekündigt, entlassen, arbeitslos, und weiß noch nicht mal, warum. Und man kann noch so sehr auf sich einreden: das ist ganz okay, so geht es allen, das wird schon wieder, das ist ganz normal, und was der Elternlügen zur Kinderverzweiflungsbesänftigung noch mehr so sind. Das nützt alles nichts. Die Wahrheit wird davon überhaupt nicht erreicht. Daß diese Zeiten Zeiten der Existenzverfehlungen sind, Elend, Trostlosigkeit, bösartig. Das ganze Arselnal der einschlägig hier her gehörigen bekannten Worte einmal rauf und runter dekliniert. Ja. Zu dem Thema ganz toll war mal vor Jahren Konsalik im Fernsehen, wie er beschreibt, wie das Schreiben in ihm aufschäumen muß, und daß es das auch fast immer tut, jeden Tag, und wenn nicht, läßt er es gleich sein. Dann geht es morgen weiter. Das andere Vorbild ist Luhmann, der mal in einem Interview meldet: ich mache nur die Sachen, die ganz leicht gehen. Wenn ich eine Stockung habe, lege ich die Arbeit zur Seite und nehme mir etwas anderes vor. So wirds gemacht, sage ich mir, bloß gelingt das fast nie. PRAXIS Dann hatte ich also die Bücher abgeladen und war gleich wieder raus und hatte auf dem Rad den Satz im Ohr: Junge Frauen schauen dich an. Für die U-Bahn- Geschichte fürs Stück. Jetzt hatte ich aber das Notizbuch vergessen, ging in einen Lottoladen und wollte einen Stift kaufen. Den können Sie so haben, den kriegense von mir umsonst. Echt? Das ist ja geil. Vielen Dank. Aber ich hatte kein Papier, war aber schon wieder draußen, immer in Angst: gleich ist dieser Satz für immer weg, ha ha. Fuhr über die Müllerstraße, betrat den nächsten Zeitungsladen und wollte die Bildzeitung kaufen. Für die Bildzeitung muß ich extrem fit sein, sonst kriege ich von dieser ganzes scheiß Hetze, die da in alle Richtungen dauernd abgeht, so brutal schlechte Laune, egal ob da 'Diana', wo ich allein von dem Wort schon kotzen muß, oder Horn vorkommt, oder Schröder, das kann ich mir launentechnisch meistens gar nicht leisten. Ich HASSE Bild. Dachte dann plötzlich, ich muß ja gar nicht Bild kaufen, ich kaufe einfach die BZ. Die war kurz davor schon in der U-Bahn vorgekommen, wo rechts oben im Augenwinkel, während ich in der Mitte Hamsun las, eine Wortirritation entstand: Grausam und sinnlich Forscher: Frauen sind wie Katzen Der Mann schräg gegenüber las die BZ, da stand das groß auf der letzten Seite. Und ich hatte das notiert, weil ich das ein tolles Gedicht fand. Also kaufte ich jetzt die BZ. Ich schrieb den Satz mit den jungen Frauen auf. Und dann, deshalb erzähle ich das Ganze, stand ich vor so niedlichen süßen kleinen Birnen im Kaisers und dachte: sicher hundertfach gezüchtet und genmanipuliert und was weiß ich noch was alles. Und daß ich das nicht verstehe, daß Leute davor Angst haben. Die ganze alternative Außenweltangst. Außen: alles Gift. Verstehe ich nicht. Der Witz ist, daß ich tausendmal mehr Angst vor mir selber habe, als vor allem Außen, das mir je geschehen könnte. DER SÜDLÄNDER ich fand in meiner Akte auch wirklich wiedergegebene private Telefongespräche in Belgrad wurde am Abend eine lange Erklärung veröffentlicht Hieß es in der Tagesschau. Und dann mußte ich ausmachen, weil XX- Oberhauptsturmführer Friedhelm Brebeck mit seinem widerlichen Kriegsgekrächze loslegte. Stört das sonst niemanden, wie dieser Depp redet? Hartmann notierte jeden noch so kleinen Vorfall CONNU DE NOS SERVICES Und von Wittgenstein, haben sie in der Kulturzeit gemeldet, sind neue Tagebücher aufgetaucht und jetzt erschienen, bei Haimon. Denkbewegungen. Das wollte ich Clemens am Telefon erzählen, aber dann habe ich es natürlich vergessen. DIE LÄDIERTE FRAU 6.3 Die Abendglocken läuten, es ist 18 Uhr. Mittwoch, 11.3.98. Müde bin ich, geh zur Ruh. In der Berliner Zeitung war ein Bericht über Sabine Christiansen. In der Süddeutschen ein Interview mit Frau Jelinek. Das hatte ich gestern noch im Bett gelesen, nach dem Essen und Harald Schmidt. Wirre Nacht, wirrer Morgen. Herrlicher Sonnenschein im Zimmer den ganzen Tag. Frau Schutzbach vom Verlag schickte mir ein Fax und ich rief sie zurück. Es geht um das Plakat für die Praxis Veranstaltung. Ich rief in der Reitschule an, wegen der Schrifttype, die wir damals für die Donnerstagstage verwendet hatten, im Babalu. Wolli, erst gerade beim Essen, dann direkt selber am Apparat. Helvetica Halbfett. Und meine Freude, Freunde, seine Stimme zu hören. Wie gehts? Wie gehts? Ansatzlos redet man aufeinander ein, knüpft irgendwo an, ohne irgendwas, auch das ist der Zauber solcher Freundschaften. Ich schrieb weiter am Stück. Fuhr dann mit dem Rad zum Leopoldplatz, Tinte, Stempelfarbe, Filzstift und elmex zu kaufen, nur elmex habe ich wieder vergessen. Ganz wichtig. Dann im Aldi, manchmal geht das Armutsgruselkabinett da über jede Kraft. Daheim las ich im Spiegel das Interview mit Schlingensief, manisch vollgasig, ultraaktiv. Auch bei Christiansen am Sonntag war er der Abräumer gewesen. Überhaupt ein Highlight der Fernsehgeschichte, diese Runde. Dall, Kempowski, Schlagerheini Brink, Alexa Hennig von Lange und eben Schlingensief. Und der textet dann da auch gleich wieder derart auf, wie ein Politiker, fast ohne sich überhaupt um Fragen oder Anknüpfungen zu kümmern, aber nur fast. Ein Interventionsstunt, aber doch nicht wirklich. Keine runtergelassene Hose, wie beim Berufsstudenten mit Zauselbart gleichzeitig in Sat 1. Viel durchgeknallter, neuer, kranker, besser. Madness mit Methode. Und wie Dall und Kempowski zwischendurch sich gegenseitig mit der Marotte Alterssenilität immer wieder anmufften und auszustechen versuchten. Und dann, Entsetzen: Frau von Lange. Du liebe Güte, wer hätte das gedacht, nach diesem doch wirklich ziemlich lässigen Buch. Erzählte da von Jugend, Werteblabla und aufzeigen, als käme es direkt aus dem Mund von Frau Christiansen selber. Wahrscheinlich hat die in letzter Zeit bißchen zu vielen Erwachsenen die Probleme der Jugend erklärt. Und solche Erwachsene, die sowas erklärt bekommen wollen, sind ja eh schon Schrott, automatisch. Als netter, gefallssüchtiger Mensch, der Frau von Lange sichtlich ist, steckt man sich durch Kontakt mit solchen Schrotterwachsenen sofort bei denen an und kriegt selber auch Hirnschrott, schlimmer als Alzheimer, infektiöser als Meningitis. Ja, Leute, echt. 1900. Ich gehe jetzt Nachrichten kucken. Schönen Abend noch. Bis morgen. RUHE SANFT 6.4 Dunkelblau: schönste Farbe der Welt. Die Morgenglocken läuten, wem zum Gruß? Wen rufen sie? Botschaft kommt vom Schwesterlein. Jede Taubenfeder, die ich finde, jeder letzte, alte, krumme Stein, ein Faden, Stoffe, Fetzen, ein Stück Zweig, ein Blatt, ein Halm, ein Blütenrest von vor paar Jahren, alles Nichtbeachtete und Nichtbedachte soll in ihrem Kosmos der Gekrümmten König sein und Königin. So wirr gesucht, so hart gefunden, so panisch aufgescheucht ein Leben lang, so wild und lieblich, eigensinnig, ohne Augenmaß, so maßlos, starr. Vieles ist dann doch gelungen, das meiste meistens nicht. Beschenkte dennoch, die zurück Gebliebenen, die noch nicht mit Gegangenen, mit Leid und Tod, mit Schmerz und Schuld und Wissen um das Dunkle, seine Macht und seine Milde. Jedes Blümlein, Schwester, dein und Gruß von dir in unser Leben, jede Taubenfeder, die der Wind schickt, kommt als Trost vom Schwesterlein. Donnerstag, 12. März 1998 DAS WAR DAS STABAT MATER VON ROSSINI 6.5 Was VERSTAUBT ist, meine Platten: das ist das Kaputte und Traurige dieser mönchischen Ekstase, der ich mich füge, im Interesse der Produktion, im Hinblick auf den Termin. Kaputte Szene. Freitag, 13.3.98, Berlin. Manchmal möchte ich den Ort doch dazu schreiben. Wie jeder Ort, an dem ich lebe, kriege ich im Prinzip einfach schon gute Laune von der simplen Tatsache, daß ich da, an diesem speziellen Ort, wo ich eben gerade bin, bin. In München, in London, in Paris, in New York. Offenbar hat das Wort Dublin, wo ich mindestens die letzten vier Jahre hingehen wollte, für das obligatorische eine externe Jahr, dann doch nicht genug gezogen, um mich dann auch wirklich da hin zu führen. Bei den Wohnorten bin ich immer nach den Worten der Orte, nach ihrem Namen gegangen, was der verheißt, was in dem aufschwingt, was der verspricht. In 'Germering' könnte ich nicht leben, oder in 'Wilflingen', oder in 'Stuttgart'. Keine zehn Pferde brächten mich nach 'Bremen'. Usw usw usw. Blick auf den Kalender: es ist Vollmond heute. 1857. Freud drei Jahre alt, oder? Noch einer dieser Tage: arbeitstechnisch schwierig, aber durch die Art der Konzentration doch beglückend. Tief verloren an den Gegenstand, zugleich hellwach und klar, und zugleich doch auch wie gesteuert. Letztlich weil es das manchmal gibt, lebt man so, hat man diese Arbeit, will man das und nichts anderes machen. Ich las eben beim Suppe Essen weiter im gestern angefangenen Richard Meier Buch: Building the Getty. Seine ganze Art, zu erzählen, seinen Werdegang darzustellen, zu schreiben und zu berichten ist so schön wie seine Bauten. Neben mir am Tisch liegt Bourdieus Elend der Welt, ein Prügel so scheußlich wie Bourdieu selber - noch nie habe ich einen geistig so UNFREIEN Geist sich ausbreiten sehen wie ihn in seiner Vorlesung, 1988, am College de France. Trotzdem ist das ganze Ding von ihm wichtig, das weiß ich, kann ich intellektuell einsehen, aber nicht wirklich passioniert denken, ich halte mir das sozusagen entgegen. Die von ihm sogenannten Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Alle Leidanklager LEBEN immer zugleich irgendwie auch von diesem Leiden, bestehen darauf, daß es bestehen bleibt. Man müßte vom Leid AUSGEHEN. Diese Ballance zwischen Elend und Getty halten. Speziell natürlich auch fürs Stück. PRAXIS Gernhard war bei Harald Schmidt. Schade, daß nirgendwo öffentlich über sowas dann diskutiert wird. Wie fanden die anderen Leute das? Ein Star, der sich leider letzlich doch auch wie ein Star fühlt und benimmt, den aber nur eigentlich keiner wirklich kennt. Der so hochaufgedonnert angekündigt werden muß. Da wirds doch bißchen komisch, oder? Früher hat sich Gernhard über solche leicht grotesken Momente gut lustig gemacht, unter dem Titel Handke. Jetzt sitzt er selber da und redet bemüht flockig über die Rehaklinikwelt. Bitter. Vielleicht bin ich auch nur zu geschwächt. Mein Genörgel zum Beispiel über die Mixes auf der Madonna Single: wieso? Gestern lief Frozen den ganzen Tag rauf und runter, immer die eine Nummer, in allen Mixes, wunderbar. Durs Grünbein war in L.A. Diedrich hat mit Mayo in Artforum geredet. Die Katja-Ebstein-Frisur-Frau sagte in der Kulturzeit: 78 war ich 18. Und ich rechnete nach, weil ich dachte, die ist so etwa Mitte, Anfang fünfzig. Sie hat ein Buch über ein Frauenthema geschrieben, Freundinnen, das nimmt einen wahrscheinlich besonders mit, als Frau. Gutes Tagesschauwort gestern: kreative Buchführung was natürlich was Böses ist. Besonders schön geworden auch: das Schütt-aus-hol- rück-Verfahren, gestern in der SZ ausgiebig abgefeiert, mit dem Mercedes Steuern sparen kann oder muß. Wichtigstes privates Ereignis des Tages: es ist im dritten Anlauf gelungen, eine Zahnpasta zu kaufen. Ein neuer Füller, eine Schreibtsichunterlage, für den kleinen schiefen Holzkrüppel, an dem ich hier sitze, und ein neuer Packen weißes Papier. Bin ich zu lallig aufgelegt? Nervt das? Sorry. In Rosy Rosy habe ich heute morgen ein geile Sexszene gelesen. Die Notizen für Praxis haben sich hier ausgegliedert und selbstständig gemacht. Morgen wieder geordneter. IF I COULD MELT YOUR HEART 6.6 Totaler Unsinn: die Praxis Notizen hier raus zu lassen. Auch die Anredeform an irgendwelche Leser, die sich eingeschlichen hat, hat einen ankumpelnd unverschämten, unangenehmen Unterton und muß wieder weg. Das stört mich auch in den diversen Kolumnen, vor allem bei Theo. Ich finde, man wird als Leser und Zuschauer schon dauernd genug zusammen geschrien und angebrüllt, von Bild, von Blitz, von Brisant, Explosiv und Extra Explosiv und was es da noch alles so gibt, Bild am Sonntag und natürlich von der Bild Werbung. BILD DIR DEIN MEINUNG. Ja, ja, schon gut. Schrei halt nicht gleich so. Danke. Wobei, manchmal machts ja auch Spaß. Egal. Samstag, 14.3.98, Berlin. Die Praxis Überlegungen wurden schon so superkonkret wie: wie genau fange ich an, in welcher Anredeweise. Die Idee ist ja, daß ich den Ort der UNINVERSITÄT wirklich ernst nehme, als Ausgangspunkt, als Faszinationsmaschine, als diesen Sehnsuchtsort, als den ich die Universität sehe. Die anderen Fragen gingen um das THEMA. Einerseits sammelte ich Titel für die Sammlung von Büchern für das JAHRZEHNT DER SCHÖNEN FRAUEN Thema. Wie es dazu gekommen war. Wie durch die Unzahl der für Rave nicht zuende erzählten Geschichten, Bilder, Eindrücke und Personen, und wie durch die bei Rave ja eigentlich erstmals so richtig erwachte Lust am irgendwie doch auch Literarischen von Texten es zu dieser Idee gekommen war. Auch der Reiz des noch nie Gemachten, von so kürzeren Geschichten, reizte mich. Andererseits ekel mich wahnsinnig vor der Idee einer Sammlung von kürzeren Geschichten um ein so ein Thema herum. Daß also doch auch zumindest die Arbeit an DEKONSPIRATIONE mit vorkommen muß. Ich dachte ja ursprünglich, da würde ich zuviel verraten. Aber was soll denn das für ein Problem sein. Dann kann ich gleich einpacken, wenn ich davor Angst habe. PRAXIS if I could melt your heart singt Madonna. Ich hatte eine lustige Anfrage bekommen, neulich, per Fax nach München, ob ich für die Jungle World was über die Modern Talking Reunion schreiben würde. Das fand ich toll. Von wegen: Your my heart, your my soul. Bei der Arbeit an der Krieg Musik haben wir mal, weil ich Klaus meine Modern Talking Liebe zu erklären versuchte, ausführlich und analysemäßig in die verschiedenen Hits reingehört. Wie es mit der Liebe so geht. Hopla, kann man das sagen? Oder ist das nicht in Wahrheit ein ganz scheußlicher, reaktionärer Satz? Er widerspricht auch völlig meiner Erfahrung. Aber da war es so, daß mitgehört mit den absolut unideologischen, offenen und eben nur sehr genauen Ohren von Klaus die Dinger dann doch arg billig und dünn klangen. Daß ich sagen mußte, ja, es war eine Zeit, wo ich eben wirklich praktisch keine Musik gehört habe, intensiv, konzentriert, ständig, viel. Dadurch war ich eben auch zugeschaltet zum Allgemeinen, was natürlich das Schöne war. Aber irgendwie auch stumpf, musikalisch gesehen, das Gemüt hatte musikmäßig ganz dickes Fell. Es brauchte Reize von der Deutlichkeit und Penetranz der Elefantenhautreize. Wobei, hatten nicht gerade Elefanten so eine hochsensibel empfängliche Haut? Jetzt läuft der Club Mix und ich weiß genau, wenn den der Cambis in der Lounge reinlaufen läßt, oder der Dicke im Soul City, wie das kickt. DER SÜDLÄNDER 1116. Ich machte Korrekturen am Plakat für Praxis. Und versuchte es auch kurz mit Titeln für die einzelnen Termine. Natürlich scheußlich. Und was gibt es schöneres als Titel für eine Veranstaltung als die Angabe von Datum und Zeit? Es gibt nichts schöneres. 1118. Gestern las ich von Jürgen Kaube, wegen 1116, einen lustigen Artikel über ein Mittelalter Buch. Die Besprechung ging schon so gut los, erster Satz: "Michael Nerlich hat eine kräftige These: Die Mentalität der Gegenwart fuße auf Errungenschaften des Hochmittelalters." Zack. Das war wieder der Moment: wer spricht denn da? Ah, verstehe. Und Patrick Bahners, vermutlich, hatte unter so ein Heiligen- Bild gedichtet: "Der Ritter ist von unruhigem Habitus: neugierig, weltoffen, aufgeschlossen. Aber Drachen mag er nicht." Da fühlte ich mich natürlich sofort angesprochen, als Ritter, zum Ritter geschlagen. 1156. Mittagsläuten. Eben kams mir: natürlich muß die NEUE DEUTSCH KOMMÖDIE als drittes Projekt dabei sein. Erstens weil die wirklich im Juni dann als nächstes ansteht. Zweitens weil das jeder kennt, alles, als Thema, als Problem, als Idee. Und außerdem wegen Video, Film, dem ganzen Medialen der Problemstellung bei diesem Thema. Was wird das für ein Spaß. JAHRZEHNT DER SCHÖNEN FRAUEN. Ausgangspunkt, auch wieder: irgendwann kams mir: wie viele tolle Frauen ich in den 90er Jahren kennengelernt habe. Und wieviel Müll und Lügen zu dem Thema ich gelesen habe, in der gleichen Zeit. Und wie schwer das wirklich ist, da realitätsnah, realistisch darüber zu reden, über all das. Das Schöne an jedem Mißerfolg, wie jetzt bei Krieg, so weh es natürlich auch tut: Wir haben die Zukunft noch vor uns. Sage ich Anselm immer, zum Trost. Ich empfinde das so. Durs Grünbeins Kommentare zum Büchner Preis damals waren diesbezüglich so toll. Es hat ihn, fast genauso sehr wie es ihn gefreut hat, den Preis schon so früh zu kriegen, selbstverständlich und vernünftigerweise auch genauso sehr und komplett fertig gemacht. Und er hat das dann auf eine so unspektakuläre Art formuliert, ganz unkokett, tragisch. PRAXIS Das MELKEN der Themen: das ist so abstoßend an der ganzen Art des Boulevards, gedruckt, im Fernsehen. Jetzt wird die Schlagerkuh gemolken, von Bild. Solange, bis es allen bis hier oben steht. Jedem so total aus dem Hals raushängt, wie mir schon nach dem ersten Tag. Beim Wegräumen der gestrigen Bild. Ich höre dann da immer diese Scheißbosse reden, diesen Röbel, der war ja neulich auch wieder im Fernsehen, um ganz verlogen mitzuteilen: Proganda?, wir?, für Horn? Wie kämen wir denn auf DIE Idee? Wir doch nicht. Wir berichten doch nur. Die Debatten von denen höre ich da immer durch: nee, das Thema ist durch. Quatsch, laß noch mal nachlegen, das kommt geil. Wir hatten gestern bla bla bla Anrufe, die Sowieso sagt auch bla bla. Dann wird irgendeine hohle Sekretärin zum Maßstab der Stimme des Volkes erkoren, oder irgendein blöder Taxifahrer. Niemandem sonst in der Presse wünsche ich so viel Übel und ganz konkret ausphantasiertes Leid, wie diesen ganzen Boulevardschweinen und Zynikern. - Warum erregt mich das so? Weil ich die Idee von DEN LEUTEN, vom Publikum, die dem zugrunde liegt, so hasse. Weil das so wirkungsmächtig ist, so real wird. Andererseits sieht man an England, wo es das schon viel länger gibt, wie dadurch zugleich kollektiv immer verfeinertere Sensorien fürs Populäre entstehen, eben Pop. DEKONSPIRATIONE 1522. Am Stück. Schnell raus, einkaufen gehen. 1601. Wieder daheim. Jeder Typ, der einem hier entgegen kommt, am Gehweg: eine Faschofresse, jeder, ein Stasigesicht, ein Staatssicherheitsschwein. Jeder. Ich kann mich nur noch ganz dunkel daran erinnern, aber eben doch irgendwie erinnern, wie fasziniert ich war von der Idee der DIKTATUR DER PROLETARIATS. Vielleicht auch deshalb, weil man sich instinktiv irgendwie unter der real existierenden Diktatur des Kleinbürgertums so terrorisiert und eingeengt fühlte? Die Idee, daß ausgerechnet die Geknechteten tolle Diktatoren abgeben könnten: faszinierend. Und doch wird dieser irre idealistische Vorgriff auf zukünftiges Glück, den die 60er Jahre in die Welt gespuckt haben, nie vergehen, kommt mir vor, und nie zu wirken aufhören. Erst in zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren, wenn Leute der kommenden Generation wirklich real Politik gemacht haben werden, wird das auch gesellschaftlich sichtbar werden. Nicht die jetzt ansetzenden 68er werden das umsetzen, sondern die, die 68 vier und fünf Jahre alt waren. Die Träume eines Jahrzehnts werden ungefähr 50 Jahre später, wenn die damaligen Kinder ihre Lebensleistung hingestellt haben, Wirklichkeit. Unglaublich angenehmer Gedanke, finde ich. 1925. Räume im Arbeitszimmer auf, wieder wie in Trance. Die Madonna CD läuft dazu und gefällt mir eigentlich ganz gut plötzlich, eigentlich richtig gut. Was war nur neulich los? Muß immer erst schlecht gefunden werden, im ersten Anlauf? Oder wie? Ich verstehe das nicht. Was ist das, das Urteilen, Empfinden? Wie geht das? Was geht da in einem vor? PRAXIS 2046. Dann schrieb ich einen Brief an Frank, brachte ihn zur Post und notierte. Kameruner Straße, wieder ohne Uhr. Was ist HEUTE MORGEN als Ganzes? Das kann ich komischerweise gar nicht richtig erkennen. Es ist eben die Gegenwart, deren Ganzes, das Ganze der Gegenwart. Was ich, verteilt auf einzelne Teile, sprechen lassen will, zum Sprechen bringen will. Und das wiederum ist dann doch ganz klar, daß ich das nicht wirklich präziser fassen kann. Weil ich überlegt hatte, zu dem Dogma: man muß sein Vorhaben genau beschreiben können. Und zu dem negativen Vorgang, der zu Heute Morgen geführt hatte: mal ein Buch machen, das NICHT alle Aspekte abdeckt, in dem NICHT alles drin ist, was ich im Moment denke, mal EIN Stück machen, nicht eine Triologie, eines, in dem aber das Gesellschaftsstück, das Familienstück und das Monologstück ZUSAMMEN kommen. Eine Erzählung machen, die die Nacht zum Gegenstand hat, eine, die dem Tag gehört. Also nicht Konzentration, wie noch bei Festung, am extremsten natürlich bei Kontrolliert, sondern Expansion, Teilung, Explosion. Bits and Pieces. Parts and - aber das gehört gar nicht hierher, ist nur so ein schöner Ausdruck, den die englische Sprache da hat: private parts. Die ja diesmal endlich auch. Auch das freut mich natürlich so an dem ganzen Ding. PRAXIS 2232. Heiß geduscht. Vorhin weiter im Meier Buch gelesen und notiert. vor Stille Aufregung und Glück ganz zittrig fröstelig KRANK MANIFEST DER GLÜCKLICHEN ARBEITSLOSEN 6.7 Sonntag, 15.3.98, Berlin. 937. Finster, naß, tief verhangen. Mir ganz egal. Ich habe morgens den Flug nach München gebucht für Mittwoch. Antreten zum zweiten Deppentest. Geiler Zeitbeam aus dem Radio: Buffalo Stance von Nenneh Cherry. Von wann? 90? 91? Früher, später? In München wäre es ein Handgriff, nachzukucken. Neulich im Kaisers lief Seven Seconds, das ich mit Wolli auf Vorabkassette im Auto hörte, wie wir aus den Schweizer Bergen vom Alpenzauber-Rave zurückfuhren, nach Frankfurt, unter Zeitdruck, weil ich mit Oliver Lieb zur Korrektur unserer Soziale Praxis Musik verabredet war, voll fertig, gut verstrahlt, und da lief das dauernd und gefiel uns so. Auch diese Nachbeben, Erschöpfungs- und Überwindungs-Zustände nach großen Drogenevents haben einen eigenen Flavour, eine besondere Prägnanz, gerade weil in dem Moment, wo es geschieht, das Anstrengende, Schwierige, innerlich in einem Kämpfende so sehr überwiegt. Man ringt mit großer Energie um äußere Fassung, gibt sich praktisch normal, wozu man sich brutal zusammenreißen muß, das verschlingt einen so ganz. Und an genau der Stelle, wo man überhaupt keine Aufmerksamkeit für das trotzdem ja heimlich Schöne der Gegenwart hat, nistet sie sich ein. Plötzlich, viel später, erinnert man sich an irgendwas, von dem man gar nichts wußte. Und das ist dann fast schöner, leuchtender, als die Erinnerung an etwas im Erlebnis-Moment schon als ganz toll Erlebtes. DER SÜDLÄNDER Eigentlich wollte ich hier was notieren zum Problem des INDIVIDUELLEN der Schreibpraxis. Das ist mir jetzt nur leider zu kompliziert. Hat sich schon unter der Dusche zu einer Riesenarie ausgewachsen. Ich habe Sonntagskleider angezogen, den hellen Collegepulli im Seglerstyle. Die Kollegen unten, auf der Straße, in der Hofeinfahrt neben der GOLDENEN 77, vorhin zu dritt, jetzt zu zweit, rauchen und trinken aus einem Flachmann, den sie rumgehen lassen, knallgroß gemusterte Trainingsanzugs-Jacke trägt der eine, der andere - hups, jetzt sind sie weg. 1044. Was bedeutet es für einen Künstler, aus bürgerlichen Verhältnissen zu kommen? Ein Landei zu sein? Ein Polizistensohn oder Postbeamtenkind aus Pasing? In einer Apothekerfamilie aufzuwachsen, bei Soldatens, Kind in der Familie eines Bundeswehr-Offiziers zu sein? Lauter konkrete Beispiele, die man dazu vor Augen hat und immer wieder sagen muß: es ist scheißegal. Man kann es versieben, oder nicht, kann ein enger niederbayrischer Querschädel werden, oder der schönste Landadelige von eigenen geistigen Gnaden, man kann ein vor lauter Sensibilität total verblödeter ewiger Zahnarztssohn sein und bleiben, oder der Wiedererfinder hochneurotisch produktiver, radikaler Politik werden. Man kann als Lehrerssohn selber ewiger Lehrer werden, oder der freieste, aus allem nur denkbaren Reichtum des Fundus der Geschichte schöpfender Revolutionär werden und sein. Daß also die biographische Vorgabe natürlich wahnsinnig viel vorgibt, eben die ganz spezielle Art des Problems, das einer hat. Aber eben NICHT, ob die Lösung gelingt. Und vielleicht gehört zur Lösung auch dazu, daß man die speziell eigene Vorgabe zugleich immer haßt und scheußlich findet und doch auch für eine ganz phantastische, privilegierte Aufgabenstellung hält. Daß man die anderen für ihr anderes Problem beneidet und doch am eigenen auch mit Vergnügen und Zorn rummacht, nicht nur mit Bitterkeit und Benachteiligungsgefühl. - Ich las gestern den Anfang von Roberto Ohrts Aufsatz DER HERR DES REVOLUTIONÄREN SUBJEKTS. Einige Passagen im Leben von Guy Debord. Dadurch komme ich darauf. Da heißt es am Anfang: "Geboren 1931 in Paris und aufgewachsen in der Mittelmeerstadt Cannes als Kind einer ehemals wohlhabenden Familie, die nach der Weltwirtschaftskrise nur noch einen unbedeutenden Rest ihrer Mittel besaß, verlebte Guy Debord seine Jugend in dem Bewußtsein, bald ohne die noch tragenden Sicherheiten dazustehen." Toller erster Satz wieder mal. Anfang eines großen Romans. Für mich spannender als eine schön oder scheußlich erfundene Lufgängerin oder Goethe in Ortheils Rom, von dem die SZ heute morgen meldete: das wäre "wunderbar erzählt". Das hat einem gerade noch gefehlt. Schneider übrigens Freitag bei - wie heißt die Lesbe? - Bettina Böttinger: BRUTAL, echt ohne Worte. Auch wieder so ein Fernsehhighlight, das in die Annalen eingeht. Wie der geredet hat, der Typ, ein Wahnsinn. Seit ewigen Tagen liegt hier Detlef Kuhlbrodts taz-Artikel: "Mehr Dekor! Mehr Kitsch!! Mehr Emotivität!!!" Den muß ich jetzt endlich lesen. PRAXIS 1407. SZ-Kritik, zu Ortheil: "der köstlich weltfremd geschilderte Karl Philipp Moritz". Wo darf ich kurz hingehen zum Kotzen, Herr Michalzik? Karl Philipp Moritz, wo bleibt Jean Paul? "Köstlich", "köstlich weltfremd", "köstlich weltfremd geschildert", "geschildert", natürlich, was denn sonst. Welche Schilder? Haßschilder. 1618. Am Stück geschrieben. Zeitungen gekauft und mit den Sonntagszeitungen in der Küche gesessen und Suppe gegessen und dann gedämmert und notiert. Je mehr man aufschreibt, um so mehr merkt man, über was alles man NICHT schreibt. Ganz automatisch, weil man nicht darauf käme, oder aus Entschluß. Weil das bei jedem was anderes ist, das Ausgesparte, wächst der Kosmos des noch zu Sagenden immer noch weiter. Hört das nicht auf, daß man Spaß daran hat, gespannt zu sein auf das Neue, was es zu lesen gibt. PRAXIS Zum Beispiel Andreas Schäfer in der Beilage der Berliner Zeitung über Schlingensief. Machen, machen, machen. Nur groß und mit Ausrufezeichen, dreimal, und als Überschrift. Er erzählt, wie er eigentlich ein Buch über Schlingensiefs Aktion Chance 2000 schreiben soll, wie dieser Plan verglüht. Nach dem ersten längeren Treffen ist er bereits Minister für das Ressort Internet. Versteht sich selbst dabei als "Familienmitglied". Ich finde so intime Zustände extrem anstrengend. Wie halten die Leute das aus? - Die Bild am Sonntag bläst zum großen Halali auf Frau Christiansen. Sie verdient angeblich zu viel. Ich gönne speziell der Frau Christiansen zwar gerne alle Übel und jedes Elend dieser Welt. Nur wieso immer dieses: 30 Millionen. 46 Millionen. 150 Millionen. Man selber verdient doch auch schon 30 Mark am Tag, oder waren es 46? Also, was solls? Wer versteht das? DER SÜDLÄNDER 1703. Heiß, heiß, heiß, heiß, heiß geduscht. Nachtrag zum Problem PARTEI. Wenn einmal das Inbild des Sozialen die PARTY war, ... - Wollen wir was gemeinsam machen? Klar, was? Ja, Feiern gehen halt. Gute Idee. - So geht München, das ist an München so toll. PRAXIS 2205. Heute war Arbeitsverweigerung tut mir leid hier gehe ich diese Saison nicht mehr rein meldet der wütende Bayernfan im Olympiastadion, in Spiegel TV, also doch, und auch alle anderen Prolls beschweren sich extrem erregt über das zu viele Geld, das die Fußballer für zu wenig Arbeit kriegen würden. das Verfahren ist natürlich jetzt wegen des Todes eingestellt worden AM FELSFENSTER MORGENS 7.1 Im Zentrum steht der Angeklagte und seine Tat erzählt Jakob Augstein im Radio über seine, eben bei Hanser als Buch erschienenen Gerichtsreportagen. Was für ein diskretes Medium. Man könnte wirklich, wie es ja auch viele tun, immerzu nur Radio hören. Die Art, wie Jakob Augstein über seine Texte und die ihnen zu Grunde liegenden Absichten redet, bestätigt ganz stark den Eindruck, den die Texte selber schon erwecken, was für ein kluger, angenehmer, unspektakulär feiner Typ der Autor sein muß. Mir ist das wichtig, entschuldigung. Ich kann, um ein Gegenbeispiel eines klassisch exponierten Blödmannreporters zu nennen, die Texte von Mathias Mattusek nicht aushalten, weil der durch sie durch sich darstellende Typ mich so wahnsinnig nervt. PRAXIS Montag, 16.3.98, Berlin. Während des Gesprächs mit dem richtig informierten Interviewer, der in das Buch ganz eindeutig auch selber reingelesen hatte, was ja absolut ungewöhnlich ist, im Fernsehen praktisch nie vorkommt, fing ich an, die Turnschuhe zu waschen, die ich letzten Sommer auf der Love Parade getragen hatte und die folgenden Nächte und Tage. Voll verdreckt und versifft war ich hoch gestürzt, unten wartete das Taxi, in dem Sigi saß. Er hatte die Parole ausgegeben: kein Kleiderwechsel. Wir müßten so eingesaut wie wir nun mal sind, Montagmorgen, nach zweieinhalb durchgemachten Tagen, abfliegen, nach Ibiza, das wäre Ehrensache. Und ich: okay, klar, wenn du es sagst. Dann stand ich oben in der Wohnung, so brutal verwirrt, unbeschreiblich verwirrt, leider muß ich das sagen. Denn einen solchen Zustand wirklich in allen Facetten ganz realistisch beschrieben zu haben, ist mir noch nicht richtig gelungen bisher. Das kommt noch. Die Geschichte müßte da ansetzen und fortgeführt werden, wo ich Sigi im Tresor treffe, am Ende des zweiten Kapitels in Rave, Lieblingsstelle, sowieso. Und ich mir dann doch die Freiheit nahm, absprachewidrig, frische Jeans, frisches T-Shirt, frische Socken, frische Turnschuhe anzuziehen. Und die damals ausgezogenen Adidas-Classics standen also seither immer irgendwo beim Müll und ich dachte, nee, ich schmeiß die nicht weg, ich wasch die noch mal, ich liebe diese Schuhe. Jetzt sind sie wieder sauber. Danke, Jakob Augstein. DER SÜDLÄNDER Anfangen wollte ich mit dem Opernball, wie wenig der mich gestern wieder umgehaut hat, so wenig wie der König von Sankt Pauli, daß ich die Rahmensendungen drum rum, Spiegel TV extra und 24 Stunden so tausendmal interessanter fand. Daß die Spielszenen von einem Geschehen, das man sonst immer in realen, live übertragenen Dokumentaraufnahmen erlebt und kennt, so megaöde rüber kommen. Je dokumentarischer es ausschaute, je bekannter, um so weniger realistisch wirkte es, weil man sich dauernd dachte: ja, ja, ein SPIEL-Film, gespielt, nicht echt. Langweilig, erfunden, ausgedacht. Wo bleibt die Spannung, das Drama, das Echte, der Witz? Dann die bemühten Optiktricks, um Vergfiftung sinnlich zu zeigen. Die Eindrücken VERWISCHEN, ich weiß. Gehts vielleicht noch bißchen penetranter. Dann: daß ich doch nicht immerzu nur übers Fernsehen schreiben kann. Dann: wieso denn nicht. Für mich ist Fernsehen so was, wie für andere die Natur. Was Großartiges, Herrliches, Geheimnisvolles, was Unerschöpfliches, längst noch nicht wirklich Erzähltes, befriedigend Erfaßtes usw. Und schließlich: daß Fernsehen eben auch das Medium der Kinder, der Renter, der Arbeitslosen und Intellektuellen ist. Die, die halt daheim sitzen. Die nichts zu tun haben. Die Kaputten, die Ausgemusterten, die Gestörten, die noch nicht wirklich Agierenden. Daß Leute, die, wie es in der Johannes-Groß-Terminologie des Herrenreiters heißt: noch zum Leben zählen, natürlich alles immer nicht gesehen haben. Die haben keine Zeit zum Fernsehen. Die haben ja wichtigeres zu tun. Arbeitsessen, Kollegen treffen, Kinder versorgen, draußen rumrennen irgendwie, wichtig sein. Und daß ich selber die Zeiten gerne mag, wo ich immerzu alles ankucken kann, weil ich immer daheim bin, und die anderen, wo man jeden Abend raus muß wegen irgendwas, dann genauso gern mag, nach einer Umgewöhnungszeit. PRAXIS. Nur Harald Schmidt habe ich wirklich tonnenweise auf Video, vor allem am Anfang. Da war dauernd irgendwie irgendwas draußen los, und ich programmierte mir jeden Abend den Videorecorder, und wenn ich abends um drei, halb vier betrunken heim kam, konnte ich entweder die Meiser-Wiederholung, die andere Schlampe, wie heißt die?, die mit den Brillen, konnte man das kucken, das Bügelfernsehen, das man nachmittags nicht aushält, aber nachts betrunken sehr gut, oder eben das Harald Schmidt Video vom selben Abend. Mit dem irren Effekt, am nächsten Vormittag, Mittag, daß ich nicht mehr wußte, ob ich jetzt Harald Schmidt schon gekuckt hatte, oder nicht. Dann schaute ich die Kassette an, ich HATTE es also gekuckt, aha. Wo ist die Erinnerung daran? Weg. Auch gut. Dann kann ich es ja noch mal kucken. Mit dem Zusatzeffekt plötzlich: aja, stimmt, das war geil, das fand ich gestern auch schon so lustig. Wobei das natürlich alles asoziale Formen der Benützung des Fernsehens sind. Es ist das Fernsehen eben auch das Medium der ASOZIALEN. PRAXIS 1228. Mit Felix telefoniert, wegen des Praxis Plakats. Sofort ein lustiges, rasend geschwindes, detailreiches und total genaues Reden über Wahrnehmungen am Gesamtcorpus des Populären. Er IST einer der virtuellen Leser für diesen Abfall hier. 1236. Haben Sie schon mit Frau Sowieso gesprochen vom Literaturhaus, wegen der Lesung? Fragte die Frau Fischer von der Werbeabteilung, die das Entwurfsfax von Felix an mich weiterleitete. Ich: Ich mache keine Lesung im Literaturhaus, das habe ich von Anfang an gesagt. Wie der Buchbinder Wanninger: Ich habs jetzt dene anderen alle schon SO OFT gesagt. Ich bin der Buchbinder Wanninger. Immer wieder, wie ein Mantra, muß ich es irgendwem neuen erzählen, daß ich keine Lust auf eine Lesung habe. Daß ich finde, daß so eine Vortragsreihe was grundsätzlich anderes ist. Eben kam mir noch: wie ich allein diese Wort LITERATURHAUS schon hasse, wie mich das abstößt. In jeder scheiß Stadt ein blödes Literaturhaus. Ich gehe da nicht hin, ich gehe nicht in diesen KNAST, ich will nicht in ein Literaturhaus gehen, nein. PRAXIS 1256. Das Populäre. Was heißt denn das? Das prinzipiell allen Zugängliche. Deshalb kommt dem Fernsehen da so eine riesige Bedeutung zu, dem Radio. Allem, was wirklich zu einem KOMMT. Schon ein Plattenladen ist ein extrem exklusiver, Leute ausschließender Ort. Auch in eines der großen Bücherhäuser muß man erstmal rein gehen, es als normal empfinden, das zu tun. Das Fernsehen ist DER öffentliche Raum überhaupt, über allen, für alle, das Firmament. Was jeder sehen kann, wie er will, nach vollkommen eigenem Ermessen, nach eigener Lust. PRAXIS 1325. Out of Koons. Ich möchte mich dann nur nicht so darauf versteifen, auf das Fernsehen und seine Großartigkeit. Wenn man es zu penetrant betont, wenn es ZU prägnant und einem selber zu wichtig wird, geht es auch gleich kaputt. Zuviel Aufmerksamkeit hebt die Sachen eben genau nicht nur empor, wie der Aufmerksamkeitsspender gerne denkt, sondern zerstört sie immer auch gleich. Da eine Balance suchen. Für mich immer mit dem Vorhaben verbunden, das LEBEN eben igendwie wieder zu ändern, grundsätzlich. Alles andere ergibt sich dann von selbst. Falsche Gedanken kann man ja nicht gut abschaffen, aber sein Leben kann man schon ändern. PRAXIS 1345. Wie gehst du vor? Ich weiß nicht, es ist jedesmal anders. Ich probiere rum. Aber es muß doch paar Dinge geben, die sich bewährt, durchgesetzt haben? Vielleicht nur das Kritzeln, das Dauernde des eben nicht wirklich Schreibens, sondern da sozusagen so Rummachens, mit den dauernd geschriebenen Worten, den dauernd, während des Schreibens ja auch ausgesprochenen, irgendwo hin ins Zimmer gemurmelten Worten. PRAXIS 1350. Niemand hat so wenig Ahnung von ausländischer Literatur wie ich. Wie ich in der FAZ die Neuerscheinungen-Seite mit den Übersetzungen in der Hand hatte. Und praktisch keinen einzigen Namen auch nur kannte. Nicholson Baker habe ich jetzt oft genug gelesen, daß ich da so einen Schimmer habe. Dann hatte ich das Buch bei Kiepert in der Hand, von allen in den höchsten Tönen gepriesen, und ich dachte nur: sicher ganz toll. Bloß ich brauche es mir echt nicht kaufen, schon gar nicht jetzt, im Hardcover. Weil lesen werde ich es NIE. Auch das klassische Kino entdeckte ich erst so bißchen in London, wo ich die Filme in IHRER Sprache endlich sehen konnte, natürlich im Fernsehen. Verstand das dann da auch sofort. Die Sprache ist auf eine Art eben alles. Das ist die automatische Perspektive des Schreibers auf die Welt. Wenn man das anders empfindet, wird man irgendwas anderes, macht man irgendwas anderes. Das ist für mich auch das große Handke- Defizit, daß er kein richtiges Ohr hat, für Sprache, oder er hat es verkümmern lassen, es ist so langsam verkümmert, beim dauernden Lobpreis des Stummen. Daher kommt das Menschenleere bei ihm, das tendentiell Autistische. Der Gesang der menschlichen Sprache ist EIN großer Zutrittsort zur Schrift, ich finde, der wichtigste, der schönste. PRAXIS 1747. Wie es durch einen durch sprengt. Weiter am Stück. Felix schickt die Reinzeichnung. Davor auch Telefon mit Herrn Brock von Südwestnet. Gut k.o. Als wären die Augäpfel außen an den Rändern ganz scharf mit einem Rundmesser ausgestochen. 2009. Das Gemachte immer wieder gelesen. Dann Essen eingekauft, triefend und naß alles draußen. Wieder daheim, mit Frau Schutzbach telefoniert, dann noch mal am Stück. Der ZUSTAND, in den die Arbeit irgendwann kommt und einen bringt. Abgefahren. 2301. Beim Blättern in der Zeitung, da ist die Seite mit den Todesanzeigen. Mal kucken, ob ich schon tot bin. Das war aber kein Witz, sondern ein völlig ernst gemeinter Gedanke, ganz kurz. Dann kam er mir bißchen komisch vor. GEDENKTAG ZU EHREN VON KLAUS JANKUHN 7.2 936. Prinzip Versteck: wann kam das auf, für mich? Weil ich eben dachte, bei superdarken Mahlerklängen im Radio, daß es mir nie so klar war, wie bei der Arbeit an der Krieg Musik, wo ich es ja immer MITTEILEN, aussprechen, sagen, erklären mußte, um es Klaus plausibel zu machen, wie sehr ich immer das klare, exponierte Moment suche, um es dann sofort wieder so zu kontern, daß es verdeckt ist, sich verbergen kann, deexponiert wird und so versteckt wirken kann. Das finde ich einfach geiler, härter, stärker, lustiger. Laß uns das doch noch mal so und so kontern: dauernd. Kam mir dann fast schon läppisch vor, aber im Resultat nicht. PRAXIS Dienstag, 17.3.98, Berlin. Das war schon zur Irre Zeit ähnlich, ist nicht erst als Abwiegelungsbewegung in letzter Zeit entstanden. Ich erinnere mich an den Streit mit Hartmut Schulze, gott hab ihn selig, von Konkret, die meinen Subito Text drucken wollten, aber natürlich nur die Blut Passagen. Und ich sagte: ohne Claude Lorrain und all das drum rum ist das doch totaler Bullshit, kapiert ihr das nicht? Nö, wieso. Das ist doch lustig so. NEIN. Und wie ich schon beim ersten Buch gemerkt habe, welche Freiheitsverhältnisse genau dadurch in einem Text entstehen, daß man über sehr weite Distanzen hinweg Balancen herstellen kann, daß ein bestimmter krasser Satz nur geht und geil ist und kickt, weil ihm auf der anderen Seite des Buches irgendwo der Gegenteilssatz entgegegehalten wird, entgegengehalten werden kann, so daß einer den anderen hält und versteckt und ermöglicht usw. Bei Kontrolliert war mir dieses wunderbare Buchgeheimnis schon fast zu klar. Dann vergißt mans wieder, das ist ja das Angenehme beim Machen: daß die Prinzipien, die wirken, von den auf ganz andere Dinge gerichteten Aufmerksamkeiten immer neu verschlungen und verdeckt werden. Man vergißt, kurz gesagt, immer wieder, wie es geht. Wie man es macht. Im Nachhinein kommt es einem dann wieder. So ging es, so ist man vorgegangen. PRAXIS. Zuletzt: großer Gewinn durch Wechsel: das ALLEIN im Text agieren, sich zurecht finden, probieren, tasten, die Festung des Plans, der Absicht, des Konzepts bestürmen, dieses riesige Stilleding, sich dem ganz ausliefern, mit allem. Und dann aber doch immer wieder Situationen veränderter Arbeit suchen, wo man durch gemeinsames Machen zur expliziten Darlegung der leitenden ästhetischen Ahnungen gezwungen ist. So wie das GEMEINSAME SCHREIBEN am Westbam Buch, mit diesem dauernden Wechsel tatsächlich, einmal saß er am Computer und tippte und einmal ich, und dauerndes ganz schnelles: das ja, und das nicht, wieso?, aus dem und dem Grund, genau, stimmt, okay, weiter, gemeinsam probieren, das ist scheiße, a ja stimmt, so weiter, so, so: wie dieses Prozedere mir mein eigenes Denken über Texte und agieren im Text völlig neu vorgeführt hat, weil ich mich ja gleichzeitig dauernd mit Westbams Augen erlebte und sah. Aha, so also denkt man. Ist ja interessant. PRAXIS 1104. Fax von Frau Schutzbach, Fax an Felix. Anruf bei Herrn Brock, durchgestellt zu Herrn Haubrich. Das sogenannte Angebot ging gestern spät abends erst raus. Was steht denn da drauf? Ja, wir berechnen da das, das, so, so. Aha. Schluck. Scheißegal, bitte legen Sie endlich los, danke. Es eilt. Ich soll dann morgen Abend mal anrufen. Okay. Es geht ja darum, daß die Seite steht, wenn Rave erscheint. 1208. Korrekturen an alten Abfällen. Absurdität. Daß man einmal ins Internet gestellte Sachen nicht beliebig ändern kann wieder, angeblich. Wo leben wir eigentlich? Aber vielleicht irrt ja auch der Herr Häberlen. Eben fiel mir auf: die zu ändernden Sachen, die Stellen, die ich blöd finde, betreffen immer meine negativen Urteil, das Geschimpfe, Genörgel, Gejammere. Ich hasse meinen Haß. Er hilft mir allerdings auch bei der Arbeit. PRAXIS. Felix erzählte, daß Maxim Biller neulich in dieser ZDF-Spätkultur-Sitzrunden- Sendung gesessen wäre, und da so sein Beschwerdeding vorgebracht hätte, von wegen zu viele Alte würden an irgendwelchen Kulturschaltstellen sitzen, in den Verlagen. Aha. Schlimm. In der FAZ hatten sie vor zehn Jahren, glaube ich, im Feuilleton die 25-Jährigen an die Macht gebracht. Im Bochumer Theater vor drei Jahren, ähnlich, die 33-Jährigen. Das SZ-Magazin wird seit zwei Jahren von Ulf Poschardt geleitet, seit gestern 30 oder so, das Jetzt gibt es jetzt so etwa, wie lange? Vier Jahre? Drei? Fünf? Nee, das wüßte man. Worauf bezieht sich Maxim Biller? Einer seiner besten Freunde, oder sehr guten Bekannten wenigstens, Claudius Seidl, ist seit wie lange?, eineinhalb Jahren vielleicht?, stellvertretender Feuilletonchef in der Süddeutschen Zeitung. Helge Malchow von Kiepenheuer und Witsch, seit zehn Jahren dort ganz oben, ist vielleicht zehn Jahre älter als Maxim. Usw usw. Da darf doch die arme, legendäre Frau Holtzbrink den Fischer Verlag noch bißchen leiten. Oder die Kröte von der Zeit das dortige Feuilleton. Auch das Zeit-Magazin wird längst gemacht von Leuten von Maxim Billers Alter. Was ist denn los? Wo ist das Problem? Der Fest Verlag, der Berlin Verlag, der Taschen Verlag. Wenn man selber schon Ende dreißig ist, da öffentlich nach mehr Jugend an der Macht zu betteln, kommt bißchen komisch rüber. Soviel zum Haß als erschöpfte Schlaffform eines einstmals ertragreichen Betriebskapitals. PRAXIS 1335. Out of Koons. Wieder blättere ich in September. "Klüngt nüdlüch.", sagt Frau Krausser in Italien. Leider merkt man, daß er extra fürs Tagebuch seine Italienreise angesetzt hat, im Tagebuchmonat. In der SZ erzählte er, daß er diesmal, also letztes Jahr, im Oktober, in der Villa Massimo sein würde, das wäre auch gut für sein Tagebuch. Schade. Nüdlich finde ich auch niedlich. Nur, will man so nahe an so einer Nähe zwischen diesen einander nahen Menschen dran sein? Mag man wirklich alles wissen? Nein, nicht wirklich, ich nicht. Alles muß schon offen sein, sich offen anfühlen, aber zugleich doch bitte extrem diskret. PRAXIS. 1531. Wie man aus der: 'alles scheißegal, laß mal loslegen und Vollgas geben'- Energie und -Wurschtigkeit heraus, dann praktisch schon im selben Moment zum sehr pedantischen Vergnügen am letzten Detailproblem und zugleich der wirklich ganz übernommenen Überdimensionalität extremer Zielvorstellungen fürs Ganze kommt. Wie geht das? Kann man das beschreiben? Dann wüßte man schon mehr. Dann wäre man schon relativ nah am Hochofen des Zustands dran. PRAXIS. 1812. Am Stück. Brutal durch den Wind jetzt. Letztes Restlicht draußen. Schnell raus. Ich weiß gar nicht, wie ich in diesem Zustand morgen vor diese TÜV-Prüfer treten soll und einen halbwegs geordneten Eindruck machen? Wie soll das gehen? 1849. Eingekauft. Der Sachverhalt, der der Geschichte zu Grunde liegt, war folgender. Hamburg, Deichtorhallen-Eröffnung, Jena Paradies. Dann müßte die Handlung so erzählt werden, so gerafft und wertend, wie ich sie schon öfter mündlich erzählt habe. Dann würde Käthe bißchen erklärt werden, wie die ist. Und das wäre dann das Ding. Das, was da passiert ist, in seiner Irrheit, auch im Kontrast zu der nachträglichen Darstellung von ihr selber. PRAXIS 2105. Gegessen, Zeitungen gelesen, gefernseht. Total kaputt. BEGUTACHTUNGSSTELLE FÜR FAHREIGNUNG 7.3 558. Vor fünf auf, vor lauter Aufregung. Und jetzt hier eine Stunde wirr und ratlos am Text. so gehts nicht so nicht KRANK Mittwoch, 18.3.98, Berlin. Aber das Datum schaut doch irgendwie gut aus, wenigstens, oder? 630. Plötzlich kams mir: daß das FIKTIVE natürlich der Ort des PRIVATEN ist. Da ist es dann sozial gehalten und gefaßt. Und daß das Nichtfiktive, das sozusagen AUTHENTISCHE fürs ALLGEMEINE zuständig wäre. Also genau umgekehrt als man doch im ersten Moment so denken würde, ganz automatisch auch denkt. Bloß ein unklarer Instinkt einem sagt: irgendwas daran stimmt nicht so ganz. Daran hatte ich vor Morgengrauen rum gemacht, ergebnislos, an diesem Problem. Immer verzwirbelter. Unter der Dusche löste sich das dann auf, im Wasser, ja. Der komische Valery hat doch alle seine gravitätischen Notizen in diesen heroischen Morgenstunden der Stille gemacht. Das war vielleicht für ihn zum Machen gut, aber für die Resultate wahrscheinlich eher nicht. Ich sehe immer dieses Foto von ihm vor mir, wie da so sitzt, mit traurigem Hundeblick. Der Blick eines SEHR dummen Menschen, tut mir leid. Zum ersten Mal hörte ich von Valery durch Bernhard. Der erzählt irgendwo im Italiener, glaube ich, oder wo war das?, das Bibliothek Suhrkamp Bändchen vom Herrn Teste, das hätte er also schon mehrmals und immer wieder neu ganz wund gelesen, so toll wäre das für ihn. Ich kaufte mir das dann, aber verstand nicht richtig den Kick, den Bernhard meinte. Dann erschienen die Valery Cahiers, und es war ein größeres Thema mit Konrad, eine Zeit, wie wir das finden. Er hatte die ganze Serie abonniert. Ich hörte nach dem zweiten Buch auf, das machte mich so traurig, dieser angestrengte Unsinn. Da würde ich mir ja noch eher Schröders Erzählungen abonnieren, als Valery, auch das hatte Konrad abonniert und er erzählte manchmal von Schröders Erzählungen. Aber nicht mal Schröder interessiert mich genügend, als daß ich das Ekelgefühl überwinde und mir PRIVAT vom Autor irgendwas zuschicken lasse. Scheußliche Vorstellung. So lange Schröder sein Zeug nicht normal als Buch verkauft, kann es mir gestohlen bleiben, er auch. Ge was? Gestohlen. PRAXIS. Alles natürlich immer nur: IN MY MIND. Klar. Wo denn sonst. Gerade solche Allgemeinheiten sind ja zugleich das Allerprivateste. Bestimmt davon, wo man selber gerade steht, wohin man will, was man vorhat und welche Probleme einen beschäftigen. Was überhaupt nicht heißen muß, daß sie nicht wirklich auch stimmen können, die eigenen, privaten Allgemeinheiten. Bloß ob sie für andere genau so wichtig sind wie für einen selber im Moment, ist sehr die Frage. Und diese Frage sollte man, die will ich speziell im Moment besonders deutlich mit am Schirm haben. Wegen PRAXIS. Wenn ich allein wieder denke, was Arrabal gestern im Fernsehen an Gesetzessätzen losgelassen hat, in kürzester Zeit, wo ich bei jedem nur sagen konnte: ja ja, super, haargenau, bloß ganz genau so genau auch genau im GEGETEIL. Ganz abgesehen davon, daß er mir irre unspympathisch war. Der blöde Arrabal. wo es nicht mehr lustig ist da hört für uns der Spaß auf meinte der Titanic Schmidt gestern in einem saulustigen, weil von Interviewerseite her so voll seriös geführtem Interview über Schalls Hitler-CD. 712. Los gehts. 2111. Wieder daheim, zurück aus München, völlig erledigt. Eine einzige Groteske. 2140. Brief an Felix. BUILDING THE GETTY 7.4 Donnerstag, 19.3.98, Berlin. Großes Elsterkonzert, draußen im Baumwipfel vor dem Fenster. Noch sind die Stecken der Äste oben ganz nackig, vorne die kleinen schwellenden Kügelchen der Knospendinger. Immer eine tolle Sauerei, der Frühling. Die Vögel sind plötzlich zu viert, hupfen und tanzen da umeinander rum, mit ihren langen schwarzblau- metallic lackierten Schwänzen, wie lässige Proll-BMWs. Leider fehlt im echten Leben der Fernseheton, der einem erklärt, was man gerade sieht. Was vor geht, warum das so ist. Wie die Elster lebt und wo sie im Winter hinfliegt. Die blöderen Tiersendungen heben immer zu sehr auf diese Niedlichkeitsparallele ab, daß wir doch irgendwie alle auch nur so Tierchen sind etc. Aber oft sind sie auch gespickt mit lauter interessanten Informationen. Wieviel mehr, wieviel verschiedeneres, wahreres, wichtigeres und widersprüchlicheres jedes Kind und jeder Mensch heute ununterbrochen erzählt bekommt, vom ewigen und nie ermüdenden Opa, von der big Mama TV. Wie wenig SPRACHE in der guten alten Zeit in der Welt war, ein Wahnsinn. Ein BILD dieses Sachverhalts kriegt man, wenn man in Weimar die Bücherschränke des armen großen Goethe anschaut, hinter Gittern. Eher so eine Teenagerbibliothek, vom Volumen her. Das haben sie dann ausgewalzt, dick und breit, das wenige, was da war. Ideale Zeiten für Idealismus und umgekehrt das Naturforschertum der Farbenlehre, Materialismus der minimalen Differenz. Mal ist es so, mal anders: so geht die Farbenlehre. Häppchen für Häppchen, das ist so geil. Goethes Häpchenkultur. Was wollte ich sagen? PRAXIS 929. Ich war wieder bei Herrn Dr. Wobbe. Beste Praxis der Welt. Er: Wie oft brauchen Sie das denn jetzt noch? Ich: Das ist jetzt das letzte Mal. Er: Die Werte waren doch neulich alle in Ordnung, das ist doch noch nicht drei Wochen her. Ja, genau, nur: ich war gestern in München, bei dieser Untersuchung, da war Bombenalarm, in dem Moment, wo sie mir Blut abnehmen wollten. Und die meinten, ich soll das jetzt noch mal bei Ihnen machen lassen. Die würden das auch übernehmen, die Kosten, wenn Sie das denen in Rechnung stellen wollen. Wegen Kasse und so. Er: Och, da lassen wir uns mal gar nicht verrückt machen. Zapfte das Blut ab, pickte sein Pflaster drüber und wünschte mir einen schönen Tag. Vielen Dank, auf wiedersehen. Ich wollte sagen: Daß bestimmte Textformen die zugespitzteste und vielleicht einzige Asozialitätskunst sind, die es überhaupt gibt. Schrift. Wenn man wüßte, seit wann es den Begriff SCHRIFTSTELLER gibt, wüßte man schon bißchen mehr. - Musik: Sozialkunstwerk: Realisierug zu mehreren, Rezeption unter vielen, im Konzert. - Theater: eh klar. - Malerei: seltsamer Grenzfall. Alle Maler, die ich kenne, suchen die soziale Situation zur Produktion. Maler und Modell. Künstler und Assistent. Der dauernde Material-Vorgang, -Vorrang, der Materialismus der Produkte, die DINGER, um die es dauernd geht. Das ganz reale Produzieren von GEGENSTÄNDEN. Die Zumutung, die das darstellt, die Belästigung. Alle tollen Künstler haben ein problematisches, unkulinarisches, kämpferisch widersprüchliches Verhältnis zur Materialität ihrer Ideen-Realisierungs- Bedingungen. Die Konzeptkunst geht da den simpelsten Weg der Flucht aus diesem Problem, das werfen wir ihr vor, nicht ihre Nichtsinnlichkeit. Alle Außenbeobachtungen also sagen: die Kunst der Kunst ist ein gesellschaftliches Ding. Andererseits erlebe ich immer wieder, daß ich Bilder nur sehen kann, verstehen kann, was da eigentlich los ist, wenn ich wirklich allein mit einem Bild bin, wenn ich allein vor einer Skulptur stehe. Der Auffassungsvorgang setzt eine sinnlich so hochgradig erregte Irritierbarkeit voraus, daß da so extreme Sinnesdaten-Produzierer wie Menschen viel zu laute Störgeräusche verursachen, als daß dann der Empfangsvorgang der sinnlichen Mitteilung der Botschaft vom Kunstwerk her noch stattfinden könnte. Rede ich wirr? Bißchen überpräzise in dem Fall, egal. - Was gibts denn noch für andere Künste? Musik, Malerei und bildende Kunst, Kino, auch klar, und, genau, das war der Ausgangspunkt dieser ganzen Überlegung hier, gestern im Flugzeug: ARCHITEKTUR. PRAXIS Ich hatte dabei: Das kunstseidene Mädchen, die überwachsenen Pfade. Und, im letzten Augenblick hatte ich dann doch Kraussers Thanatos, wo ich dachte: gute Gelegenheit, verhaftet im Flugzeug, Pflichtlektüre, weiterkommen etc. - ausgetauscht gegen Meiers Building the Getty Buch, worauf ich total Lust hatte. Es ist eh scheußlich genug, die ganze Flugzeugarie, wieso nicht ein Buch mitnehmen, auf das man total Lust hat. Und das las ich dann die ganze Zeit. Und dachte eben dauernd: Architektur, nicht nur von der sozialen Funktion der Benützung her, sondern genau auch vom Entstehtungsprozeß her: DIE Sozialkunst überhaupt, vorallem, vor uns, über uns, um uns. So groß wie Pop. So ultragegenwärtig, davon verborgen. Auf der Grenzlinie zur Natur. Architekturkunst: von ihrer Hyperpräsenz versteckt, von ihrer selbstverständlichen Daheit und Sichtbarkeit fast unsichtbar gemacht. Usw usw usw. I could go on and on and on. PRAXIS Es ging dann um die nach INNEN gelegten Zerstörungsvorgänge im Inneren des Hirns des Macheres dieses Asozialitätskunstwerks Schrift. Was für Arten von Text DIESE Sorte von Kunst ausmachen. Es gibt ja auch wirklich zum Vorlesen vor Leuten gemachte Geschichten, die als Texte festgehalten werden. Daß meine Texte NICHT so sind. Daß ich auch deshalb keine Lesungen machen möchte. Der Unterschied zu Texten, die für das Theater gemacht werden. Daß Praxis diese verschiedenen Zuspitzungen und Unterscheidungen klären und entfalten muß. Daß mir das alles realtiv neu ist und noch nicht ganz klar. Die Vorfreude auf diese Klärung, auf die eigentliche Arbeit dann in Vorbereitung der Veranstaltungen selber. PRAXIS. 1058. Telefon mit Felix, noch mal wegen dem Plakat, Anruf bei Frau Schutzbach, das Plakat Konzept noch mal genauer erklärt. Gut, alles klar, jetzt bleibts so und wird so gemacht und gedruckt. Als die verschiedenen Probleme zwischen den verschiedenen Komtitees, Kommissionen und Beratern zu problematisch werden, wird von den Gettys ein eigener Problembeseitigungs-Berater eingesetzt, als weitere Kommunikations-Steuerungs-Instanz zur Vereinfachung der davon natürlich erneut komplizierten Kommunikationen. Man macht sich KEINE Vorstellung von den da ablaufenden Problemen. Da ist das, was ich vom Theater her kenne, wahrscheinlich ein Witz dagegen, echt Puppenküche. Beziehungsweise wahrscheinlich doch wiederum auch nicht: weil die da involvierten Parteien und Personen zusätzlich alle möglichen Kunstego-Konstellationen mit in die Konflikte einbringen. PRAXIS Ich wollte sagen: Daß die Erregungszustände geistiger Art zur Produktion von Schrift perfekt und unverzichtbar sind, im Sozialen hingegen fast unerträglichen LÄRM produzieren. Man vermittelt eine Panik, Unruhe und Hektik, die sozial schlicht pathologisch oder zumindest grenzwertig pathologisch wirkt. Nicht nur so wirkt, auch wirklich ganz real IST, stört. Das ist nicht normal, wie der sich aufregt. Ja, ja, ja. Ich weiß. Ich bin ja gleich wieder daheim. PRAXIS. 1123. Schweißausbruch. Herr Brock fährt natürlich zur Cebit, hat auch nur, wie er sagt, zwei Hände, und so wird Abfall für alle zum Erscheinen von Rave doch nicht fertig. Hinbohren tue ich an dieses Ding hin seit: Mitte Oktober letzten Jahres, wo ich zur Rave Besprechung im Verlag war. Seit eins, zwei, drei, vier, fünf Monaten. Geil. Kaputte Szene. O - STEINZEIT DER ELEKTRONISCHEN WELT Diese Seite befindet sich im Aufbau und wird in den nächsten Tagen verfügbar. Soll da jetzt stehen, wenn man sich einwählt. Das klingt irgendwie beruhigend, fast sogar spannend. Bloß daß man so was Ähnliches eigentlich fast auf jeder zweiten Seite zu lesen kriegt, im sogenannten Netz, daß man davon eigentlich nur noch geödet ist. Ja, ja, Aufbau, schon recht. 1133. Andere machen Post, gehen mit dem Hund raus oder bringen ihre blöden Kinder in die Schule. Ich mache Abfall. Und werde davon im guten Fall ruhiger, konzentrierter und geordneter für die eigentliche Arbeit am Text. 1152. Anruf bei Frank. Deadline Vorschautext Celebration: Ende nächster Woche. Das sollte zu schaffen sein. 1712. Güldenes Licht, abendlich und schräg. Am Stück. Jetzt raus. Morgen, sagt der Kalender, ist Frühlingsanfang. Neben Rosy Rosy, aufgeschlagen, am Bauch, liegt Kurt Flaschs Licht der Vernunft da am Boden, neben dem Schreibtisch. Von wegen gülden, meinte ich, vielleicht kommt das da her. Sex und Philosophie: allein DIESE Grundidee Foucaults, als Fragestellung, als Thema, wenn man schon ein ganzes Riesenwerk hingestellt hat, ist derart abgefahren. Man hat sich natürlich längst so völlig daran gewöhnt. Ich stelle mir vor, wie ihn selber das im ersten Moment brutal verwundert und gekickt hat, daß ihn ausgerechnet DAS jetzt als Gegenstand seiner Wissenschaft beschäftigen soll, wird, tut. Die Freude, die das für ihn gewesen sein muß. 1949. Wieder daheim. Ja, er ist ja jetzt GESTORBEN. Im Kaisers, an der Kasse, die ganz alte und ganz junge Frau an der Theke für Zeitungen und leere Flaschen. Ja, ja, GESTORBEN, gestorben, bla bla gestorben, gestorben. Alles muß ja etwa mindestens zehnmal wiederholt werden. Und dann: aber es ist ja auch BESSER für ihn so. Ja, BESSER für ihn, so so, besser, bla bla, besser besser. Und ich dann dachte: das ist wirklich DER Satz in dem Zusammenhang und DAS Gefühl. Meist gefühlt, meist gedacht, meist gesagt. Und was das heißt, daß man als Lebender auf eine Art ganz automatisch so schlecht vom Leben denkt, so gut vom Tod. Davor hatte ich am Leopoldplatz im Karstadt in der Buchabteilung bei zwei geistig faszinierend hochbegabten Buchhändlerinnen, gerade so knapp über der unteren Debilitätsgrenze, was für Buchhändlerinnen ja bekanntlich Einstellungsvoraussetzung ist, ein Führerschein-Fragen-Buch gekauft, "mit einen Vorwort von Otto Einert". Es muß ein Ruck durch Deutschland gehen, steht da glaube ich drin, im Vorwort von Otto Einert. Dazu wollte ich irgendwas sagen, am Rad. Vor allem dichtete ich am Rad in Gedanken am Brief an Frank, wegen des Formats für Jeff Koons. Er hatte mir ein Fax geschickt. Seitens der Herstellung hätte man Bedenken gegen das kleine Format, in englisch Broschur. Das würde 'nach nichts' aussehen. Wer soll das kaufen? Aha. Mehr Buch durch mehr Größe, oder wie? Mir fallen gleich ix Beispiele ein, wo mich gerade das zu große Format von extra überdimensioniert großen Büchern, mit besonders wenig Text, vom Kauf abgehalten hat. Genau wegen dieser absurden Außen-Innen-Inadäquatheit. Auf so ultrastumpfe Art möchte man nicht unbedingt als Kunde animiert, zum Käufer gemacht werden. Außerdem ist doch eine kleinere Schönheit eine viel größere Freude, als eine größere Großheit und Scheußlichkeit. 2029. Ich schüttel immer nur den Kopf, während ich das schreibe, während ich das lese, schüttle den Kopf, weil ich das so absolut NICHT verstehe. Wie kann man so denken, empfinden, die Dinge sehen? Auf dem Rückweg hatte ich das Problem schon wieder ganz vergessen. Und kaufte gelbe Tulpen. Was kommt heute eigentlich im Fernsehn? Richtig: die Berliner Morgenpost habe ich mir heute gekauft, weil vorne drauf steht, mit Bild von Ostermeier: Neuer Leiter der Berliner Schaubühne. Das klingt einfach unglaublich geil. 2204. Heiß geduscht, kalt abgeschreckt. unter der Dusche: naß feucht Worte, die im Plural sind ja alle Worte pötzlich Frauen auch die Männer ist doch toll KRANK Plural mehr als einer ab wie viele? ab zwei doch, oder? auch geil FRÜHLINGSANFANG 7.5 Immer mehr drängen sich die Gedanken der Organisation und Ordnung der verschiedenen Themen und Komplexe nach vorn. Wie baut sich das Ganze auf? Es soll ja jede einzelne Stunde so in sich geschlossen sein, daß sie alleine funktioniert, und doch auch jedesmal neu ein Interessesog entsteht, der in die nächste Veranstaltung hineinträgt. Und natürlich muß das Ganze der fünf Dinger die Idee des Ganzen schließlich entfaltet haben. Natürlich sollten verschiedene Organisiationsprinzipien zusammenkommen: der Tagesablauf, das Stadium der Arbeit, produktionstechnisch inhaltliche Momente, und mehr so wirr metaphorisches Zeug wie: Tag der vier, Tag des Dienstags, Tag des Hintergrunds, Tag der Handelnden, Tag des Elends, Tag der Blumen usw usw. Wobei dann jede Kategorie natürlich durch alle fünf Tage durch konjugiert wird. Letztlich also natürlich ein Drama in fünf Akten. PRAXIS. Freitag, 20. März 1998, Berlin. 1130. Morgendliche Paniktelefone. Ein Anruf, ein Ruckruf, Panik. Morgens bin ich zu angespannt, zu geladen, zu erregt und zu sehr am Sprung, um kommunikationstechnisch vernünftig zu funktionieren. Und abends zu erledigt, zu erschöpft, zu jenseits von allem wirklich. Das wirds dann so langsam schwierig, minimale Dinge zu klären oder aufrecht zu erhalten. DER SÜDLÄNDER. Ein geiles Fax kam vom lächerlichen Herrn Schöller vom Hessischen Rundfunk, in einem Tonfall, der wahrscheinlich nur in den Fluren dieser ewigen Anstalten der Fernseh-Popanz-Wichtigkeit wirkt und geboren wird. Es geht um die Rechte zur Aufzeichnung meiner Veranstaltungen. Lächerlich. Die brüllende Verrücktheit solcher Blödmann-Institutionen, wo das Nullentum der in ihnen verkümmernden Nullen seine Potenzierung durch den realen gesellschaftlichen Einfluß und die wiederum völlig übersteigerte Hochpotenzierung dieser Realität in den Nullköpfen der Nullen erfährt. Was genau ergibt: null hoch zehn hoch zehn Milliarden, gibt, Herr Schöller, können Sie das mal eben bitte kurz durchkalkulieren, danke: Null, ganz genau. Büro an Büro, Null an Null. Mit freundlichen Grüßen, Herr Schöller. Wegtreten. PRAXIS. Die Institutionen. Der Geisteszustand. Stimulantien. Welche Realität. Welche Medien. Welches Leben. Externe Position. Beweglichkeit. Vision von Ganzen. Verlorenheit ans Detail. Permanente Oszillation. Alle Orte. Welches Menschbild. Welche Erfahrungen. Du mußt dein Leben ändern. Hartnäckigkeit. Beharrlichkeit. Enttäuschungsresitenz. Die Individualkonstitution. Let the motherfucker ROCK. PRAXIS 1223. JA! Worum gehts? - Dleldamme bie - WAS? - DRedklame bide - ja. - Die Klingel läutet. Der xte Reklameausträger, Menschen, die definitiv von der Sonnenseite des Lebens ins eigene hereingeschneit kommen. Bitteschön, Reklame, natürlich. Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten? Da läutet die Klingel wieder. Etwa zehnmal am Tag. Irgendjemand muß immer ins unten zugesperrte Haus und klingelt natürlich am liebsten ganz oben. Heute morgen zum ersten mal um halb sieben. Ich reiße das Plastikding von dem Klingelgerät runter und schraube den zuständigen Draht ab. Dann kommt Post vom Paketdienst, die einen nicht erreicht. Darf man dann zum zuständigen Postamt fahren. In der sogenannten Gerichtsstraße. Jeden Tag donnert ein anderes Mülltrennungsauto etwa eine Stunde die Straße rauf und runter. Im Sommer besonders angenehm. Die Reklameausträger melden sich schüchtern, die Müllheinis, ganz im Bewußtsein der Herrlichkeit ihres großen Auftrags, brüllen einen berlinerschnauzemäßig an, daß echte Freude aufkommt, immer wieder neu. Berliner Ökonomie. Fucking Wedding. VERSCHISSENE STADT. 1502. Ringe um Ruhe, aber das ist natürlich schon falsch. Wenn es nicht funktioniert, merkt man erst richtig den Vorgang: die Sache kommt wirklich auf einen zu. Wenn in einem Produkion ist, wenn man mit etwas beschäftigt ist, wenn man an etwas denkt, über irgendwas nachdenkt, dann sind alle Rezeptionsorte zu, geschlossen, unbrauchbar. Man erfährt dann nichts. Es zeigt sich nicht, wie es weitergeht, wie es weitergehen muß. Zugleich ist in diesen Endphasezuständen die Erregung so übergroß, daß der kleinste äußere Anlaß die hochgespannte Ruhe der Konzentration, der Bereitschaft, der Offenheit - in rasend hämmernden Gedankenirrsinn umkippen lassen kann. Mit der gleichen Überreiztheit und Intensität, mit der man eben noch völlig auf Empfang geschaltet war, rast dann die Produktion immer detailierter, irrsinniger und quälender in einem ausgearbeiteter Gedanken los. Brutaler Lärm in einem, brutale Panik, Unruhe, Horror. Was tun? DIE SCHÖNSTEN MÄRCHEN AUS 1001 NACHT 7.6 Samstag, 21.3.98. Tag im Bett. HELLBLAUER NYLON-WINDBREAKER VON HELMUT LANG 7.7 Ich wüßte kein Mißverständnis mehr, dem wir uns prinzipiell nicht aussetzen sollten, dem wir uns nicht stellen sollten, aus einer definitiven Entscheidung heraus. Gegen Albert, gegen seine Entscheidung gegen die Skulptur, gegen jede Art Prinzip in solchen Fragen. Wie ich im Baselitz Interview Buch blättere und seine Holzskulpturen dieser archaischen Menschen sehe. Und einfach sagen muß: ich möchte sehen, und zwar in ECHT, wie Albert dieses Problem sieht, lösen würde. Und seine Klärung per Ausschluß - ich habe mich prinzipiell GEGEN die Skulptur entschieden - für mich umso ungenügender wird, je älter sie ist, je länger es her ist, daß ein Furor diese Entscheidung hervorgerufen und das von ihr Zerstörte, Verbrannte, Verbannte, Vernichtete noch belebt hat. Mach mal, Albert, los. Wir müssen in den dümmsten Kämpfen stehen. In allen, in jedem. Sonntag, 22.3.98, Berlin. Das wäre so, wie wenn man sagt: für Mode interessiere ich mich nicht. Gerade wenn der Diskurs über Mode einen quält wie nicht so wahnsinnig viel anderes - von A bis fast Zett habe ich Ulf Poschardts SZ Magazin Mode Special wieder durchgelesen - wenn man sich eine ganz andere Perspektive und Rede darüber vorstellen würde: man kann doch nicht ganze Weltbereiche ABSICHTLICH zu für einen selber auf ewig weißen Flecken erklären. Das ist doch Stumpfsinn. Das bringt doch keinen Spaß. Das ist doch falsch. Sigi hat erzählt, er wäre mal im Helmut Lang Laden in einem Helmut Lang Anzug dagestanden, und der wäre so wahnsinnig scheiße verarbeitet und trashig genäht gewesen, daß man dachte, eine Bewegung und alles reißt. Für zweitausend oder 2500 Mark. Oder waren es vier? Geil auch, wenn man die Typen, die da über Mode schreiben, mit all den wilden Phantasien, wie es so zugeht, zwischen Männern, die dies und das tragen, und den dazugehörigen Frauen, die was anderes tragen, was das und das bedeuten würde oder könnte, etc etc, nur so ganz bißchen privat kennt. Deren ultimative BIEDERKEIT. Das totale Fehlen von Stil, Autonomie, Charisma und einer irgendwie gearteten Wildheit, ohne die Mode ein zusammengenähter Waschlappen ist, oder zwei. DEKONSPIRATIONE I don't wanna talk about negative things: sagt Andy Warhol in einem späten Interview, wo die Rede auf Probleme mit der Steuer kommt. Der von Negativität wirklich auch Zerfressene fand diesen Zug an sich unangenehm, wollte das lieber mit sich selber abmachen, so damit fertig werden. Fertig. Was muß in den Orkus dieses I DON'T WANNA TALK ABOUT? Das läßt sich nicht wirklich guidelinemäßig klären. Aber ob und wie es gelingt, entscheidet über den führenden Grundappeal von Sachen, Persönlichkeiten, Werken. PRAXIS II ZIEMLICH KATASTROPHALER TAG 1.1 Montag, 23.3.98, Berlin. Ich lese im Spiegel einen Satz von Enzensberger und denke: inzwischen rede ich ja auch schon Satzschrott von dieser Kategorie. Scanne dann innerlich die letzten Abfälle. Wie klingt das? Meine ich das denn wirklich? Will ich das meinen? Wie kommt es zu so komischen Ansichten? Die Denkform des Ressentiments: ein inneres Reaktionsmantra, das schon bißchen zu oft in einem abgelaufen ist. Zu oft gedacht, um noch formulierbar zu sein. Und man erschrickt dann über die fertig da stehenden Dinger: so schauen diese Gedanken also aus. Nicht schön. Schade. Danke. 1657. Ziemlich katastrophaler Tag. Man kann über Glanz und Elend der eigenen Person, Position, des eigenen Charakters und seiner Probleme etc. so wahnsinnig schlecht rechten und Rechenschaft geben. Weil ja doch immer nur Glanz übrig bleibt. Ich klage mich an. Toll! Ich bekenne, ich habe gesündigt. Ah, ein Heiliger, ein guter Mensch, ein mit sich Ringender. Am Ende der schlimmsten Selbstkritik steht immer irgendein verquer-verlogener Triumph. - Weil ich heute eine kleine Überdosis Felsfenster zu mir genommen habe. Wo bißchen arg viel im eigenen Naturell rumgebohrt wird. Bin ich nun so, oder anders? Ist das schlimm, oder toll? Es ist vorallem scheißegal. Anstatt die eigenen Schwächen da genüßlich angeekelt und im Hader mit sich zu befragen, müßte man sie halt geschehen lassen, oder eben einfach bekämpfen. Das ist ja eh der normale Vorgang: man geht gegen sich vor. Eines der schönsten Beispiele dafür wäre natürlich Bernhard, dem Handke paar superprovinzielle Dissingsätze widmet. Von Reifestatus der Persönlichkeit her ist Handke ein ewiges, blödes, nerviges Kind, Bernhard ein mit allen Wassern gewaschener, lässiger, angenehmer Erwachsener. PRAXIS. II DIE VIELFALT RELIGIÖSER ERFAHRUNG 1.2 Dienstag, 24.3.98, Berlin. Nachts träumte ich ausführlich von drei großen Szenen, die alle meine Probleme im Stück lösen würden. Es war nicht ein Wort- und Satz-Traum, wie sonst in dieser Phase, wo ich mit ganz konkreten Formulierungen aufwache, die ich eben laut und deutlich gehört habe oder direkt vor mir sehe, Buchstabe für Buchstabe, geschrieben. Es war eine Art Strukturtraum, der aber sehr präzise mir schien, auch so klar, daß ich mir jetzt nicht die Mühe machen mußte, das direkt zu notieren, mitten im Traum. Das ist ja eigentlich ganz logisch so. Natürlich, klar. Dieses Gefühl blieb übrig. Große Halbschlaferleichterung. Wie ich dann ganz wach war: wie war das jetzt eigentlich GENAU? O je. Kann ich das wiederfinden? Wie? Wo? Schwierig. Ich wollte dann immer wieder noch mal einschlafen, um wieder da hin zu kommen, wo diese Antworten waren. Große Angst, aufzustehen. Kleine Zuversicht. gehetztes Reh gejagt gewillt ge aufgerissen schau nicht krank 1638. Eingekauft. Davor Anruf bei Herrn Brock: wir arbeiten daran. Abfall wird einfach nicht fertig, fertig frühestens am Donnerstag. Dann die Blutbefunde holen gehen: kommen Sie am Donnerstag wieder, vielleicht sind sie dann da. Im Zimmer ist so viel Sonne, daß man Angst kriegt davon. Man müßte voll Licht sein, selber, in der Arbeit, durch die Arbeit. Aber die Lage ist schwierig. In der taz steht, daß Schlingensief seine Partei wieder verlassen hat und eine neue Partei gegründet hat. Volle Konsequenz: teilen, sich abspalten, das ist Partei sein, Teil von irgendwas, nicht das Ganze. Das ist der Unterschied zum großen, menschenfreundlichen Politausbruch, aus dem Kunstkerker, der ihm in Hamburg gelungen ist, der sich irgendwie an alle gerichtet hat. Daß Partei immer heißt: du nicht. Wir. Nur wir. Und du schon gar nicht. Oder eben dann: dann ich halt nicht. 1957. Ich arbeite jetzt seit über sechs Jahren mit Word-Programmen und kann immer noch nicht mit EINEM Befehl alle Tabstops entfernen oder Trennungen aufheben. Oder einzelne Dateien löschen. ich werde deshalb morgen eine Organklage in Karlsruhe einreichen ich wurde aufgefordert eine Speichelprobe abzugeben RAVE IST VORGESTERN ERSCHIENEN II 1.3 Beim Patriarchen: Herr Mohn, der Herr von Gütersloh, wird der größte Buchverleger englischsprachiger Bücher. Es geht um ein Porträt, wie ich es mal im Manager Magazin gelesen habe. Mit Interview. Humane Vision. Gegen Burda, Burda, der Depp von München. Das öffentliche Bild. DEKONSPIRATIONE. Mittwoch, 25.3.98, Berlin. Heute wird in Hamburg Rave vorgestellt, und ich habe noch nicht mal ein Exemplar des Buches gesehen, um den Moment der Verzweiflung über irgendwelche herstellungs-technischen Mißgeschicke, Farbe, Geruch, Bilder, Satzspiegel, was weiß ich, nicht genau jetzt in die Endphase der Arbeit am Stück hinein explodieren zu lassen. Das Ganze ist so hochparanoid mit Angst besetzt, ich kann es selber manchmal gar nicht glauben. Andere reden vom Glück, ich von Angst. Angst, Angst, Angst. 1751. Am Stück, mit Verdunkelung heute. Vielleicht war das gut. Wilfried schickte ein total nettes Fax. Und ich kämpfe mit mir, ob ich den Südwestnettlern ein böses schicken soll. Wegen ihrer Terminverschleppung. Ich weiß immer nie, wann es richtig ist, gegen was zu protestieren im Sozialen, und wann das komplett debil und hysterisch und völlig falsch rüber kommt. Woher wissen die anderen das? Aus der Erfahrung natürlich, Depp. 1817. Ausschauen tuts in der Wohnung: ohne Worte. Schnell raus. Plastiktüte lochlos Suizid der Billigsattel meines Rads der Schauspieler mit Herzinfarkt mit großer Lebensbeichte in der Bunten wie heißt der gleich genau 1845. Wieder daheim, vom Einkaufen retour. Heiner Lauterbach, genau, gestern im großen Sat 1 Film, wie ihn die Atommafia an den Baum fesseln und mit einer Plastiktüte umbringen wollte. Manche Plastiktüten haben doch so Löcher unten, daß man sich schlechter damit umbringen kann. Muß man eben eine nehmen, ohne Löcher. Gerade weil ich Heiner Lauterbach als Schauspieler toll finde, wäre ich froh, er hätte keine große Lebensbeichte abgelegt, in der blöden Bunten. Aber mit dieser Sehnsucht stehe ich absolut und ganz allein. Peter Hahne der nationalsozialistische Kinderschänder next stop: Jürgen Fliege dann gleich: Gert Scobal Fliege kann man ja meiden, Hahne kaum ich stürze immer an die Fernbedienung um den den Ton schnell abzustellen die Art in der die alle reden macht mich rasend 1911. Hahne kann die Nachrichten einfach nicht neutral vortragen. Mich interessiert aber seine scheiß Bewertung nicht, ich fühle mich von diesen Tonfallbotschaften extrem und pentrant und zudringlich belästigt, unsittlich berührt. Ich will wissen, was los war, nicht was dieser Blödmann denkt. Der Stumpfsinn dieses Menschen ekelt mich an. Noch schlimmer ist nur Ulrich Meier, der debil gealterte, soignierte Krawallier. Ich träume immer davon, daß irgendwann auffliegt, daß Hahne, Drewermann und Fliege als die Drahtzieher des größten deutschen Kinderschänderrings auffliegen, mit Mord und allem. Und dann großer Prozeß, und die alle: Knast, lebenslang. Und dann bringen sie sich da um, alle drei, im Gefängnis. Und alles wäre gut. 2324. Küche aufgeräumt. Harald Wieser mit Juhnke bei Jauch. Davor die Programmplätze des Fernsehers neu geordnet. Davor ein Wigald Boning Porträt in Spiegel Interview. Danach ein Film über Spielmaschinen in den USA. warum lesen Sie nicht wieder mal n Buch? das Wetter meint Ulrich Wickert, zum Abschluß seiner Tagesthemen. Im Anschluß an den Bericht von der Leipziger Buchmesse. 18 SEITEN LITERATUR-BEILAGE II 1.4 Im Tagesspiegel nörgelt Jörg Drews am Handke Buch rum. Das ist die tolle Gesellschaft, in die man sich begibt, wenn man gegen Handke Einwände hat. Donnerstag, 26.3.98, Berlin. Die ganze Woche bisher Sonne. Ich bin nur froh, daß die Blätter an den Bäumen noch nicht da sind. Mein Drucker spinnt, druckt Schlieren, dann nichts, dann mit neuer Patrone wieder Schlieren. Von wegen: Die Gesellschaft des Spektakels: die Frage, das wüßte ich wirklich gern, welche Karriere die Musik von Underground Resistance unter dem Banner OVERGROUND ACCEPTANCE, bei völlig identischer Musik, gemacht hätte, so in dieser taz-Kreise-Welt, im Spex-Umfeld. Das war der erste Techno-Crossover zurück in die alte Musik, die alten Leiern, die alten Strukturen. Hat ja viel tolle neue MUSIK produziert, nur leider nur Reprisen alter Lall-Diskurse. Deswegen hat man das immer so gehaßt damals, das Gelalle mit Detroit, bla bla, Chicago. Ja, ja, schon recht. Nicht zu vergessen: das Wort "Edelfeder". Falsch: im Plural: "Edelfedern". Steht in der taz, ja. Ich habe immer Angst, daß ich irgendwas lese und dadurch völlig gestört drauf komme. So wutanfallmäßig manisch. Was ich im Moment überhaupt nicht brauchen kann. Ich brauche nämlich totalen Überblick und Seelenruhe. 1538. Am Stück. Rohmer argumentiert am Anfang seines Musik-Buches mit einer TRENNUNG der einzelnen Künste. Dann wird alles in sich logisch, aber die wirklich fazinierende Provokation fällt weg, die eben darin liegt, daß man sagt: zur Zeit von Kant sieht das Auge der Kunst die Welt so wie auf den Bildern von Boucher, zum Beispiel, eher noch von Fragonard. Oder eben Goya, weil ich eben in Ivan Nagels Studie las, der fast Jahrgangsgenosse von Goethe ist, gleichzeitig David: so sieht die Zeit die Welt zur Goethezeit. Wobei ich die Musik bei alledem nicht wirklich einbeziehen kann - und davon geht ja Rohmer aus - weil ich davon zu wenig weiß. Bei Rohmer bekommt jede einzelne Kunst dann ihre eigene Periode ihrer Klassik und ihrer Renaissance etc. zugeteilt. Und dann? Ich finde die Idee einfach toller, daß die Kunst als Ganzes die ganze gegenwärtige Zeit zeigt, wie sie ist, und die jeweils einzelne Kunst das ihre entsprechende Sinnesorgan wäre, das Auge, das Ohr. Was ist eigentlich die Literatur? Das Gemüt der Zeit vielleicht. Der Status ihres Seelenzustandes. - Bei solchen Sachen denke ich immer, das müßte ich sofort mit Clemens besprechen. Dann würde ich klarer sehen. PRAXIS. 1611. Worauf man natürlich auch brutal Bock hätte: an der taz-Debatte über Intellektuelle teilzunehmen. Mit Jürgen Busche diskutieren, endlich mal, mit Norbert Bolz und Kurt Scheel. Den ersten Köpfen unserer entleerten Republik. Ge was? Egal. 1741. Die schmutzigen Hände. Nicht von der Revolution, nicht von entfremdeter Lohnarbeit, sondern von genüßlich bewußtlosem Durchblättern der Donnerstagszeitungen. Kant wäre also dieser Mann unter der bekannten Fragonard- Schaukel, ich glaube das Bild hängt in München, und sieht da im Glanz der Glans der Klitoris den Glanz des Idealen, vorscheinen und aufscheinen. Das ist doch eine schöne Sache, vorstellungsmäßig. Bekifft kam mir das plötzlich mal, da schaukelte im Fernsehen so ein junges Mädchen, bei Martin in Wien war das, und ich sah plötzlich, wie ihr da in die vordere Spitze zwischen den Beinen bei jeden Zurück vom Schaukelgipfel das Blut hinein schießt, warum man so gerne also schaukelt als Mädchen, was das für ein angenehmes Gefühl ist natürlich. Exposition. JAHRZEHNT. 1845. Nochmal am Stück. 2018. Fax von Moritz. Brief an ihn. 2042. Feierabend. II FROM A TO B AND BACK AGAIN 1.5 Daß man nicht so gut über irgendwas NACHDENKEN kann, daß die Gedanken zu was hindriften müssen, fast automatisch, daß der Gegenstand ein Schwerefeld ist, von dem die Gedanken sich angezogen fühlen, sich da beschäftigt fühlen, daß der Gegenstand die Gedanken beschäftigt, nicht sie sich mit ihm - dieser Vorrang des Passiven. Am stärksten merkt man es bei Musik: daß die Lust, da etwas zu verstehen, auch mit der Überraschung zu tun hat, mit welcher Aufmerksamkeit man gerade zugehört hat, das war einem gar nicht so klar gewesen, das war einfach geschehen. Man war in der Musik gewesen. Ah. Hm? Stimmt! Ist ja toll. Ähnlich bei der Arbeit: daß man sich nicht fragt, wie gehts jetzt weiter, was muß ich machen, bedenken, was muß jetzt passieren? Mehr unversehens, aus den Aufwachgedanken heraus, ist man da plötzlich dran, beschäftigt einen ein bestimmter Punkt. Und nach einer Zeit merkt man es, und freut sich. PRAXIS. Freitag, 27.3.98, Berlin. 930. Anruf bei Herrn Brock. Er ist fast fertig, sagt er. Muß ich wieder froh sein, daß mein gestern geschriebener Brandbrief nicht durchkam, weil ich die Faxnummer nicht hatte, und die Auskunft, die ich anrief, sie auch nicht wußte. Don't be pushy, hat Andy Warhols Mutter zu Andy Warhol gesagt, steht glaube ich in Philosophy, but let people know that you are around. Tolle Devise. Natürlich muß man ziemlich pushy sein in the first place, daß das überhaupt was Gescheites ergibt. Diese Ausgangsseite unterschlagen die meisten Warhol Adepten. Die nehmen diese ganzen Sprüche immer eins zu eins, ohne die Ausgangsbasis einzubeziehen, gegen die sie sie richten. Langeweile: toll und erstrebenswert. Aber doch nur für ein extrem panisch nervöses, rastloses getriebenes Naturell. Trotzdem finde ich auch noch die Art der Mißverständnisse gelungen, zu bewundern, die die Überprägnanz dieser großen Maximen des XX. Jahrhunderts hervorgerufen hat, immer weiter produziert. Wenn Handke, so tief im Schwachsinn seiner Goethe-Nachfolge verstrickt, daß es ihm selber manchmal sogar schon ganz komisch vorkommt, nur einen Moment aufschauen würde, aus seinem Naturscheiß, in die Gegenwart rein, was ja im übrigen viel goethemäßiger wäre als diese sentimentalische Niedlichkeitsreduktion, auf die der über die Dörfler Handke den Stadtmensch Goethe dauernd runterbringt, wobei ich auch immer noch glaube, daß er vom späten XVIII. und frühen XIX. Jahrhundert gar nicht so viel Ahnung hat, in einem wirklich ernst zu nehmenden Sinn des Wissens um diese Zeit, auch gar kein richtiges historisches Interesse, ohne das solche Ikonen aus früheren Zeiten ja wirklich nur Gips sind, Schrott, Projektion, schrecklich - was rede ich denn da? Also: wenn Handke statt Goethe mal Warhol läse mit ä. Scheißegal, er tuts ja nicht. Es macht ja nichts. Es liest halt jeder das, was zu ihm spricht. - Und daß ich, als ich eben in Philosophy blätterte, wieder über die wunderbare Pat Hackett nachdachte, die ich so gerne mal für ein großes ruhiges Porträt interviewen würde. PRAXIS. 1205. Ich mag noch nicht mal eine braune Pinnadel in die Hand nehmen. Mit kleinem braunen Köpfchen. Hellblau: schön, hellgrün, hellgelb, rot. Die tägliche Post wird da an die Wand hinter mir angepinnt, der Abfall der Woche, des Tages, wie er sich so bildet und formt. Der Celebration Vorschautext. My man Moritz. Und die Erst- und Zweitgestalt des Abfall Layouts. Nur LICHT ist noch bißchen zu groß. Der wichtigste Gewinn ist die Möglichkeit, den eingegebenen Text zu überschreiben. Andernfalls müßte ich dauernd allzu überaufmerksam kontrollieren, ob das geht, was ich da sage, ob da zu scheußliche Untertöne mit drin sind, etc. Diese Art Kontrolle widerspräche dem Prinzip, mit dem hier ja letztlich doch mehr oder weniger rausgeballert werden soll. Gerade dadurch entsteht aber immer wieder an bestimmten Stellen das Bedürfnis, irgendwas zurückzunehmen. Was jetzt also möglich ist. Ich nehme alles zurück. Echt? JA. Nein. Doch. Okay. Hey, ho. Let's go. 1709. Wieder daheim. Am Stück. Dann Zeitungen und Essen gekauft. Endlich ist das Wetter diesig, nieselig, mild. Im Innenhof, beim Absperren des Rads, plötzlich brülllaut so Klassikdrecksmusik. Erst dachte ich: natürlich, wieder der scheußliche Faschostumpfsinn von Orff, das blöde Geschmettere. Dann wars aber vielleicht auch irgendwas anderes, superbekannt, daa da, daa da, dadada da daa da. Kennt jeder, nur ich nicht. Klassik ist die neue Prollmusik. Das, was früher Heavy Metal war. Allein deswegen ist auch Helmut Kraussers Kampf gegen Pop und für die E-Musik ein solcher Unsinn. Da soll er sich mal ruhig mit dem armen Karl Bruckmeier bißchen drüber streiten, in der SZ. Wie bereits geschehen. Eigentlich wollte ich was ganz anderes sagen. Auf jeden Fall auch: wie froh ich bin, daß ich nicht in den blöden prolligen Innenhof rein raus wohne. So sehr ich jede einzelne Manifestation dieser ganzen Prollscheiße wirklich inständig hasse, so toll finde ich, mit nur einem Schritt Abstand, zurück, die Tatsache dieser Entwicklung insgesamt, dieses gesellschaftlichen Faktums, daß das einfach so ist. Ganz egal, was irgendwer dazu denkt. Da kann das Kursbuch noch Tonnen von Ekel-Artikel und andere Feinsinnigkeiten darüber auskippen, die ganze Kultur, von der letzten Parfümverfeinerung bis zum abgefahrensten Experiment in der Musik, im Sport, in der Tierzucht, scheißegal, das gehört jetzt einfach alles allen. Wird da erstmal breit und platt gemacht. Und verfeinert sich dann natürlich mit der Zeit auch wieder. Auf breitester Basis. Ich stelle mir immer wieder vor, Adorno hätte das noch erleben können, so offen, daß es ihm plötzlich eingeleuchtet hätte. In seiner Großartigkeit. 1820. Jetzt also tatsächlich mal die erste Woche Abfall ins Probenetz gestellt und paar ausgedruckt. SCHAM UND SCHÖNHEIT II 1.6 Im Fat Fugo: die Maus, gut angetrunken, groß, hübsch, aber mehr so offensiv sexy, aus Verzweiflung, die quer durch den Raum an den Männern rum sägt, dann und wann schon bißchen stolpert, sie kommt auch auf mich zu, wirkt dann ganz geordnet, beim Reden, großes Flirtding, mit Brust an die Schulter drücken, was war da gerade?, einen Moment braucht man, man ist auf sowas normalerweise nicht sofort eingestellt, dann ist es aber sofort geil, lustig, und ich fand das ganz toll. Sie ging dann aufs Klo, und, jetzt kommts: kam mit offenem Hosentürl zurück. War dann an der eleganten Hose vorne im Dunklen so ein heller, natürlich ovalförmig aufgespannter, spitzer Spalt, leuchtend. Hm. Sie fühlte sich ja jetzt noch toller, hatte vielleicht was genommen, gerade nachgelegt. Und im ersten Moment war ich so gerührt von der Unbeholfenheit, daß ich fast hinging, um so arm-um-die-schulter-mäßig zu ihr zu sagen: Schatz, das Hosentürl machen wir noch zu, dann schauts besser aus. Wie zu einem geliebten Töchterlein oder so. Aber sie kam dann gleich wieder her, auf mich zu, ganz großartig, mit den großartigsten Frauenkörpergesten, und fuhr da ihren grandiosen Sexstunt auf, das wirkte so unglaublich grotesk, wie sexy sie sich fühlte, mit ihren offenen Schlitz, dieser Schamschrei, von unten her: hier!, ich bin da!, bitte!, von dem sie aber gar nichts wußte. Wie kümerlich, lächerlich und armselig das Ganze wirkte, je toller es ging. Ich wußte gar nicht, woher sie mich kennt. Sie erzählte, sie arbeitet beim Jetzt. Spielte das so als Trumpfkarte aus, die mich doch wohl gleich hinschmelzen lassen würde oder müßte. Wie so ein Fotograf, der zum Teenie sagt, ich bring dich zum Film. Sensationell. Und ich wußte immer nicht, ob sie mir jetzt leid tun sollte, oder ob ich das einfach nur scheußlich und abstoßend finde? Oder wie eigentlich? Ja, wie? Nippte da an meiner nüchternen Cola. Und dachte: wie oft Frauen sowas erleben, daß das ja wohl der Normalstumpfsinn ist, den Männer dauernd so bringen. Daß es aber trotz allem einfach schön ist, wenn man so angesägt wird, egal wie prall. Daß auch dieses Mitleidsgefühl eine Art Zärtlichkeit beinhaltet, dieses Fürsorgeding. Und gleichzeitig, immer wieder aufblitzend, die immer noch von irgendwoher irgendwie sendende, ganz direkte Restsexyness dieser Frau. Richtig verwirrend das Ganze, ganz toll. Danke Maus. - Das dachte ich, als ich eben meine Jetzt-Tasche in der Hand hatte. DEKONSPIRATIONE. Samstag, 28.3.98, Berlin. Erster Gedanke: die Formphantasie. Zweiter: das Thema. Drittens: die Welten, aus denen die Sprache kommt. Viertens: probieren zu schreiben. Fünftens: es rauscht, es kommt, es ist da, es stimmt. Sechstens: Kritik und Reaktion auf Reaktionen. PRAXIS. 1210. Nachts wachte ich auf, unglaubliches Geschrei der Vögel, Balkontüre offen, alles noch dunkel. Taperte durch die Wohnung, konnte nicht mehr schlafen, vor Aufregung. Saß am Schreibtisch und versuchte zu erkennen, ob Abfall in Arial oder normal, irgendeine megascheußliche Times Roman, besser ausschaut. Kann das nicht ermitteln. Saß im Bett, las Zeitung. Aß was. Ging auf den Balkon. Ist was an den Ohren kaputt? Der sogenannte Gesang der Vögel: ein grelles Kreischen, fast so schlimm wie das Gedonnere der Kirchglocken. Machte die Balkontüre zu. Licht aus, Vorhang zu. Lag dann da. 1217. Ganz bitter auch: Elke Heidenreich bei Harald Schmidt gestern. Die Art von der Frau. Wie die über ihre Kolumnen, ihre Bücher, Hera Lindt und die Brigitte redete, ein Wahnsinn. Ein absoluter Irrsinn. Finden unheimlich viele Leute und ganz viele Frauen wahrscheinlich absolut toll. Ich bewundere Harald Schmidt, wie der das aushält, mit diesen ganzen Schreckschrauben. Der nimmt das ja alles wahr. Aber versteht es, es einzupassen ins Soziale, es zumindest in der ausgesetzten Künstlichkeits-Situation seiner Ordination geschehen lassen zu können. Er am Schreibtisch, die Patienten am Stuhl. Am festgeschraubten Stuhl. Daran erkennt man sofort die Gäste, die die Sendung nicht kucken: die wollen immer den Stuhl zurechtrücken. Das geht aber nicht, es sei denn man hebt ihn bißchen hoch, glaube ich. Wegen dem Licht, meint Harald Schmidt dann. Ach so. Aber natürlich auch, wegen der Macht: Harald Schmidt bewegt sich, die Gäste sitzen da festgenagelt starr, alle im gleichen Licht. Toll. Eine unglaubliche Brutalität. Man wundert sich wirklich, warum die Leute sich das antuen. Da hin zu gehen. Einfliegen. Wir fliegen Sie ein. Ist ja toll. Ich dachte, ich muß zu Fuß kommen. Nein. Dann hat man da etwa fünf Stunden Reise abzuleisten, um drei Minuten auf diesem perversen Stuhl zu sitzen. Und wo fehlts bei Ihnen? Was kann ich für Sie tun? Und dann sagt Elke Heidenreich: bei mir piepts, aber auch nicht schlimmer als bei Verona Feldbusch. Ich schau so scheiße aus wie ein Ökomülleimer. Aber das gefällt euch doch allen, ODER? Puh, uff. Gehts vielleicht bißchen leiser, Frau Heidenreich? Nein, natürlich nicht, entschuldigung. Weitermachen. Grüß Gott Herr Gysi, heben Sie doch mal bitte Ihre linke Hand zum Hitlergruß. Danke. Warum zittern Sie denn so? Schönen Abend noch. Bis Dienstag, tschüß. PRAXIS. 1427. Am Stück. Heute passierts, an meinem Baum, mit den Blättern, den Knospen. Oben noch nicht. Erst unten. Das sieht man von oben: zuerst sind die unteren Äste betroffen, oder ist das der hintere Baum? Tschuldigung, soll nicht wieder vorkommen. 1538. Wieder daheim, vom Einkaufen retour. Sicher gibt es wunderbare Untersuchungen darüber, ein wie großer Anteil an Kommunikation im alltäglichen Sozialvorgang, im Supermarkt, im Kaufhof, überall, nichtsprachlicher Art ist. Von dieser Frage handelt der Theatertext, auch jedenfalls, diese Textform, im ganz äußerlichen, formalen, vorinhaltlichen Sinn. Deswegen ist das TEXTBILD des Theatertextes für mich automatisch auch so weiß. Sogar in direkt über SPRACHE laufendenden Kommunikationen ist der gestisch übermittelte Informationsteil über zwei Drittel groß, oder sogar drei Viertel. Der Großteil der Informationen, die im verbalen Austausch übermittelt werden, ist NONVERBALER Art. PRAXIS. 1619. Dann. Dann schlage ich das Spex Heft auf, das ich eben gekauft habe, als erstes hinten, bei den Niedlichen von Felix Reidenbach, und sehe da einen Comic ganz ohne Sprache, nur mit der Überschrift oder dem Titel: Dann. Da durchzuckt es mich. Dann schaue ich das Ding an, verstehe nicht richtig, gerate ins Studieren, komme nicht ganz klar. Aber irgendwas Schreckliches passiert da zwischen zwei Leuten, eine brutale Zerstörung, Kaputtmachung. Dann: Es war also vorher irgendwie gut? Es geht um Aufmunterung und Fürsorge, durch Musik übermittelt, Kopfhörer, CD-Player, aber der Effekt ist schrecklich, in der Gegend des Mundes kommt es zu einer Zerbröckelung, etwas sehr Malignem. Der Fürsorgliche macht dem anderen den Kopfhörer ab, zieht ihm das Gesicht hoch, langt an den kaputten Mund, fängt an, von hinten in den Kopf des anderen einzudringen. Jetzt klafft da am Kopf hinten auch noch eine zerstörte Stelle. Ein Moment des Aufbäumens, der Erregung, immer mehr Zerstörung, Zerreißung ist die Folge. Wo eben noch der andere Mensch war, liegt jetzt ein bröckeliger Klumpen Kaputtes. Der fürsorgliche Zerstörer: ratlos. Er nimmt den Kopfhörer und setzt ihn auf den kaputt zerbröckelten Klumpen. Steht dann da und schaut sich das an, das ganze Elend. - Bin ich nur selber bißchen angeschlagen, oder ist das wirklich ein echtes Meisterwerk? 1815. Welche Künste? Welche Referenzen, welche Bezüge? Was gibt die Malerei dem Text? Was die Musik? Die hölderlinschen Irrsinnstheorien zu diesen Fragen. Das letzte Aufbegehren dieser alten Begrifflichkeiten im XIX. Jahrhundert, und dann ist es damit eigentlich auch aus. Und die erste nachfaschistische, also nachadornitische ästhetische Theorie, also die erste nachästhetische Theorie der Ästhetik ist dann auch wirklich sofort gesellschaftlich: Die Kunst der Gesellschaft. Es mußte so ein kühler, klarer Geist wie Luhmann kommen, um das richtig sehen und vorallem auch darstellen zu können. Im Vergleich zu ihm ist Adorno ja ein kompletter Wirrkopf, Foucault ein Märchenerzähler. So wirr und märchenhaft war aber der Status des Geistes in den 60er und 70er Jahren noch. Erst die 80er Jahre bringen den Durchbruch in diese hochkomplizierte Klarheit, die Luhmann dann niederschreibt und Meier baut. PRAXIS. 2140. In Wirklichkeit ist es ja doch ganz anders, dachte ich eben am Rad, als der Proll-Golf mit schwarz getönter Rückscheibe mich überholte, kurz darauf ein röhrender weißer BMW mit Zusatzchrom überall, drei massige junge Ausländer- Männer drin: das macht alles total gute Laune, genauso wie es einen diffus bedroht und zwischendurch nervt. Die Stadt, der Ort, wo man in Ruhe seinem Verbrechen nachgehen kann, seinen Händeln und Handeln. Am Tegeler Knast stehen dunkle Gestalten am Gehweg, da werden Autos vercheckt. Ich war mit dem Rad zum Pettibone Empfang in der Sammlung Volkmann gefahren. Wieder mit großer Jonathan Meese Papierhöhlen-Installation. Daniel hatte ein marine-blaues Hütchen auf, auf dem DACKELBLUT stand, und er mußte seiner grantigen Frau den Teller mit den Häppchen halten. Andreas Fanizadeh steht in den Endkämpfen um die Zukunft der Beute. Wem gehört die Beute? Wer hat sie erjagt? Max erzählte, er hätte Albert einen Artikel aus der Berliner Zeitung gefaxt, in dem ich endlich als Rechter geoutet worden wäre. Hatte ich gar nicht mitgekriegt. Roberto Ohrt und Jonathan Meese fragten mich, ob ich weiß, wer bei Hucklybery Finn der Böse war? Wer die Frau war, wer das Mädchen? Keine Ahnung. Aber Blixa Bargeld wußte alle Antworten. So wird man Gott, man weiß den Namen des Bösen. BEGINN DER SOMMERZEIT II 1.7 726. Automatisch umgestellt melden die Funkuhren die neue Zeit. Auch der Computer fordert mich beim Anmachen auf, zu prüfen, ob die automatisch auf Sommerzeit umgestellte Zeit noch stimmt. Sie stimmt. Der Tag tut jetzt so, als wäre er schon älter, als er in Wirklichkeit ist. Sonntag, 29.3.98, Berlin. 1034. Alle Abfälle ins Südwestnet Netz gestellt. Jeden einzeln, das dauerte über zwei Stunden. Laden, kopieren, formatieren. Schöne Worte, mühsame Arbeit. Ich kann nicht richtig erkennen, wie groß die Schriften sein müssen im ständigen Layout. 1104. Heute ist Ernst Jüngers 103. Geburtstag. Schade, daß er es nicht mehr erlebt. Die Frage, ob so ganz späte letzte Jahre auf eine Art, natürlich anders, aber doch vielleicht irgendwie ähnlich, so NEBELIG werden wie die allerersten Lebensjahre? Sehr romantische Vorstellung, schon klar, wohl eher eine Wunschphantasie. Wie man Jünger in einem der Geburtstagsfilme aus der Ferne im Garten an den Sträuchern so entlang TAUMELN fast sah, das wirkte ganz frühkindlich, von der Motorik her, die Art der Kopfbewegungen, das leicht Fallende des Gehens. Verzaubert, kinderbilderbuchhaft. Wie sanft entführt. Aber man hat doch in der Medizin viel sehr hartes Alter gesehen und auch, wie extrem UNSANFT, hart, grausam und quälend der Tod in Wirklichkeit oft ist, wenn er kommt. Andererseits - Death: I'm so sorry to hear about it. I just thought that things were magic and that it would never happen. Auf der Anti-Evidenz beharren: gegen Wittgensteins heroischen Zweifel, Warhols Phantasy Realismus, seine antiskeptische Intuition. II 2.1 ABFALLS FIRST DAY OUT Sie sagen mir, wann Sie fertig sind, und dann lege ich es auf. In zehn Minuten. Okay. Mit Herrn Brock. Letztes Feintuning am Abfall, den ganzen Vormittag über, und während ich das hier schreibe, steht die Sache erstmals draußen, im Imaginarium der Zugänglichkeit. Die endgültig komplett abstrakte Art von Veröffentlichung. Völlig irres Gefühl. Montag, 30.3.98, Berlin. 1525. Nochmal von der anderen Seite her gesagt, zu dem Ding mit Prollkultur: daß sich die Ablehnung nicht gegen die Einzelmanifestationen, sondern gegen die VERFEINERUNG richtet und das von ihr mit hervorgebrachte Selbstgefallen an sich selber. Allein wegen dem scheußlichen Titel konnte ich die große 80er Jahre Bibel von Bourdieu nie lesen: Die feinen Unterschiede. Wie das dann von allen rauf und runter platt geprügelt und durchdekliniert wurde, wie das also so wäre, mit dem kulturellen Kapital, bla bla, bei 'uns'. Es apostrophieren sich die da zugeschalteten Intellektuellen in den entsprechenden Diskursen mit einem 'wir', von dem ich immer nur sagen muß: ich nicht. Bin ich nicht dabei. Feine Unterschiede: finde ich scheiße. Will ich nichts damit zu tun haben. Habe ich keinen Spaß daran. Ist für mich kein Kapital, sondern ein Stumpfsinn. Entwickelt sich manchmal unabsichtlich, schaut man dann schleunigst, daß man wieder weg kommt davon. Daß man so weit Distanz gewinnt, daß die feinen Unterschiede keine mehr sind, weil sie verschwunden sind. Als Gegenargument wird dann gesagt, kam auch schon mal von Konrad in dem Zusammenhang: ja, das ist natürlich die letzte Verfeinerung, Verfeinerung abzulehnen. NEIN. Es ist KEINE Verfeinerung dieser Kategorie, sondern ihre insgesamte ABLEHNUNG. Daß man eben nicht von ihr geführt wahrnimmt, beobachtet, interpretiert. Daß man sich einfach nur davon ABWENDET, wo man sieht, daß damit groß rumgemacht wird oder haarklein hantiert. Die machen das, bis alles kurz und klein verfeinert ist. Und ich lese inzwischen noch bißchen Zeitung. PRAXIS. 1653. Am Stück. Faxe von Frau Thoms, von der Steuerfirma, und von Heidi Paris, zur Abfall Adresse. Brief an die Führerschein Untersuchungsstelle. Der Nachbar unter mir reißt heute seinen Balkon ab, vielleicht ist das Wetter zu schön, und es muß alles anders werden. Schnell raus. 1727. Wieder daheim, zurück vom Einkaufen. Alkoholismus als abolut übergreifender gesellschaflicher Normalzustand hier. An der Kasse: links der Typ, die alte Frau vor mir, die junge Frau hinter mir. Sie kaufen Billigbier in Dosen, drei, vier, fünf bleiben im Wagen liegen, eine wird oben aufs Band gelegt. Zum Sack Kartoffeln. Schaut vielleicht besser aus. Zur Kassierin wird dann die insgesamtige Zahl Bier gesagt. Berliner Kindl Jubiläums Pilsener. Schon die gehobene Marke. Den Namen des ganz billigen Biers habe ich jetzt wieder vergessen. Harte Suppe. Auch auf der Straße, jetzt abends, ist ja jeder zweite sichtlich dicht, nicht torkelmäßig betrunken natürlich, aber einfach so ganz normal abgedichtet. In der Sendung über Glückspiel neulich haben sie gemeldet: die Prohibition in Amerika fing Ende des Ersten Weltkriegs an. Ich glaube, so um 1918. In der alten Welt war die große russische Weltrevolution, und in Amerika kollektiver Selbst- Erziehung- Versuch. Bitte einmal alles verbieten. Danke. Freiheit macht nicht nur arm, sondern offenbar auch Angst. Berliner Ökonomie. Fucking Wedding. Verschissene Stadt. 1828. Zum ersten Mal also war ich unter meiner Adresse auf meiner Abfall Seite. Eine Korrektur, die gleich wieder mißlang. Korrektur der Korrektur. Zitternd sitze ich vor dem Gerät und warte, wie DAS NETZ reagiert auf das, was ich tue. Laden, annehmen, zurückweisen, mißverstehen, wieder ausspucken, ewig warten lassen und dann plötzlich doch auch mal ausführen, was ich eingebe, worum ich bitte. Geheimnisvolle Instanz. Wie der liebe Gott eben. Irgendwie kann man verstehen, daß die Nerds alle auf ihre Art zu spinnen anfangen. Dann schrieb ich ein Shanghai Ahoi Fax an Heidi Paris. 1837. Gefangene werden nicht gemacht. Zur Art der Benützung der Notizen. PRAXIS. 1934. Nochmal am Stück geschrieben. Jetzt ist es fertig, im Prinzip. Durch die Sommerzeit ist es draußen noch bißchen hell. Abenddämmerung. Und diese Gefühle alle. 1942. Schwer zu erklären. Ich schreibe Worte hin, aber sofort muß ich sie gelb markieren und gleich wieder löschen. Auch okay. Dann laß mas halt. Und machen den Fernseher an. Und machen Feierabend hier. ich freue mich sehr ich beglückwünsche die Polizei zu ihrem Erfolg ich danke allen die daran beteiligt gewesen sind daß es zu diesem Erfolg gekommen ist ich werde es bei dem guten Brauch belassen über meine Gefühle in der Öffentlichkeit nicht zu sprechen und dann bin ich sehr gespannt wie das Echo der deutschen Wähler sein wird was ist die eigentliche Botschaft dieses Tages es sind die Augen die die Seele bewegen küß die Hand die Damen 2.2.2 DER MÄRZ VERABSCHIEDET SICH MIT WÄRME Meine Damen und Herren, wir setzen die Lesung unseres Romans Schuld und Sühne von Fjodor M. Dostewski in unserer 32. Folge fort. Dienstag, 31.3.98, Berlin. 931. Die Lesung, genau. 85/86, als ich in Berlin war, war das, glaube ich, eine Stunde früher dran, füher am Morgen, um acht. Ich schlief in der Nebenkammer dieses Turms der Wannseevilla. Auch wieder mal eine der finstersten Zeiten meines Lebens, das Frühjahr 86. Jeden Morgen, Liegestützen, Lesung. Turgenjew, Väter und Söhne, davor oder danach wurde Grimmelshausens Simplizius Simplizissimus vorgelesen. Dann saß ich an dem großen Schreibtisch, mitten im Turm, Fenster all over, alles ganz toll. Und im Kopf ABSOLUTER STILLSTAND. Wahnsinn. Das Abschreibe- Projekt damals: Die Ordnung der Dinge vielleicht? Vergessen. Es war ja nicht so, wie es sein sollte, daß ich durch das Abschreiben locker wurde und in irgendwas reinkam. Es war einfach nur so eine fixe Idee, Büroterror, Befehl der übergeordneten Behörde. Warum muß denn das gemacht werden? Keine Antwort, keine Ahnung. Ich schrieb zirka sieben Monate an den etwa zwölf Seiten für den Jahresbericht Moskau. Dann war ich damit fertig. Ich fing an, Kontrolliert zu schreiben. Saß jeden Tag komplett ratlos da, von halb neun an, und hatte Papier in die Schreibmaschine gespannt und arbeitete jetzt. Wie denn, was denn? Korrektur der beiden Zeilen vom gestrigen Tag. Die müssen eventuell noch bißchen gekürzt werden. Oder präzisiert vielleicht. Vier Stunden später Revision der gestrigen Korrektur an den drei Zeilen vom vorgestrigen Tag, usw usw. Sehr geil. Am Nachmittag dann vieleicht sieben neue Worte schreiben. Abends war ich komplett gerädert. Und mit jedem Tag wurde ich noch kaputter. Die Schrift in meinem Notitzbuch wurde immer kleiner. Es kam mir so großkotzig vor, da mit Schwung zu schreiben und Notizen zu machen. Auf eine Doppelseite Brunnen- Büchlein im Postkarten- Format ging in Gestalt dieser Mikrogramme- Schrift etwa eine ganze Woche, Tag für Tag. Keine Ahnung, was ich da noch zu notieren hatte. Finster, sehr finster. PRAXIS. 1018. Langes Telefon mit Frank. Was alles so los war, falsch lief, ansteht. Patrick Walder hätte Rave im Spiegel besprochen, ablehnend, und er fragt gleichzeitig an, ob ich mich von ihm fürs Fernsehen interviewen lassen würde. Er könnte auch seinen Knecht schicken, falls ich keine Lust hätte, mit ihm speziell zu reden. Der Patrick Walder. Neulich stand er hier im Lokalfernsehen wieder rum, mit der schweizer Fönfrisur, und redete seinen aufgeklärten Drogentext daher. Sicher ganz wichtig und extrem verdienstvoll. 1109. Fax an Frau Baumgartl von der Frankfurter Uni und an Kerstin Reimers. 1986. Aus dieser Position des Elends und einer mir selbst komplett unbegreiflichen Verdüsterung habe ich damals also Tempo gesehen, wie das da anfing, die tollen Tempo- Jahre erlebt, das hedonistische Jahrzehnt, das alles beneidet und verachtet, damit argumentiert und es geliebt und toll gefunden und blöd usw. 1426. Wieder daheim. Den Spiegel gekauft, zum Leopold Platz, zum Zoo, zum Ernst Reuter Platz und bei Kiepert Rave gekauft. Dann zu Fuß zu meinen Spirits und dort die diversen neuesten Geschichten, neuesten Dats und neusten Platten gehört, erzählt und vorgespielt gekriegt. Tilmann: Ich habe jetzt aufgehört mit dem ganzen. Ich war zwei Wochen in Urlaub. Ich habe völlig den Anschluß verloren. Ich weiß gar nicht mehr, was los ist. HA. Endlich gibt es die Westbam LP auch auf Platte. Und Daniel schenkte mir sein Spiegel Kultur Extra, mit dem Jeff Koons Titel. Danke, Daniel. Wir studierten das leicht schizoide Fax eines Fans, der manchmal im Büro anruft und sich als Westbam bezeichnet, oder wahrscheinlich eher wirklich für ihn hält. Eine abstruse, aber nicht völlig absurde Ordnung von Begriffen, in deren Mitte das Paradies steht. Pfeile, Verbindungslinien. Krakelhandschrift. Absenderlos. Westbam will ihn zum Wettkampf auffordern, behauptet, der einzige lebende Westbam zu sein. Wir hörten uns eine japanische Mix CD Single Auskoppelung an. Und redeten über Tel Aviv, Belfast, Tokio und den weltweiten Siegeszug des ewigen Trance. Jetzt läuft hier die neue Members of Mayday Single: Save the Robots. Gestern kam ja auch der Brief von Goethe Institut Tokio. Die hatten sich so lange nicht gemeldet, daß ich schon dachte, das ist abgeblasen, der DJ Gipfel, auch gut. Dann wirds nicht so hektisch. Nein. Es wird hektisch. Der Gipfel ist nicht abgeblasen, und wir fahren hin. Auch gut. 1732. Korrekturen am Stück. Raus. er ist auch meistens ausgegangen zum Essen und hatte wenig oder gar keinen Besuch dort dann ist das Crack fertig meist wird es inhaliert oder geraucht jetzt bin ich wieder im fünften Monat und seit zehn Tagen clean das war falsch und selbst die drogensüchtigen Freunde nehmen Rücksicht 2222. Genau, ein spezieller Wahnsinn im 86er Frühjahr war das Studium der Vogelstimmen. Ich wollte eine Niederschrifts- Form finden für die verschiedenen Vogel- Gesänge und -Laute, in Buchstaben- Gestalt. Wollte immer präziser hören, bis auf den Grund des SPRACHLICHEN, Buchstäblichen eben der Vogelrede. Was erzählen die sich da dauernd? Es gab doch irgendeinen, der das dann verstanden hat. Wie hieß der nochmal? Vielleicht kann ich es ja auch verstehen, was die Vögel reden. Wenn ich nur genau genug ZUHÖRE. Ja, so war ich da drauf, in der Zeit. Ich fuhr im Auto durch die DDR nach Hamburg, auf der Autobahn, sah diese Landschaft und dachte das Wort 'Deutschland'. Da wurde es mir so langsam unheimlich. Der Zustand. Irgendwas muß ich ändern, bald. II 2.3 RAF DAS WAR FÜR UNS BEFREIUNG Die Glocken fingen an zu läuten, und ich war gespannt, ob die hier auch so stumpf klingen würden. Ich hatte das Gefühl, im Halbschlaf, in Schwabing zu liegen, die Giselakirche zu hören. Ich bekam ein dunkles Couvert überreicht, mit einer Nachricht von Aurelia drin. Dann war ich ganz wach, hatte einen bellenden kopfschmerzartigen Druck im Kopf, von Hirnerschöpfung. Mittwoch, 1.4.98, Berlin. 930. Guten Morgen, liebe Hörer in Berlin und Brandenburg. Willkommen zu dieser Sendung. Zu zweieinhalb Stunden Musik und Information. 1004. Wo gibt man in der Welt des Patrick Walder den Verstand ab? Richtig: an der 'Garderobe'. 1027. Ich kenne keinen Informationsträger, der als Objekt so schön ist, wie ein BUCH. Die Masse der da gespeicherten Datenmenge. Bei gleichzeitiger Kleinheit des Dings. Die Art, auf die Daten zugreifen zu können, der Blätterspaß. Man kann die Form der Sukzession wählen, oder mit einer Geschwindigkeit, um die normale Computer und Textprogramme das Buch immer noch beneiden, im Datenganzen floaten, springen, sich treiben lassen. - Der vom Effekt her noch tollere Informationsträger, das Gemälde, hat den Nachteil, ein so großes OBJEKT sein zu müssen. Natürlich funktionieren auch Abbildungen in klein, aber der eigentliche Informationsschock, der vom Gemälde ausgeht, kommt nur zustande, wenn es im live-Format auf den Betrachter hin leuchtet. PRAXIS. 1041. Garderobe: kein schönes Wort. Ich würde da nicht hingehen freiwillig. Da denkt man nicht an was Tolles, an: da muß ich sofort hin oder so. Ganz abgesehen davon: ich gebe doch meine Klamotten nicht ab, nie, ich laß beim Ausgehen immer alles an. Dann wirds heißer, das ist geiler. 1105. Was der WDR sich unter Literatur vorstellt: Frau Reichart mit ihren Spagettihaaren. Sie geht vor dem Türken- Dichter in die Knie, wie man sich halt manchmal so hinkniet, vor Männern, die im Stuhl lümmeln, als lockere junge Frau, in der hellen weißen leeren Wohnung. Wahnsinn. Die redet einen Stuß, die Alte, das könnte ich in echt keine fünf Sekunden ertragen, aus der Nähe. Mit diesem Menschen hat Botho Strauß ein Kind gemacht. Von daher verständlich natürlich auch sein Haß auf alle Medien und auf die Runtergekommenheit des Fernsehens und die Lallhaftigkeit der öffentlichen Rede. 1249. Am Stück, Endfassung 1. Das Feststehende muß der Text ja nicht erzählen. Er teilt also mit, was er für die Variable hält, das was auch anders sein könnte. Was im Club los ist, normalerweise, ist ja eh klar, wie es zugeht auf der Eröffnung. So wie ich mit den live Übertragungen auf Premiere, ohne Dekoder natürlich, vom Soundlärmpegel und den Sätzen des Fernseh-Erzählers völlig ausreichend bedient bin. Wie Fußball ausschaut, weiß ich ja. Mich interessiert ja nur, was jetzt gerade live NEUES passiert. Die Radioerzählung hingegen bringt so viele konkrete Infos, die müllen einen total zu. Da muß man ganz aufmerksam zuhören und sich dauernd irgendwas VORSTELLEN. Mit viel geistiger Energie muß man da die Umschaltung leisten, von den beschreibenden Worten in ein Bild des Spielfelds und des da ablaufenden Geschehens. Wo man doch einfach nur nebenher, während dem Lesen, wissen will, was LOS ist. Nicht wie es ausschaut. 1326. Ich weiß noch nicht mal, was für ein Baum das wirklich ist, da vor meinem Fenster. Absolut irr heute: die Knospen. Man meint, richtig gehend zuschauen zu können, wie im Zeitraffer- Film, wie sie da wirklich und im wahrsten Sinn des Wortes AUFSPRINGEN. Brutal. 1409. Wie mein armer süßer kleiner Canon da vor sich hin rödelt und den dritten Akt druckt. Zur Zeit der Arbeit an 1989, wo ich jede einzelne Seite selber gesetzt habe und sogar die Seitenzahlen noch von Hand eingab, weil ich die Automatik nicht bedienen konnte, war mein liebes Digital Notebook in einem inneren Zustand, daß es immer nur cirka zwei bis drei Seiten hintereinander drucken konnte. Dann ist der Computer abgestürzt, immer wieder. Am Schluß war natürlich Zeitdruck. Ich konnte auch die Dateien nicht verbinden, hintereinander hängen. Madness. Als müßte ich eben mal zu Fuß zum Südpol, wo jeder normale Mensch ein Flugzeug nimmt. Wobei, ich hatte immer gedacht: je stumpfsinniger die Arbeiten sind, um so mehr profitiert der Geist davon, auf eine Art, die man nur nicht erkennen kann. Ich stelle mir immer so ein mittelalterliches intellektuelles Leben vor. Mal vier Jahre lang eine Bibel verzieren. Eine Seite, drei Wochen. Ein besonders großer Buchstabe, besonders schön: drei Monate? Fünf? Und daß man über die Effekte gar nichts direktes ermitteln kann. Das zeigt sich dann erst irgendwann, irgendwie. Vielleicht, vielleicht ja auch nicht. 1758. Jeff Koons kopiert und an Frank abgeschickt, mit dem tollen Übernacht- Service der Post, für 14 Mark. Finde ich einen fairen Deal. Zu erledigt, um zu jubilieren. Aber wahrscheinlich doch sehr glücklich. Der Schöpfung genügen. Termine einhalten. Nicht traurig sein. Eine glückliche Hand haben. Und Seelenruhe finden. Wo? Im Werk. UNKRANK II 2.4 VERBRECHEN UND STRAFE Guten Morgen, auf Radio Kultur, es ist neun Minuten vor neun. Donnerstag, 2.4.98, Berlin. Ich würde mich nachts in Ihrem Zimmer fürchten bemerkte er düster Sonja sprach wie in Verzweiflung erregt und leidend und die Hände ringend 927. Ökonomie der Erzählung: man merkt sie nicht, die Erzählung verbirgt sich. Man vergißt immer wieder den Vermittlungs-Vorgang, mit dem einem die Vorstellung vom Vorgang, vom Geschehen, den Szenerien und Gemütszuständen übermittelt wird: die Worte. Man sieht durch die Sprache durch, nicht auf sie drauf, klar. Trotzdem gibt es einen objektiven, gegenwartsbestimmten Status der Sprache, der vorgibt, wie sie geht. Ich kann nur keine Programmatik erkennen, die diesen Status in seiner Vielgestaltigkeit und Widersprüchlichkeit angemessen faßt und anwendbar macht. Man ist wahrscheinlich darauf angewiesen, daß man IRGENDWIE, durch irgendwas Teil hat an ihrem gegenwärtigen Gesetz. Natürlich entstehen im Schreiber dauernd unweigerlich irgendwelche Phantasien darüber, wie es sich nun mit diesem Gesetz verhält, wie er es zur Anwedung bringen oder wie er sich dagegen auflehnen kann, wenn er sich dagegen auflehnen zu müssen meint, was objektiv vorgegeben ist und was noch in seiner Verfügungsfreiheit, in seinem Ermessens- spielraum steht, was das Material so hergibt und was er ihm geben kann, und es wechseln die Phasen, in denen er versucht, intuitiv, vielleicht sogar naiv diesem Gesetz zu folgen, mit den Zeiten, in denen er mit allem nur erdenklichen intellektuellen Theorie- und Analyse-Aufwand, sich ein ihm verständliches Modell dieses Gesetzes zu schaffen versucht - und TROTZ ALLEDEM: es hilft nichts, es nützt nichts, das ist alles letztlich kein definitiv funktionierender, beschreibbar beschreitbarer Weg. Die PRAXIS sagt: es gibt keine Methode. Und ich kann noch nicht mal erkennen, warum das so ist. Wenn ich allein nehme: jetzt hier, den Ausgangspunkt, wie ich da der Erzählung von Dostojewski zuhöre und folge. Wie das wirkt, wie ich das empfinde. Wie schwierig es ist, zu bestimmen, wie genau das erzähltechnisch gemacht ist, daß diese Wirkung hervorgerufen wird. Welchen Anteil daran die Zeitgestalt der Sache hat, welchen die Menschensicht, die Instrumentalisierung der Widersprüche zwischen dem Inneren der Handlendem und ihrem Sprechen, ihren Motiven und ihrem Tun, die Art der Gesprächsführung, das Sprunghafte, die dauernd drohende Madness, das Allgemeine des Menschlichen, das da agiert, der Horror der äußeren Bilder, die Stadt, das Soziale usw usw. Ein hochkünstlich konstruierter Realismus. Deswegen liest man doch auch so gerne linguistische Texte oder Kritiken, weil die dieses Aufspüren und Präparieren der einzelnen Momente und Praktiken, die eine bestimmte Wirkung hervorrufen, leisten. Einem erklären, was warum wie wirkt. So wie Michael Althens Texte übers Kino in der SZ, die auf eine wie geträumte Art ganze PRÄZISE über die AHNUNGEN sprechen, die die Bilder und Melodien eines Films oder eines einzelnen Schauspielers in einem hervorgerufen haben, das ruhig entfalten und darlegen. Ach so, genau, verstehe, stimmt. Oder, Gegenbeispiel: daß ich einfach nicht genau ermitteln konnte, als ich mich neulich von A bis Z durch Zolas Nana durchgekämpft habe, was genau mich daran so rasend machte, warum mir das wie ein solcher Schund vorkam. Warum ich glaube, daß Zola eben gar kein Schriftsteller ist, sondern irgendwas anderes. Vielleicht der Produzent von Die Brücke am Fluß, oder wie hieß diese Schnulze, wo die lapprig angezogene Landfrau ihrer großen, späten Leidenschaft zum National Geographic Fotografen heroisch weinerlich entsagt. I, war das scheulich. Und ich habe Leute getroffen, die fanden das ganz toll, Frau Durkheim zum Beispiel. 1044. Zwischendurch im Verlag angerufen, aber Frau Grasnick ist heute in München. Hier regnet es. Schweißgebadet war ich nachts aufgewacht um halb fünf, noch vor den Vögeln. Ich stand auf, ging an den Computer und schaute mir alte Abfälle an. Im Nachtspace. 1103. Ich würde gerne gesponsert werden von den Firmen: Brunnen Pelikan Adidas Hofbräuhaus Levis Fruit of the Loom Benneton Dr. Martens und Microsoft 1416. Notizen für den Heute Morgen Vortrag. Fax von Frank, mit einer Einladung zu einer dreitägigen 'Konferenz' zur 'deutschen Literatur', Mitte September, in Frankfurt. Sie schreiben: "Seit einigen Jahren soll es wieder eine sehr lebendige deutsche Gegenwartsliteratur geben. Die deutsche Literatur sei weltfremd, abstrakt." Das wollen sie dann da gemeinsam diskutieren. Ich mag über sowas nicht diskutieren, ganz bestimmt nicht öffentlich, ich glaube nicht daran, daß das Soziale der Ort ist, diese Fragen einer Klärung näher zu bringen. Man liefert doch eh mit jeder fertigen Arbeit seine Stellungnahme dazu ab, wie man das sieht. Und zwar auf eine Art, die TAUSENDMAL mehr SPASS macht, als jede Diskussion. Es hat so viele läppische Aspekte, so frei zu leben, wie man es als freier Schreiber tut, aber eben auch paar tolle: daß man nur da mitmachen muß, wo man Lust hat drauf. PRAXIS. Lebensläufe: mögliche Formen, so ein Schreiberleben zu führen. Mit Beispielen. Jeder andere führt einem eine Möglichkeit vor, wie man es auch machen könnte. Wirklich? Oder wieviel ist da doch naturellmäßig vorgegeben? Ganz egal: das ist die offenere Perspektive auf das Problem: Jede andere Möglichkeit zunächst mal so zu sehen, als eine einem selber auch zugängliche Lebens- und Arbeitsweise. Der macht das so: ich auch, ich nicht. Der macht es anders: ich nicht, ich schon. Usw usw. PRAXIS. 1500. Weiter an Heute Morgen. Ordnung machen und dabei denken und schreiben: Alle Ordnung ist wahnhaft. Ein anderer Punkt ist wirklich auch: ich will die Leute nicht kennenlernen. Ich finde es extrem angenehm, daß ich Helmut Krausser zum Beispiel nicht kenne, außer durch das, was er schreibt und veröffentlicht. Ich habe ihn mal auf einer Lesung gesehen, nein, auf zwei, und in der Münchner Universität bei einem öffentlichen Vortrag über Literatur erlebt. Aber noch nicht ein Wort mit ihm gewechselt, von Angesicht zu Angesicht. Ich finde das den einfach genau richtigen Zustand. Ich habe dadurch mehr Spaß an seinen schriftlichen Äußerungen. Es reicht mir, daß ich Maxim Biller persönlich kenne. Egal wie er das sieht, er ist für mich der einzige Literatur-Schreiber, von dem ich sagen würde: mit dem bin ich befreundet. Das heißt: Er braucht nur anzurufen, ich höre seine Stimme und sofort freue ich mich. Sekunden später fängt er zu nerven an. Das macht aber nichts. PRAXIS. 1512. Save the Robots. Rauf und runter läuft die neue Mayday Single. Allein das Rave-Signal am Anfang, diese melancholisch absteigenden Flächen: ich höre es schon, in der Vorstellung, in den Riesenhallen, mit ix und zig-tausendfacher Wattgewalt dahergeblasen. Bei jeder neuen Nummer von denen denke ich: es ist DAS einfach die Musik, die in mir spielt, die ich höre, bevor irgendein Ton erklungen ist, von den Sounds, vom Groove, der Stimmung, dem Gesamtargument her. Ich kämpfe mich durch die diversen Papierberge am Boden und mache seit langem endlich mal wieder meinen Casio an, um die Töne dieses Signals kurz rauszuprobieren. Geil: E, Es, C. Dur, Moll, Offen. Wie cool, wie lässig. Wie wahr. PRAXIS. 1613. Notizen, Post. Im Schauspielhaus angerufen, und Carolin gebeten, mir die Krieg Verrisse zu schicken. Davon verspreche ich mir jetzt gute Anregungen für PRAXIS. 1730. Wieder daheim. Einmal Leopoldplatz, tour retour, zu Fuß. Mit Heinz Budes Intellektuellen-Artikel in der taz. Ich bin nur in zwei oder zweieinhalb Punkten anderer Meinung: Adornos Methode war nicht antidisziplinär, sondern hatte, in so viele Disziplinen, Soziologie- Form- gemäß, sie auszugreifen versuchte, EINE Mitte, ein Schwerefeld, ein Zentrum und also sehr wohl eine Disziplin: die Erfahrung der Kunst der Musik. Was für Nietzsche die Psyche ist, für Wittgenstein die Sprache, war für Adorno die Musik. Das denkbar Unpolitischste, was es gibt. Und DAS macht seine gesellschaftlichen und philosophischen Befunderhebungen so WILD, daß sie sich in jeder Hinsicht und mit einer verzweifelten Energie nach etwas ganz anderem sehnen als das, wovon sie ausgehen, worin sie sich gefangen sehen: die ästhetische Erfahrung. Das war der halbe Einwand. Der erste: Ich sehe Luhmann ganz anders als Bude ihn offenbar liest, versteht und darstellt. Mich ERSCHÜTTERT Luhmanns Totale, immer wieder, und zwar weil ich finde, daß sie selbst so erschüttert ist. Es gibt in Luhmanns Welt nichts selbstverständlich Gegebenes. ALLES könnte auch ANDERS sein. Jedes letzte kleine Detail bebt von der Möglichkeit her, so unwahrscheinlich zu sein, das es auch NICHT sein könnte. Deshalb lese ich in Luhmanns Darstellungen des Bestehenden ein ganz schweres Aufatmen mit, daß die Welt eben NICHT nicht ist, wie es ja viel wahrscheinlicher wäre, sondern eben genau so ist, wie sie ist. Bloß hat sich Luhmann angenehmerweise nie dafür interessiert, aus dem seinem Denken zugrunde liegenden existentiellen Beben eine Nummer zu machen, einen Auftritt. Im Gegenteil, als feiner, höflicher Mensch geht er über diese hochdramatische Basis seiner Theorie so unspaktakulär wie möglich immer wieder hinweg. Und das auch nicht aus einem heroischen Entschluß heraus, sondern einfach, weil es Wichtigeres zu tun gibt, als in diesen fast schon privaten motivischen Momenten sich zu verlieren, nämlich eben diese Darstellung der Rekonstruktion der Gesellschaft zu leisten, die mehr noch als er selber, seine Theorie vor Augen hat und vorführt. Und interessanterweise gibt es ja wirklich KEINEN einzigen anderen Denker, der ihm bei dieser Arbeit hilft. Die Adepten nehmen nur das Vokabular auf, die Temperatur des argumentativen Stils, seine Coolness. Und die halbintensiv befaßten Leser, so wie auch Bude, sehen immer wieder nur das sogenannte 'manieristische Spiel mit Tautologien und Paradoxien'. Auch was Luhmann den Intellektuellen in Budes Darstellung angeblich empfiehlt: nicht gerade Unsinn, aber sicher nicht DIE Empfehlung Luhmanns, die allenfalls sein könnte: sich mit Empfehlungen doch möglichst zurückzuhalten. So wäre zugespitzt gesagt der erste Einwand gegen Bude: wenn man nicht zum Kern eines Denkens vorstoßen kann, weil es einem aus irgendeinem Grund irgendwie fremd bleibt, dann sollte man bei einer so gerafften Darstellung der Funktion dieses Denkens extrem vorsichtig sein. Zweitens: ausschließende Sätze von der Art: ist nicht mehr, hat ausgedient, jetzt nur noch - usw usw - haben meistens den Nachteil, daß man sofort ein Gegenbeispiel gegen sie ins Feld führen kann. Und daß sie dann nicht mehr stimmen. Der Künstler als Erneuerer hat NICHT ausgedient, auch wenn, total plausibel beschrieben, der Intellektuelle als Unternehmer eine neue faszinierende Rolle als 'Agent des Neuen' in der Welt spielt. Genau so wenig, wie die Malerei ausgedient hat, seit es Kino gibt. Ich glaube sogar, daß es das Ausgedient-Haben überhaupt NIE gibt. Daß jedes neue Moment immer als Zusätzliches DAZU kommt, das alle alten dann neu bestimmt, neu definiert, aber nicht erledigt, abschafft, überflüssig macht. Natürlich spreche ich da aus meinen Erfahrungen mit der Kunst und den speziell kunstmäßig gearteten Vorschlägen, die von da her kommen, die die Gegenwart der Hochmoderne zeigen, formulieren, weiter entwickeln, problematisieren usw. Nicht zuletzt natürlich die DJ-Kunst. Gemessen an der muß mancher Intellktuelle als Unternehmer noch viele Artikel und Bücher schreiben, um wirklich wie sie auch Agent des Neuen in der Welt zu werden. Die DJ-Kunst IST das nämlich schon, naturgemäß, HA, aufs Schönste. 1911. Skizze des Modells des Atoms eines Ich in der Welt, eines, das in dem Fall Schreiber ist, natürlich seines Geistes. Für Heute Morgen. mir sind für zwei Jahre die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt worden ich will die Entscheidung anfechten ich gab heute öffentlich keinen Kommentar ab als Gegengewicht zum sogenannten Häppchenjournalismus zeige ich unter anderem ungekürzte Parlamentsdebatten was machstn da für ne Hektik? ich glaub ich hab mein Portemonnaie verloren dann kauf dir doch n neues 100. Back home from Wasted. ILONA'S ASSHOLE 1991 SIEBDRUCK AUF LEINWAND MIT ÖL 228 X 152 CM II 2.5 Mit anderen Worten: Kritik baut den Schrecken ab, den Kunst hervorruft. Kritik ordnet, erklärt, besänftigt. Ihre Mechanik ist die der Zustimmungsherstellung: sehe ich auch so. Sie ist so die die Kunst ergänzende Ja-Instanz, gerade wenn sie in ihrer Bestform auftritt: als Verriß. Irgendwas fehlt immer, jedem. Das muß angemahnt werden, findet Verständnis und Zustimmung. Kunst muß den umwegreicheren Weg zum Verstandenwerden gehen, über die Abstoßung, die der Schreck auslöst, den Kunst speichert, in ihrer Weltsicht, ihrer Transformation des Realen als Ganzem, mit allem Horror, in etwas letztlich doch unweigerlich Schönes. PRAXIS. Jörg Lau hat im Merkur vom Politicki Buch gesagt, lobend: da würde man also alles aus dieser Zeit so wiedererkennen und ganz beglückt dauernd nicken, denn so, ja, hätte man es auch erlebt damals, so wäre es gewesen. Aber dieses Zustimmen kann es nicht sein, das ist nicht die Antwort auf Kunst. Das ist die Erkenntnisform beim Lesen gut gemachter Kritiken oder toller Analysen. Kritik ist verbindlich, ihr Entstehungsort der soziale Raum der Redaktionen, das miteinander Reden und sich Austauschen, aneinander Abgleichen, sich passend Machen und die Zustimmungslage dauernd neu Prüfen im Kollektiv. DEKONSPIRATIONE. Gerade deshalb, weil die Kritik durch das von ihr ausgelöste Ja zum Nein der Kunst eine so wichtige Negativitäts-Komponente zurückgibt, die Kunst also auf Kritik als das sie Ergänzende wirklich so angewiesen ist, soll FEINDSCHAFT sein zwischen diesen beiden großen Brüdern. Freitag, 3.4.98, Berlin. Sigis Geburtstag. Alles Gute, Onkel Sigi. 1034. Telefon mit Frank. Er hat eben das Praxis Plakat bekommen. 1039. Eines der tollsten Sachen an MADE IN HEAVEN fand ich: wenn man so extrem scheiße ausschaut wie Jeff Koons, sich ausgerechnet als ADAM zu sehen und zu zeigen und hinzustilieren. Amerikas Größe: trash und Scheußlichkeit all over und okay. So wie Raymond Pettibon neulich auf dem Empfang zu seinen Ehren in so einer lapprig kalifornischen Bermudabadehose rumschlurfte, langhaarig, verwahrlost, wie ein Bum aus Kalifornien eben. Das käme dem wahrscheinlich ganz komisch und verlogen vor, irgendwas Vernünftiges oder Normales oder Nettes anzuziehen. Das fände der scheußlich. Der kommt so, wie er ist, und ist so, wie er sich fühlt: es geht doch hier wohl um die INNEREN Werte. Und eine ganze Wand hing voll gepflastert mit seinen unblaublich hübschen, vielgestaltigen und höchst kunstvoll die Genres mixenden Arbeiten. Geil. 1053. Die Handlungsgestalt für unsere NEUE DEUTSCHE KOMMÖDIE müßte so ähnlich sein wie in Wasted gestern: ganz realistisch, konkrete sinnvolle Dialoge, von hier nach da, Entwicklung, Spannung, wie gehts weiter etc. Und der Space müßte durch das Abgerissene, die Geschwindigkeit, die extreme Kürze der Szenen hervorgerufen werden, die Künstlichkeit. So wie die Ecstasy-Farben in dem Film, am Anfang und am Schluß. Am Anfang dachte ich: toll, es gibt jetzt also doch schon den Film zu Rave. Aber dann hob das nochmal auf eine so extrem geile Art ins geradezu SURREAL realistisch Kaputte ab, da ist Rave Kinderfasching dagegen. Es gibt so viele Arten von Realismus. Realismus ist mehr eine Erkenntnisform, ein Interesse an Erkenntnis, als eine bestimmte Form der Darstellung. WASTED, geiler Titel auch. 10 Jahre TÄSCHNO in eineinhalb Stunden, vom Härtesten. Ist das eigentlich in Spex besprochen worden? Wo, wie, wo sonst? Habe ich alles verpaßt, die ganzen Kritiken. Das wäre jetzt, dachte ich mir gestern Abend, meine Vorstellung vom Informations-Kapital Internet: daß ich auf der Stelle die deutschen Kritiken der großen Zeitungen zu diesen Film einsehen könnte. Aber ich weiß nicht mal, wo ich zu suchen anfangen müßte, als Nichtnerd. Als jemand, der sich nicht NUR den ganzen Tag mit den Geheimnissen dieser Infowelt befaßt. STEINZEIT DER ELEKTRONISCHEN WELT. aber er war Skeptiker er war jung dachte abstrakt somit grausam ich habe mit allem gebrochen warum fragte Sonja bestürzt und sich in jeder Beziehung einen vollkommenen Genuß zu verschaffen 1243. Wie oft habe ich es schon notiert? Nach jeder fertigen Arbeit, glaube ich. Und jedesmal neu freue ich mich an dem Gedanken: das Werk ist eben NICHT die Totenmaske der Konzeption, sondern ihre Weltform, ihre Lebendgestalt, ihr Leben. Und das in jeder Hinsicht tausendmal Reichere, Vielgestaltigere, Schönere, als in den kühnsten konzeptionellen Visionen erträumt. Realität eben, nicht Idee. - Für Benjamin war die Vorstellung natürlich ein hilfreicher Trost, weil so viele, einfach ZU viele wunderschöne Ideen und Konzeptionen die endgültige Werk- und Welt- Gestalt nie erreicht haben. Deshalb ist Benjamin der andere große Angstpartner beim Leben in Notaten und Notizen, in dem Moment, wo die einen autonomen Gewichtigkeits-Status bekommen, überhand nehmen, die Führungsrolle zu beanspruchen anfangen. Dann kriegt man Angst. PRAXIS. 1253. Seit ewigen Zeiten frage ich jeden, wo das Adorno Auschwitz Gedichte Zitat steht. Ich will das endlich mal im Kontext lesen. Das vielleicht berühmteste Adorno Zitat. Ich finde es einfach nicht. Und keiner, den ich frage, weiß es. - Das Benjamin Zitat ist ja wohl sicher aus der Einbahnstraße. Dieses Büchlein habe ich mal von Harald Wieser geschenkt bekommen. In der taz war er jetzt porträtiert als Juhnke Porträteur. 1316. Lustig: Frau Venusberg, im Referat des Benjamin von Stuckrad-Barre, in der Woche: daß fremde Leute sich mit ihr treffen wollen, weil sie denken würden, sie würde sie verstehen, was aber Quatsch wäre, meint sie: 'weil ich ja keinen verstehe.' - Und genau DAS strahlt ihre Literatur aus, das macht sie so stumpf und langweilig. Auch weil genau das natürlich nur so ein weiterer Unsinn ist: in Wirklichkeit versteht man ja JEDEN, den man trifft, kennenlernt, mit dem man redet. DAS ist ja das Irre, das Anstrengende am Sozialen. Sein Geheimnis. Sein Horror. Etc etc. PRAXIS. 1446. Langsam lichtet sichs. Im Kampf gegen die Papiere am Boden und an den Wänden. Zum Adult Orientated Pop von Monaco wieder. MUSIC FOR PLEASURE. Erinnert mich, vom Begleitungsvibe her, an späte Kitsch-Stranglers, Only The Sun. Oder verwechsel ich da wieder mal was? 1837. Wieder daheim. In der Fine Arts Galerie, bei Pittibon. Drei große Wandgemälde, und zwei Wände mit angepinnten Papierdingern in allen möglichen Formaten und mehreren Farben. Text und Bild: ich sah plötzlich die darin eingeschlossene Auseinandersetzung mit melancholischen Momenten. Wenn Buchstaben aus dem Comic und der Werbung ins Gemälde wandern dürfen, Schrift in die Zeichnung, ist auch Melancholie als Thema mit da. Auch Alberts neue Collage- Bilder zeigen das. Warum eigentlich? Das Bild ist dann GEBROCHEN, verletzt, kämpft, ist bedroht. Es hat was Verzweifeltes, dieser Übergriff, das Erleiden des imperialistischen Einmarsches des Textes in die Stille der Schau, die Passivität und Wehrlosigkeit des Bildes. Sein nur traurig und überfordert blickender Blick der Hinnahme und Auflehnungslosigkeit. Die Melancholie. Pettibons Hand, ganz old school: die Schönheit der amerikanischen Schulschreib- Handschrift. Wahnsinnig gute Laune macht das Verschwenderische, wenn kurz mal drei große weiß gekalkte Wände für die Dauer einer Ausstellung schwarz bemalt werden mit später wieder weiß übermalten Wandbildern: Kopf, Gruppe, Totenkopf. Das ist nun eine in jeder Hinsicht völlig UNNEUE Kunst. Sie formuliert die Tradition eines dunkleren Amerika, und holt die hierher, nach Berlin. Die Tatsache, daß einem dieses Underground-Wissen hier so gezeigt wird, daß es einen in dieser Kunst-Gestalt erreicht, interessiert und berührt, ist der interessante Aspekt. Das gab es in den 60er und 70er Jahren noch nicht. Daß Amerika sich bereichert sieht von seiner Armut und Darkness, und sich genau so, eigentlich fast europäisch, selbst auch zeigen will, auch dort, hier. Das ist ein Neustatus der Realität, den diese Unneuigkeits-Kunst mitgeschaffen, formuliert, mitteilbar gemacht hat. Im Laufe der letzten etwa zehn Jahre. - Ich rede da also dauernd gegen Budes Befund, daß der Künstler als Erneuerer der Wirklichkeit ausgedient hätte. Ich wüßte gerne, was der für eine konkrete Kunst vor Augen hat, für beide Stadien. Welche Künstler waren wie und wann diese Erneuerer, und welche sind es heute warum nicht mehr? PRAXIS. S-Bahnhof Friedrichstraße. Jedesmal neu muß ich dort die folgenden Worte in mein Notizbuch schreiben: SINGLEPARTY SAMSTAG HIER Das strahlt einfach so eine unglaubliche Traurigkeit ab. Der Bahnhof selber nimmt langsam Gestalt an. Das Blau der Schilder und die Schrifttype: tief leuchtend und wirklich ultraschön. Man ist von der Bahn und der Post einen so selbstbewußten Terror mit EXTRA aggressiv nur scheußlichen Farben und Designs inzwischen derart gewohnt, das einem dieser ganze neue S-Bahn-Style wie eine absolute Sensation der Freundlichkeit, fast schon britisch vorkommt. 1950. Das neue Stück von Turrini in Wien, im Akademie Theater, von Hartmann inszeniert, in der Kulturzeit, mit langen Ausschnitten aus Dialogszenen. Diesmal laß ich es mir in den VERTRAG schreiben, und zwar als allererstes, daß kein einziges von mir fürs Theater geschriebene Wort im Fernsehen gezeigt werden darf. Ich verstehe nicht, daß die Leute nicht verstehen, daß das nicht geht. PRAXIS. ich habe in den 70er Jahren junge Männer sexuell belästigt ich trat als Erzbischof von Wien zurück blieb aber Kardinal 2012. Ich friere und bin traurig. Aber das ist ja sozusagen eh ein und dasselbe. KRANK. POETIC USE OF BLOOD $ 2 RAYMOND PETTIBON COMPLETE AND UNABRIDGED II 2.6 Andererseits bin ich immer neu SCHOCKIERT, daß die meisten anderen fast immer fast alles völlig ANDERS sehen, als ich. Im Straßenverkehr, in der U-Bahn, bei der Bewertung, worüber man reden sollte und worüber lieber nicht, was eine schöne Auseinandersetzung ist und was eine quälende, welche Stimme, welcher Name, welche Art sich zu geben nervt oder anziehend ist, und was für eine Kunst einem gefällt oder nicht und warum. Daß also jeder all das völlig anders sieht. Ich denke immer, das ist SO, das ist doch völlig klar, das müssen doch alle anderen AUCH so sehen. Nein, ganz und gar nicht, ganz im Gegenteil. Samstag, 4.4.98, Berlin. Auch das zieht mich an Luhmanns Theorie so an, daß sie im Hinblick auf diese Erstintuition immer wieder darlegt: falsch, Multiperspektivität, Unterschied, andere Ordnung als über Zustimmung. Und zugleich die Vernunft an sich nicht im Partikularen einer Differenz verankert - ich bin schwul, schwarz, Frau - wie so viele Theoretiker, gerade auch politisch avancierter Postitionen, die die Welt über Differenz scannen, sondern, wie man doch wohl sagen muß: vernunftgemäß und entgegen allen Behauptungen, das EINE einer theoretischen Darstellung gäbe es nicht mehr, auf einem ganz anderen Allgemeinheits-Niveau angesiedelt sieht, so daß sie je nach Beobachtungskonstellation auftreten kann als: Sinn, Kommunikation, System, Welt, Geheimnis. Der Trost, den diese Theorie dem Schmerz der Partikularitäts-Erfahrung verspricht, hat deshalb eine so andere Größe, Weite und Güte, als das Insistieren auf der Marginalität, das im politischen Kampf selbstverständlich seine Funktion hat, aber doch nie den Sprung zum VERSTEHEN der Lage schafft und deshalb als Denkanstrengung immer so quälend eng wirkt, ganz ohne Aufwind. mir gehts scheiße ich bin eine unterdrückte Minderheit Mensch, ECHT? du auch? ist ja toll, ich auch was bistn du? ich bin Intellektueller hochgradig gestört au, das s schlecht ich bin Proll, arm, Frau ich kuck mal weiter ob ich noch andere finde die zu mir gehören schade okay So organisiert sich der politische Kampf, seit der Repolitisierung des Denkens in den frühen 90er Jahren. Lustigerweise am Vorbild US-Amerikas geschult. Einem Kollektiv, das in seiner ganzen kurzen Geschichte einerseits die avancierteste Lebensweise vieler Menschen miteinander hervorgebracht hat, und zugleich noch nie einen einzigen GEDANKEN je gedacht hat. Und wenn man sich also nicht wohlfühlt im Protestkreis der sieben anderen, die zufällig genau das gleiche Muster der Marginalisierung haben wie man selber, bleibt Differenz auf ganz andere Art virulent und produktiv. Ich habe Titanic so gehaßt, daß ich nach der Hälfte rausgehen mußte. Zehn Millionen Deutsche lieben diesen Film. Ich kann Bild nicht mehr lesen. Fünf Millionen Deutsche lesen Bild JEDEN TAG. Das macht einen traurig, genauso automatisch, wie man früher aus der Isolationserfahrung seiner intellektuellen Position Stolz und Würde beziehen konnte. Das geht heute nicht mehr, weil das Herausgehobene dieser Position verschwunden ist. Und all das wirft dann dauernd Probleme in den politisch- moralisch-ethischen Grenzfeldern auf. Wo dieses träumerisch erwägende, unpräzise Denken stattfindet, das das reale HANDELN und also die Praxis des Lebens in jedem Minimoment auf verborgene Weise mitbegleitet. 1251. Deshalb ist Luhmann der Theoretiker der Demokratie. Er hat das so ähnlich auch mal in einem Interview selber gesagt. Übrigens der erste. Weil Demokratie für ihn einerseits, seinem Jahrgang entsprechend, er war ja im Mai 45 noch 17, der reale Basiszustand ist, nicht mehr Utopie, und trotzdem eine absolute Sensation. 1310. Bei der Singleparty-Traurigkeit dachte ich gestern auch an das WUNSCHKONZERT von Kroetz, das ich mal in irgendeinem Münchner Kellertheater gesehen habe, richtig mitgenommen davon. Vor vielen vielen Jahren. Wenn man solche Erlebnisse dem Theater verdankt, kommt man nicht unbedingt zu anderen Beschreibung seiner Scheußlichkeiten, als die die Maxim Biller jetzt wieder im Zeit-Magazin darlegt, aber man BEWERTET sie ganz anders. Mehr so: ja ja, schon recht, ich weiß, ist mir dann aber letztlich doch ganz egal, weil mir geht es in dem Zusammenhang um was ganz was ANDERES, was viel Tolleres. Etwas, was von all diesen Scheußlichkeiten letztlich gar nicht berührt ist. Man LIEBT dann das Theater eben, so wie andere den Film. So what? Big deal. 1428. Hunde sind auch die Tiere der LETZTEN. Die Aurelia wollte ja auch immer einen, als Kind. Daß wir das nie verstanden haben. - Wie die ganz kleine Prollfrau mit Brutalität auf einen ihrer beiden riesigen Hunde einschlägt und ihm brüllend irgendwas zum Sozialprozedere mit seinem Mithund erklärt. 1438. Von wegen Zeitraffer: Superzeitlupe. Noch immer nicht offen: meine Knospen. Raskolnikov lächelte, schweigend und höhnisch. Genug, Mamaa, bitte, genug! Ich gehe sofort. Aber nur ein letztes Wort, sagte er, schon völlig außer sich. 1602. Räume und ordne. Neulich, wo Hirnkurzschluß war, bin ich mit dem Rad in die hiesige Guggenheim Filiale unter den Linden gefahren, um mir den Rosenquist Schinken anzukucken, den ich auf allen Abbildungen so toll fand. In echt dann ein sehr herbe Enttäuschung. Malerei ganz ohne Licht. Ohne Vision, ganz bieder konzeptuell eigentlich. Am schlimmsten: die kleinen Collage-Skizzen, nach denen er das dann alles aufgeblasen hat. Du liebe Güte, dazu möchte man nicht genötigt werden, so nahe am so stumpfen Entstehungsprozeß einer so armseligen und dabei derart megariesengroß sich gebärdenden Kunst teilnehmen zu müssen. Skizzen gehören generell NICHT ausgestellt, Punkt. - Weil ich gerade wieder den FAZ- Artikel in der Hand habe, wo ich die 24 cm große Abbildung so appealing finde. - Beim Rausgehen dachte ich: Das Signet der Deutschen Bank ist ein tausendmal wichtigeres Kunstwerk als die Rosenquist-Bilder da. Wobei dieses Signet, dort als dreidimensionale metallene, mesiingfarben polierte Skulptur an der Wand über der Türe, natürlich auch wirklich so was Ultimatives, Gelungenes an sich hat, daß auch tollere Kunstwerke in der Konkurrenz dazu ziemlich alt ausschauen würden. Ich stelle mir den Zustand im Kopf des Graphikers vor, in dem Moment, wo ihm dieses Ding einfiel, wie ihm das plötzlich klar war: SO geht das, SO schaut das aus, dieses Ding. Was das für ein Glückmoment war. 1651. Feierabend. GALERIE DER GEGENWART II 2.7 Sonntag, 5.4.98, Hamburg. 1200. Dieter Roth, Literaturwurst 1967, zerkleinerter Roman, Kunstdarm, Gewürze, Gelantine. Boston School. Philip-Lorca diCorcia. Philip-Lorca diCorcia; Gerald Hughes (a.k.a. Savage Fantasy), about 25 years old; Sothern Colifornia; $ 50. 1990-92, Ralph Smith, 21 years old; Ft. Lauderdale, Florida; $ 25. 1990-92. New York, 1997 New York, 1993 New York, 1993 Naples, 1995 Tokyo, 1994 Hongkong, 1996 New York, 1993 Philip-Lorca diCorcia; Roy, "in his twenties"; Los Angeles, California; $ 50. 1990-92. André Smith, 28 years old; Baton Rouge, Louisiana; $ 30. 1990-92. Mario, 1978 Brian, 1988 Auden and Emma, 1989 Bruce and Ronnie, 1982 Sergio and Totti, 1985 Mary and Babe, 1982 Thomas Struth, * 1954 Art Institute of Chicago II 1990 1900. Handersen. CITY-TREFFPUNKT DER EROTIK 1904. Hauptbahnhof. OSLO KOPENHAGEN STOCKHOLM HELSINI BERLIN WARSCHAU WIEN BUDAPEST BERN ROM MADRID LISSABON PARIS BRÜSSEL AMSTERDAM LONDON KOPENHAGEN OSLO 1906. Altona! Bitte zurückbleiben! 1908. Hau rein! Paß auf dich auf! 2030. Das ist mir einfach ein bißchen ZU VIEL Realität für Samstag Abend 2053. Matisse. THE MUSEUM OF MODERN ART. ICE 815 FLIEGENDER HAMBURGER II 3.1 Montag, 6.4.98, Hamburg. 515. Galerie der Gegenwart. 608. Im ICE 815 Fliegender Hamburger. Hamburg - Berlin. Gültig ab April 1998. Fliegender Hamburger: der legendäre "Fliegende Hamburger" verkehrte ab 15. Mai 1933 planmäßig zwischen Hamburg und Berlin und legte die 287 km lange Strecke in nur 2 Stunden und 18 Minuten zurück. Damit war der "Fliegende Hamburger" damals der schnellste Zug der Welt. 822. Sehr geehrte Fahrgäste, wir erreichen in wenigen Minuten unseren Endbahnhof Berlin, Zoologischer Garten. Wir hoffen, Sie hatten eine gute Reise und sagen tschüß, bis zum nächsten Mal. 833. Hansaplatz 834. Turmstraße 836. Birkenstraße 837. Westhafen 838. Amrumer Straße 839. Leopoldplatz. Übergang zur U-Bahnlinie U 6. 846. Seestraße 857. Wieder daheim. heutzutage ist doch alles krank und DEFEKT und GEREIZT und die Galle! wieviel zu viel Galle sie alle haben! Sie haben es vielleicht schon gehört meine Damen und Herren der Maler und Graphiker Wolf Vostell ist tot als ich die Probe betrat brach Karajan ab 1053. Andererseits muß man auch sagen: wenn ALLE oder fast alle was scheiße finden, was man gemacht hat, alle, die von AUSSEN kommen, die einen nicht aus der Nähe und von innen und mit den Augen des speziellen Problems, an dem man gerade rum macht, sehen, sondern einfach so, als Zuschauer, als Kritiker, ist die Wahrscheinlichkeit eben letztlich leider doch nicht unhoch, um es mal genau so verquer auszudrücken, wie es mir in den Sinn kommt, daß man sich IRRT. Daß das, was man gemacht hat, falsch ist, nicht gut, daß man sich getäuscht hat. Schade. Magenschwinger. Aua. Was lernen wir daraus? PRAXIS. Man kann sich dann nicht gemütlich auf die Funktion von Kritik zurückziehen und sagen: Kritik muß kritisieren, nörgeln, Fehlendes bemängeln und Perfektion anmahnen, das erwarten wir von ihr, das hat mit uns gar nichts zu tun. Man steht dann einfach nur da, ganz matt, und sagt: aha?, so schlimm?, und das und das Gemeinte kam also alles überhaupt nicht rüber? - Nö, ehrlich gesagt nicht. - Hm? Aha. Schwierige Lage. Und wiederum andererseits kann man eben auch keine direkten Konsequenzen daraus ziehen. Außer der einen vielleicht: sich davon betrüben zu lassen. Ganz untrotzig und blauäugig. Mit der Folge, daß das irgendwie in einem nachwirkt und arbeitet, ohne daß man genau sagen könnte, wie genau, und mit welchem Effekt. Je länger man dabei ist, egal bei was, umso schwieriger wird es, alle diese Dinge halbwegs richtig zu handeln. Besonders geil: wenn die öffentlichen Fernsehdamen ihre Rausschmisse und Niederlagen öffentlich bejammern. Zuletzt Ulla Kock am Brink bei Frau Böttinger. Schon länger her, Frau Schreinemakers bei Biolek. Wie sie geweint haben. Wie stark die jeweiligen Partner waren. Wie das aber jetzt noch mal zusammengeschweißt habe. Wie sie nun also eine Auszeit brauchen und nehmen würden. Daß das auch ganz gut wäre. Wie schlimm es vor allem für sie sei, daß ihr superfeines Näschen, und dazu tippte sich Frau Kock am Brink so näschenmäßig immer wieder an ihr feines Näschen, sie plötzlich so im Stich gelassen habe. Und ich sehe sie noch vor fünf Minuten megaarrogant bei Harald Schmidt rumturnen und sich über dessen Quote lustig machen, wie er ihr alles Gute wünscht. Das bräuchte sie nicht. Sie hätte nämlich die Zuschauer. Ganz im Gegensatz zu ihm. Und ich dachte schon da, mach doch mal halblang, Alte, ist ja gut. Was gibste denn so wahnsinnig an? Blöde Kuh, usw usw. PRAXIS. 1448. An Heute Morgen. Beim Einkaufen. Wieder daheim. Wenn man nicht bereit ist, alles Bisherige nochmal zu zerstören, kann man sich gleich in den Rinnstein legen, zum Sterben, vor das Shakespears Inn, wie Brinkmann. Dann lebt das blöde Werk endlich sein Totenleben. Und alle sind zufrieden. Nur ich nicht. Ich glaube an die Lebenden, nicht an die Toten. 1557. Kaum hat man die Bilder gesehen und EXTREM toll gefunden, läuft einem leider auch schon die dazugehörige Story über den Weg, in einer irgendeiner Kritik: wie genau jetzt also Philip-Lorca diCorcia seine Bilder herstellt, stellt, ausleuchtet, bla bla. Ich will es aber gar nicht hören. Ich sehe es ja. Es langweilt, es stört. Die Anekdote: der Blödmannweg zum Werk. Das erste, was einem immer erzählt wird, man kann gar nicht schnell genug abhauen. Besonders befallen, von der Anekdoten-Erzähl-Krankheit: die Kunst-Vermittler, das halbnahe Umfeld. Kuratoren, Vorwortschreiber, Kritiker, leider oft auch Galeristen. Sie halten alle die Zumutung nicht aus, die aus dem großen SCHWEIGEN der bildenden Kunst spricht. Gebet. PRAXIS. ich sehe mich als Künstlerin ich versuche meiner Show Klasse und Aussagekraft zu geben die Weltpresse beginnt sich zu versammeln nichts scheint mehr unmöglich DIE SPEKULANTEN wittern erneut Morgenluft GALLE FÜR ALLE II 3.2 Dienstag, 7.4.98, Berlin. Es regnet. Der Baum vor dem Fenster: also eine Kastanie. Wie kleine lahme Beinchen hängen die einzelnen Blätter aus jeder ehemaligen Knospe jetzt raus, ganz hilflos, nach unten. Und in drei Minuten geht der Terror mit den KERZEN los. Seltsamer Baum. 1054. Zum Schweigen der bildenden Kunst: das ich überhaupt nicht GEWAHRT sehen möchte. Im Gegenteil, es soll dann beschossen und zubeballert werden, mit Text, Rede, Geschichten. So wie Diedrich mal in dem Immerndorff Katalog schrieb, ich glaube Café Deutschland: noch nie wäre so viel geredet worden, vor Bildern, bei einer Eröffnung, über die Bilder. Klar, Eröffnung, reden, zusammen sein mit vielen Leuten. - Es geht nur um diesen EINEN Moment, in dem die grundsätzliche ANDERSHEIT der Bilder erfahren wird, erlebt wird, letztlich einen Schock auslöst. Sie sagen nichts. Sie schweigen. Sie sagen, was sie sagen, auf DIE Art. Brutal, erschreckend, ungeheuerlich; und dann zugleich auch unendlich tröstlich und tröstend, lieblich und bezaubernd. Die Schau der Bilder. - Wie weit die Sprache davon weg ist. Nur darum geht es, daß dieses Faktum nicht ganz ausgestrichen wird in der Reaktion, daß ein Moment des Respekts für diese Andersheit der Bilder übrig bleibt. Daß die Rede davon irgendwie noch nachbebt, aufgeladen ist, erschüttert. PRAXIS. Mir ist oft aufgefallen, daß Leute die sehr gut und versiert, differenzierungsreich und geradezu großartig über MUSIK schreiben können, ganz hilflos und schlecht über Bilder und bildende Kunst reden und schreiben. Daß die in ihnen ratternde Textmaschine dem Fliehenden der Musik, ihrem Flüchtigen, in der Zeit sich Verlierenden so gut hinterher rast, nach spricht, entspricht. Daß das die Musik festhält, diskursiv zugänglich macht. Und daß diese gleiche Textmaschine, wenn sie auf das Feststehende und Leuchtende der Bilder und der bildenden Kunst zurast, einen zerstörerischen Panzer aufbaut, der die Kunst einmauert, sie zumüllt, ihr das Wort verbietet und sie so wirklich zerstört. Natürlich gehört in diesen Kontext der große Erfolg der Kontext-Kunst, bei den Kritikern, den Interpreten, den professionellen Textern. Konzept und Idee wehren sich nicht gegen den Text, der ihnen vom Interpretentext her zugeht, das entspricht sich gegenseitig. Das paßt zueinander. Und wenn man den großen Publikumserfolg der letzten Dokumenta nimmt, fühlt sich offenbar auch das Publikum der 90er Jahre in ganz großem Stil und durch die Bank vom Text der Kontext-Kunst angesprochen, nicht vom Schweigen der Bilder. Immer wieder habe ich mit Albert darüber geredet, wie geil ich das finde, in welche absolut marginale Position und Stille die Malerei im strengen Sinn wieder zurückgetreten ist, aus dem großen Resonanz-Lärm-Raum, in dem sie in den 80er Jahren agiert hat. Die von dieser Stille aufgeworfenen Probleme, andererseits. Denn auf eine Art kann man als nichtjunger Künstler auch nur wirklich neue Sachen machen, wenn die Gegenwart, in der man steht, auch antwortet. PRAXIS. 1159. Den Blick nach vorne richten. Wie es die Sportler immer verkünden. Das nächste Spiel ist immer das nächste. Wie ich mich gefreut habe, daß Boris Becker, dem überall vorgehalten wurde, wie er alles falsch machen würde, jetzt, als Davis Cup Kapitän, es dann schließlich doch allen wieder mal kurz gezeigt hat. Boris Becker. 1222. Die Zeit ist die Natur der Gegenwart. - Durchaus im Gegensatz zu früher. Im XVIII. Jahrhundert war die Natur der Ort der Gegenwart. - Im XIX. Jahrhundert ist die Gegenwart Enge, Psyche, Stube, Rückzug, Flucht vor dem Sozialen, vor der dort stattfindenen Explosion. - Auch deshalb sieht man sich so viel stärker mit dem XVIII. als mit dem XIX. Jahrhundert verbunden heute. Für Heute Morgen. 1243. Das Schweigen der Bilder wird unterbewertet. Heute. So wie früher das von Duchamp überbewertet wurde. Diesen genialen LALLTERROR, den Beuys der Kunst gegeben hat. Und das unbeschreiblich beglückende Schweigen gleichzeitig, das heute aus seinem Werk spricht. Der AUFWIND wieder plötzlich im Beuys Raum, in Hamburg, in den Tiefen der Katakomben der Ungersschen Blödmann-Architektur: da liegt das alles, dieses ganze Zeug, schrundig, krumm, wund und sehr schön. Es fordert einen zu absolut nichts auf, noch nicht mal zu bleiben. Man geht da einfach durch, nickt und ist sehr dankbar. und Mitglied im Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank 1304. Broder saß bei Frau Christiansen, gestern in der Wiederholung, und meckerte rum: das Beredete wäre ja doch wieder nur die alte Leier gewesen, was geredet werde zum Thema, seit ungefähr Heine. Ganz was Neues: daß in solchen Runden das Alte neu durchgemangelt wird. Daß man da dabei sitzt, wenn sich dazusetzt. Wie megaöde dann so ein genervter Gestus wie der Brodersche rüberkommt. Bleib halt daheim, Depp. 1332. Schwarzer Anruf. 1341. Leute, die einen toll finden. Den Kontakt suchen. Eigentlich anders: die die Sachen von früher toll gefunden haben, frühere Sachen. Die jetzt gespannt sind aufs Neue. Wenn man dann aber nicht so geblieben ist, wie sie einen sehen. Wenn das Neue was anderes ist, als das Hochspezielle, was sie also erwarten, was jede Erwartung ja immer erwartet. Aua. Dann gibts aber Hiebe. Und zwar ganz direkt. Als müßte man sich jetzt persönlich bei denen entschuldigen. Groteske Lage. Auch deswegen hasse ich jede Vorfreude so. Wegen des Einengenden der Erwartung. Ich will nichts erwarten, von niemandem, von nichts. Dann kommt das Neue auf einen immer am schönsten zu. Dann hat man am meisten Spaß damit, versteht es am besten. Ich erinnere mich, wie vor gut zwei Jahren Westbams Terminator, die unter einem Projektnamen erschienene Vorabsingle, bei mir in München lief und ich dauernd dachte: ich verstehe es nicht. Was meint er denn? Wo kommt denn dieser komische Break her? Dieser Minimalismus? Die Sounds? Das ist doch irgendwie der Horror. Oder? Und dann nur aus meiner Erfahrung mit eigener Taubheit für Musiken sagte ich mir: es muß an mir liegen. Es geht da um irgendwas, was ich nicht kenne. Was mir verborgen ist. Und ich sozusagen auf Westbam vertraute, daß er schon wissen wird, und daß ich schon noch verstehen werden würde. Und genau so kam es dann, viel später. Wie ich im folgenden Jahr immer wieder zu den Westbam Gigs ins E-Werk fuhr, von München aus, weil da plötzlich die Musik spielte, über die ich mit Wolli seit unseren ersten Lounge-Abenden, wann war das?, 95, Herbst 94, geredet hatte, die Aufladung der breakigen Rhythmen mit der Dramatik des Geraden. Und dort, auf diesen Parties, verstand ich dann, wie das gedacht ist, Terminator, wie gemeint, was das ist, auch was für ein Hit das ist, bei seiner ganzen extremen Abstraktheit. Warum. Und heute ist diese Nummer wirklich DER Klassiker, ground breaking, der Durchbruch zu einem ganzen neuen Style von Dance. PRAXIS. 1742. Mein kleines Heute Morgen Referat hier eben zum dritten Mal vorgetragen, ins nichts hinein, zur Übung, probeweise. Jetzt bin ich schon fast runter auf der angepeilten Länge von 15 Minuten. Beim ersten Versuch dauerte es 40 Minuten. Lautes Sprechen tut der Seele gut. im Vertrag mit RTL gibt es eine Schweigeklausel sagte EIN SPRECHER 1825. Der große Theaterkritiker Dirk Schümer. Sachkunde, Passion, Präzision im argumentativen Verfahren. Fast schon taz-tauglich. Schreibt aber in der FAZ. Heute über den Kresnik Abend in Hamburg. Die Zukunft der Kritik, der Theaterkritik, morgen in Explosiv. Barbara Eligmann: Und wie ist die Stimmung bei Ihnen, Herr Schümer? Ja, hier alles super, Leute, ich bin gut drauf, ich hoffe, das kommt so bißchen rüber, Frau Eligmann, liebe Leser, soundmäßig, launentechnisch: alles super hier bei mir. Toll, Herr Schümer, vielen Dank, bis bald. PRAXIS. diese Proportion wird seit Jahrtausenden auch in der menschlichen Kunst verwendet und dort als goldener Schnitt bezeichnet was geht denn in Ihnen vor wenn Sie so was hören? hja ich frag mich warum so ne Leute frei rum laufen zum ersten Mal Macht über Menschen Guido Knopp Terror der Sprache Hitlers Helfer der Vollstrecker ABFALLS SCHWEIGEKLAUSEL II 3.3 Mittwoch, 8.4.98, Berlin. die sind meines Erachtens ABSOLUT SCHMERZBEFREIT die da drauf sitzen auf den Dingern meldet der Biker bewundernd über noch verrücktere Mitbiker, als so ein geiles Endziel: absolut schmerzbefreit sein. Natürlich mehr ein ausdruckstechnisches Endziel, aus der naheliegende Welt der ärztlichen Notversorgung am Straßenrand. 900. Im Halbschlaf drehten sich die Worte um Präzisierungen des Realismus- Begriffs, der Idee von Realität, um die es gehen würde. Schweißgebadet wachte ich auf. Angst. 1024. Los gehts. 1030 -guten Tag -Tag -zum Flughafen Tegel bitte -ja 1041 -brauchen Sie eine Quittung? -ja, über 19 Mark bitte, bitteschön -danke, ich wünsche Ihnen einen guten Flug -dankeschön, Ihnen einen guten Tag 1051 -ist denn die Zeit heute auch schon erschienen? -ja, alles da, wegen Feiertag -aha, und wo bitte? -da OBEN -a! 1053 -guten Tag -Tach, und einmal drehen bitte, so, und die Füße bitte einzeln auf den Hocker, gut -dankeschön -tschüß 1123. Die Putzfrau im leuchtblauen Kleid zieht den blauen Müllsack im Schlepp hinter sich her. Der Dröhntyp meldet von hinten: Ich war ja Aufsichtsratsmitglied bei der Lufthansa. Und er schaut dann ganz beleidigt, wie ich mich umdrehe und schaue, wer da auftextet. Er trägt einen marineblauen Blazer und erzählt sein Gedröhne einem Kollegen in roten Livree, kein Witz. Vor mir geht einer im dunkelbraunen Trenchcoat auf und ab, den Mantel capemäßig übergehängt, und redet mit seinem Handy, in Französisch. Er sagt: C'est pas exceptionelle. Ich sitze im Warteeckchen, Abflug, und lese Zeitungen. 1129. Sitzreihe 24, Platz A: steht auf meiner Bordkarte. Auf Platz B sitzt eine Frau und stillt einen Säugling. Über dem Fenster ist ein Behinderten-Pikotgram angepappt. Die Frau nickt mir nett zu, wie ich mich in die Mittelreihe auf einen freien Platz setzte, und ich nicke zurück. 1135. Meine Damen und Herren, falls Sie an Bord ein elektronisches Gerät benützen, schalten Sie es jetzt bitte aus. 1137. And now, ladies and gentlemen, a few safetytips. 1142. In der Luft. Ostermeier erzählt im Tagesspiegel, zu Ehren des 60. Geburtstags von Herrn Langhoff, Fragmente seines Werdegangs und seiner Berliner Dramaturgie. 1233. Herzlich willkommen in Frankfurt, meine Damen und Herren, bitte bleiben Sie zu ihrer eigenen Sicherheit so lange sitzen, bis wir unsere endgültige Parkposition erreicht haben und die Zeichen für die - 1303. Gleis eins, bitte einsteigen! 1305. Wald: der Ort, wo man in Ruhe die Leichen ablegen kann, nach der Tat. 1307. Frankfurt Sportfeld 1309. Niederrad 1316. Hauptbahnhof 1318. Taunusanlage 1320. Hauptwache 1324. Nächster Zug U 6 in Richtung Heerstraße, über Alte Oper und Bockenheimer Warte. 1325. Nächste Station, Alte Oper. 1326. Nächste Station, Westend. 1330. Die Linden der Lindenstraße. 1331. Im Verlag. 1530. Es ist genau 15 Uhr dreißig. HR vier zur Verkehrslage. 1536 -guten Tag, Goetz mein Namen, ich - -ja ja, ich weiß, Sie haben die Einliegerwohnung -a, das ist ja toll, vielen Dank -ich bin Frau Hopf -grüß Gott -ich kenne Sie, vom Verlag -a ja? -das Buch Irre -ja genau -ja ja -vielen Dank 1852. An Heute Morgen. Probe, neue Notizen, Band. 2253. Wieder daheim. Daheim ist: das Gästehaus des Verlages. Gut erledigt. in Stuttgart präsentierte ich die beste Bilanz der Firmengeschichte sollte der Ausschuß an seiner Darstellung festhalten will ich erneut klagen wenn es neue Aussagen gibt wenn es neue Geständnisse gibt werde ich diesen Angaben nachgehen was bekommt man nun in den nächsten beiden Stunden zu sehen? SCHWIMMWESTE UNTER IHREM SITZ II 3.4 717. Zuletzt setzt eine Tötungssperre ein. Sich selbst zu töten, oder jemand anderen? Beides. Die junge Frau zwängt sich ganz magersüchtig durch einen Fahrradrahmen. Ich bin im Knast, immer auf dem Sprung, in Angst, auf der Flucht vor irgendwem, dauernde Rangeleien und Gewalt. Langer Traum, NICHT angenehm. Am Schluß war die Frau, auf die sich der Satz mit der Tötungssperre bezogen hatte, der aus dem Off gekommen war, tot nach hinten umgefallen, laut, aber sackartig krachend. Donnerstag, 9.4.98, Frankfurt. 826. Fragen, die ich nicht lösen kann, halte ich zu. Aber Sie haben früher doch mal gesagt, - . Echt? Das habe ich jetzt ganz vergessen. Abfall: ich mag nicht, wenn so direkt geredet wird, über mich, wie gestern Abend. Aber auch schon tags, im Verlag. Ich: ich weiß, ich habs sofort gemerkt. Tut mir leid. Abfall: Wenn meine Schweigeklausel verletzt wird, die mir stillschweigend zugesichert wurde, bin ich draußen. Ich: verstehe ich vollkommen. Soll nicht wieder vorkommen. 849. Alle Bäume hier sind schon viel weiter als in Berlin. Wie gerne ich in Frankfurt bin. Stadt meines Verlages, meiner beruflichen Existenzmitte, mitten in Deutschland. Stadt der Banken und schönen Häuser, der Straßen mit den vielen Bäumen, des Frankfurter Flughafens, der wirklich ein Flughafen ist. Sven Väths City of Omen, der Hardtrance Accperience von wann?, 1992?, meines Requiemjahres 1994. 1983 liefen wir hier rum und gaben einzelnen Häusern im Universitätsviertel einschlägige Namen: da stand so ein Haus, das schaute aus, als würde es Alexander Kluge heißen. Ewige Traumstadt der 60er Jahre. DAS INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG. Adorno. Ja, ja. Wunderbar. Doch deine Rede sei: nein, nein. Ist ja auch ganz schön. Okay. 903. Nachts wachte ich auf, nicht richtig, so halb, und hörte das Holz um mich arbeiten. Die Mansarde. Ich schaue da hoch jetzt. Da geht es hoch hinauf in den Dachstuhl. Ich sehe einen Balken. Automatisch das Wort: Strick. Heute morgen eilt es aber. Ich muß jetzt nämlich schleunigst los. 925 im Taxi -guten Morgen -Morgen -bitte in die Lindenstraße 29, zum Suhrkamp Verlag -hmmh. 927. City of IG Farben. 930. Palmengarten. 957. Im Verlag. Leonardo. 1101. Gräfstraße 76. ARBEITSSICHERHEIT 1102. Institut für deutsche Sprache und Literatur II 1125. Prüfung. Bitte nicht stören. -Prüfung in was? -Konzentration und Wettbewerb -das klingt gut 1151. Herr Bieber 1218. Vier Worte zum Aufbau. - Schon passiert. 1222. Und dann und wann ein Ahornbaum. Oder eine Ulme? Wieder in der Lindenstraße. 1320. Ihre Fahrkarte wird gedruckt. Wir wünschen gute Fahrt. 1327. Auf Gleis drei fährt ein S 8 nach Wiesbaden, über Frankfurt Flughafen und Mainz. 1329. Einstieg nur mit Fahrausweis. Logo. 1331. Guten Tag, die Fahrscheine bitte. 1342. Nächster Halt, Frankfurt Flughafen. 1354. Der Ausgang ist dann B 2 für Sie. Wir beginnen das Einsteigen um 15 Uhr. Und ich wünsche Ihnen schöne Ostern. 1356. Irgendwas ist schief an der weiblichen Hüfte. Die Einhängung der Beine. Vielleicht ist die Konstruktion ein Kompromiß zwischen Tragen, Gebären und Gehen? - Wie da so eine große Jeansfrau in einer sehr engen und dramatisch abgewetzten Jeans wackelnd vor mir herschiebt. 1415. Sicherheitscheck. -Omumda? -wie bitte? -Computer? -ja -können Sie mal einschalten? -ja 1508. Alle Zeitungen. RTL: Kontinuität und Menschlichkeit. Thoma: Macht und Öffentlichkeit. 1532. Mein Name ist Kurt Schuster. Ich begrüße Sie auf unserem Flug nach Berlin Tegel. 1548. In der Luft. Schreiben ist natürlich auch wie Fliegen. Vollgas, los, hoch, und ab dafür. Der andere Zustand. Da gehts dann dahin. Frei, geschüttelt, durch die Wolken durch, sonnenwärts. Horizontgesteuert. Im Fluge. 1557. und die Vorstellung himmlischer Buchführungen - Luhmann, Gesellschaft, 238. 1625. Dahin, dahin. 1629. Die Flüße, die Häuschen, die andere Ordnung der Stadt vom Wasser her. Wald, Wege, Straßen. Drei Spaziergänger. Anflugsmelancholie. Und aufgeschlagen, abgebremst und wieder da, am Boden. Auf der Erde. 1631. Meine Damen und Herren, herzlich willkommen in Berlin Tegel. - Die Welt hatte man ja nicht verlassen. Die Erde schon. 1632. BERLIN-TEGEL. OTTO LILIENTHAL 1646. Das war unser: Tag in der Hauptstadt. Jetzt, bei Radio 105 Komma 5: es ist 16 Uhr 46 1649. Wedding. GRABMALE. Bodo Willig 1651. Deutsches Herzzentrum Berlin 1658. Wieder daheim. 1750. Out of Control. Der Zustand. Unsuchbar. Aber man muß doch Spaß daran haben, sich ihm zu überlassen, wenn es soweit ist. Abenteuerlust, Mut, Angst. Ohne dieses Außersich kommt es auch zu nichts. Es gibt in dem Moment kaum Anhaltspunkte dafür, ob man irrt, oder ob es stimmt, was man da gerade versucht. Ingo Schulze hat, stand irgendwo, ganz erstaunt auf die ziemlich einhellige Zustimmung auf seine Stories reagiert, er wäre sich beim Schreiben ganz unsicher gewesen, ob es das jetzt ist oder nicht. Total nachvollziehbar. Ich erinnere mich, wie mehr oder weniger ratlos und verwirrt ich auf die damals wirklich praktisch geschlossene Ablehnung von Kontrolliert reagiert habe, Herbst 88, auf der Buchmesse. Ich sehe mich da noch mit Hubert Winkels stehen, bei Joachim, an dem Abend für die Jüngeren, und sagen: was soll ich sagen? Ich dachte, ich hätte wirklich was Tolles gemacht. Aber als Macher kann man nur sehen, ob es EINEM entspricht, und der Sache, dem Gegenstand, auf die Art, wie man ihn eben sieht. Aber ob die Mitteilung gelingt, ob es ANDEREN plausibel wird, ob das Ding das eigene Private sprengt, wie es natürlich sein muß: das ist für einen selber absolut unerkennbar. PRAXIS. 1814. Frage: ist der Preis für die Werbung billiger, wenn die Harald Schmidt Show in der Wiederholung kommt, so wie vorgestern und gestern? Ich kann die Sendung dann praktisch nicht kucken. Alte Zeitungen lese ich dauernd. Eine alte Harald Schmidt Show macht mich total traurig. 1904. Vom Einkaufen wieder daheim. Ein langes Fax von Felix zur Gewaltthematik. Langes Antwortfax. DIE PILGER sind nach den tagelangen heiligen Handlungen zu Tode erschöpft TAGELANGE HEILIGE HANDLUNGEN II 3.5 Freitag, 10.4.98, Berlin. Karfreitag. Kalt, sonnig. Böse Hunde bellen, früh am Morgen. Der seltsame Effekt, den das Sprechen auf das Schreiben hat. Wenn ich selber viel geredet habe, ist mein Ohr kaputt. Ich höre dann nicht, was ich schreibe. Die gefühlsmäßige Instanz ist weg. Dann kann man vielleicht zu dichten anfangen, aber nicht mehr FREI in der Schrift sich bewegen, wie es doch erstrebenswert ist. Auch wegen dieser Realitäts-Parallelle, daß man sich doch auch in gesprochener Sprache normalerweise FREI bewegen kann, frei bewegt, ganz automatisch. Wie stark die Schrift führt. Wie eng sie noch ist. Wie wenig nah an den realen Vielfaltformen der Sprache als Ganzes. Und wie das alles natürlich dauernd in der Mache ist, durch kollektive Praxis, wie das jeden einzelnen berührt. Wie ich mal am Telefon zu Frau Durkheim sagte: ich hätte das Gefühl, daß durch die neuen Zwischentext-Formen, die das dauernd getippte Sprechen so vieler Leute via Internet hervorbringen würde, sich auch so langsam die gedruckte Sprache so bißchen verändern würde, das exponierteste Beispiel das JETZT wäre, ein bestimmter Sound, der dort kultiviert würde, der dann wieder seine eigenen Probleme hat, in richtung Realitätsverniedlichung manchmal, in eine Art Widerstandslosigkeit der Darstellung hinein, die dann manchen Weltgegenständen doch nicht mehr so richtig entspricht usw usw. Aber wie toll und angenehm das doch insgesamt also alles so wäre, sprachtechnisch gesehen. Und Frau Durkheim dann, natürlich wieder mal ohne je ein einziges Stück Text im Internet gesehen zu haben, gleich wußte: na, na, nu übertreibense mal nicht. Haach Gott. Es geht ja nicht um irgendwas Übertriebenes, sondern genau um so Minimalmomente. Ein anderes Lieblingsbeispiel, für diese Fragen, aus der sozusagen alten Welt: wie Handke mal in irgendeinem Interview, ich glaube im Fernsehen, meldete: ja, also, 'der' Bernhard, er hätte ihn jetzt also mal persönlich erlebt. Und der würde ja ganz genauso REDEN wie er SCHREIBT. Und wie schrecklich, er, Handke, das also finden würde. Was für eine Entwertung der Bücher das doch wäre, daß die also einfach nur so runter geschrieben wären, von Bernhard, ganz genau so wie er auch mündlich reden würde. Und ich auch da wieder mal dachte: Bernhard: sympathisch. Handke: leider nicht. Ganz abgesehen davon, daß es auch wieder genau so schlecht und wenig genau BEOBACHTET ist, wie Handkes Angst des Tormanns beim Elfmerter, die ja bekanntlich der Schütze hat, nicht der Tormann, der nur gewinnen kann, beim Elfer. Daß also Bernhard in echt natürlich noch ganz anders aufgetextet hat, als in seinen Schriften. Wofür es ja auch die wunderbarsten Fernsehbelge gibt, die Interview Filme von Krista Fleischmann. Und daß es andererseits so viele Schriften gibt, wie CHARAKTERE, so viele verschiedene Ausprägungsformen der Schrift. Und daß eigentlich JEDE dieser Formen faszinierend ist, wenn sie nur überhaupt diesen Individualitäts-Status erreicht. So auch natürlich das ganze Handke Ding. Daß das genau das Besondere und durchaus auch nicht ganz Einfache wäre, gegen die Stärke und Autonomie der Schrift als Allgemeines, gegen ihre Führung, ihren instantmäßigen Absolutheitsanspruch, ihr DIKAT, und zugleich auch mit alledem natürlich, mit ihr, ihrem Gesetz folgend, das Individuelle eines einzelnen Charakters zur schriftlichen Sprache zu bringen. Und daß das der Ort wäre, schließlich, zurückkehrend zum Anfang des Gedankens, wo das OHR - Gehör, Gehirn, gehören, gehört es sich so? - prüft, als Instanz agiert, ob das, was da steht, geschrieben, als Schrift, richtig ist, dem Gemeinten entspricht, der Sprache allgemein und in einem, und einem. Und ÜBERHAUPT. PRAXIS. 1404. Die Stimmung gestern nachmittag im Verlag. FERIEN. Endlich, gleich gehts los! Reisefertig und mit kleinen Köfferchen, unten in der Eingangshalle. Eilig, fast schon stürmisch: kommen Sie auch mit?! Ja, Moment! Aufwiedersehen. Tschüß. - Und wenn ich hier aufgeräumt habe, im Arbeitszimmer, kriege ich auch Ferien, vielleicht. 1410. Wir saßen im Café Laumer. Kleine Allergologie. Wir redeten über das Auftauchen konkreter Personen im Stück. Daß ich mir morgens gedacht hatte, wie wenig Spaß man an der WIEDERHOLUNG negativer Urteile hat, am in der Wiederholung sich meldenden Idiosynkratischen, Zwanghaften dieser Urteile, der ENGE, die das vermittelt. Was ist denn das für ein Knast von Reflexen, von allergischen Reaktionen? Was hat denn der für ein Problem? Wenn Stadelmeier immer wieder, bei jeder kleinen Meldung über Schleef, in einem kleinen Seitenhieb sein blödes Urteil noch mal neu verzapfen zu müssen meint. Schon recht, Herr Stadelmeier, wir wissens ja. Aber sonst alles okay bei Ihnen? Schön zu hören. PRAXIS. 1422. Richtig: das englische Wort für das einzelne Schriftzeichen: CHARACTER. In meinem amerikanisch-sprachigen WORD Programm in München kommt es dauernd vor: eine ältere Word-Version, die beim jeweiligen Neuladen einer Datei immer meldet, wie viele Characters diese Datei jetzt also hätte. Der Buchstabe, jeder einzelne Buchstabe ist ein CHARAKTER. Auch am Frankfurter Flughafen fiel mir die Schrift auf den Hinweistafeln wieder als eine solche SCHÖNHEIT auf. Auf eine Art ist das für mich wirklich das schönste Bild, das es gibt: das Bild des Buchstaben. 1547. Kleinerer Müdigkeitsanfall. 1611. Einsetzen. Abbrechen. Wann, wo, wie. Davon handelt Erzählen. Die große Freiheit der erzählerischen Form gegenüber allen theoriegeleiteten Mitteilungsarten. Das Erzählen springt. In der Art, wie es sich fortbewegt, wo es verharrt, wo es ausspart, wo es insistiert und wo es schließlich abbricht und wieder neu einsetzt usw usw. zeigt es am stärksten, zugleich völlig abstrakt und in ganz konkret sichtbarer Gestalt, wie es die Welt sieht, worum es geht. - Wie ich eben in Ellen Ullmans Close To The Machine das zweite Kapitel las. PRAXIS. 1725. Ich sehe die Ziffern: 10.04.98, am unteren Seitenrand. Und rechne. 18 Tage noch, bis zum 28. In zweieinhalb Wochen beginnt Praxis. Nicht wirklich: Panik. Mehr so: Peilen, Unruhe, jetzt bloß nicht den Kopf verlieren bitte. 1929. An Praxis. ist das wichtigste historische Ereignis seit der Teilung Irlands 1921 wir wollen einfach nicht mehr die Särge unserer Freunde tragen so what's the next step? ABSOLUT SCHMERZBEFREIT II 3.6 Samstag, 11.4.98, Berlin. 1332. Regen und Bepackte, Familien, Debile, Alte: Terror all over: Ostersamstag. Großer Einkauf. Einmal alles bitte, für jeden, für alle. Toller Urlaub. Das immer so leicht Rentneroide: wenn Erwachsene wissen, wie die Welt zu laufen hätte. Was da und da nicht stimmt, was so und so viel besser zu organisieren wäre, was warum nervt, unmöglich wäre, aus genau diesem und jenem sehr präzise vernünftigen Grund. Was welche Gefahren mit sich bringen würde, fürs Ganze, die anderen, für alle. Ach? Aha. Ist ja echt schlimm. Normalerweise sagt man doch: was geht das mich an? Und haut eine Telefonzelle kaputt. Oder man ist Studienrat oder Filialleiter im Supermarkt und setzt die tollen Ideen, die man alle hat, in ein tolles Leben um, im Beruf, daheim. Und ist dann davon so erschöpft, auch von den sehr realen Grenzen der Variabilität der Realverhältnisse so durchgemangelt, daß die nörglerischen Phantasmen so bißchen bodennäher angesiedelt sind. Anders der frei schwebende Intellektuelle. Hochnervös, feinsinnig, sensibel und überreizt nimmt er den Lärm und Dreck, den Brutalismus und Stumpfsinn, die Kaputtheit und das Elend, die Ungerechtigkeit, Gemeinheit und Vernunftwidrigkeit von ALLEM wie eine persönliche Beleidigung seiner so sehr verfeinerten, wunderbar durchgeistigten Existenz wahr. Wenn aus dieser Position dann irgendwas gemeldet wird, wie alles zu sein hätte, was sich wie ändern müßte, warum: das macht schlechte Laune. Das wirkt so hohl, so unendlich verblödet. Dabei drängt sich die Frage doch auf: wie erlebens denn die anderen? Sie sind offenbar anders gebaut. Es scheint sie alles nicht so wahnsinnig zu stören. War es denn je anders? Einen wie langen Beobachtungszeitraum überschaut man eigentlich so halbwegs präzise? Und wie sehr hat sich in dieser Zeit die eigene Beobachtungsinstanz eigentlich verändert? Usw usw. Ende dieser Geschichte. Beginn der Arbeit an den eigenen Beobachtungen und Intuitionen, Destruktion. Melancholie. Normalität. 1513. Post aus Norwegen ist angekommen. "Ich bin ein 22 jahriger Junge aus Haugesund im Norwegen." Er sammelt Autogramme, ich soll auch mitmachen. Automatisch denke ich an eine Aktion von Titanic. Das Couvert: blaue Blumen auf der Briefmarke, ein Stempel, der wirklich sagt: HAUGESUND. Wie heißt denn der Kollege? Er heißt "Andersen". David Andersen. Mit den besten Wünschen und Grüßen. Sein Briefpapier trägt im Kopf ein computergedrucktes Wappen: drei Tulpen, in einer Raute. Schön geworden. Aber es geht nicht, ich kann auf so was nicht antworten. wir probieren alles wir drängen nach vorne wir wollen den Ausgleich wir wollen hier das eins zu eins erzielen 1654 die samstägliche Konferenz Bayern führt klar und deutlich gegen die Sechziger mit drei zu null Thomas Strunz kommt ins Spiel bei den Bayern 1759. Ich würde ja so gerne weiter lesen und weiter aufräumen. Aber ich muß in die Schicht. Wohin denn? Ins Theater. 1853. Indische Straße 1854. Luise-Schröder-Platz 1855. U-Bahnhof Osloer Straße 1856. Drontheimer Straße 1857. Osloerstraße Prinzenstraße 1858. Grüntaler Straße 1901. S-Bahnhof Bornhomer Straße 1902. Bjönsonstraße 1903. Schönfließer Straße 1904. Schönhauser Allee Bornholmer Straße 1926. Prater. Wahlkampf 98. Chance 2000. 1950. Chance 2000 präsentiert Ihnen diesen Abend, ein Abend der Liebe, ein Abend der Sehnsucht. OSTERN 1998 II 3.7 Sonntag, 12.4.98, Berlin Osterferien SINN ALS GRUNDBEGRIFF DER SOZIOLOGIE II 4.1 Welchem Leben man sich gewachsen sieht, welchem nicht. Die Fluten der Finsternis, von allen Seiten, überall. Der Ertrinkende. Ostermontag, 13.4.98, Berlin. 1223. Die letzte Woche kam mir irgendwie zu lange vor. Zusätzlich verwirrend: die Stille dieses feiertäglichen Montags. Das große Geheimnis: die Balance halten, wie? Ich habe in München ein Tagebuch von Dali, voll mit dem ganzen bekannten überdrehten Dali Irrsinn. Nur zwischendurch mal, ein ganzes Jahr lang: nichts. Schweigen. Kein Wort. Keine Zeile. Nur die Jahreszahl. Finster. 1341. Frost. 1440. Rotz und Wasser. 1539. An Praxis. Was einem vorschwebt. 042. Die verschwundene Armee. ZUR BILDERZÄHLUNG SEIT GIOTTO II 4.2 Ich irre durch die Wohnung, sehe das Wort UNGENACH, nehme das Buch raus, und zwar war mein Blick eben noch geruht auf dem Buchrücken daneben, auf Luhmanns Ausdifferenzierung des Kunstsystems, und bei dem Gedanken gehangen - aber das führt jetzt zu weit - , schlage das Buch auf, Ungenach, schaue auf die Seiten, sehe Worte, blättere, lese paar Sätze, blättere weiter und lege das Buch wieder weg. Aufgeschlagen, verkehrt herum, lege es auf den Schreibtisch. Gehe ans Fenster, gehe zurück in den dunklen Gang und weiß plötzlich, was eben passiert ist. Dieser kurze Moment von Zuversicht: es wird gelingen, das Buch Dekonspiratione zu schreiben. Dienstag, 14.4.98, Berlin. Eine Seltsamkeit der Arbeit: wie schwierig es ist, auf der Ebene des ganz normal alltäglichen: wie gehts, wie läufts, wie ist die Laune - auch nur im entferntesten realistisch irgendwas zur Arbeit zu melden, mitzuteilen. Daß einen das manchmal bißchen mürbe macht. Daß man in sehr verzweifelten Stimmungen schon mal sagt: ich weiß gar nicht, wie ich das schaffen soll. Und an den Antworten sofort merkt, daß die ART des Zweifels sich so ganz und gar nicht vermitteln läßt. Seine Grundsätzlichkeit, Brutalität, Allgemeinheit, sein Gewicht. Das gar nicht von Stimmungen Bestimmte der Unsicherheit der inneren Lage, die der Arbeit die Basis ist, die wirklich extreme Ausgesetztheit im Zukunftslosen, Ungewissen, wo man da wie hängt, wie es da steht. Daß man manchmal einfach denkt, man hält diese LAGE nicht mehr aus. Und zugleich aber weiß, daß das genau der Ort und die Position ist, wo es passiert. Wo das Entstehen sich ereignet. Und entweder man schafft es, dem Schauplatz zu sein und zur Verfügung zu stehen, oder es wird nichts. Punkt, aus. PRAXIS. Und trotzdem muß man JAMMERN. - Ach? Wirklich? Ist ja ekelhaft. Muß auch nicht so bleiben. Wird einfach schnell gestrichen. Vom Späteren. Der kriegt immer Recht. Denn er hat die Macht, wenigstens über den Text zu bestimmen. Leben: ganz andere Baustelle. 1345. Heute Morgen: Angst. Schon wieder widerwärtig. Da will ich nichts von hören. 1418. In Amerika pflegen solche Geschichten mit einer Pointe zu enden. - Las ich heute morgen in der FAZ, in der Buchbeilage von vor drei Wochen, im Aufmacher Artikel von Thomas Steinfeld. Der Literaturchef spricht. Ich frage mich dann: will der so reden, oder ist ihm das versehentlich passiert? Das Wort PFLEGEN, an der Stelle, in der Art verwendet. Wie will jemand, der so schreibt, der im schriftlichen Text so spricht, über Produkte urteilen, die aus Sprache gemacht sind, aus Schrift? Wie pflegt er zu denken? Wie schaut es aus, sprachtechnisch gesehen, in einem Hirn, das so zu formulieren pflegt? PRAXIS. 1954. An Praxis. Dann neue Ordner eingekauft. Die Ahornblüten, hellgrüngelb, am Leopoldplatz. Post aus München. Mehr Büro. Mehr Notizen Praxis. ich bat öffentlich um Vergebung vermied aber ein Schuldbekenntnis ich selber bin seit längerem persönlich nicht zu sprechen 2100. Hitlers Helfer und Vollstrecker Guido Knopp. Eine offen rechtsradikale Aufklärung, neu, oder? Der faschistische Terror kommt ganz aus der Tonspur, dem Schnitt, dem Gestus der Sprache, dem irren Doku-Stil-Stakkato der fiktiven Faktizität. Als könnte Hitlers Original Geschrei noch überboten werden, in heutiger Sprachmusik. Es heißt dann, das muß so sein, sonst schaut keiner zu. Lüge, alles Lüge. und wann mir einer auf die Füß steigt dann rauch ich mir a Zigarettn an und blas ihm um no! was is er denn? was hat er denn? was kann er denn? was macht er denn? was redt er denn? wer glaubt er daß er is? THE FAST TRACK CONSTRUCTION APPROACH II 4.3 Jetzt ist mir wohler. Nach Streichungen am Corpus Abfall. The fast track construction approach: die Pläne sind noch nicht gezeichnet, nach denen morgen weiter gebaut wird, die für heute schon, sie wurden früh morgens um fünf fertig und dem Bauleiter übergeben. Nach ihnen wird jetzt auf der Baustelle gearbeitet. Während andernorts, in den Büros, die Pläne für morgen aus dem Entwurf in die Reinzeichnung überführt werden. So schreiben, wie Richard Meier baut. Mittwoch, 15.4.98, Berlin. 1343. Neulich am Telefon mit Felix, noch mal zur Gewaltdebatte. Er beklagte, daß bei jedem Gespräch über Filme, Platten und ästhetische Erzeugnisse aller Art immer wieder neu bei Adam und Eva angefangen werden müßte, mit den Argumenten. Daß man nie auf Resultate zurückgreifen können würde, die in früheren Gesprächen erzielt worden wären. Worauf man sich nach schwierigen Debatten geeinigt hätte. - Und ich stimmte gleich zu, ja, stimmt, was für eine unsinnige Kraftvergeudung. Was für ein Stillstand dadurch. Die Langsamkeit des Vorankommens dadurch usw. Und dachte dann gleich danach: falsch. Daß das einer der vielen Unterschiede zum wissenschaftlichen Welterkennen wäre: daß die ästhetische Erfahrung, auch durch ihre Nähe zum Sinnlichen, von Erinnerungslosigkeit lebt. Daß ein großes Kunstwerk wirklich bei Adam und Eva anfängt und alle Fragen von A bis Zett aufwirft, neu, für jetzt. Das Erschütternde der Kunst, das Umwerfende. Daß ihr Leben von diesem Atmen in der Gegenwart abhängt, wie das eines menschlichen Körpers, der auf das gegenwärtige Neufunktionieren JEDER grundlegenden Funktion immer neu angewiesen ist, andernfalls sehr schnell stribt. Ausgangspunkt eben war ein bekanntes Foto von Foucault, das mir in den Sinn kam, wo er an einem großen, fast wohnzimmerartigen Schreibtisch sitzt, Papiere und Bücher vor sich und neben sich, und UMGEBEN von lauter Büchern, die Wände hinter ihm: Regale von oben bis unten, voll, lauter Bücher. Daß DAS die Position der Rede der Wissenschaft wäre: aus der Fülle alles bisher Gesagten sprechen. Die große Kette der FORTFÜHRUNG der Argumente. Und die Qualität von Wissenschaft genau davon abhängen würde, wie es gelingt, die Last dieser Verantwortung ganz zu übernehmen und dennoch, irgendwie, ja, sozusagen auf die leichte Schulter zu nehmen. Und welcher Art genau eigentlich der Unterschied wäre zum poetischen Sprechen? Das doch auch sagt: ich stehe unter Aufsicht. Alles bisher Geschriebenen. Daß die Fortführung vielleicht auf eine gewissermaßen ABSTRAKTERE Art stattfindet. Daß mehr das VERHÄLTNIS übernommen wird, zwischen dem Kunstwerk und seiner Erfahrung, zwischen der Rede der Schrift und dem im Zuhörer davon Ausgelösten, Bewegten. Ja, ich muß mein Leben ändern. Daß der Kick dieses Effekts nach einer immer neuen Neuformulierung verlangen würde. Daß die Aufsicht alles bisher Geschriebenen also nicht fordern würde: daß das Bisherige fortgesetzt würde, auf irgendeine bestimmte Art. Sondern eher beobachten würde: ob das Neue so WIRKT, wie das heute Bisherige früher, in seinem eigenen früheren Heute. - Das große Gespräch der Wissenschaft mit der Vergangenheit. Das der Kunst mit der Gegenwart. PRAXIS. Beispiel: Oasis. In Focus las ich heute morgen ein reichlich ranziges Interview mit Greil Marcus. Britpop würde also, gut daß der große Theoretiker es mal ausspricht, zur Hälfte auf Beatles-Imitationen basieren. Kaum zu glauben. Aber das ist ja genau der Witz: daß man eine beliebige Nummer von den Beatles im Radio hört und es kaum aushält. Weil die da leiernde Nölstimme, die so extrem zeithaltig ist, von diesem - wie heißt er eben noch, richtig: - John Lennon so schwer zu ertragen ist. Weil das zutode Genudelte dieser Musik, die früher sicher irre toll war, heute Schrott ist, Geschichte, Wissenschaft des Herrn Marcus. Bullshit. Oder eben Fundgrube für einen neuen Macher, wie Noel Gallagher. Er übersetzt das alte Zeug. Was für eine WOHLTAT deshalb noch die schwächste Nummer von Oasis ist. Wie einen das hebt, wie einem das sofort gute Laune macht. Weil man von der Kunst Informationen über die Gegenwart erwartet, zu Recht. Weil das Nölen heute aus dem Stimmapparat des Liam Gallagher kommt. Ganz einfach. 1738. An Praxis. - Dieser unglaubliche Terror der Realwelt neulich bei Schlingensief, im Wahlkampfzirkus. Wie toll ich das finde, für KUNST. Und wie absolut überhaupt NICHT ich es aushalte, in echt. Wenn Kunst wirklich so ist. Die Leute im Zelt waren begeistert, Freude auf den Gesichtern überall. Und ich habe mich wirklich nur GEWUNDEN in Qualen. Wie absurd das alles ist. Wie wenig ich weiß, was daraus folgt, für meine Arbeit. Folgen müßte für mein Leben. Daß jedenfalls die Praxis Veranstaltung an dieser schlingensiefschen Machart ihr Vorbild haben müßte. Nicht an irgendeinem Buch, das aus der Vorlesung hervorgegangen ist. Daß es so ECHT sein sollte, wie Schlingensief, nur nicht so einen Terror ausüben, auf die Zuhörerschaft. Das Soziale sollte weniger kaputt erscheinen. Doch Schlingensief, dessen Arbeit WIRKLICH aus dem Sozialen kommt, besteht darauf, daß man das sieht. Den Realhorizont des Gestörten, Quälenden, in sich verzweifelt Verbissenen. Ich will das Echte als was anderes zeigen, was es doch AUCH manchmal gibt: als Schwäche, Freundlichkeit, dem Gräßlichen abgetrotzte Höflichkeit. Als was Zartes. Die Gewalt müßte in der SACHE liegen, im explosionsartig auseinander Stiebenden der geistigen Kräfte, der Erkenntnisbewegungen in alle Richtungen, des offen und ablenkbar Seins durch möglichst vieles. In der Anstrengung gleichzeitig, demgegenüber Stringenz erkämpfen zu wollen, sich nach Ordnung zu SEHNEN. 1818. Entschuldigung. - Ja? - Können Sie in einer halben Stunde noch einmal zurückrufen? - Ja. - Denn unsere Leitung zu unserem Großrechner ist abgebrochen. - Aha. - Ja. - Dann habe ich also Pech gehabt, vielen Dank. - Es tut mir leid, auf wiederhören. - Die LEITUNG zum GROSSRECHNER ist ABGEBROCHEN. Ja dann! Am Telefon mit der Lufthansa Buchung. die Tapferen siegen sehen wollen und die Finsteren untergehen 1901. Wieder daheim, vom Einkaufen. - Das dachte ich eben? Ganz schön scheußlich, so zu denken, dann am Rad. Dann gleich: davon handelt doch wohl die germanische Mythologie? Eine seltsame Gefühlswelt. Ich lasse es mir immer wieder erzählen, von anderen, wie das geht, warum ihnen das gefällt. So gefiltert, versteht man es fast. Direkt ist es zu HART. - Daß einen natürlich was anderes anspricht. Die griechische Mythenwelt. Daß man die eher so verstanden hat, so wohltuend anders, daß die davon handeln würde, jedenfalls auch, wie alle sich irgendwie durchwursteln immer. Und wie jedem dabei in jedem Moment irgendein anderer Gott auf irgendeine andere Art beistehen würde, auf allen möglichen Ebenen. Schön. 2039. Im Radio in der Küche wieder Dostojewski. Es liest Gerd Wameling. Die 41. Folge. Sein Menschenbild. - Erinnern verboten: Rave. Sven gestern bei Biolek. So wie Kohl mit Schmidt neulich, Rückblick, Abdankung, Einordnung. Später erzählte Jeff Mills in Berlin House paar Kleinigkeiten zur GEGENWART seiner Musik. In deren Streit man automatisch steht, als Macher. Daß man von da dann den Weg zurück in die Arme der Gesellschaft findet: das kann schon passieren. Aber ob man sich von denen dann dafür gleich derart brutal auf die Schultern hauen und klopfen lassen möchte oder muß? Doch wohl eher bitte nicht. Der aufstampfende Triumph aber des dröhnenden Gelächters der ALLES eingemeindenden Biolek Welt. Sogar Harald Schmidt ist da mal ausgerutscht und hat total komisches Zeug erzählt. Biolek: er macht sie alle fertig. es muß über außen gehen in den Rücken der Viererkette Sie kennen alle diese Binsenweisheiten 2133. Marcel Reif: der Knalldepp. Jeder Halbsatz, jedes Satzfragment endet völlig sinnlos und falsch intoniert auf dem Abgeklärtheits-Höhenniveau der rhetorischen Frage. Warum? Weil er die simplesten Gesetze der Melodie der Rede in sich nicht spürt. ich habe inzwischen eine Eingabe an den Landtag in die Wege geleitet ohne daß ich aus Gründen der ärztlichen Schweigepflicht darüber Näheres sagen möchte wer die weiße Fahne zeigt wird erschossen Held Hasenfuß Mensch jeder weiß daß jeder Tag der eigene Todestag werden kann für eine endgültige Entwarnung sei es deshalb noch zu früh gute Nacht NEUE LYRISCHE SACHLICHKEIT II 4.4 Wahnsinnig lustiger Sextraum heute morgen. Ich war in einem Plattenladen, am Land irgendwo, total am Arsch der Welt, eine Villa. Im Vorraum, Reisepläne, Zeitdruck, Abfahrt: wann? Blick auf die Uhr. Ich rechnete dauernd, wie ich das zeitlich hinkriegen kann. Ich schaute von hinten, durch einen Vorhangspalt hindurch, in den Raum, wo die Platten, Plattenspieler und Leute waren. In der Mitte Upstart. Hallo Upstart! Kleiner Wortwechsel. Dann seitlich, in einem Nebenraum, Tommi kam gerade vom Telefon, erzählte, daß die Eva, seine Frau, irgendwas zu kontrollieren oder nörgeln gehabt hätte, lachte dabei. Stand dann auf einer Leiter, unter der Decke, mit nacktem Oberkörper, redete weiter, entschuldigte sich kurz, er müsse eben - und spritze dann in hohen Bogen und über viele Meter hinweg quer durch den ganzen großen Raum und während er dauernd weiter redete immer wieder auf die gegenüberliegende Wand hin - ab. Ja. Ich mußte total lachen. Meinte zu Tommi: das ist ja wie im Comic. Er lachte auch, jetzt über und über überströmt von tropfendem Ejakulat. Da wachte ich auf, unglaublich erheitert. Donnerstag, 16.4.98, Berlin. 1137. Die Vorstellung der Momentaufnahme. Der Snapshot. Eine Art Polaroid vom geistigen Zustand, im Augenblick. Natürlich geht es auch darum, was drauf ist, auf dem Bild. Aber ebensosehr um die ART der Bildherstellung, das Vorgehen bei der Produktion, die Methode, was ganz Formales also. Sich zu erinnern, nicht an früher, sondern an JETZT. 1151. Es macht keinen Unterschied, ob Frau Streeruwitz in ihrer Poetik Vorlesung oder Frau Kock am Brink bei Biolek irgendwelche Döntjes aus der Kindheit erzählt. Es sind Lügen. Man hört das. Lügen, die die Funktion haben, sich bewährt zu haben, im Moment. Im dauernd neuen Rekonstruktions-Geschäft der gegenwärtigen Sicht des Ich auf sich selbst. Wird diese hochspezielle Funktion der Erinnerung nicht als Bebeboden beigegeben, unterlegt, schwingt die Erinnerung nicht davon doch irgendwie sehr erschüttert als FRAGE aus dem Früheren in die Gegenwart hinein nach: vergiß es. Es gibt keinen Rückgriff auf einen geistigen Zustand von früher. Das hat auch mit der Geschichte dieses Jahrhunderts zu tun. AUSLÖSCHUNG ist die RECHERCHE der Gegenwart. Meine fiktive Doktorarbeit, die ich vor einigen Jahren verschiedenen Dozenten der Berliner FU als mein Arbeitsprojekt darzulegen hatte, um mich re- immatrikulieren zu dürfen, sollte davon handeln: Mit Luhmann über Bernhard auf Adornos Proust. Konstruktion der Gegenwart. PRAXIS. 1418. An Praxis. - Freund, Feind: ist aber keine Kategorie im GEISTIGEN Streit. Wird dominant, wenn zu sehr über MACHT beobachtet wird. Über KRITIK an Macht. Das produziert Machtmenschen, meist natürlich Männer der Macht. Oft suchen sie, zum Ausgleich, interessierte Teilhabe am feministischen Diskurs, eine da entgleitende Herrschaft zu sichern. Die Weltsonde des Machtmenschen prüft: ist er auf meiner Seite, oder gegen mich. Alles prima im politischen Kampf. Wahnsinnig trostlos im realen Leben. Extrem unergiebig als Instrument zur Erfassung ästhetischer Welttatsachen. - Immer wieder Foucault: ihm als einzigen ist der Kurzschluß von Macht und Wahrheit gelungen. In der Destruktion der Kategorie Macht ins Mikromäßige, Ubiquitäre hinein, über die Verschiebung ins Begriffs- und Schlachtfeld Subjekt. Die Poltik der 90er Jahre hat diese 70er Jahre Erkenntnisse nicht mitgenommen. Krankt an diesem Fehler. 1539. Lost in time. - Der Betrunkene tritt aus der GOLDENEN 77 auf die Straße, zwei sehr kleinen Kindern in den Weg. Baut sich fest auf vor denen. Die stehen da, Arm in Arm, ein Junge und ein Mädchen. Schauen hoch zum großen Mann, der da jetzt steht. Schwankend? Er fragt was. Gleichzeitig deuten die Kinder nach hinten. Mit den jetzt ausgestreckten Armen, einander zugedreht, das Gesicht erhoben, dem Mann entgegen. - Auch dieser Betrunkene könnte ganz normale Gottheit sein, im griechischen Mythos. Das meinte ich gestern mit Sympathie für diese Weltsicht. 1623. Kraftvoll entwarf der junge Cranach, in der FAZ, einen Schächer für die Münchner Kreuzigung, 1503. Watend im Sumpf der Papiere: ich. 1626. 1998. Beim nächsten Ton des Zeitzeichens ist es: zwanzig Uhr. So früh noch? Ist ja toll. 1647. Es gibt ja keinen schlechten Jahrgang. Anders als beim Wein. Jeder Jahrgang ist ein guter Jahrgang. Als Guter merkt man es irgendwann, oft Mitte, Ende Zwanzig. Man hat die Enttäuschung, daß die eigenen Helden der späteren Jugend und früheren Erwachsenenzeit DOCH NICHT das von ihnen, von einem, so sehr Erwartete in die Realität umsetzen, überwunden, in eigene Produktion überführt und fruchtbar gemacht. Sich so hingestellt. Wundert sich fast noch bißchen darüber, wie das gelungen ist. Freut sich daran. Einen Moment lang ist man erfüllt von der Gnade der Zeit, erkennt die hochspezifische Konstellation, der man sich verdankt, die einen bestimmt. Präzise und auf das Jahr genau, exakt. Großer Glücksmoment. Paulchen, * 16.8.91, gewidmet. Dem kleinen, ernsten, genauen Herrn. 1745. Vom Einkaufen wieder daheim, mit Zeitungen und Essen. Vor der Post. 1724. Protokolle des Verfalls. Das ist klar. Daran ist nichts zu ändern. Das nimmt man hin. 1753. Zeit. Objektivität in äußerster, reiner Gestalt. Für die Textsammlung UNREIN. 1812. Anruf von Felix. Er ist krank, hat aber wenigstens soeben einen neuen Fernseher geliefert bekommen, fürs bei ihm neu installierte Kabel. Mein Kabelempfang hier ist ja leider so leicht schütter. Der Hausbesitzer zapft da auf eigene Rechnung am Kabel noch so mit rum. Wenn das Problem geklärt ist, wird alles hier gut. In der Zeit lese ich Diedrichs großen Schlingensief Artikel. 1911. Heute Abend. beim Schuldspruch sank ich auf den Stuhl schluchzte schlug die Hände vors Gesicht vielleicht ist es mal ganz gut wenn wir alle einmal durchatmen neue Kräfte sammeln und dann auch wieder neu angreifen die großen Gefühle Liebe Schmerz Einsamkeit Glück und? ist das gut für den Fado? ich kann sagen daß ich in meinem Leben durch viele Höllen gegangen bin und endet schließlich in einer Irrenanstalt dorthin hatte ich mich zurückgezogen nachdem ich abgesetzt und verurteilt worden war und nun die Wettervorhersage für morgen Freitag den siebzehnten April DIE ÖFFENTLICHKEIT IST AUSGESCHLOSSEN II 4.5 Die Sonne scheint. Schräg beschienen leuchtet die Stirn oben, unter der roten Dachkappe, am Haus gegenüber. Dahinter tief blau gewittrige Himmelsferne. Dramatischer Morgenmoment. Der Wecker stand auf sechs, kurz bevor er läuten wollte, wachte ich auf. Freitag, 17.4.98, Berlin. 652. Wieviel Zeit bleibt noch? Ich sollte um vielleicht viertel nach zehn spätestens das Haus verlassen. 11 Uhr 35 Abflug nach Frankfurt. Und dann irgendwann und ich weiß nicht, wie lange: Flug nach Tokio. Ich habe beschlossen, absolut KEINE Kleider mitzunehmen, noch nicht mal eine zweite Hose. Bücher, Computer, Papier. Ich kann mich an keine einzige Reise erinnern, auf die ich mich je gefreut hätte. Reisen: Horror. Gestern an Jeff Koons. Jetzt weiß ich endlich, was da noch zu tun ist. Wie. Beim Aufwachen gleich die Beobachtung: wie wird dieser Alltäglichkeits-Vorgang übersetzt in die Labor Situation Praxis. Es muß irgendein Äquivalent für die Chaotik der Papiere geben, die die Zeit angeworfen hat, die zunächst mal einfach so DA sind. Problem Bühne. 707. Aufräumen. 708. In Japan ist jetzt Nachmittag, etwa 4 Uhr schon. Wetter im Prinzip wie bei uns? Oder wie war das? War das HEISS damals, in dem Sommer, mit Sven. Steamy. Und vor allem und dauernd gepennt da. Und nachts um 1 raus, zum Feiern. 800. Arbeitszimmer fast fertig. Papers all over. Das Zeug wenigstens in Ordner stellen. Die Angstpartner in diesen Kampf heißen: Koeppen und Mayröcker. Es gibt von denen die einschlägigen Bilder und Berichte, gerade auch aus der Welt des Alters. Bilder vom Eingewachsensein und Zuverwachsensein von BERGEN von Papier, Büchern, vom Überwuchertsein von Müll letztendlich doch. Gräßlich. Das droht einem, jedem, der ein bestimmtes Bag-lady-Sondrom hat. Für mich verbunden mit Wien. Von daher hat die Krankheit auch was irgendwie Sympathisches. 822. Bücher, hin und her, ja, nein. Platon weg, Weiss doch weg. Bleiben: Wellershoff Kirchhoff - kleiner Scherz an der Namensfront Kronauer Bachmann Hilbig Adorno, Ästhetik Luhmann, Gesellschaft und Rave dann Platon doch dazu, daß es neun werden. 827. Lieber Lutz Hagestedt, danke für Ihre Karte, die ich aus München nachgeschickt bekam. Ich wollte Ihnen noch schreiben, schaffs nicht mehr. Die Erdnußbutter liegt schon aufgeschlagen da. Vielen Dank für den Hinweis und schöne Grüße. 846. Die Haare geschnitten. Gleich ganz neues Weltgefühl. Früher mußten sie vor solchen Reisen immer noch frisch gefärbt werden. Born Blond. Das hat inzwischen die Natur erledigt. For good. Im Verlag fragte jemand: sind die gefärbt? Nee, die sind echt so. 904. Der Suizid. Das Neunuhrläuten. Die Traumgedanken unter der Dusche. Andere singen da, ich träume, Gedanken, über die Arbeit, so geil, daß ich das meiste danach gar nicht mehr weiß. Es ging um diese tolle Beck Reihe Wissen. Ein Instant Klassiker, schon nach sieben Büchern, einfach von der Idee her so klar und klasse. Daß die Klassik des Klassikers eine Kategorie des Jetzigen ist. Die Rowohlt Reihe rde, oder wie die hieß, gibt es vielleicht noch, aber die ist tot. Klassik ist was Neues, was gleich so wirkt, als wäre es immer schon da gewesen. Alte Qualität und Plausibilität für alle, plötzlich. 909. Draußen, vor der Türe, im Hausgang: Arbeitslärm. Ich schaue raus, frage. Die Decke muß gemalt werden. Natürlich. Endlich wieder irgendwas malern oder bauen hier, ganz wichtig. Stimmt: ich habe heute morgen auch von Silly geträumt, der Hausbesitzer hier. Friedhof, Katzen, eine Jagd. 930. Da läutet auch schon der Kollege von der Müllabfuhr. Kann ich sonst noch was für Sie tun? 937. Lieber jetzt noch schnell staubsaugern, als nachher nicht in totale Panik zu geraten, vor lauter Zeitdruck. Man muß den Wahnsinn auch ORGANISIEREN, klar. Gut, daß wenigstens der Fotoapparat kaputt ist. 954. Ich glaub, das wars. UNTER AFFEN II 4.6 Samstag, 18.4.98, Tokyo. 1957. Geschlafen. Geduscht. Am Schreibtisch. Der Tisch hängt nach links. Die besten Reisegeschichten kenne ich von Djs, speziell vom Hell. Der ist immer in die weite Welt hinausgezogen, hat sein bayrisches Cowboytum da hin getragen und die tollsten, das heißt natürlich normalsten, aber eben so leicht verschoben anderen, territorial mitcodierten Dinge erlebt und als Geschichten wieder mit zurück gebracht. Mir dann im Optimal oder im P 1 erzählt, mit seinen dazu gedachten Gedanken. Danke, Hell! Auf die Gigolo Tour! Auf Hellis Welt. Bei mir tiltet leider das Hirn. Wo andere Beobachtungen machen, denke ich den Satz: ich HASSE Beobachtungen. Der Rest ist Sumpfsinn. Nach meinen Erfahrungen in der Fremde etwa zwei Monate lang, mindestens. Overflow, nichts, dicht, blank. Restart: please wait. Wie lange denn noch? Ich bin jetzt eineinviertel Jahre in Berlin und in der letzten Zeit fing es gerade so langsam an, daß ich manchmal dachte, so langsam verstehe ich es, wie es hier geht, wie das gemeint ist alles hier. Was hier los ist. Scheißegal. Im Flugzeug las ich drei erste Frankfurter Poetik Vorlesungen. Ingeborg Bachmann, Probleme zeitgenössischer Dichtung, Fragen und Scheinfragen. Fand ich so geil, daß ich gleich ausführliche Exzerpte machte. Die lebten ja damals in dieser Welt der Namen von Vico und Gide und Kierkegaard. Wie wir heute zwischen, hatte ich gerade im JETZT gelesen, und nur weil es so hektisch gegenwärtig klingt, kriegt es hier auch gleich den ersten Platz: Speed Garage, Prada, Kohl, Strindberg in der FR, und Henning Ritter in der FAZ, und mit der russischen Sex- Moderatorin aus dem SZ-Magazin und Moritz von Uslars lieben kleinen Freunden Mecki, Helmut Lang, und Elvis, nicht ohne daß jeder traditionell große Name von früher da auch noch mit vorkommen könnte. Joyce, Marx, Bloch, Benn, Hofmannsthal. Wenn dadurch nicht der bißchen komisch aufdringliche Beiklang entstünde, den die aktive VERMISCHUNG der früheren Ordnungen noch vermittelt. Ein Nachklang aus den 80er Jahren, der heute gar nicht mehr stimmt. PRAXIS. Die Vermischung kommt nämlich einfach zur ANWENDUNG, ist die geistige Zugangsweise, im Resultat eher eine Art zurückgenommen gebildeter und informierter Sound, an SEHR vielem Verschiedenen gleichmäßig interessiert. Genau SO wird heute über Tarantino abgesponnen, dachte ich neulich, als ich Hölderlins delirant präzise Beschreibungs- und Ordnungs-versuche der verschiedenen poetischen Verfahren zu lesen versuchte, mit der gleichen geistigen Energie. Und daß die Gegenstände, auf die diese Energien sich richten würden, heute etwa zweihundert Jahre welthaltiger sind als damals. Daß man das als irgendwie angenehm empfindet. PRAXIS. Dann las ich Bodo Kirchhoffs erste Vorlesung: Das Kind und die Buchstaben. Hatte ich gerade irgendwas gegen Erinnerungen zu melden gehabt? Das hier fand ich wunderbar zu lesen. Ich notierte mir, daß ich nicht weiß, was das Wort SEMA heißt. Klingt wie eine Sauerei. Meint aber doch eventuell Zeichen. Zwischen Soma und Sema. Steht da. So wie hier im Bad eine bläuliche Männerunterhose und ein weißes Männerunterhemd am Ständer für die Wäsche hängt. Da fragt man sich auch: was ist denn das? Die irre Welt des Bodo Kirchhoff: Psychoanalyse. Das ist für den genau so selbstverständlich zentral, wie für mich die reine Lächerlichkeit. Lustig auch: die Fama vom frühen Genie-Verdacht, der frühen Berufung zum Außerordentlichen. Ich dachte immer, dann wirds bestimmt nichts, nichts Besonderes, wenn man schon mit 12 die ersten sieben bedeutenden Dramen geschrieben hat. Dann wirds höchstens noch Klaus Mann oder so. Zuletzt kam Dieter Wellershoff dran. Der Roman im Leben und Weben der Welt von heute bis gestern. Am besten am Anfang anfangen, mit Cervantes. Kann man dann wie ein Schulbuch zu lesen versuchen, interessant. Nur leider trotzdem bißchen quälend, so wie der Typ halt ausschaut. Ich habe ja Angst vor solchen Leuten. Im Fernsehen kamen zwei Filme. Jack Nicholson in Besser gehts nicht. Da bin ich neulich schon rausgegangen, wie wir drin waren, in Hamburg, als nach 90 Minuten immer noch nicht Schluß war. Er spielt wie Wussow. So ein komischer Übertriebenheits-Realismus, der sagt: spielen tun wir doch alle, immer. Als hätte es so eine Rückkopplung gegeben, daß die Leute in echt genau so wären, dauernd genau so gekünstelt SPIELEN würden, wie es ihnen in den ganz Trashserien dauernd vorgespielt wird. Ich weiß nicht, ob der Realitätsbefund stimmt. Aber wenn die schlechten Schauspieler dann genau das noch so hölzern übertrieben genau so nachspielen, als würden sie diesen Realitätsbefund zur Darstellung bringen, als wäre das die äußerste Sophistikation und gefinkelte Verfeinerung, ganz selbstbewußt marottenhaft und knallchargenmäßig vorgeführt, dann wirds bißchen hart, für mich bißchen zu hart. NEUE DEUTSCHE KOMÖDIE. Zwischendurch wird die Weltkarte gezeigt. Der eurasische Kontinent. Ein roter Pfeil. Da fliegen wir dahin. Als die Reise schon sehr lange dauert, liegt die Spitze des Pfeils für sehr lange Zeit immer in der Mitte des Wortes SIBERIA. Ein pathetisch planetarisches Gefühl entsteht. Ich skizziere dieses Bild, notiere Geschwindigkeit, Flughöhe, verbleibende Flugzeit und Ortszeit am Anfkunftsort. Die Ziffern ändern sich dauernd. Wir sind in Bewegung. LAND DER TUGENDEN II 4.7 Weiß jemand eventuell wo meine Nivea ist? Nee? Okay. Sie wird sich schon finden. Sonntag, 19.4.98, Tokyo. 1405. Sonnig, diesig, mild. Vom flirrend grün beschienenen Baum links weht ein vorsommerlicher Wind ins Zimmer, die Raben schreien, die Vögel singen, jemand hämmert auf Holz, rechts oben übt wer Klavier, drittes Jahr etwa. Absolut angenehme Geräuschkulisse. Die Überschrift entnehme ich der FAZ vom Freitag, wo auf der Feuilleton Seite neben einem sensationell schönen Bild von Rubens irgendein Chinese irgendwas über seinen Onkel erzählt, der irgendwas über Deutschland weiß. Deutschland auf Chinesisch: Land der Tugenden. Ist doch schön. Nachts schaute ich Fernsehen, Kinderpop, Videogames, Comiccharts. Kindersexcharts. Dann Go, mit Kommentar, Varianten, Interpretation. Ich schlief, ich wachte auf. Ich las die zweite Bachmann Vorlesung und machte wieder Notizen für Praxis. Sie redet da über Gedichte. Eich, Enzensberger, Kaschnitz, Celan. Es ist alles so megaabgedroschen, und trotzdem, ich liebe diese Welt, diesen irgendwie herben, versunkenen Schnulzen-Soul der frühen Bundesrepublik. Es wurde schon hell, es war schon Tag. Um kurz vor sieben zog ich die Vorhänge zu, lag da. Das Fenster knackte, die Sonne heizte jetzt mächtig auf das Haus ein, und das Metall der Fensterrahmen streckte und dehnte sich gegen die Steine. Ich träumte, immer so flach vor der Aufwachgrenze, den Buchstaben Traum, in ganz abstrakt. Ich sah das Band der Schrift, mit jeweils nur fünf bis sieben Worten etwa, als DAS BILD, das eine andere Art von Text hervorbringen würde, die eben ganz aus der Schrift kommt, nicht aus der Anschauung von Szenen und Vorgängen und dem Erleben von Geschichten. Dauernd begleitet von ganz präzisen theoretischen Sätzen, halblaut aus dem Off. Endlich wachte ich richtig auf, machte eine kurze Notiz, und fiel schließlich in tiefen, wohltuend traumlosen Schlaf. 1831. Wieder daheim. Vom Platten Kaufen in Schibuya. Ich kam aus der U-Bahn raus, eben, es dämmerte schon, und der Wind hatte aufgefrischt, stürmisch fast, noch mild. Seltsam. Es erinnert mich an irgendwas, ich weiß nicht was. Seelenfrieden, angenehm. Ich ging weiter, an der Trutzburg der Kanadischen Botschaft vorbei und dachte plötzlich: genau, Februar 1984. New York, London, New York. Fleisch. Die Zeit. Unterwegs las ich den Anfang der zweiten Vorlesung von Bodo Kirchhoff. Er stellt sich die Realität als etwas den Worten, der Sprache und den Beschreibungen Entgegengesetztes vor. Da wirds natürlich irr. Er hat mal für ein Buch das Motto verwendet: Sprache, sonst nichts. Oder hieß das anders? Jedenfalls so ähnlich. Und ich dachte mir: genau, so ist das da. Falsch, kurz gesagt. Für mich schaut die Weltsicht des Schreibers tendentiell genau umgekehrt aus: alles ist aus Sprache, das ist die Realität. Und im Geschriebenen ist die Sprache praktisch so egal, daß das Motto heißen könnte: natürlich die Welt, was denn sonst? Sprache ist es ja eh, mehr als genug. Ist doch ganz einfach. Beim Ankommen vorhin sah ich in der riesigen anderen U-Bahn-Station einen Zeitungsstand und schaute reflexhaft nach deutschen Zeitungen. Ich habe jetzt schon solche Entzugserscheinungen. Was steht in der Bild am Sonntag? Wer ist zu Gast heute auf Else Buschheuers Seite in der BZ? Ich kaufte mir Softeis, Vanille, und machte Notizen zu Ingeborg Bachmanns leicht lächerlicher Unausweichlichkeits- Begrifflichkeit. 1919. Alex Azary. Der andere große Reisende. Shoppen und Mädels. Wie er das macht, wie er das kann, wie lässig das alles läuft. Der Zauber JEDER Meisterschaft, die sich zeigt. Und die Freude, wenn man das sieht. Überhaupt: die Techno-Reisen. Immer im Pulk, und egal wo auf der Welt, klar geordnete Verhältnisse: da ist der Flughafen. Wo stehen die Taxis? Wie heißt das Hotel? Erst mal schön ausruhen. Dann unten in der Lobby, kleiner Drink zur Einstimmung. Wie heißt der Club? Abfahrt. Im Club: wo ist die Bar? Bitte einen Träger Bier. Danke. Und dann ist man so dicht, daß eh alles angenehm ist. Techno: Es ist auch noch die beste Art zu reisen. DIESE KIRSCHBÄUME WURDEN HERRN PROF. DR.ROBERT SCHINZINGER ZUM 80. GEBURTSTAG GEWIDMET II 5.1 Montag, 20.4.98, Tokyo. 1227. Die ganze Goethe Instituts Welt ist für mich komplett codiert durch Thorsten Beckers Geschichten. In der Ratlosigkeit, die einen als jungen Schreiber nach den ersten erfolgreichen Büchern befallen kann, hat er sich ein völlig irres Reisepensum aufgeladen. Richtig, Arabische Reise, so hieß das. Mit einem Immendorff Cover. Goethe Institute in aller Welt sollten den neuen Shooting-Star einladen, bewirten, lesen lassen und in interessante Abenteuer verwickeln. Wenn nicht alles ganz toll war, war er beleidigt. Kiffen spielt eine nicht ungroße, irgendwie bedrückende Rolle. Oder war das im Buch danach? Jedenfalls sind bei alledem unglaublich geile Porträts von Angestellten aus dieser Goethe Welt der Deutschen in der Fremde abgefallen. Gnadenlos. Die Herren, die Damen. Toll zu lesen, und noch toller, es nicht selber erlebt haben zu müssen. Ich begegnete eben Herrn Becker, so heißt der hiesige Chef. Dann saß ich im Zimmer von Markus Wernhard, der das alles hier erfunden hat, und wir redeten über Techno und Politik. Vor zwei Jahren war Schlingensief hier, da wurden alle seine Filme gezeigt, das wäre beim Publikum gut angekommen, erzählt Markus Wernhard. Er ist seit fünf Jahren hier. Bald wird er abberufen werden. Auf den Gängen: Japaner, die Deutsch lernen wollen oder müssen. Ich bin so froh, daß ich es schon kann. 1304. Wieder war ich nachts wach, kaum müde, und las und las. Erst die Kirchhoff Vorlesung fertig, dann Wellershoff, dann gut zwei Drittel des Kronauer Buchs Die Lerche in der Luft und im Nest. Aua. Aber ich bin jetzt in diese Aufnahme-Trance geraten, wo man fast nur noch fassungslos und fasziniert zuschaut, wie die anderen alles so sehen. Wo die eigene Perspektive mehr schlummert, als dauernd dazwischen zu brüllen. Angenehmer Geisteszustand. Kenne ich vorallem aus der Uni von früher. Das gefiel mir am Medizin Studium so gut: dem System WISSEN zuführen. Das aufnehmende Organ, das Hirn, wird dadurch irgendwie erregt, Freude entsteht. Zwischendurch las ich den Anfang des Baedeker Führers, den Markus Wernhard mir am Samstag mit dem Spruch mitgegeben hatte: wiedersehen macht Freude. 1331. Seit es zu den ordnenden Delirien der Heute Morgen Skizze die klare Vernunftansage gibt: Alle Ordnung ist wahnhaft, kann ich mich wieder freier den phantastischen Ordnungs-Phantasien zur Praxis Veranstaltung hingeben. Ich lasse das so geschehen und denke nachsichtig, na gut, wenns denn sein muß. Wenns der Wahrheitsfindung dient. Es ist eben die Art, wie die Wirrnis des Vielen sich strukturiert und zugänglich macht. 1509. Wieder daheim. Vom Stadtgang mit Bachmann. Heute das Ich, die dritte Vorlesung. Auf der Suche nach einem Park, leider vergeblich. Geile Hitze. Gut k.o. jetzt. 1714. Wenn Zitate nicht so langweilig wären, würde ich Bachmann zum Tagebuch-Ich zitieren. Woher die das alles wußte? Ich kann mich, wenn ich an die Zeit von Anfang dreißig zurückdenke, an überhaupt keine geordneten Gedanken zu poetologischen Fragen erinnern. Alles nur Tod, Philosophie, Politik. Plötzlich beunruhigt mich dieses theoretische Metainteresse am Schreiben. Andererseits, sagt die innere Stimme: es wird durch mich hindurch gehen und verschwinden. Und ich werde es vergessen haben. 1742. Schöne Aussicht. DJAKARTA SALVADOR-BAHIA SAN FRANCISCO TEHERAN MONTREAL BELGRAD SCHWÄBISCH HALL NEW YORK TOKYO II 5.2 Dienstag, 21.4.98, Tokyo. 403. So langsam bißchen durchgemangelt, vom dauernden nächtlichen Lesen. Heute mit Bodo Kirchhoffs Narzißmus. Anstrengend. Seine Kritik der Kritik klammert mindestens einen entscheidenden Punkt aus: diese wahnsinnige Belästigung, die davon ausgeht, daß Produzenten sich verändern. Das NERVT die Welt, verständlicherweise, richtigerweise wahrscheinlich sogar, und sie schlägt dann zurück. Beschwert sich, weist das ab, will den alten Zustand wieder haben. Entwicklung ist einfach was Widerwärtiges. Was Ungöttliches. Das darin eingeschlossene Defizit an Perfektion widerspricht der Kunst. Die Kritik braucht das gar nicht explizit aussprechen, sie hat ein Allergieorgan für dieses Problem, das schlägt dann aus. Daß das Ganze von Seiten der Produzenten her gesehen natürlich ganz anders ausschaut, ist ja klar. Aber das ist nicht das Problem der Kritik. Bodo Kirchhoff möchte, daß nicht sein Äußeres besprochen wird, nicht seine Schuhe, sondern seine Werke. Seine Arbeit. Daß der ein 'Maß an Ernst' entgegenbracht wird. Er hätte es gerne, sagt er, 'mit Erwachsenen zu tun'. ALLES das wäre für mich komplett das LETZTE. Die Endstation, das Sterbezimmer. PRAXIS. 448. Fast ist es schon hell. Bodo Kichhoffs Held Karl macht sich seine Gedanken über seinen Vater Kristian, und ich notiere mir, wie sehr ich mir für Dekonspiratione Leute wünsche, die KEINE Gedanken haben, die nicht dauernd irgendwas denken, nichts denken, fast nicht denken. Das würde ich denen so gerne abnehmen. 752. Gehen wir an dieser Stelle zu einem allgemeineren Verständnis dieses Begriffs über. - Steht bei Wolfgang Hilbig. Da kann man sich natürlich kaum zurückhalten, vor Begeisterung, in diesem Ton möchte man nichts als übergehen, an genau dieser Stelle, zu einem allgemeineren Verständis der Wüste der Trostlosigkeit und Biederkeit im Inneren des Kopfes des Herrn Hilbig. Die intellektuelle Qualität der Analyse ist etwa auf dem formulierungs- technischen Stumpfsinnsniveau der Sprache. Brutal. 1500. Brutal verschlafen. Was war denn das? Die Rache des Herrn Hilbig? Oder die Vorfreude auf den sogenannten DJ-Gipfel, der in einer Stunde losgeht? Oder eben einfach immer noch die deutsche Zeit in mir, nach der es jetzt genau 8 Uhr morgens ist. Gestern Abend fuhren wir mit der U-Bahn nach Schinjuku und gingen da über einen großen Platz, in ein Haus hinein, fuhren in den fünften Stock hoch: zum Essen. Da saßen sie alle, die Sonys und die Müllerin, mein Laberkomandant, daneben Westbam, gegenüber Mijk van Djik und Freundin und Ishino und seine Possy und Andi und Toby sprang auf mich zu und wir umarmten uns und lachten. Später redeten wir länger. Und er erinnerte sich an ganz genau den selben Abend oder Morgen bei Olaf, in dem kleinen Zimmer in der Klenze Straße, eine dieser ultradrüberen Afterhour-Situationen, wo wir uns kennengelernt hatten. Das wäre 92 gewesen, da wäre er zum ersten Mal nach München gekommen. Toby. Es gibt so viele markante Figuren, die in Rave einfach nicht mehr aufgetaucht sind, weil ich die Sache gegen Schluß zu, als ich merkte, wer alles noch fehlt, natürlich nicht mit einer irgendwie bürokratischen Aufgabenliste niederwürgen wollte. Das muß sich jetzt ergeben, dachte ich, und probierte noch viele Expansionen in viele Richtungen. Nö. Lieber nicht. Nicht so richtig, nach der stimmt-, stimmt-nicht- Tastregel. Und ich ließ das dann alles, erst recht gerne, immer wieder weg: ist ja eh viel besser, je mehr weg ist. Ich sollte für Celebration eine Foto-Rubrik eröffnen, im i-D-Style, wo solche Characters auftreten könnten, mit paar Zeilen zur gemeinsamen Geschichte. Das könnte ein eigenes Kapitel von zweihundert, dreihundert Seiten sein. Ich muß auf Mayday diesmal meinen Fotoapparat mitnehmen. 1552. Ladies and gentlemen, we are ready for the Vorbesprechung. Please fasten your seat belts. Thank you. 1722. Die Überschrift für heute entnehme ich der Vita von Herrn Becker, Regionalbeauftragter Ostasien, Leiter des Goethe-Instituts Tokyo. 38 years in the services of Goethe. Wir standen in seinem Büro, zum Interview mit dem Jugendfunk des WDR. Zum Schluß spielten sie Hard Times. Bitte nicht zu schnell sprechen, nicht zu langsam, nicht durcheinander. Das ist unübersetzbar. Musik füllt den Raum, Schrift NICHT. POSITIVE SPACE TRIP PASS II 5.3 109. Aufwachen, plötzlich. Knallwach. Wie lange hat man denn geschlafen? Tasten nach der Uhr, das Ziffernblatt leuchtet auf. Bißchen mehr als eine Stunde also, es ist halb eins. Sich wieder umdrehen, die Augen schließen. Sie drehen sich nach hinten, nach oben, in Schlaf- Ankunfts- Erwartungs- Postion. Ja, ja, genau. So liegen, und Gedanken kommen fühlen, statt Schlaf, Erregung. Ist ja gut. Und Unruhe, aha. Sich wieder drehen, wieder liegen, wälzen, warten, dämmern, denken. Was denn eigentlich? Ich weiß es nicht. Was denkt man denn so aufgeregt? Es ist nicht zu erkennen, Herr. Dann ist es ja gut. Aufstehen also, und die Maschine anmachen. Und sich vor sie hinsetzen und bißchen sprechen mit ihr. Die Wellerhoff Vorlesung gestern Nacht - Gestern Nacht: so bekanntlich der Titel von Westbams neuem ROMAN - handelte von den handwerklichen Grundtatsachen des Erzählens, von Perspektive und Tempus. Angenehm zu lesen. Wie das Präsens sich bewegt und wirkt, wie Er und Ich und Innen- oder Außen- Blick die Textmotorik führen. Dann kommen eigene Beispiele, aus 40 Jahren Wellershoffscher Dichtung, die diesen Anleitungen und Erwägungen folgend und entsprechend hergestellt wurden. Und der Effekt ist, leider, ja, extrem ernüchternd. Der Witz an allen formalen Mitteln ist, daß man sie nicht zur Anwendung bringen kann. Sie müssen etwas erfüllen, was sich selbst noch so unbestimmt und vage ist, daß es keiner Methode zugänglich ist. Was einem vorschwebt, weiß man nicht. Man ahnt es nur. Und der erzählerische Vorgang ist der Durchbruch auf die Konkretion dieser Ahnung hin. Der, die, beides, alle vier und alles zusammen bringen sich gegenseitig und dabei die sie erzeugenden Mittel und Methoden mit hervor. - Absolut nichts Neues. Aber so IST das. PRAXIS. Und Herr Wellershoff zum Beispiel behauptet ja ganz ernsthaft das Gegenteil. Er könnte sich eine bestimmt Wirkung ausdenken, und wüßte dann, wie er die erzeugen kann. Bloß bei mir wirkt eine solche Schriftsteller- Literatur überhaupt nicht. Bei mir entsteht beim Lesen von solchen Stellen keine Wirkung, sondern die Beobachtung, daß hier auf reichlich kunsthandwerkliche Weise irgendeine Wirkung bewirkt werden soll. Begleitet von dem Widerwillen, der zu dieser Beobachtung gehört. Man merkt die Absicht, heißt es doch so völlig richtig, und ist verstimmt. Und haargenau so ist es auch: man ist extrem genervt. Das große Highlight der Vorlesung, auf der vorletzten Seite, wo er bekennt, was die von ihm sogenannte Letztbegründung seines Schreibens ist: er möchte INTENSITÄT erzeugen. Kein Witz, das steht da. Da bin ich hier in meiner Tokyoter Goethe-Kammer in wirklich schallendes Gelächter ausgebrochen. Ein Mann, der seit vierzig Jahren der vertrocknete Brotkrümel in seinem eigenen gruseligen Psychologenbart ist, der davon wacker und dörr Rechenschaft abgelegt hat, will natürlich Intensität 'erzeugen'. Es ist ebenso rührend wie erschreckend, komplett absurd und völlig richtig. Sollte er etwa davon träumen, ultimative Drögnis zu erschaffen mit seinem Schreiben? Das wäre ja wohl ein etwas trauriger Traum. Nein, 'Intensität' soll es sein, Wahnsinn. Und, meine Damen und Herren, so muß man doch wohl sagen, warum auch NICHT. 303. Chä, chä, chä: die Raben schreien. So heißen die doch, diese riesigen schwarzen Dinger, die Ratten der Lüfte, die hier schwer am Fenster vorbei segeln, auch nachts, durch die schmale Schlucht, weniger als fünf Meter breit, zwischen diesem Haus hier und dem gegenüber. Oder sind das die Krähen? 337. Ich machte das Licht wieder aus, und lag ganz ruhig da, im Dunklen, und dachte über die kommenden Monate nach. Plötzlich kam es mir: daß ich die Neue Deutsche Komödie nicht für den Residenztheater- Termin schreiben kann. Daß dann sofort Ruhe und Perspektive in den ganzen Plan kommt. Sofort steht mir der Juni wie was Wunderbares vor Augen, worauf ich mich freue. Türen streichen, paar Regale bauen, rumhängen. Vielleicht mal wieder bißchen ausgehen. Sommerferien machen halt. Uli, neulich am Telefon: wennst jetzt nicht bald heimkommst, will ich die Scheidung. - Heim kommen wollen. 438. Der Wecker fiept. Good morning, Vietnam. Mittwoch, 22.4.98, Tokyo. 506. Sinnlosigkeitsschauer, die matt auf einen nieder gehen. Und wieder packen, Zeitungen aussortieren, und Gottes Gaben, die man doch nicht wegschmeißen darf, in die kollektive Küche rüber tragen. It's a ma-hahan's world. Meine nicht. 533. Geduscht, gepackt, los gehts. 611. Aoyoma-Itchome. 635. Ueno. 757. Tokyo Narita Airport 815. Terminal 1. 840. Terminal 2, Lufhansa Checkin. 948. Im Flugzeug. 959. Hier spricht Ihr Kapitän. 1454. Frankfurt. 1625. Berlin. 1653. Wieder daheim. Faxe, Briefe, Telefone. 1757. Bett. DER ERSTE SOMMERLICHE TAG II 5.4 Donnerstag, 23.4.98, Berlin. 1115. Gerne schlagen wir ein neues Kapitel auf in der unendlichen Geschichte, die erzählt vom großen sinnlosen Abenteuer der Wiedererlangung des verdammten Führerscheins. Nicht das Gutachten vom Depperltest war da, in der Post, worauf ich so warte die ganze Zeit, nein, ein Brief von der Depperltest- Behörde in München, wann ich denn endlich die erforderlichen Blutbefunde schicken würde. Eine Frist drohe abzulaufen. Ob mir das klar wäre? Ob sie denn davon ausgehen müßten, daß ich an einem Abschluß der Begutachtung nicht mehr interessiert wäre? Und sie würden meine Unterlagen dann 'leider' an die Behörde 'zurückreichen' müssen, mit freundlichen Grüßen, gezeichnet und im Auftrag. Ein Wahnsinn. Die erforderlichen Blutbefunde habe ich vor fast vier Wochen dort hingeschickt, im Original. Erregung, Wut, Anruf dort, als allererstes, eine Mailbox ist dran, super. Heute morgen dann also wieder: Anruf bei der Depperltest- Behörde. Ja, Moment, sie holt sich die Akte. Ja, also nein, das ist hier nicht angekommen. Aha, ich habe es Ihnen aber im Original geschickt. Aber hier ist es nicht, sonst wäre es ja da, hier in der Akte. Usw usw. Ich soll die Kopien also faxen. Ausnahmsweise wäre sie bereit, das anzuerkennen, normalerweise gelten nur die Originale. Vielen Dank für Ihr Entgegenkommen. Ich faxe die Kopien und gehe unter die Dusche. Das Telefon läutet, tropfend stehe ich da, mit dem Hörer am Ohr. Ja, nochmal Frau Girschik vom Tüv MPI München am Apparat, ja, grüß Gott. Also sie hätten die Befunde jetzt doch gefunden, die wären falsch einsortiert worden, das wollte sie nur noch eben mitteilen. - Und DAS, muß ich sagen, fand ich nun wirklich richtig nett. Hat mich mit dem Ganzen gleich wieder versöhnt. Sie hätte es ja auch gut sein lassen können, oder die Befunde, in dem Moment wo sie sie findet, einfach gleich weg schmeißen. Nee, sie ruft mich an, sagt mir das, nur so. Um den Welt- Absurditäts- Druck bißchen abzumildern. Danke. 1323. Ein Fax vom Goethe-Institut Tokyo kommt. Wie mich das jetzt berührt. Seit ich wieder weiß, daß es dort, entschuldigung, echten Himmel gibt, über dem Ort zu dem Wort Tokyo. Der Moment der absurden Freude, beim Aussteigen aus dem Flugzeug, als ich das sah. Sie haben dort jetzt halb neun Uhr abends, und es wuselt nur so von Leuten, im dritten Stock, auf den Gängen und in den sogenannten Klassenräumen. Unterricht, wie gesagt, Deutsch. Lernen hat was Heroisches an sich. Wenn Erwachsene sich dem unterziehen, sieht man das erst richtig. Daß das, was man weiß, NICHT REICHT. Daß man mit viel Mühe und Energie versucht, ein neuer Mensch zu werden. Einer, der Japanisch kann. Alex Azary hat nach unserem 94er Tokyo Trip wirklich angefangen, Japanisch zu lernen. So sehr waren wir da alle bezaubert gewesen, von dem ganzen Japan Ding. 1718. An Praxis. Den B-Teil skizziert. Westbams Mix-CD Dee Jay Freundschaft, die ich mir bei Tower Records Tokyo gekauft habe, läuft, immer wieder, nochmal bitte, gerne. Geil. Ein sommerlicher Tag ist das geworden. Jetzt ist es also passiert, mit dem Wetter. HEISS. Der andere Welt-Soundtrack, die andere Luft, das andere Leben. Was ist denn los plötzlich? Man atmet tief ein, die Gegenwart, atmet aus. Toll. Ich vergesse das immer wieder. X-mal erlebt, plötzlich wieder neu, das Sommerding. Seltsame Geschichte. Vielleicht ist es auch einfach nur das, daß ich zum ersten Mal, seit wie vielen Tagen eigentlich?, so halbwegs ausgeschlafen bin, heute. Stimmt: Delius gehört ja auch in diese Wellershoff-Kategorie. Der hat doch glatt ein ganzes Buch über das Wetter in der Literatur geschrieben. Sein erstes, glaube ich. Drögheitsfaktor und Schlaftabletten-Effekt der Gesamtexistenz ähnlich hoch wie bei Ulrich Greiner. Dessen ultrabiedere Rede über Literaturkritik in der Münchner Uni. Danach traf ich ihn auf der Buchmesse, sagte es ihm. Da hat er traurig, trüb und lasch dreingeschaut. Und sich gedacht: wo bleibt der nächste Gedanke? Da kam aber nichts. Beim armen Herrn Greiner. Alles ausführlich in DEKONSPIRATIONE. 1812. Carsten von den Spirits ruft an. Ob er mir ein Hotel mitbuchen soll? Bitteschön. Checkout wäre aber schon um 14 Uhr. Ist doch wunderbar. Welches Hotel ist es denn? Das Renaissance Hotel. Sehr schön, vielen Dank. 1903. Neues Faxpapier, neue Zeitungen und neues Essen gekauft. Am Rad: Warum empfindet man 'Biederkeit' bei Leuten wie Delius, Wellershoff oder Greiner als eine solche Provokation? Den Begriff der Kunst genauer bestimmen, dem denen ihr Ding widerspricht. Hochspeziell in seiner Enge und Extremheit, rein vom Kunstwerk her gedacht, eben nicht von der GESELLSCHAFT der Kunst in der Gesellschaft. Und daß alle Positionen des Anti-Biederen auch einen starken Scheußlichkeitshau haben. Man spricht sich ja dann selber eine Art Gegenposition des Radikalen zu. Das geht nicht. PRAXIS. wie ist der Besuch heute Abend? wie ist die Stimmung? im Hofbräuhaus? und in Baden-Baden erhalte ich für mein friedensstiftendes Lebenswerk den deutschen Medienpreis HYPNOTIC TANGO II 5.5 Freitag, 24.4.98, Berlin. Wieder schönes Wetter. Die Sonne scheint. Anruf bei Hans-Ulrich. Jedes Problem, das ich im Moment habe, sage ich mir, ist ein privilegiertes Problem. Den eigenen Wahn abgleichen am Weltkontakt, im Blick auf die Sicht des anderen. Mut entsteht, Ruhe. 948. Und da weitermachen, wo man gestern aufgehört hat. Mit der Westbam Musik spielen. Er hat mir mal ein Tape gemacht, wo auch das Original der Nummer drauf war, aus der das zentrale Sample für AND PARTY kam. Mit dem irren Effekt, daß ich die STEIGERUNG nachvollziehen konnte, die sein neuer Kontext der alten Musik gegeben hat. Jetzt wieder: als wäre Hypnotic Tango von 1983 erst in seinem jetztigen Mix mit Phutures Next Generation richtig auf den Punkt seiner Möglichkeiten gebracht. Gibt es eigentlich Literatur, die Trance produziert? Die hypnotische Effekte hervorruft? So toll das Moderne- Projekt von Gertrude Stein ist, wo ein Aspekt ja vielleicht in diese Richtung zielt, leider NERVT es eben doch auch sehr. Und das tuen hypnotische Musiken ja gerade NICHT. Vielleicht werden die Sachen von Umberto Eco so gelesen? Daß man völlig weggebeamt ist, in eine andere Welt. Leider weiß ich nichts darüber, ich kann es nicht lesen. TAKE ME AWAY. Wahrscheinlich eben doch einfach ein Privileg der Musik. PRAXIS. Immer wenn ich das eben gestrichene Wort schon schreibe, freut mich seine Nähe zum schön. So wie ich gerne jeden falschen Konjunktiv mit würde bilde, weil ich die darin leise mitgesagte Würde mag. 1037. Die Stelle, wo Bodo Kirchhoff plötzlich vom 'Kirchenschoß' redet, in den Brentano 'geflohen' wäre, von Tolstoi, der angeblich seine Kunst 'gegen Ende seines Lebens verdammt' hätte. So so, ist ja interessant. Hatte ich mir kurz zuvor gedacht, wie mir Frau Bachmann genau dasselbe erzählte, in genau denselben Worten. Und der gute Bodo Kirchhoff schreibt das dann da einfach ab. Anstatt mal nachzukucken, bei Brentano, oder wenigstens im sogenannten Kirchenschoß. Was ist denn das? Was ist denn das für eine Geschichte? Auch wüßte ich gerne Genaueres über Tolstoi und seine späten Verdikte gegen sich selbst. Da kann man doch nicht einfach so einen geborgten Angebersatz draus machen. Wenn man es erwähnt, muß man es kennen, aus erster Hand. Muß man es sich vergegenwärtigt haben, durch eigene Lektüre. So sind die Regeln für Literatur. Gegenwärtig, unmittelbar. PRAXIS. 1324. An Praxis, noch mehr Wirrnis anhäufen. Anruf von Frau Baumgartl. Dienstag, 12 Uhr 30, Tempelhof. 16 Uhr 30, Universität, im Hörsaal. Die Handwerker haben sie versetzt. 1356. Was soll ich eigentlich mit den ganzen japanischen Münzen jetzt machen? Schmeißt man die weg, als normaler Mensch? Oder wie geht denn das? Mit ausländischen Münzen, die man dort für die U-Bahn und zum Telefonieren dauernd braucht, die hier natürlich Müll sind. Richtigen Spaß an den wichtigen Unterschieden und schnelleren Zugang dazu wird man erst kriegen, wenn diese ganzen äußerlichen Sachen weltweit normiert sind. Es lebe der Euro. 1649. Wieder daheim. Bei Max Hetzler, Oehlen und Herold angekuckt. Fünf tolle Werke. Daß in den Latten noch so ein Geheimnis verborgen war, das Herold jetzt zeigt. Dazu Alberts Geschlinge, in schwarz weiß. Entwürfe einer gegenwärtigen geistigen Position und Bewegung. Für mich DER Postion. PRAXIS. 1926. Gegessen, gedämmert, geduscht, wieder am Schreibtisch. Arbeit am Negativen, an falschen Gedanken, an falsch Gesagtem, Destruktion. Zerstört die Reflexe, macht einen fertig. Abendliche Schwäche. Den Betrieb einstellen. denn im klassischen Ballett gibt es Geschichten, Gefühle, Rollen und Träume und die Menschen brauchen solche Träume daraufhin verlegte mich der Ohrenarzt in die Psychiatrie obwohl ich schon seit Jahren unauffällig mit der Wahnvorstellung lebte ein Parlando in dem fast möchte ich sagen der Odem großer Literatur weht TIMES FADE SO LET THEM PASS YOU BY II 5.6 Times fade don't let'em pass you by times fade don't let them pass you by und die 909 beginnt zu klopfen, und die Dämono-Hall-Stimme von Ray Davis, oder wer immer das ist, von Phuture, wiederholt den Befund, die Warnung, die Lage, die Drohung, den Imperativ. Times fade. Don't let them pass you by. Hypnotic tango, dessen Wiederholungen auch den Sondersinn der Negation verschlingen. Times fade. Now let them pass you by. Samstag, 25.4.98, Berlin. 1041. Aus der Beobachtung an anderen weiß man, daß JEDE Reaktion auf kritische Reaktionen scheulich ist. Es geht nicht. Es wirkt querulatorisch, eng und unfrei. Genauigkeit am falschen Platz. Man will argumentieren, und sagt sich: nein, falsch, Ruhe bitte. Bitte nichts sagen. Immer neu ist das ein schwierige Aufgabe. So wie man als Kind aufgefordert wurde, die Wut runterzuschlucken. Denn die tobt da, hoch oben, im Kopf. Blockiert einen, lähmt die Gedanken. Eine Tasse Kaffe trinken, da ist sie weg, die blöde Wut. Auch die Musik hat geholfen. Auch die Bilder. 1103. Wer ist Daniel Josefsohn? Der Fotograf, der mir immer wieder auffällt. Den ganzen letzten Sommer über stand das von ihm für start fotografierte REINHEITSGEBOT an wechselnden Orten in der Wohnung rum, so wie jetzt die schon mal erwähnte späte Szene der GEMÜTLICHKEIT. Diesmal ist es das JETZT, die Aberglauben Titelgeschichte. Die Art, wie er die Alltäglichkeit von häuslichen Szenerien und Leuten sieht und inszeniert, ist so toll. Die Gegenpostion zu dem öden Kaputtheitsscheiß von Nan Goldin, der jetzt durch die Hamburger Ausstellung dauernd überall zu sehen war. Gegenposition zum ganz äußerlich auf superstumpfe Signale setzenden Szenedreck von Alfred Steffen. Also das, was an Wolfgang Tillmans so real ist, bloß noch mal ein bißchen mehr ins Beiläufige, Casualmäßige, Schweinslässige gedreht. Oder sehe ich das völlig falsch? So wie mir davor immer Armin Smailovic auffiel. Einer der Contemporary German Photography Fotografen. Daniel Josefsohn nicht, oder? Aber vielleicht ist der ja schon irrsinnig bekannt. Die Fotos jedenfalls von ihm sind das Ding für mich. Realitätsbegriff. PRAXIS. 1143. Für Praxis: Die Ereignisse der jeweiligen Woche, die aus der speziellen Schreiber Perspektive herausgeragt haben, im dritten Teil des B-Teils auftreten lassen. Mit kurzem Kommentar, immer in Bezug auf die gegenwärtigen Arbeits- Probleme, -Ideen, -Fragen, -Konzepte. Diese Woche also: Japan raf Lyotard Botho Strauß Literarisches Quartett Wie die Vitalität von Reich-Ranicki so langsam ins leicht Seniloide und Starre, fast schon quälend Forcierte übergeht. Sein fleckig roter Kopf, und man denkt, o je, gleich kippt er weg. Schön geworden auch Karaseks neuer Bart. Rechtzeitig zum Termin kriegt er immer seinen Unterlippenherpes. Um die zauberhafte Frau Löffler besser bezaubern zu können. Diese große Oper. Viele, viele Seiten habe ich schon wortwörtlich abgeschrieben davon. Wenn ich es richtig verstehe, hat Bodo Kirchhoff auch dagegen, gegen das Quartett, Einwände erhoben. Also bitte, das gibts doch nicht. 1216. Sachen die ich vermeiden will, die einem fast automatisch über die Lippen kommen: Erstens, der Pluralis Debilitatis eines völlig imaginären WIR. Nur wenn ich wirklich einer im Kollektiv aller im Hörsaal bin, wenn der Satzsinn darauf geht, ist einem dieses Wir erlaubt. Klar, man sehnt sich danach, die exponierte Position, aus der man da spricht, abzuschwächen. Aber das muß eine Anstrengung auf die Leute hin ergeben, kann nicht über ein denen einfach so aufgehalstes, distanzloses Wir abgetan werden. Dann die Frechheit der Besitznahme durch das MEINE in: Meine Damen und Herren. Das hat so was pathetisch Situatives, diese Formel, was einem natürlich gefällt. Im gedruckten Text zuckt man immer schon bißchen zusammen, wenn man das liest, meine Damen und Herren. Für mich ist es im Grunde natürlich ein ewiges Loriot Zitat, aus einer dieser Wortmüll Bundesttagsreden von Loriot. Wie will man die Leute also ansprechen? Daß es stimmt, und doch nicht irgendwie gewählt, gesucht, gefinkelt wirkt? Was ich eigentlich denke ist: LIEBE LEUTE. Aber das kann man wahrscheinlich natürlich eben genau auch nicht sagen. Ich muß mich verlassen auf die Situation, die mir den Text zuspricht. 1305. Perspektivische Phantasmen, wirr, präzise. Viele, zu schnell. Der Kopf drückt, von innen. Ich muß das Ganze heute in seiner inneren SUKZESSION vor Augen kriegen. Es muß nach Proben und Korrekturen noch genügend Zeit bleiben, daß man sagt, okay, jetzt scheißegal alles. Das wird schon. PUBLIC SPEAKING hatte ich in Englisch genommen, im zweiten Halbjahr, in Flint, Michigan, USA, in der Highschool. Im ersten Halbjahr EFFECTIVE WRITING. Wenn man Leute trifft, die auch ein Schuljahr in den sogenannten Staaten in der Schule waren, gibt das gleich einen besonderen Aspekt der Anknüpfung, der irgendwie grundsätzlich anderen Sicht aufs Bundesrepublikanische, Deutsche. Wendepunkt des Lebens. Irgendwann schreibe ich das Buch DAS AMERIKANISCHE JAHR. Natürlich in Amerika, in der Gegenwart. Das kam mir, wie ich vor vier oder fünf Jahren zu Andreas Graduation nach Flint gefahren bin. Den vielen tollen Onkels meines Lebens sei Dank. 1325. In Wirklichkeit bin ich ja hauptberuflich Canon-Mechaniker. Den Drucker aufschrauben, polieren, warten, putzen, jeden Tag paar Mal. Ist irgendwas kaputt? Och nö, nur so bißchen an den Schlieren rum machen und nachölen und neu einstellen. Ach so. Ist heute eigentlich Fußball? Ich geh mal schnell Zeitungen holen. 1426. Wieder daheim. Andererseits war für mich SELBER das Argumentieren mit den gegen mich und meine Sachen vorgebrachten Argumenten immer klärend und hilfreich. Es gehört einfach mit zum stummen Selbstgespräch des Schreibers. Nicht bei jedem natürlich, aber bei mir. Schwierig wird es eigentlich nur, wenn man sich an einer solchen Direktheitsform versucht, wie ich hier. Man muß diesen Gegenständen dann eben wieder ein neues Feld des Stummen eröffnen. DEKONSPIRATIONE. 1513. An Kritk. Genau so gehts. 1639. Ich hatte die Videokassette für Praxis mit Samstag-Nachmittag- Fernsehen beschickt, verschlüsseltem Premiere-Fußball live, ZDF-Kaffeeklatsch, Viva- Fetzen, MTV-Charts, Madonna und Modern Talking. Ich hatte die Vorhänge zugezogen und den Packen Zeitungen da. Blätterte und war hängen geblieben bei dem Foto von Wolfgang Welt, irgendwie erschreckt, weil er so anders ausschaute, als ich ihn aus Peggy Sue in Erinnerung hatte. Das hatte Hans-Ulrich mir letzten Herbst geschickt, und ich fand die Art des Erzählens da so lässig. Daß der Moment, wo der TON da ist, der Moment der Freiheit ist. Alles öffnet sich dann plötzlich der Erzählung. Ich las den Namen Willi Winkler unter dem Artikel. Und sah dann, daß darunter - 1717. schnell nach Köln und das heißt Eckball für 1860 München 80 Sekunden vor Schluß was ist das für eine Dramatik Werner Lorant zittert hat jetzt Glück und Werner Lorant schimpft das Spiel ist doch längst zu Ende dreiundneunzig Minuten aber der Ball läuft noch immer und der trabt da natürlich ganz gemütlich richtung linker Ecke aber die Löwen sie kosten das aus was war das für eine Begegnung und jetzt reißen sie die Arme hoch 1860 München gewinnt in Köln mit 3 zu 2 1723. Abfall vorkommt. Ja. Abfalls Freude. Freude etwa von der Art der Heiterkeit, die im Gehirn entsteht, wenn das Gehirn etwas über den Vorgang des Verstehens im Gehirn auf der Wissenschaftsseite der Zeitung liest und zu verstehen versucht. 1903. Heute Abend. die Wähler genossen heute das Wetter jeder dritte überlegt noch wem er seine Stimme geben wird 502. Ist das noch die alte Nacht? Oder schon der neue Tag? Ich wache auf, Korrekturen im Kopf, gehe zu dem Papieren. Es ist noch ganz dunkel, viertel vor fünf. Das Licht im Zimmer, das leise Summen des Computers, von draußen die Vögel und fern das Rauschen der Autos von der Seestraße her. 536. An Kritik. Langsam wurde es hell. BÖSER VOGEL JUGEND II 5.7 Aufwühlender Traum. Ich sitze mit Benedikt auf einem Bett und schreie auf ihn ein, wir müssen reden, er will nicht. Er hat in einem Text etwas verwendet, ich selber habe es noch nicht gelesen, wovon die anderen im Haus sagten, das wäre die gleiche Geschlechtsvermischung bei der Darstellung einer Person, wie in einem kürzeren Aufsatz von mir, dem ich ihm neulich, noch vor Erscheinen, zu lesen gegeben hatte. Der Held wird weiblich dargestellt. Ich fand das ganz normal, also nicht einen besonderen Kunstgriff, auf den ich ein besonderes Copyright hätte, normal auch, daß er das für eine eigene größere Sache übernimmt. Komisch fand ich nur, daß er mich in die Lage versetzt, als hätte ich es bei ihm nachgemacht, weil sein Ding wohl schon gleich erscheinen sollte. Und auch darüber hatte ich noch nicht endgültig klar nachgedacht, ob das jetzt eigentlich schlimm wäre, ob ich das für mich schlimm finden müßte. Ich fand nur die Art fies, wie er sich der Auseinandersetzung entzog. Sonst wird immer ganz locker freundschaftlich getan, jetzt gibt es mal ein Probem, jetzt heißt es ebenso starr, wie auf Coolheit beharrend - wo sind denn meine Zigaretten? - nein, ich will darüber nicht sprechen. Bevor es zu diesem Showdown mit meinem Flehen und Schreien und an ihm Zerren gekommen war, und seinem sich Abdrehen und abweisend Schweigen, den Kopf schütteln und sich Entwinden, - war ich mit einer Frau draußen auf der Straße gewesen, aus dem anderen Haus gekommen, von gegenüber, und sie hatte mir das alles erzählt, und daß es große Aufregung gäbe, wegen der Sache, bei allen. Im Parterre des einen Hauses brannte es, verfeindete Bewohner schrien bronxgangmäßig aufeinander ein, Expolsionen, Feuer, Staub fiel von oben runter. Es wirkte nicht sehr schrecklich, nur überflüssig, unvernünftig, gestellt und angeberhaft. Davor hatte ich oben irgendwas verhandelt, an den Schreibmaschinen, mit jemandem geredet, ich sollte telefonieren, der war schon nicht mehr da, der Angerufene. Es regnet dort, sagte zur Erklärung der Mensch am Telefon, am anderen Ende der Leitung. Ich schaute Akten an, die der einen Frau zugewiesen waren, und hatte das Gefühl, ich tue dabei etwas Verbotenes, oder zumindest nicht ganz in Ordnung-mäßiges. Ich schaute auch nur ganz kurz drauf. Dann ging ich runter und hörte die Geschichte von diesem Text von Benedikt, er wäre drüben, dann wohl auf der Straße, dann wieder zurück. Auf dem Bett war eine ältere Frau gesessen, anerkannt, jemand, der was sagen darf. Aber sie sagte dann zu Benedikt, ich hätte dies und das ihn betreffend vorhin gesagt, das wäre doch sehr richtig. Und mir war das total peinlich, so vereinahmt zu werden von der, für ihre Benedikt Erziehungs Zwecke. Außerdem hatte ich so etwas Ähnliches zwar gesagt, aber nicht genau in dem Wortlaut, den sie als meinen widergab. Der stimmte nicht. Sie schaute mich so an, daß ich doch nicken sollte, daß ich das gesagt hätte, und ich fand das so unmöglich von der, so was tut man doch nicht, so einen scheußlichen Effekt hervorrufen. In Anwesenheit von jemandem, der angeblich über wen anderen was gesagt hat, diesem anderen das dann vorhalten, als den Vorhalt des ersten, und bei dem dann auch noch Autorität einforderen, für dieses unzulässige Verfahren. Ich schüttelte den Kopf und sah, daß ich das Mißverständnis jetzt nicht aufklären konnte, daß ich das auf eine bestimmte Art anders gesagt und nicht so platt gegen Benedikt gerichtet gemeint hatte, wie es jetzt in der instrumentalisierten Form aussah. Und deshalb wollte ich also allein mit Benedikt reden. Und das führte dann zu dieser erregten Aufwachszene. Gott o gott. Sonntag, 26.4.98, Berlin. WARUM LÄUFT HERR R AMOK II 6.1 Montag, 27.4.98, Berlin. 909. Ich wachte auf, hörte mich das Wort 'Zuversicht' denken, fand das lustig, schaute auf die Uhr, es war zwei nach acht, und stand auf. Die Datenautobahnen sind verstopft. Ich lese in Foucaults Ordnung des Diskurses. Ich glaube, er war auch ein wirrer Geist eigentlich. Seine dagegen gerichteten Zähmungsbemühungen führen zu einer Art Metaphorik des philosophischen SYSTEMS, nicht so sehr der Sprache. Das unterscheidet ihn von den anderen 'Franzosen', das gefiel mir daran immer, nicht seine Worte, seine Ordnungen sind poetisch. Sie berühren deshalb verborgene und vergessene, von den Lichtphilosophien der hellen Tradition nicht erfaßte, nicht beleuchtete Aspekte der Geschichte der Wahrheit. Dort aber suchen sie dann ganz traditionell nach Klarheit, Vernunft, Präzision, Objektivität. Er war der Antifasler unter den Träumern des Denkens. - Für die B-3-Stelle zu Lyotard. PRAXIS. 943. Luhmanns Denk-Systeme-Röntgenblick. Der entscheidende Sprung, der ins Denken gekommen ist, durch die Selbstverständlichkeit, heute, dieses hochverfeinerten Instrumentariums, das Luhmann ausgearbeitet hat. Foucault kannte den Begriff und die Idee der Leitdifferenz nicht, hat aber inhaltlich so etwas vor Augen, sucht und tastet danach. 958. Geht ein Mann in einen Bäckerladen und verlangt Brot. Sagt der Bäcker: Was solls denn sein, Weißbrot oder Schwarzbrot? Sagt er: is wurscht, is eh fürn Blinden. Sagt Faßbinder. 1136. Büro Abfall. Telefonieren. Schröder kommt mir in den Sinn. Daß das Internetzl doch auch für ihn und seine Erzählungen eine sehr passende Öffentlichkeitsform wäre. Er hat ja sein komisches Hefterl-Prinzip damit begründet, daß er den drohenden Prozessen durch die private Publikationsweise entgehen könnte. Schon bißchen lächerlich leider. Auch die Republik könnte auf die Art natürlich völlig neu erscheinen. Vielleicht würden Uwe Nettelbecks Notizen dann plötzlich ganz ungequält und heiter rüberkommen? Nicht so großartig, beleidigte- Leberwurst- mäßig. Dieser Medien- Aufseher- Ernst hat sich erledigt, wirkt einfach läppisch. Wobei ich den absurd überhöhten Preis für die Republik immer mit einer besonderen Begeisterung auf den Ladentisch blättere. Wie so eine Spende, die da jetzt nach Frankreich, in dieses von Rückzügen, Schwachsinn und Ressentiments ruinierte Familien- Leben von 'Petra und Uwe' Nettelbeck geht. 58 Mark, bitteschön, wieso denn nicht 78? Immer wieder ein Quell der Heiterkeit, allein dieser Preis. DEKONSPIRATIONE. die erste Rede im neuen Landtag wird ein Rechtsradikaler halten der Alterspräsident von Sachsen-Anhalt kommt von der DVU die Behörden lösten Großalarm aus und forderten die Anwohner auf in ihren Häusern zu bleiben 013. Jetzt doch leicht panisch. Den ganzen Tag geordnet und gesammelt die Praxis Geschichte vorbereitet. Die Form der freien Rede. Zu lang, zu kurz, zu wirr, zu negativ, zu spontan, zu klobig vorgedacht. Schwierig wird das. Ich denke, ich weiß doch, was ich denke, ich brauche es ja nur sagen. Und sehe dann, wie wenig mündlich verbal meine Gedanken im Kopf vorliegen, wie wenig mir auf der Zunge liegt, was ich denke. Obwohl ich es dauernd ausspreche, während ich es schreibe. Das ist aber ein Sprachvorgang, an den ich gewöhnt bin, in absolut GANZ anderem Tempomaß. 033. Zum Beispiel habe ich jetzt für diese paar Zeilen geschlagene zwanzig Minuten gebraucht, und dabei überhaupt nicht das Gefühl gehabt, das wäre irrsinnig langsam gegangen. Eine GROTESKE, kurz gesagt. Gute Nacht. PRAXIS I DIE FORMPHANTASIE II 6.2 Dienstag, 28.4.98, Berlin, fünf Uhr fünf. 505. Sage ich leise ins Mikrophon meines kleinen Sony Kassetten- Rekorders und stehe am Balkon und nehme da die Vögel und die Autos auf. Und denke an die vielen Atmosphären, die ich immer auf Band getaped habe, speziell in London 1990, Frühjahr 91. Das dauernde Musikhören im Radio, der britische John Peel Pop Ernst, dessen Sendung ich oft im Dunklen liegend LAUSCHTE wirklich, hatte mich in so eine Hörekstase gebracht. Die Alltagsgeräusche als die schönste Außenmusik, und das dann gemischt mit aktuellen Platten, der Gegenwartssoundtrack. Auch 94 in Frankfurt, auch in diesen Frühjahrsmonaten, wo ich abends megaerschöpft vom Musikmachen vor Joachims Haus aus dem Auto stieg und kaum glauben konnte, was ich da HÖRTE, an Gezwitscher, Gesang und Wind, um mich herum. Stevie erklärte mir dann, was für paar tausend Mark teure Mikrophone ich bräuchte, um DAS wirklich aufzunehmen. Es ist also sehr die Frage, was ich davon heute Abend mit in die Praxis Veranstaltung hineinnehmen kann. Tatsächlich ist jetzt, auf den letzten Metern, doch noch so ein absurdes Abitur-Gefühl entstanden. Ich hatte gedacht, das kommt nie wieder. Dieses Hinleben auf so einen Angst-Termin, gemischt mit bißchen Vorfeude auch. Und die riesen Sehnsucht, endlich alles hinter sich zu haben. Endlose Bewunderung für ALLE Auftrittskünstler, alle live-Event-Täter. Schauspieler, Professoren, speziell natürlich auch die Djs. Lehrreich fand ich immer wieder die nicht ungroße Aufregung der Großmeister vor ihren Gigs, bei größeren Anläßen. Nur wenn man weiß, wieviel man versieben kann, hat man die Chance, daß vielleicht auch was irgendwie Tolles gelingt. Trotzdem ist Angst für den Live-Event KEIN brauchbarer Ratgeber. Nicht umsonst bin ich es im Normalfall ja genau nicht, live. Ich bin, wie Schrift, nicht live: DEAD. 1459. Frankfurt, im Hotel, perfekt. Ein wunderbares Zimmer. Der Taxifahrer war gleich voll beleidigt, weil ich ihn gebeten hatte, sein Radio auszustellen. Ich breite meine eben in Berlin eingesammelten Papiere wieder aus, und habe den Plan verworfen, jetzt noch die Albert Bilder bei Bärbel Grässlin anzukucken. Nächste Woche wird ja alles besser, ganz bestimmt. 1703. Wieder im Hotel. Doch noch zu den Albert Bildern in die Galerie gefahren, und dann in die Uni, zur Besprechung mit Frau Baumgartl und dem Herrn Simon, der die Technik macht. Wieder alles einpacken. 1749. Los jetzt. 1938. Nach der Veranstaltung. Wieder im Hotel, mega k.o. Wie wars? Hm. Schwierig. Manches war okay, vieles leider nicht. Das ist aber bißchen zu wenig. Finde ich auch. LET'S RIOT II 6.3 Mittwoch, 29.4.98, Frankfurt. 500. Der Wecker klingelt. Am Computer. 631. Der Weckdienst ruft: dies ist Ihr automatischer Weckruf. 730. Gebadet, gepackt, beim Kaffee. So gehts also nicht. Wenns so nicht geht. Vielleicht anders. Wie? 755. Im Verlag. 916. Im Taxi. Andere Form, Fassung. 921. Was ich also sagen wollte. 927. Flughafen Frankfurt. 941. Diese Unfähigkeit, frei zu reden. Fast ja schon eine geistige Behinderung. Mit den Zeitungen. 743. AMTLICHE BEKANNTMACHUNGEN. 951. Sprache handelt auch vom Nicht-da-sein der Worte, in Spannung gegenüber dem Sehr-wohl-da-sein einer ganz präzisen Vorstellung, etwas ganz Bestimmtes sagen zu wollen, und der daraus sich ergebenden Wort- Ankunfts- Erwartung, dem Gefühl von der Ahnung des Da-ist-es-ja: das richtige Wort. Im Mündlichen ist Sprache auch ein darauf spezialisertes Organ, auf diese Spannung, auf dieses hirninterne Vermittlungs- Problem. 1005. Um Fassung ringen. 1023. Schlimmer kann es nicht werden. 1025. Im Rollfeld-Bus, bei 'ROLF', meldet der Wimpel an der Windschutzscheibe. 1037. Das Hochhalten der Reliquien, wie ein grotesker Appell an Gläubige. Dabei ist das genau doch nicht gemeint. Die Rede, das Wort eröffnet doch die Möglichkeit Dissens zu erkennen, faßbar, mitteilbar zu machen. Aber das fehlte ja genau: Rede. 1041. Im Flugzeug. 1042. Die Gesetzhaftigkeit allgemeiner Sätze sabotieren. Wie? 1057. Vollgas. 1058. In der Luft. 1101. Früher habe man so schön gehaßt. Heute grinse man nur noch blöde und sage ein debiles geil. 1126. Gegessen. Die Rede: der persönlich beglaubigte, durch Anwesenheit und eigenen Vortrag beglaubigte Text. Was habe ich damit zu tun: nichts. Horror. Und doch ist das DIE Form der Sache. 1130. Das schlimmste Desaster an der Stelle, wo die Veranstaltung bei sich selber war und davon SPRECHEN wollte: Realität. 1201. Berlin Tempelhof. 1232. Wo habe ich denn meine Bordkarte, verdammt: William. Sandra, Brenki, Daniel. Sie fliegen gerade ab nach Dortmund und finden es völlig lächerlich, wie ich erkläre, daß ich wegen Frankfurt nicht kommen kann. 1302. Im Taxi. LET'S RIOT. 1308. Je mehr Wirklichkeit anfällt, desto weniger Schrift ist da. Desto mehr schweigt der Text. 1323. Wieder daheim. 1524. Mir ist ganz schlecht, vor Erschöpfung. Im Speicher, direkt über mir, hauen die Handwerker auf Beton. 1938. 24 Stunden danach. 2054. Anderen wird nachher natürlich alles schon wieder ganz klar gewesen sein. HEADCLEANER II 6.4 Depression bei den Fans, nicht aber beim Vorstand wars das? ich glaube nicht daß es das war Donnerstag, 30.4.98, Berlin. 932. Am Schreibtisch. Oben vorne, zwischen den Schläfen, hinter der Stirn, hat nachts dieser Flächenbrand gewütet. Da ist jetzt alles ab- und niedergebrannt, und Sturm geht über diese Wüste hin. 950. Im Fremdwörterbuch steht, wie man Rhythmus richtig schreibt. Warum ist der Informationsträger Musik zu Demonstrationszwecken so ungeeignet? Fast schon der erste Skundenbruchteil von KLANG nur konstituiert Gemeinschaft, das Gefühl: ja, da bin ich dabei, ich auch. Oder eben genau umgekehrt: ä, bäh, gräßlich, was ist denn das? Ich hasse Techno, Opern, Hardrock, Barjazz, Barrock oder eben Barock Musik. Ich kann den Klang von Geigen nicht ertragen. Wenn dieses blöde Gestampfe losgeht. Das Gejaule der Gitarren. Neulich war wieder Woodstock im Fernsehen, und ich sah den unvermeidlichen Jimmy Hendrix da am Hals seiner Gitarre an den Saiten rum beißen und reißen. Darüber werden im Augenblick vier Habilitationsschriften verfaßt, drei davon im Osten. So wirkte der Außenblick darauf: es geht da um eine Ekstase, deren Moment, so gegenwärtig er war, ins komplett Unnachvollziehbare hinein vergangen ist. Wie gesagt: von AUSSEN aus gesehen. Dem Außenblick auf Urteil, gerade auf positives, bejahendes, zeigt sich kaum der Gegenstand des Urteils, viel stärker nur der Urteilende selbst: er findet da also dies und das toll, findet das scheinbar toll, daß er das toll findet. Ihr auch? Nö, das nervt eigentlich eher. Und das ARGUMENT, um das es ging, das da SINNLICH erfahrbar gemacht werden sollte, geht fast ganz unter im Ärger über den Unsinn eines solchen Vorgehens. Daß jemand die Situation der Anwesenheit so vieler verschiedener Menschen, mit so vielen verschiedenen Empfindungen der Musik gegenüber, und dem so hohen Prägnanz- und Signifikanz- Grad der Empfindungen auf genau diesem Gebiet - so völlig FALSCH einschätzt. Diese Blindheit fürs Soziale nervt. PRAXIS. 1028. Herr Ortmann ruft an und erklärt in einem Nebensatz, daß diese Flächenbrände für den Erhalt der Wüste lebenswichtig sind, daß da der Dünger entsteht, durch den wieder Neues gedeihen kann. Wir trösten uns auch an den plattesten Analogien und Bildern. Was es bedeutet, DAHEIM zu sein in einem Verlag, wie das mit dem Jahren erst so richtig sichtbar wird, für einen, in seinem ganzen Ausmaß, das ist noch ungesagt. Darüber habe ich noch nie was Richtiges gelesen. Eben weil schwierige Diskretionsfragen involiert sind. Über die Familie kann man ja auch nicht einfach so daher schreiben, und sei es noch so 'wahr'. Alles zu Nahe darf die Schrift eben nicht direkt berühren. Warum? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, das es so ist. Das spürt man dauernd. DEKONSPIRATIONE. 1055. Wenn ich daran denke: dieser geistige Spaß bei Joachim Kaisers Beethoven Vorträgen, wo ich paar Mal mit Clemens war, vor paar hundert Jahren. Da war ja der Witz: alle Anwesenden wollen etwas erfahren über genau DIESE Musik. Und sie wurde dann ja nicht nur vorgespielt, sondern von Sprache, Erklärungen, Beschreibungen und analytischen Erwägungen in der wirklich denkbar differenziertesten Weise SPRACHLICH umspielt, begleitet, präzisiert und einem eröffnet, zugänglich gemacht usw usw. Nur wenn man auf dem Niveau über Musik sprechen kann, ist es sinnvoll, einen Takt Musik erklingen zu lassen, in einer Rede. PRAXIS. 1117. DAS STAMMELN DES ARSENALS. Unter dieser Überschrift im Nachhinein die mitgebrachten Objekte zum Sprechen bringen, ihnen Text geben, und sei es nur EINEN Satz pro Ding. Das Ruder rumreißen. 1130. Sonne, Sommer, grün und blau. 1131. Die Qual. Wo ich gute Laune verbreiten wollte, hat durch die Hintertüre des Scheiterns die Existenzmitte den Raum betreten: Lähmung, Lächerlichkeit, ein wirklich, entschuldigung, NAMENLOSES Elend. Stillstand. Von dem die Sozusagen- Sage handelt, im Irgendwie-Wo. Gestammelt. 1146. Von draußen, aus dem Treppenhaus, dringt nicht nur der Malerlärm herein, der Maler- Zigarettenrauch- Geruch, sondern auch der beißende Schweiß der körperlichen Arbeit der körperlich arbeitenden werktätigen Bevölkerung. Ich empfinde die Schreibarbeit natürlich als privilegiert, die Prollarbeit aber eben AUCH. Ich würde es auch als Proll total genießen, stinkender Proll zu sein, weiß ich ganz genau. So wie ich, gerade auch noch in den finstersten Momenten, von dieser Schreiber- Lebens- Form denke: mein Ding, für mich perfekt. 1623. An Praxis. Im verdunkelten Zimmer. 1711. Oder habe ich das in den Kühlschrank getan etwa? Das Buch, das gestern gelesene, das ich jetzt seit zehn Minuten in der ganzen Wohnung suche. Und SO groß ist die ja nun auch wieder nicht gerade. Ich öffne den Kühlschrank, kein Buch drin. Es war nämlich in der Tasche mit dem Essen. Mit dem Buch, Jurek Beckers Poetik Vorlesung, war ich gestern nachmittag die Müllerstraße einmal rauf und einmal wieder runter und zurück getaumelt. Plötzlich dachte ich: irgendwann müssen diese Taumelzeiten auch wieder kommen, ohne Termin, nur so, in der Stadt rumtrödeln, mit einem Buch. Und dann gleich: aber so, wie es jetzt gerade ist, ist es auch okay. Randtechnisch gesehen, ichlos. 1939. Wieder daheim. Vielleicht habe ich das Buch ja auch versehentlich ins Bücherregal gestellt. Genau. Da ist es ja, da steht es ja, da hat es sich ja doch gefunden wieder. Warnung vor dem Schriftsteller. Ich stand vor dem Café Kranzler, wartete auf den Bus, und dachte, da war es genau sechs Uhr, an die Westfalen Halle in Dortmund, wo in dem Moment also wieder die Tore sich öffnen, und die jährlichen Debütantinnen und Debütanten im Sturmlauf die Hallen des Mayday Events stürmen. Vor zwei Jahren stand ich da mit Westbam, und die Leute rannten auf uns zu, und wir sahen das und schauten uns an. Toll. Wie die Leute sich da freuten, an diesem Mayday- Erstmoment. hier habe ich meine berühmtesten Gemälde gemalt hier wurde das Ohr verarztet das ich mir abgeschnitten habe 2021. Auf welchem Niveau jemand wie Westbam ins Risiko geht, mit allem, seit wie vielen Jahren. DAS fasziniert und ermutigt einen, das zieht einen da an, die wirklich außerordentliche PERSÖNLICHKEIT, nicht das Starding, das irgendeinem Kritiker als erstes auffällt. Es war vom ersten Moment an interessanter, mit Albert Oehlen zu reden, als mit Peter Bömmels, lustiger, mit einem Abenteuerer wie Wolli durch die Nacht zu ziehen, als mit einem geborenen Laumann wie Bernd. Fertig, so einfach ist das. Menschlich toller, mit Diedrich betrunken zu sein, als mit dem netten Michel Kröher, der ihn mir im Vienna vorstellte. In einer Nacht vor exakt 15 Jahren, 1983, in der Nacht zum ersten Mai, in Hamburg. 2121. Das ganz und gar andere Jahr 98. Ich kann nicht erkennen, was das soll, daß das so ist. Was los ist. Warum. MAYDAY XIII AND THE MOTHERFUCKING SAGA CONTINUES II 6.5 Freitag, 1. Mai 1998, Berlin. 949. In Dortmund jetzt, vor der Halle, auf dem Parkplatz, schönes Wetter, und die Durchgeraveten überall, zwischen den Autos, die Verstörten und Erleuchteten, die Abgefuckten und Kaputten, zwischendurch geht mal ein sichtlich völlig Nüchterner von hier nach da. Oder ist das eine Frau? Scheints, eine besonders schöne. In der Halle sind schon die Räumtrupps zugange. William hat seine Abschiedsansprache gehalten, oder auch nicht, falls er es vergessen hat. Man redet darüber, wie es war, vielhundertfach. Es sind unter den 20.000 Members of Mayday vier ultrazarte Liebesgeschichten passiert, und sieben oder siebzig Leute hatten ein Erlebnis mit MUSIK, von dem sie jetzt im Augenblick sich sagen: das werd ich NIE in meinem Leben JE vergessen. Gleichzeitig gehen in verschiedenen Hotels auf manchen Gängen leise ganz bestimmte Türen auf und zu, durch die die Dunkelkapitel der Sache betreten werden, von denen, die die richtigen Ziffern wissen. Auch die gehören dazu. This is a free country. I can do, what you want. What do you want me to do? Sit down. Shut up. 1009. Ich sah fast die ganze Viva-Übertragung von Mayday. Wenn es nur EINEN einzigen Fernsehkameramann auf der ganzen Welt gäbe, der sich INHALTLICH für das interessiert, was er da filmt. Mir tuen jetzt noch die Augen weh, vom Zuschauen, wirklich. Man kann optisch im Fernsehen keine Ekstase- Effekte erzielen, wenn da live übertragen und dann bißchen hysterisch rumgeschnitten wird. Aber man könnte sehr gut das gedankenverlorene Betrachten abbilden, das zum Feiern oft dazugehört. Der Blick bleibt irgendwo ganz Sinnloses hängen. Man hat sich nämlich in die Musik hineinverträumt. Allein wenn zwischen Hektik und Ruhe manchmal GEWECHSELT würde, wenn für die vielen Dj-Maniacs, die es sich nicht leisten können, dabei zu sein, die ARBEIT der Djs wenigstens manchmal in aller Ruhe und ohne irgendwelchen Firlefanz gezeigt würde - ich hatte solche Haßanfälle. Man würde sich die Verantwortlichen, und ich weiß genau, was für ein absoluter VOLLTROTTEL einem da dann gegenübersteht, gerne packen, mit beiden Händen, am Hals, und den so lange SCHÜTTELN, bis er winselt und sagt: okay, ich verstehs, ich sehs ein. Es war blöd. Nächstes Mal wird alles besser. Aber das wird eben leider natürlich genau NICHT passieren. Absolut toll war Tommi. Er zog durch die sinnlose Welt der diversen Lounges, wo die sinnlosen Profis abhängen, wie wir ja auch oft, zum Saufen. Packte sich dann irgendwen, umarmte den, riß den Kopf des anderen an seinen Kopf, mit seiner Ellenbeuge, vier blöde Fragen, bißchen ratloses Antwortgestammel. Und dann: wie gehts weiter? Ja, WIR gehen jetzt erst mal einen HEBEN. Klaro, gute Idee, komm ich mit. Dann dieser Raveline-Chef, mit seinen ernsten, völlig deplazierten Einschätzungen und Analysen. Und Tommi schaute ihn ganz freundlich an, nickte, und dachte sich: der Alte hat ja echt ein Rad ab, mit seiner blöden Pferdeschwanz- Frisur. Kurz darauf, Nalin und Kane, zwei superangenehme Prallmaten, nach ihrer neuen Nummer befragt: ja, die geht so. Und dann haute der eine Kollege wie ein künstlich Debiler auf die Tischplatte, daß die Biergläser wackelten, bumm bumm bumm. Ach SO geht die, die neue Nummer, klingt ja richtig gut. 1051. Fernsehen: das Nah-Medium. Für PRAXIS III. Genau beschreiben, was Fernsehen NICHT kann: VIELE zeigen, Situationen in Räumen, Räume überhaupt. Die Oskar-Schlemmerschen Kraftlinien, die von den Menschen ausgehend Räume weit durchqueren. Also: Theater, Party. NICHT zeigbar, geht nicht. Den Sozialvorgang unter mehr als neun Leuten. Fernsehen handelt von Gesichtern. Von fast nichts anderem. Gesichter, Menschen aus der Nähe, deren Geschichte, gespiegelt, während sie reden, in ihrem Gesicht sich zeigt. Das zeigt Fernsehen. 1111. Schorsch Kamerun, bei Albert in Köln. Wir redeten über meinen da gerade erschienen Love Parade Artikel. Schorsch stellte irgendeine Behauptung auf, über die Leute auf der Parade, wie die da gewesen wären. Ich: ach, warst du diesmal da?! Nahm ich wirklich ganz selbstverständlich an. Nö, aber das hat man doch im Fernsehen gesehen. Da war ich wieder mal echt entgeistert. Leute, die in JEDER realen live-Situation, die NICHT zufällig im Umfeld ihrer ultraeigenen Pudelwelt stattfindet, zu 90 Prozent nur beobachten können, geradezu zwanghaft, was da wie und warum genau KRITISCH zu sehen und zu beurteilen ist, kommen überhaupt nicht auf die Idee, daß das Fernsehen ihnen bestimmte Sachen vielleicht NICHT so zeigen kann, daß ein vernünftiges Urteil darüber möglich ist. Diese kritischen Kritik-Reflexe am falschen Ort, und das Fehlen gleichzeitig einer wirklich kritischen Reflexion auf die medial hochkomplizierten Fundamente des eigenen Urteilens dauernd nenne ich Dummheit, Schorsch, tut mir leid. 1206. Eben läuteten die Glocken. O gott o gott. Wo war ich? Wo bin ich? Wohin ist die Zeit denn hin gegangen, so plötzlich? Ich hatte nämlich gelesen, ohne es zu merken. 2003. An Praxis. So geht ein schöner Sommertag zu Ende. DER MAI IST GEKOMMEN II 6.6 Samstag, 2.5.98, Berlin. 803. Stammeln: wenn klar ist, wie der Satz läuft, kommt es einem irgendwie grotesk vor, ihn noch ganz zu Ende zu bringen. Als würde man den anderen, dem man da was sagen will, damit völlig hohl BELÄSTIGEN. Der versteht doch auch längst, in dem Moment, wo man selber verstanden hat. Für Praxis IV. Zur Arbeit am Westbam Büchlein. 805. Befreundet mit dem Monat Mai, von Geburt an. Ein Sonnentag ist aufgegangen hier. Ich wachte um sechs auf, irgendwie munter, und blieb dann gleich da, im Wachleben, zwischen den Papieren aktiv. 847. Gestern noch, abendlicher Gang draußen. Der Sommergeruch, zum ersten Mal heuer, den ich da witterte plötzlich. Ich konnte es erst kaum glauben, mitten in meinem stinkenden Wedding. War dann ganz aufgewühlt irgendwie. Ich las Jurek Beckers dritte Vorlesung. Er erzählt. Und erzählt, und erzählt. Ein Beispiel, eine Geschichte, irgendein Gedanke soll also ILLUSTRIERT werden. Ja, gut, sehr schön, sehr poetisch, wunderbar. Bloß: gehts nicht vielleicht doch bißchen SCHNELLER? Bißchen abstrakter vor allem? Nee? Okay okay, war ja nur ne Frage. Ist ja alles kein Problem. 904. Mein GEBROCHENES Verhältnis zur Erzählung. Die geschwisterliche Lage, der Wettbewerb um Redezeit. Es ist einem immer klar, was für eine Besonderheit das ist, daß man da jetzt also berichten darf, erzählt, das Wort hat eben. Im Live- Moment der Gegenwart. Das Wort, das die ihm antwortende Aufmerksamkeit im Gesicht der geliebten ersten Zuhörerin sieht, sucht, sich davon erst hervorgebracht weiß. Die Muttersprache ist auch im Spiegel des mütterlichen Gesichts zur Welt gekommen. 958. An Arsenal 2. Gestern Damien Hirst. Heute Dietl und Kroetz. 1200. An Praxis. 1257. Wieder daheim, Essen gekauft und Zeitungen. Der Sommer, dieser - ja, was? Er hat so ein Größe. 1350. Weiter an Praxis. 1440. Peymann. Der Spar-Bernhard für Arme, mit seiner neuen HJ-Frisur. Jetzt also eingezogen in Berlin. Neulich hat er im Fernsehen schon bißchen berlinert, kein Witz. So wie er sich die letzten 15 Jahre in Wien angebiedert hat, der große Bremer Nationalsozialist. Wunderbar. Dem werden sie es hier so kochen, da freue ich mich jetzt schon drauf. 1604. Premiere. also Duisburg spielt klasse dabei bleibe ich und der FC Bayern muß wirklich eine Schippe drauf legen einen Gang zulegen sonst 1607. Ich will, daß Bayern gewinnt. Fertig, ganz einfach. 1616. Es geht jetzt um alles, wie bei Bayern. Das kam natürlich in der Praxis Panik auch nicht mehr vor, das ganze Sport-Ding, diffuses Inbild der Lebenslage, für jeden Sportkucker, dauernd. Wie einen das entlastet, daß das Spiel genau so lange dauert, bis es aus ist. Daß dann das Resultat fest steht. Wie man sich dauernd SEHNT da danach, daß das Resultat endlich feststeht, daß es aus ist. Und wie jede Zelle des Körpers, also der reale Agent der sportlichen Aktionen, natürlich eine ganz andere Sprache spricht: Leben, sagt die, sagt der. Und diese Dinge wogen in einem, während man matt vor dem Fernseher rumhängt. Geht da dieses große Existenzdrama ab, innerlich. Ohne einen zu behelligen, im Normalfall. Daß man davon etwa irgendwie Kenntnis nehmen müßte. Man hat schließlich Wichtigeres zu tun. Man achtet ja darauf, wie viel es steht, was gerade los ist, was Neues passiert, im Moment. Selbstvergessensein, Zeitzerstörungsgeschenkkriegung, Glück. 1631. Time. I'm time. Was es heißt, in time, daß das tödliche 'T' da am Anfang steht, nicht, wie bei uns in Zeit am Schluß. Es heißt natürlich nichts. Es ist halt so ein Befund. Der irgendwie gehört zur Härte der deutschen Sprache. Zu ihrer abstrakten Denk-Tatsachen-Nähe. Ihrer Finsternis. 1637. Wieder öffne ich das Fenster 2, hier in Word, wo der Praxis Text Gestalt annimmt. Schaue auf die letzten Worte, und muß leider sagen: ich glaub, ich kann nicht mehr. Ein Windstoß stößt das angegelehnte echte Arbeitszimmer- Fenster auf. Draußen blüht die Kastanie. 1759. Unter der Dusche. Plötzlich eine solche HEFTIGKEIT von Gedanken, daß ich es im Herz spürte, ähnlich wie Schmerz, nur netter, irgendwie drängend, erfüllt. - Aus meiner demnächst bei Residenz erscheinenden Aphorismensammlung: Am Felsfenster, abends. 2054. Linksabbieger: rechts einordnen. Schlägt das Pfeilebild am Boden dem auf ihm dahinfliegenden Radler vor, Seestraße, Ecke Amrumerstraße. Auf dem Weg zurück vom 'Empfang anläßlich der Ausstellung von Georg Herold und Albert Oehlen' bei Max Hetzler. Auf dem kleinen Tisch in der einen Sitzecke im großen Salon stand Flieder. Drum rum: Wolfram, Markus, Albert, Diedrich und Georg. Es wurde über Musik geredet, A-Musik in Köln. Albert hat sich Air gekauft. Er findet es auch die Hölle, da war ich froh. Im Urteil über Musik zeigt sich so viel und schnell vom ganzen Mensch, seinem gegenwärtigen Geisteszustand. Deshalb spielt diese Thematik gerade auch unter Intellektuellen eine solche Rolle, man müßte unendlich weit ausholen, um präzise darzulegen, warum man so empfindet, urteilt. Andere Leute sind gern anderer Meinung als ihre Freunde, empfinden das als belebend. Ich nicht. Ich mag lieber vom Gleichen ausgehend weiterspinnen, im direkten Gespräch, finde, da entsteht mehr Reichtum und Spaß. Arbeit an den Differenzen und Negationen gehört für mich mehr ins Reich der Stille, des Denkens, der Lektüre vor allem. Auch im Moment der Entstehung der Schrift ist das bejahende Moment natürlich produktiver. Ohne Dummheit: keine Produktion. Der drohenden Gefahr der Dogmatisierung dieses seltsamen Geheimnisses ENTGEGEN muß man Denken, Dissens und Streit dem empfangenden Vorgang möglichst oft ins Wort fallen lassen. Man: ich. 2125. Ein aufregender Abend ist das gewesen. Zitternd hielt ich mein Wasserglas in der Hand und erzählte: Albert! Das Gutachten vom Depperltest ist gekommen! Ich habe es eben vor zehn Minuten aus dem Briefkasten getan. Ich darf den Führerschein jetzt endlich wieder neu machen. Zum dritten Mal in meinem Leben. Dann kam Markus dazu und berichtete, wie drogenverseucht ich bei der Frankfurter Veranstaltung auf Rüdiger gewirkt hätte. Solange die Authentizitäts- Fiktion so knallt, daß die Sünden meiner Helden MIR zugerechnet und vorgeworfen werden, hat der Text sein Ziel erreicht, eines der vielen. 2132. Am Rad dachte ich nach über die Problembegriffe: 'Heil', 'Botschaft', 'betend'. Warum die so überstark senden. Auf jeden Fall stärker, als ich intendiert hatte. Als wäre die Knechtschaft, die vom Feld der Religion ausgeht, immer noch so drohend, daß jedes Wort von daher heftig autoritative Töne mit sich führt, die sofort entsprechende Antireflexe mobilisieren. Aber wahrscheinlich geht es ganz banal und direkt um den säkularisierten Gebrauch der klerikalen Terminologie durch den Faschismus. Mich wundert nur, daß ich es nicht richtig HÖRE. Ich muß mir die Überlegung argumentativ erarbeiten. Dann sehe ich es auch sofort ein. Wie immer: ich nehme alles zurück. Oder, um den Albert- Collage-Teppich, der da bei Max am Boden liegt, zu zitieren: wounded by war, crying for light. Oder nicht doch lieber eine nichtleichte HB vielleicht? DISKUSSION AUSGEWÄHLTER KLÄNGE II 6.7 1000. Die Glocken läuten, die ganze Zeit schon, plötzlich merke ich es, denke panisch: WAS?, schon wieder ZWÖLF?, schaue auf die Uhr: 1000. Ah, gut, sehr schön. Wenn ich durch Konzentration das Zeitgefühl so total verloren habe, daß ich mich um glatte zwei Stunden verschätze, dann war das wirklich Konzentration von der Nirwana-Art. Da müssen andere mühsam meditieren dafür. Bei mir wird das ausgelöst durch Text. - Aus meiner Text-Sammlung: TEXT. Die härteste Droge, die ich kenne. spielte Variationen über Weinen Klagen Sorgen Zagen von Johann Sebastian Bach, erzählt der Radioerzähler, und ich lese in Diether de la Mottes Harmonielehre. Schaue kurz in Rave das dazugehörige Datum nach. Musik: in keinem anderen Bereich interessiert es mich so stark, wie genau das GEMACHT ist, daß eine bestimmte Empfindung hervorgerufen wird. Ohne absolutes Gehör weiß man ja nicht, welche Akkorde aufeinander folgen. Der unendliche spielerische Reichtum der all die musikalischen Empfindungen einkreisenden Analysen. Bei der Malerei geht das völlig ineins, liegt das alles offen zutage. Man sieht ja, ob Gelb an Rot oder an Weiß stößt. Sprache: alle Deutsch-Aufsätze mehr oder weniger, seit der 10. Klasse: Gedicht-Interpretation. Lesen, nichts verstehen, paarmal stumm, aber innerlich Wort für Wort laut lesen, und eine Idee kriegen, eine Ahnung. Dann die Betonungen und Senkungen untersuchen, den rhythmischen Befund erheben, notieren, zählen, durchrechnen, den möglichen Patterns zuordnen usw usw. Die ganze diesbezügliche Begrifflichkeit habe ich völlig vergessen. Nur die Freude-Erfahrung beim sich langsam der Analyse erschließenden Aufgehen der möglichen gemeinten Sinne steht mir leuchtend vor Augen. 1121. An Arsenal 3. Banana Yoshimoto. Der beschnittene Penis von Frau Streeruwitz mit der Enttäuschung der enttäuschten Frau für Praxis III. Gegenbild Kitchen. 1231. Brief an Diedrich. 1322. Think! - fordert ein T-Shirt gellend grell. Aua, sagt der Reflexgedanke, bitte lieber nicht. Blick hoch, ins Gesicht von dem Typ, der das T-Shirt trägt. Der Gute. Er stellt sich dieses Think mit Ausrufezeichen als was Tolles vor. Dann wäre alles besser in seinem Leben, die scheiß Akne, das ganze sonstige zu Wenige, Glück, Geld, Liebe, und überhaupt ... - in der Böttgerstraße war das. Noch eine andere Wedding-Kaputtheit als hier. Gesundbrunnen, nennt sie sich. Offen, zerfetzt, wund und zersiedelt. Am stärksten sichtbar an den Stellen, wo irgendwas Ornamentales, Besänftigendes, Kunst-am-Bau- Artiges versucht wird. 'Ich wollte immer im geistigen Brennpunkt der Nation sein'. Meldet der große Verleger Lunkewitz großartig vor einem ganz komisch sortierten Bücherregal natürlich in Berlin 'Mitte' sitzend, in der Berliner Zeitung. Solche Selbst- Aufpumpungs- Sätze hört und druckt man hier in Berlin besonders gern. Aber bevor die Frankfurter FAZ nicht ganz nach Berlin umzieht, und das steht ja in den nächsten zwei Wochen nicht zu befürchten, braucht man sich zugleich auch keine richtigen Sorgen zu machen. Wir sind eben keine 'Nation', wir sind Bielefeld. So wie wir Hannover waren, Wolfenbüttel, Königsberg, Weimar, Sils Maria, Göttingen, Tübingen, Todtnauberg und Frankfurt. 2021. An Praxis. Noch zu wirr. Konstruierte Wirrnis ist lächerlich. Völlige Stringenz genauso. Rede: schwierig. Plötzlich stürzte auch noch der Computer ab und kam nicht mehr hoch. Dunkelgrau blind: die sonst blau leuchtende Schriftbildseite. End of Text. Ende. WOUNDED BY WAR, CRYING FOR LIGHT II 7.1 Montag, 4.5.98, Berlin. Plötzlich kalt. Regen. 825. Wie der Computer gestern nicht mehr ging, dachte ich immerzu nur an hier. Wie soll das jetzt weitergehen mit Abfall? Dienstag, Frankfurt, besser könnte es jetzt nicht passen, dieses Problem. Brutale Panik. Wenn die Maschine schweigt, heißt das: Ende der Vorstellung. Das wars. Ganz normal: ich hatte natürlich im Lauf der Zeit wieder völlig vergessen, in welchen Abhängigkeiten ich hier hänge, mit meinen Worten. Kolbenfresser, auf der Autobahn, nachts um halb drei, einspurige Baustellen-Stelle, den Berg hoch, Gegenverkehr. Oder ist nur ein Zylinder ausgefallen? Kommt man noch hoch? Wie man mit den Zehenspitzen am Gaspedal ins Innere des Motors horcht und tastet. So saß ich vor meinem toten Maschinchen, mit aufgerissenen Augen, und tat, was Christoph, der Computer Doktor, der in München Moosach am Abendessentisch noch saß, mir telefonisch riet. Als nach einer halben Stunde dies probieren und jenes machen, und im Systemkonfigurationsprogramm das noch mal so und das ein bißchen anders vielleicht einstellen - der Reset-Restart tatsächlich wieder GING, und es hieß: Windows 95 wird gestartet ... Punkt punkt punkt, und dann passierte das auch noch genau, und das blaue Windows Fenster ging auf. Leute, das sind Glücksmomente, Wahnsinn. Danke Christoph, vielen Dank. DIENSTAG IS PRAXIS DAY II 7.2 Dienstag, 5.5.98, Berlin. 321. Zu schön, um wahr zu sein, die Zeitziffer. 1036. Der Computer hat durchgehalten. In etwa eineinhalb Stunden muß ich los. Ich war um drei aufgewacht, konnte nicht mehr schlafen. Saß dann zwei Stunden am Schreibtisch, ging dann wieder ins Bett. Um 6 läutete der Wecker, da war ich dann so richtig platt. 1215. Duschen. Ich glaube, ich war sehr gerne im Wasser, ganz am Anfang. Vielleicht kommen von daher auch einige komische Probleme für das Leben in der Existenz auf Erden. 1238. Beim Packen. I think a lot about what not to think about. Thinking I shouldn't be thinking like that. 1246. Im Taxi. Daß man auch die Leute, die einen mögen, arbeitsmäßig, das, was man macht also, BETRÜBEN muß - ein trauriges Kapitel - aber leider ist das so - so wie man ja auch dauernd sich SELBST betrübt, enttäuscht, entsetzt, empört ... - 1250. 24 Stunden non stop. WIR spielen die meiste Musik. Radio Energy Berlin. 1254. Wo? In welchem: IN der? Im Draußen der. 1429. Frankfurt. 1505. Im Hotel. An der Rezeption: So, die 17, schönen Aufenthalt. Danke. 1557. Lesen. Ununterbrochen. Das Schönste, was es gibt. Beim Schreiben ja auch: man liest dauernd den vor einem entstehenden Text. 1712. Korrekturen. Wieder ist mir schlicht schlecht vor Aufregung. 1737. An den Schreibtisch gehe ich jeden Tag gerne. Das hier gelingt mir nur unter Aufbietung aller DISZIPLIN, die ich mobilisieren kann. Grotesk. 1739. Let's get busy. 1752. Im Hörsaal VI. 1815. Los jetzt. PRAXIS II DAS THEMA ERFASSEN FORM Was ist eigentlich eine REDE? 'Meine Damen und Herren'. Dieses Ding, dem also diese seltsame Formel zustehen würde? Diese pathetisch situative Anrufung einer Gemeinschaft - darf man sowas sagen? - der anwesenden Damen und Herren? Wo es auch gar nicht als Frechheit empfunden würde, daß einer sich da diesen Besitz zuspricht, so als wären sie so sehr seine, die Damen und Herren, daß er sie als MEINE bezeichnen dürfte? Wo dieses 'meine' mehr ins Allgemeine, Gemeinsame spielen würde, dem die ja nun alle wohl freiwilig Anwesenden sich gerne zugesprochen, zugeordnet sehen würden? Und wo so ein Einzel-Ich sich dann auch ein WIR erlauben dürfte, in dem davon gesprochen würde, daß wir hier jetzt also, nachdem wir ja nun beim ersten Mal usw usw usw. Oder ist eine Rede nicht doch eigentlich was - ja, viel Freieres? DEKONSPIRATIONE Am Schluß würde sich irgendwann natürlich rausstellen, daß dieser eine Typ eigentlich ja doch auch so ein HELD ursprünglich gewesen war, ein Umstürzler, der angetreten war, alles anders zu machen, die Formen zu sprengen, und der dann aber doch im Laufe der vielen Jahre ... - Es würden ja keine Innenwelten gezeigt. Die Leute sind viel zu beschäftigt, die Helden. Viele Helden, jeder eine Sonne für sich, für sich, in seinen eigenen Augen. Termine drängen, alles funktioniert prima, Telefonanruf. Dann im Auto. Er sitzt im Flughafen, öffnet so einen Kapitäns-Aktenkoffer, wichtig. Nimmt da Papiere raus. Kritzelt was. Es sind ja alles Schreiber irgendwie. Die Welt der Schrift, der gedruckten Worte, der Redakitonen und Konferenzen, der Schreibtische, Sekretärinnen, entschuldigung, und Arbeitsessen. In der fremden Stadt geht man mal richtung sogenanntem Amüsierviertel, aber natürlich nur zum kucken. Mal kucken, wie sich die Versuchung so anfühlt, im Zweifelsfall. Man hält sich schließlich noch nicht für DERART kaputt, daß man leicht angesoffen im Pulk mit den Kollegen aus dem amerikanischen Mutterhaus, da jetzt wirklich hier in Hamburg, hier in Frankfurt, hier in Wien - also wirklich, das muß ja nicht sein. Am nächsten Morgen: danke, Glück gehabt, die Kurve gerade noch gekriegt. Der Kopf drückt. Anschrift: LET'S GET LOST. Aspirin. Der ganz normale Arbeitsalkoholismus. Mit dem Blick auf die Uhrzeit beim ersten Bier. Mittags eher selten. Extrem selten morgens oder überhaupt nicht. Spätestens abends um elf. Zwei, drei, vier Bier zur Beruhigung, zum Schluß noch einen Cognac, um die nötige Bettschwere zu kriegen. Dann Gespräch, eine erregte Debatte plötzlich. Worum geht es denn? Wir kriegen noch zwei, bitte, die letzten, zwei Cognac noch bitte. Es geht um den Auftritt von dem Typen in der Heftkonferenz. Was war das eigentlich für ein groteskes Gestammel? Was wollte der eigentlich sagen? München also, oder Hamburg. Burda, der Depp von München, steht am Fenster, ein Papier in der Hand. Ein Fax aus Offenburg kommt. Die Türe steht offen, die rechte Hand meldet irgendwas. Burda: ich komme. Die Güterloher drehen durch. Markwort will es wissen. Anruf bei seiner Frau, in der Bunten. Ja, wir bringen was, natürlich. Diese Heftkonferenz also, es ist ja Montag. Die Arbeitswoche beginnt. Montag ist Focustag. Ist Spiegeltag. Tagwelt. Der Beruf. Das Leben steht an einer Stelle, wo die Zerstörungen so manifest geworden sind, daß es schier lächerlich wäre ... - wobei, aber, andererseits - Moment mal - Giovanni di Lorenzo dreht sich um: wie sagten Sie? Wie bitte? Was? Sie drehen da gerade die Aufzeichnung dieser neuen SZ-Talkshow, Giovanni als Spar-Böhme, alle total sympathisch. Frau Dittfurt spricht über Humor, Feurstein verteidigt Harald Schmidt. Das Gesicht von dem einen Zuschauer-Darsteller. Er arbeit in der SZ in der Kantine. Oder war es der Spiegel? Er bringt jetzt im Moment jedenfalls das Essen drei dreimal an diesen einen Tisch, enventuell natürlich an Tisch drei. Oder, um nicht gar zu dick aufzutragen, vielleicht ja doch eher auch an Tisch fünf, in dem Fall mal. Wir werden es erleben. Meint der Sowieso dort zu dem anderen, der zum dritten sagt: Punkt punkt punkt ... Und die sitzen da also alle in der Kantine und reden über diese Heftkonferenz eben. So. In dieser Weise. Aber kann man das wirklich THEMA nennen? Thema der Erzählung Dekonspiratione wäre also gleichzeitig der Weltausschnitt Schreiben als Beruf, und eine sehr weit außen, an den Handlungen und Geschehnissen verlaufende Bewegungsform des Textes. Es läuft. Es läuft gut. Es läuft geradezu wie geschmiert. Janz ruhich, et läuft, et läuft. Anschrift: SEX, immer daran DENKEN, daß es das auch GIBT. REDE Dann also im Inneren dieses einen Textes, innerhalb der Erzählung natürlich. Analyse, ein Gedankentext, eine Überlegung. Wer spricht denn da? Der Text. Keiner der vielen sonnigen Helden. Eine Finsternis, die Schwärze und der Tod der Schrift selbst. Der Gegenstand dieser Schrift ist: das Leben der mündlichen Rede. Vielleicht stellt sich ja später auch raus ... aber egal. Wo das Wort ENTSPRINGT. Im Kopf? Oder nimmt das Wort den Weg vom Bild des Buchstabens der Schrift, die auf dem Papier da steht, ausgehend, über die Augen und den Sehnerv ins Innere des Hirns, den weiten Weg nach hinten, in den Okzipitallappen hinter, und wird dann von da aus wieder vorgefunkt, zu den diversen Sprachzentren, die via Verstehen und Motorik zum ausgesprochen mündlich, mit dem Mund hier ausgesprochen Wort führen? Wie also, was? Durch Überpräzision Verstehen sabotieren? Die Gesetzhaftigkeit allgemeiner Sätze in die Luft jagen, SOFORT. Wie?! Dabei berührte er, obwohl das eben gar nicht hauptberuflich beabsichtigt war, den Gegenstand dieses Textes über die Rede. Rede kann nämlich präzise, prägnant und treffend werden im VAGEN komischerweise, solange sie nur WIRKLICH live und neu entsteht im Inneren dieses augenblicklich seine Gedanken aussprechenden Kopfes. Auch davon handelt Fernsehen. Anschrift: SKEPTOR. Vom Übergang, in diesem Fall jetzt hier, aus diesem toten TEXT da innerhalb der Erzählung Dekonspiratione über das Leben der Worte in der mündlichen Rede also in das neulich bereits erwähnte Theaterstück NEUE DEUTSCHE KOMÖDIE das ja, wie gesagt, genau davon handelt: vom Status des Mediums, im Moment. Szene. Ein Vortragspult, eine Tafel, mit Plakat drauf, schön bunt geworden, in allen Regenbogenfarben die Anschrift da: Berliner Reden. Ist ja toll. Wer spricht? Zum Beispiel Peter Sloterdijk. Ein Ruck muß durch Deutschland gehen. Weil wir zusammen sind, im starken Grund. Europa und Berlin, Nation, sofort. Natürlich, logisch, klar. Meine Damen und Herren. Schreit er immer wieder, auftrumpfend, ganz leise natürlich, und streicht sich dazu so einen Gebrüder-Grimm-Haarfetzen aus der hohlen Stirn. Ja, wir sind gelandet. Im XIX. Jahrhundert. Wieso auch nicht. Professor Hegel hängt am Pult. Er spricht kaum hörbar, leiernd monoton, über die Triebe und die Neigungen, gut, bös, die Faselei der Willkür, das Ich, Besonderung, Begriffe, Zweck. Moment. Herr Sloterdijk hat einen kleinen Sprachwitz eingebaut, mit kleiner Heiterkeit beim Publikum. Ein kleiner Antwortschwenk ins Publikum hinein. Da sitzt Frau Nina Ruge, neben ihrem neuen BMW-Typ, Reiz heißt der vielleicht, und Frau Ruge macht immens gekonnt einen auf richtig konzentriert. Eine tolle Frau. Neben Frau Ruge sitzt Franka Potente, nur wegen dem Namen. Sie hat in einem Interview, letzte Woche in der Woche, das übrigens vorhin auch in dieser legendären Heftkonferenz eine kleine Nebenrolle spielte - über ihr SPIELEN Aukunft gegeben. Beim Film. Wie es alles so ist, wenn sie 'drehen', am sogenannten 'Dreh'. Sie dreht jetzt demnächst wieder, aber zwischendurch spielt sie auch Theater. Das ist für sie EXTREM wichtig. Dieser Kontakt zum Publikum, daß man da doch mal am Stück in einem Stück auf der Bühne sei und - sie habe, sagt sie, bei Schopenhauer gelesen, daß der über die Live-Auftritte Hegels vor Publikum - sie habe jetzt vergessen, was GENAU gesagt hätte. Aber das habe ihr auf jeden Fall, Zitat: viel gegeben, für ihre, nochmal wörtlich: Arbeit Anschrift: ANGST vor KAFKA. als Schauspielerin, auch als Mensch, als Frau, und auch ganz speziell für alles auf der Bühne. Dort fährt, bei diesen Worten 'auf der Bühne' in diesen Augenblick ein Bus aus der Kulisse vor. Degowski kommt heraus. Die Waffe in der Hand, er fuchtelt rum, vor den Kameras. Interview, live, jetzt. Sind wir drauf? Ja, wir sind auf Sendung. Frage: Wie es jetzt weitergehen soll? Seine Forderungen? Ja, also, folgendermaßen: er hat natürlich nichts zu verlieren. Habe jüngst erfahren, er habe auch noch Aids, lebenslänglich sowieso. Er gehe volles Risiko, entweder werde ausgetauscht, oder alle gehen drauf. Ober sich klar genug ausdrücke, oder ausgedrückt habe. Der Typ vom Hessischen Rundfunk, ich glaube er heißt Wilfried F. Schöller, ein ganz frisches, junges Talent aus der Lokal-Kultur-Reporter-Szene Frankfurts, - ruft also vor: Wie ist es denn gelungen? Und Degowski wird jetzt staatsmännisch. Er wolle hier kein Senstationsfernsehen. Er und Rössner hätten alle Trümpfe in der Hand. Er erwarte, daß der Krisenstab sich endlich bewege, andernfalls - Schnitt. Diskussion, im Schneideraum, paar mittlere Chefs von n-tv, oder sind wir da schon wieder beim HR oder in der HJ?, ich sehe Herrn Podak, guten Abend, also gut: die diskutieren da, dieses Band das da läuft. Kann man das zeigen? Auf dem Band sieht man die Entführung. Comet-Verleigung, heuer in Sigmaringen, nee: es ist der Bambi, es ist Tuttlingen, hallo Tuttlingen. Würdevoll eröffnet die 94-jährige Grande Dame der Strick-und-Mieder-Presse, Frau Wiltrude Burda, den Event. Gala, Tusch, alle da. Degowski, jetzt wieder in echt oder immer noch am Band, er spaziert da also rein, im Frack natürlich. Abendgaderobe bitte. Gerne, roter Teppich. Trifft sich mit Rössner und sie holen die Waffen vom Klo und ballern dann da rum. Blutbad. Oder auch vielleicht lieber nicht. Sie schießen nur in die Decke. Und treiben die ersten Reihen da so bißchen zusammen. Die erste Riege der deutschen Fernseh- und Film-Unterhaltungs-Gesellschaft. Die sieht man da also alle, auf diesem zu diskutierenden Band, Hände über dem Kopf, im Gänsemarsch, werden die da alle in den Bus getrieben. Tolle Abendstimmung, rot flammende Himmel hinten, und vorn das grellweiße Licht der Halogenscheinwerfer der Live-Fernseh-Übertragungs-Teams. Anschrift: Vorsicht: Die BÜHNE ist eine LUPE. Im Schnellvorlauf jetzt: man sieht die Gesichter einiger Geiseln, durch die Busfenster durch gesehen. Ausnahmsweise wissen sie in dem Augenblick einmal NICHT, daß sie eben selber gesehen werden. Entsprechend fallen diese Porträts aus. Man sieht Till Schweiger und Edmund Stoiber, Arabella Kiesbauer, Georg Kofler, Jörg Heider und den großen Lindenstraßen-Darsteller Georg Schröder, neben Peter Handke, der an dem Abend einen Lebenswerk-Bambi bekommen sollte, oder noch schöner natürlich: schon bekommen hat. Aus der Hand, wir sehen die Aufzeichnung, diesen bewegenden Moment, seines Freundes Hubsi Burda. Applaus brandet auf, Sloterdijk verneigt sich - und Bernd Eichinger, der große Amerikaner, steigt jetzt aus dem Bus, so lässig es geht, die Waffe Rössners am Kopf. Ein Moment von Hektik kurz, Rössner schreit rum. Die kommen da jetzt also doch alle aus dem Bus, halten sich an ihren Bambis fest. Sollen sich auf den Boden legen, auf den Bauch. Wirds bald, schreit Rössner. Eichinger, endlich im großen Showdown-Abenteuer wirklich angekommen, jetzt allerdings doch sichtlich bißchen wimpy - hat seinen Bambi an Schweiger weitergegeben - und muß jetzt, die Pistole Rössners an der Schläfe, eine Rede halten, die später so berühmte, große, legendäre Eichinger-Rede an die deutschen Fernsehzuschauer da draußen, jetzt, in dieser schlimmen Stunde für uns alle. In dieser Stunde der Not. Ja. Ein Ruck müsse durch - Hopla. Sloterdjik zuckt. Er dachte, das wäre sein Text, schaut, ob jemand gesehen hat, wie er erschrocken ist. Er ist kurz unsicher, verneigt sich einfach noch einmal, ja, das kommt an. Das geht. Währenddessen ging ja Eichingers Rede weiter, irgendwas mit Deutsch, deutscher Unterhaltung, wir in Deutschland, deutsche Schauspieler und deutsche Stars in deutschen Filmen, die im deutschen Fernsehen Deuschland würdevoll vertreten würden. Dieses ganze Ding, auf Arie getrimmt gesungen, von A bis - sagen wir mal B. Davon fühlt sich Jeff Koons angesprochen, der lebende Vertreter Andy Warhols auf Erden. Eine Live-Schaltung, zugeschaltet aus New York, Frau Christiansen, fragt, wie er, Jeff Koons aus der Sicht der amerikanischen Kunst diese Entführung bewerten würde. Ja, also, dingens - Zurück zur Rede. Zurück zum Publikum. Der Typ aus der Kantine schaltet um. Anschrift: Sein SCHREIBEN will wie ZEITUNG sein. Man sieht die Kantine der Berliner Volksbühne. Rammelvoll. Premierenabend. Die Leute reden über Kresniks Hotel Lux Premiere, die vor wenigen Minuten oben auf der Bühne über die Bühne gegangen war, und man sieht da ja, das bin ja ich, ich sitze da am Tisch mit Wilfried Schulz, neben mir zwei schöne junge Frauen, die aus der Theaterszene sechs im vage projekierten Büchlein JAHRZEHNT DER SCHÖNEN FRAUEN kommen, offensichtlich, und links neben mir sitzt Frank Castorf und redet mit Wilfried Schulz über seine Fledermaus in Hamburg. Meint der Typ aus der Kantine mit Essen drei: wie? was? Jahrzehnt der schönen Frauen? Und der andere erzählt dann von hier, von der Veranstaltung neulich, Praxis I, Die Formphantasie. Und er würde das jetzt gerne so bißchen übergehen, was er da also gerade genauer ... - um kurz mal, nach so viel Wirrnis-Anhäufung, eine Art Zwischen-Zusammenfassung vorzuschlagen. Man könnte sozusagen - und EINMAL sei es auch heute gesagt, nachdem dieses Sozusagen beim letzten Mal, in der Sozusagen-Sage hier, die sich im Irgendwie-Wo der ultraauthentischen Unmittelbarkeit abspielte - eine so große Rede-Motor-Rolle für den Stammel-Text spielte - könnte also vieleicht von MECHANIKEN sprechen, Mechaniken der thematischen Entfaltung. Oder: von einer Art Motorik des Zugriffs. Die im Moment noch immer beides ist: völlig vage, und dabei zugleich abstrus präzise. Der thematische Zugriff hat Traumqualität. Sein Ahnen ist punktuell konkret, geordnet, dann wieder sprunghaft. Stellen, die undeutlich sind, dürfen das ruhig bleiben. Der Blick blickt schon woanders hin. Die Formphantasie hatte kaum ein Wort Vertrauen das Mediale Politik und was jetzt, in der Phase der thematischen Erfassung zuströmt, sind zunächst auch vorwiegend erst Bilder, Geschehnisse, Szenchen und auf abstrakterer Ebene immer wieder die Verknüpfungsregel, die dem Gegeneinander dieser Einzelmomente sich verdankt. Die sichtbar wird, an der Stelle, wo man die Einzelheiten kollidieren sieht. KEIN Text spricht hier, denn es ist noch lange kein Text da, nicht die Sprache geht hier vor, sondern die Ansicht, die Schau, der Blick aufs inhaltliche Problem Die Arbeit erkennt im vom Thema geführten Zugriff auf ihren Gegenstand die Form der Sache, das Strukturproblem, ihre Postition. Das heißt hier Praxis II Das Thema erfassen Form Strukturproblem Postion Das steht da also in einem dieser Text-Texte, in Dekonspiratione, das oberste Blatt auf dem Packen Papier, der da am Schreibtisch liegt. Und der Typ daneben, der von vorhin, welcher denn? ist doch ganz egal also erzählt jetzt, am Telefon vielleicht am besten, daß es zu diesem Desaster in der Heftkonferenz auch deshalb gekommen wäre, weil sie alle am Abend davor bei diesem mehr oder weniger konspirativen Treffen derart versackt wären. Welches Treffen denn? Die Gründung dieser neuen Zeitschrift. Vorsicht, bitte noch nicht weitersagen, leise, ist noch wahnsinnig geheim. Anschrift: Diese rauschhaften Passagen ... Maxim Biller, Diedrich Diederichsen und Ulf Poschardt haben diverse Kriegsbeile begraben, die politische Lage schreit danach, daß die Linke, nach einer Phase der aggressiven Fraktionierung und Selbstzerstörung, unter dem Druck der gegenwärtigen Realpolitverhältnisse der neuen großen Koalition des bürgerlichen Lagers - sich endlich wieder zusammenfindet. Persönliche Differenzen und Eitelkeiten hin und her. Man braucht ein Organ. Schlingensief hat sich bereit erklärt, einverstanden zu sein, daß die Zeitschrift seinen Namen trägt. SCHLINGENSIEF. Der Spiegel Verlag tut da nicht unviel Geld raus, für dieses politische Postionsblatt. Möchte sich noch einmal ganz neu an die Spitze eines Undergrounds und eines Aufbruchs stellen, der - die - Maxim Biller lehnt sich zurück. Ob er sich klar genug ausdrücke. Er hat schon fast etwas Patron-haftes, Pate-mäßiges. Innerhalb der Führungstroika von Schlingensief besetzt er, auf eigenen Wunsch, die Position eines als 'Erster Redakteur' bezeichneten Chefredakteurs. Diedrich Diederichsen soll Schriftleiter Theorie werden. Ulf Poschardt Textchef Leben. Und man müsse sich also nun diese Gründungs-Sitzung, hört der Typ am anderen Ende der Leitung, noch ein Schreibtisch, noch ein Büro, noch eine Redaktion, man erkennt sofort, und zwar an der Einblendung des Wortes UNTERIRDISCH, daß man sich im STERN befindet, Christian Seidl, der von dort gerade seinen Abgang vorbereitet, seither in Sorge, was er am Telefon im Büro noch sagen kann, was nicht. Es gibt Gerüchte, unsichere Kantonisten würden von Funke, so der fiktiv Stern-Chef, sogar abgehört, was in diesem Fall von wegen Spiegel nicht ganz ohne wäre usw usw jedenfalls die Stimmung in dieser Gründungs-Sitzung habe schon so bißchen was Bunker-mäßiges an sich gehabt. Die letzten Tage von sowieso. Vielleicht dieses Jahrhunderts, um nicht zu sagen: des Jahrtausends. Anschrift: Get your shit TOGETHER. Gute Idee. Diskussion der Inhalte. Feministische Theorie. Natürlich auch mit am Tisch: Isabelle Graw. Und ich erzähle, während sie redet, und zwar: Macht und Theorie. Reale Machtverhältnisse, die ein Aufbegehren hervorbringen, dem auf theoretischem Level eine sehr vernünftige Sehnsucht nach argumentativ gut fundierten Positionen korrespondiert, die auf was Neues, Kommendes, zur Erkämpfendes und Besseres verweisen. erzähle ich dem Moritz von Uslar, der neben mir sitzt, ganz leise die folgende Szene. Groteske Situation neulich, nach der Veranstaltung hier. Ich pack mein Zeug zusammen, robb da am Boden rum, komplett am Ende wirklich, im Vollgefühl des Entsetzens, was da jetzt passiert war, in der vergangenen Stunde hier, kommt so eine Frau her, meint: du entschuldigung, kann ich dich mal eben sprechen. Ich: verzeihung, nee, bitte nicht, ich ä ä ä, stammel, fleh, schweig. Meint sie: geht aber ganz schnell. Ich noch mal: verzeihung, bitte, abwehrend. Aber das interessiert die Alte natürlich gar nicht. Textet die dann los, auf mich ein, als wäre ich ihr WG-Mitbewohner, und erzählt mir, wie sie das fand, wie ich das mit dem Kind gehandelt hatte, das da in der ersten Reihe saß und krähte. Fand ich echt super, von der Alten. Sage ich zu Moritz und wir reden über direkte köperliche Gewalt. Wann man plötzlich zuschlägt zum Beispiel, wann man jemandem, der einem bißchen zu nahe tritt, bißchen zu heftig, bißchen zu penetrant, einfach in die Fresse haut. Oder ins Gesicht spuckt, zur Selbstverteidigung. Wir sitzen nämlich im Roma und diskutieren über die neue Fernsehtalkshow, der Süddeutschen Zeitungen, SZ-TV, supergeheim alles, klar. Givanni di Lorenzo dreht sich wieder vor. Und ich sage zu Moritz, daß es also zu keinem gräßlichen Übergriff gekommen wäre, in der Situation da, ganz im Gegenteil, ich hätte mir danach gedacht: was soll der Scheiß. Das ist ja wohl der Fortschritt. Daß eine Frau von der Konstituion von der da früher ein lebenslänglich geducktes Leben hätte führen müssen, geduckt unter, um es ruhig so zu sagen, patriarchaler Gewalt, und heute geht sie wenigstens bißchen aufrechter, wenn auch als hohle Nervensäge durch die Welt. Davon also, von den hier tangierten Fragen und Problemen würde also Jahrzehnt der schönen Frauen handeln. Und wenn ich neulich, bei der Formphantasie als ersten Begriff sagte: Politik - ist damit die Perspektive bestimmt, unter der das Büchlein diese Probleme sehen will. Hieße es da also beispielweise, und jetzt hier zum letzten Mal, in Schlingensief. In dem Editorial. Daß eine solche avancierte Theorie, wie sie hier zugrunde liege, sich zweifach an ihrem eigenen Anspruch messen lassen werde: inwieweit sie theoretisch auf dem Niveau dessen ist, was Theorie zur Zeit wissen kann und deshalb realisieren muß. Und zweitens, wie die reale Lebenspraxis der Leute ausschaut, die diese Dinge vertreten. Klar: Was an dieser Sache so reizvoll wäre, wäre also das Projekt, so multiperspektivisch vorzugehen, daß die klaren Kampf- und Lagerlinien, die die Verhältnisse innerhalb der neuen Diskurslinken zur Zeit ordnen, auf dem Feld von Nachtleben, Techno, Frauen, Pop, Kunst etc, - schlicht zerfallen würden, sich auflösen müßten. Untergehen würden in der Menge der realen Theorie- und Weltfragment-Wahrheiten. ANDERERSEITS Wobei selbstverständlich, was jetzt vielleicht durch diese spielerisch hektische Motorik der hier skiziierten Erst-Kaleidoskopien - Anschrift: Wer SPRICHT? bißchen falsch in den Hintergrund geraten ist, natürlich nicht irgendein artifizielles, artistisch gekonntes SPIEL da aufgeführt oder angestrebt würde - sondern immer, auch wenn es manchmal nervt, eine völlig hochseriöse und von eigenen Lebensfehlern und Problemen gedeckte, von daher drängende UNTERSUCHUNG der Realität stattfinden müßte, würde. Es wäre dieses Projekt also auch, wie alle anderen Sachen, an denen ich im Moment arbeite, ein Rekonstruktions-Versuch der Gegenwart. Hier, in diesem Fall: der neuen Diskurslinken, die Anfang der 90er Jahre aus dem politischen Rechtsruck entstand, den die Vereinigung mit sich brachte. Es wäre eine Auseindersetzung mit meinen Antworten auf deren Sprechen, Argumentieren, und Politik und Theorie machen. Anschrift: Du, Maus. Daß man also auf die Frage: hast du zu meiner Alten Rockerschnalle gesagt?, nicht unbedingt antworten müßte: dann wirst du kurz umgewuchtet. Sondern sagen könnte: wenn sprachliche Gesinnungsausweise verlangt werden, bitteschön. Wieso nicht? Ist doch kein Problem. Was kann ich für Sie tun. Und dann sagt sie: HAST du nun also MAUS gesagt zu der Frau oder nicht? Und ich: nee Schatz, Schatz. Und alles wäre geklärt. Mündlich ginge das nämlich, nicht zu vergessen. Wenn das Gesicht dazu käme. Daß man also, jedenfalls, auf die einem, von irgendwem noch so Zuständigen, von irgendwoher her zugewiesene politische Ortsbestimmung - also nicht mit TROTZ antworten würde - einfach auch nur weil das so ein wahnsinnig scheußliches und ödes Reaktionspattern ist - sondern mit einem Neuansatz. Einem Neuversuch, sich selber Klarheit zu verschaffen, wohin einen das positioniert, wie man die WELT sieht. Und welche SPRACHE einem das gibt, die diese Sicht ausspricht. Anschrift: Verminte Themen. STREIT Thema ist also auch ein STREIT, ein Konflikt. Darüber, welche Wirklichkeit vorliegt. Und über die Sprache: Was darf gesagt werden? Was nicht? Wie elend ist die Lage? Ist es politisch richtiger, den Blick ganz nüchtern auf das Elend zu richten? Und was passiert, wo sind die Gefahren, wenn man sagt: ja gut, verstehe, es ist zwar alles ganz schlimm und gräßlich. Aber manchmal eben auch: nicht NUR. Marleene Streeruwitz schildert in ihrem Buch Verführungen das Leben ihrer Heldin Helene auf eine faszinierend beklemmende, ausweglose, und doch von Momenten einer alltäglichen Lebens-EVIDENZ ins Recht gesetzte, und so genau genommen: verherrlichte Weise. Wenn das nicht ein derart männliches Wort wäre. Diese Lektüre fand ich wirklich toll. Auch, weil sie so extrem quälend war zugleich. Warum lebt diese Frau so? Verdammt noch mal. Weil viele Frauen in ihrer Lage so leben MÜSSEN. Wer hat das gesagt? Ich kenne auch welche, die in dieser Lage anders leben. Und wenn diese Möglichkeit auch nur besteht, dann müßte ein Buch, das den Gegenstand dieses Problems behandelt, diese andere Möglichkeit AUCH zeigen, auch eröffnen. Dann reicht es eben nicht, dem Elend nur paar resignativ poetische Momente abzugewinnen, beim Autofahren, beim Lesen des Horoskops der Kronen-Zeitung oder im Anblick eines Moments der Natur des Wienerwalds. Ich hatte angefangen, nach der Lektüre von Verführungen, eine kleine Erzählung zu schreiben, ganz was Perverses, und dieses auf vielleicht 20 Seiten angelegte Ding trug den Titel: DIE ENTTÄUSCHTE FRAU. Eine Lehrerin, Anfang 40, zwei Kinder. Der Vater der Kinder, ein Unityp, Franzose, hat gerade ganz hohl und stumpf und doch so unwiderlegbar nachvollziehbar zugleich, beschlossen, er hat was besseres zu tun, als Familie, Frau, Geschrei, Gejammere und all das Übliche. Er will sich endlich habilitieren. Und den meisten Rest kennt man so in etwa. Anschrift: Vom Elend ausgehen. Womit sich die Geschichte für mich natürlich auch schon erledigt hatte. Es muß so etwas dann ja nicht unbedingt auch noch ausgepinselt werden. Und wie ich aber da beim Schreiben plötzlich merkte, bei der Darstellung des Elends dieser eben etwas komplizierter strukturierten enttäuschten Frau, - wie ich es HASSE, und wie falsch ich das finde, wenn Realismus heißt: das gibt es also, das ist so. Dieses Elend stelle ich erst mal einfach so dar. Ich weise darauf hin, daß es das gibt. Usw usw usw. Verführungen tut so, als würde da ganz kühl und ohne Eifer diese Welt der alleinstehenden Mutter, die da ihren Mann steht, zwischen zwei Männern und den Kindern und der Schwiegermutter - einfach nur DARGESTELLT - und in Wirklichkeit ist das Buch durch seine sprachlich künstlerische Dimension - eine große Verzauberung dieser Welt und Verhältnisse. Kunst eben. Eine Ins- Recht-Setzung letztlich der da gezeigten Welt. Es kann fast gar nicht anders sein. Es geht nicht anders. Das ist die größte Schwierigkeit für Kunst: Wie kann sie irgendetwas direkt KRITISIEREN, oder gar anprangern? Und da das eben nicht direkt geht, welche umwegreichen und wie komplizierten Wege muß sie wählen, um die PROBLEMATIK von Weltverhältnissen zeigen zu können, auch ihr Elend, und das darin liegende Moment von Sehnsucht nach einer besseren Welt? Das Kunstwerk geht aus vom Elend, spricht so, in seinem weg davon, davon. WIDERSPRUCH Eine Bekannte hat mir nach Erscheinen von Rave einen fast schon wütenden Brief geschrieben, in dem sie mir meine destruktive, kaputte Sicht auf die Nachtleben- Welt vorwarf. Das wäre Verrat an den Aktivisten, niederdrückend. Und im ersten Moment dachte ich, wie wahrscheinlich auch Frau Streeruwitz antwortet, wenn man ihr sagt: aber Sie können eine derart hilflos resignative Lebenshaltung doch nicht so poetisch verzaubert darstellen - verzeihung, das IST aber so. Es ist etwa noch 20 Mal kaputter in echt, das echte Nachtleben, als in Rave dargestellt - und erst dann kam mir, daß es darüber hinaus noch einen ganz anderen Grund gibt, warum ich das so zeige: daß ich diese Kaputtheit nämlich unglaublich GEIL finde. Daß ich mich also durchaus einverstanden damit erkläre. Weil das mit Kaputtheiten korrespondiert, die ich überall in mir und um mich herum sehe. ALLES IMMER GLEICH ZURÜCKNEHMEN Oder mit was nächstem übersprechen. Und wäre die REDE nicht doch auch dieses Ding?, dem im Vertrauen auf die Vergänglichkeit des Moments, in dem sie kurz da ist im Raum und dann ja verklungen - die Behandlung - ganz medizinsch gesehen - bestimmter schwieriger Fragen erlaubt wäre, denen sich der Text im Schriftlichen auf jeden Fall zu entziehen versuchen würde. So in der Art: da ist ein Problem. Das kann ich nicht lösen. Schwierig. Also schnell weg von da. Der Text bringt sich in Sicherheit. Das ist SEIN Recht. Die Rede setzt sich aus. Kann bißchen weiter gehen. DER B-TEIL DAS FENSTER ZUR WELT Sie sehen es selbst, ich habe zu viel versprochen. Wo sind die Gerätschaften, mit denen wir hier spielen wollten, der Fernseher, und die Musikmaschinen? Der ganze Wahnsinn der Papiere, Bücher, Bilder. Nichts. Wo bleibt das Unmittelbare? Der ganze Fun? Die Qual? Auf der Suche nach einer besseren Dosierung. Entsprechend diesem eigentlichen Live-Ding also: man weiß NICHT, was als nächstes passiert. Bis hin zur Ungewißheit, ob neue ZEIT sich gleich ereignen wird. Aller Wahrscheinlichkeit, aller Erfahrung nach natürlich ja schon, aber ... Ich hatte gedacht - hier, jetzt: wenigstens paar Texte aufnehmen, eintreten lassen - in dieses Ding hier heute - und wenn es sehr heftig von irgendwem gewünscht werden würde, sollte wir das auch tun. Aber lieber wärs mir, ehrlich gesagt, wenn nicht. Ich hoffe, daß ich bis zur fünften Veranstaltung, wenn alles noch mal hier aufgebaut werden soll, etwas mehr KLARHEIT über die Live-Elemente bekomme. Daß man damit wirklich bißchen SPIELEN kann. REDE Zurück zur Rede. Dritter Teil. Bißchen Ordnung machen. Aufzuräumen versuchen unter den Splittern, Ideen, Aspektchen und Verknüpfungen. Wir sprechen über den Zugriff auf drei Phantasmen, diese drei Projekte. Eine erste Annäherung, fahrig, vage, wie gesagt, und dabei doch ja schon fast ins Szenische, Personalhafte gehend. Dabei wurde auch die Form-Aufgabenstellung klarer: es geht um Bewegungsstrukturen des Sozialen, NICHT um MOTIVE, nicht um Innenwelten. Das Wort 'Vertrauen', das der Formphantasie neulich an erster Stelle vorschwebte, meint hier also nicht eine individuelle, emotionale Kategorie, sondern ein luhmannesk abstraktes Funktionsprinzip des Sozialen, dem aber zugleich doch auch, über diese Bezeichnung, ein helles Emphase-Moment beigegeben sein soll. Eine Art ruhige, neutrale Außensicht also auf das alltägliche Handeln von Leuten, deren Handlungsgegenstand oder Inhalt ja genau das Gegenteil ist: Innenwelt, Denken, Argumente, Text. HASS Wo bleibt eigentlich der Haß? Auch der Haß muß seinen Weg durchs Leben finden. Er kommt von außen, als glühende Postion. Schon nach wenigen Jahren von DABEI sein aber, bei egal was, und letztlich natürlich schlicht und einfach beim LEBEN selbst, gibt es diese Außenposition nicht mehr. Sie heißt nämlich Tod. Als Haß-entsprechendes Aktivum: Suizid. Am meisten hat mich diese Frage beschäftigt, während ich die Geschichte KONTROLLIERT schrieb. Ich dachte dauernd, ich kriege es nicht hin, dieses Buch zu schreiben, und wenn ich es nicht hinkriege, bringe ich mich um. Aber ich will mich NICHT umbringen. Ich will nicht die Geschichte der älteren Brüder, der Kriegszeit-Geborenen, noch einmal wiederholen, Brinkmann, Vesper. Und es ist auch nicht mein Zeit-Ding, einfach vom Jahrgang her. Heute habe ich immer das Gefühl, Haß sollte für mich aus dem Äußeren herein kommen, und da zu dem inneren Explosivum werden, im Inneren der Argumente. Eine Energie, die die Widersprüche aufeinanderhetzt, sie zu maximal heftiger Kollision bringt, sie auseinander stieben läßt. LERNEN WIE GEHT DAS? Von der grob-formalen Aufgabenstellung her, dieser Spannung zwischen außengesteurter Sichtweise der Erzählung und dem quasi ausgesparten Innenleben der Akteure - ich dachte mir neulich: ich würde all denen alles Denken so gerne ganz abnehmen, diesen Helden und Sonnen meiner Geschichte - vom Gefühl her, vom Reiz dieser Aufgabenstellung her, erinnert mich dieses Problem, an das formale Zentralproblem, und damit an das Thema natürlich auch, der Nachtleben-Erzählung RAVE, die vor sechs Wochen erschienen ist: nämlich eine Zeitform JENSEITS jeder Vergangenheit, eigentlich sogar jenseits aller Zeit überhaupt, zu finden für die Darstellung einer Lebensweise, deren ganze Mitte sich um ZEIT genau dreht, um dauernde und absolute Zeitvernichtung, Zerstörung von Zeit, so hart und restlos und brutal, wie es geht. Die darin ihr Nirvana, ihr Glück und ihr komplettes Destaster erfährt, und alles das immer GLEICHZEITIG, ununterscheidbar ineinander vermischt. Oder anders gesagt: den Ort der Finsternis zu lokalisieren, von dem die Lichterfahrungen des Nachtlebenglücks handeln. Wobei ich sagen muß: als GELÖST betrachte ich solche Themen, Probleme, und Aufgabenstellungen natürlich erst dann, wenn sie im fertigen Ding so weit aufgegangen, verschwunden fast sind, daß kaum mehr als eine Ahnung an manchen Stellen davon noch übrig bleibt. Anschrift: Schönstes Kunstgeheimnis: LATENZ. Denn dauernd würde man solchen idee-haften Form-Fragen ja auf allen Ebenen immer wieder neu das Gegenteil entgegenhalten, so anti-ideehaft wie es nur geht: REALITÄT. Er sagt es immer wieder. Man geht ja nicht feiern, und denkt sich, heute gehe ich wieder ordentlich Zeit vernichten. Ich kuck mal nach, wie es ausschaut, an der Finsternis-Kern-Stelle der Existenz. Man geht ja feiern und fragt sich: wer spielt, wer kommt, was geht ab. UNIVERSITÄT Doch was nützt es, diese Parallele? Dieses: hier war ich schon mal. Das Problem kenne ich. Nützt es überhaupt irgendwas? Eine der leitenden Grundideen dieser Veranstaltung hier war für mich ja wirklich der Ort: UNIVERSITÄT. Dieser Zauberort des Geistes und des Geistigen, ganz von seinen schönsten Möglichkeiten her gesehen, vom Phantasma, mit dem im Laufe der ja noch gar nicht so vielen Jahrhunderte, seit es diesen Ort überhaupt erst gibt, doch immer wieder ganz viele neue Leute an diesen Ort gekommen sind, um zu LERNEN - was denn? gar nichts besonderes, alles mögliche, dies und das, oder auch was superklar bestimmt Gezieltes, mal kucken, ALLES vielleicht - Und zum Beispiel eben auch, so wie hier: etwas zu erfahren darüber, was jeder wahrscheinlich im Kern eben doch wirklich nur ganz ALLEINE erlernen kann, nämlich das Schreiben, wo man aber dennoch gerade durch die Beobachtung anderer, die das MACHEN, das Spezifikum der EIGENEN Probleme, Fragen und Talente vielleicht besser erkennen kann, als wenn direkt auf dieses Eigene drauf schaut - und es also eine Idee dieser Praxis Veranstaltung war, vor Studenten der Universität den realen Produktions Prozeß des Schreibens so persönlich zu rekonstruieren hier, daß die individuellen Differenz-Erfahrungen für jeden Einzelnen, der das so würde sehen wollen, den das also interessieren würde unter diesem Aspekt, so prägnant erkennbar werden würden - daß jeder an irgendeiner anderen Stelle, die zufällig seine aktuelle Fragestellung gerade berührt, dann sagen könnte: okay, er macht das so, interessant, ich würde es ja genau umgekehrt machen. Oder: die Richtung stimmt, aber zu lasch durchgeführt. Oder: er hat sich offenbar verrannt. Seltsam, das zu sehen. Ich jedenfalls kann an anderen besser lernen, als an eigenen Erfahrungen, - weil ich immer wieder erlebt habe, wie mich irgendwelche Erfahrungen und Lehren aus früheren Arbeiten bei den neuen Sachen zum Teil lange Zeiten beschäftigt und so letztlich behindert haben - und andererseits natürlich - groteskerweise, klar - auch DIESE spezielle Erfahrung, daß die alten Erfahrungen nur hinderlich sind, unter dem drohenden Verdikt steht: ein Unsinn von früher. Falsch. Und man plötzlich da stünde, und aus alten Erfahrunge was lernen könnte, wo man sich gerade mit viel Mühe eingebläut hatte, daß das nicht geht usw usw usw DAS meinte ich neulich übrigens, wenn ich sagte: ich lese Luhmann auch, um eigenes Denken zu bekämpfen, um vorzugehen, über den Nachvollzug komplexer theoretischer Operationen, gegen eigene Gedanken, um die zu verwickeln in aktive Praktiken der Vernunft. Albert Oehlen sagte mir mal vor Jahren am Telefon, auf die Frage, wie gehts mit der Arbeit. Ja, er habe gerade wieder angefangen zu malen. Ich: Ah, toll. Er: Ja, es ist absurd, ich VERGESSE immer, wie es geht. Auf DER Basis, wenn das wiederum nicht dogmmatisiert wird, hat man eine gewisse Chance, weiter zu kommen. ZUM SCHLUSS Zum Schluß würde ich noch einmal gerne zurückgehen zur Bühne. Was ist das eigentlich für ein absolut besonderer Ort? Und welche Gesetze herrschen denn da? Die Bühne ist der einzige Kunstort, für den wirklich das LEBEN die Form der Kunst ist. Das ganz reale, menschliche, fleischliche Leben, der Atem und die Spucke, der Geruch der Körper und der Husten der Langeweile. All das ist nicht nur Horizont und Ziel einer dem Realismus verpflichteten Kunst der Fotografie zum Beispiel, oder einer Musik, die ja denkbar ist, die davon würde handeln wollen - nein, diese Leben ist das Material und der Gegenstand, das Arbeitsinstrument und die künstlerische Endgestalt, Ausgangspunkt und Ziel und Mitte, ALLES wirklich dieser ganz speziellen Kunst, die auf der Bühne sich ereignet. Banalität, klar, trotzdem wichtig. Anschrift. Baustelle Zeit. Gegenwart. ungeduldig blick ich auf die Uhr wann hat ers denn? wann sind wirs denn? wann ist es denn soweit? daß alles endlich fertig ist gesagt etcetera daß WAS? wie lange noch? verzeihung nee entschuldigung Moment mal, Augenblick so nicht okay verstehe kein Problem kein Akt, kein Thema schon okay okay TOD Daß also an der Stelle, wo beim letzten Mal die STILLE und das Problem des Paradoxes, wie davon gesprochen werden könnte, von diesem großen Schreiber- Lebens- Existential, von diesem Erhebungsort der ASOZIALITÄTSKUNST Schrift - heute also das Problem des Todes steht, der unweigerlichen TOTHEIT der Schrift, die hier steht, vor mir, wie gesagt, auf dem Papier, stumm, und erst dann Realität wird hier, wenn ich das Geschriebene gelesen, neu zu denken versucht und ausgesprochen habe. Daß die SCHRIFT, in ganz bestimmten Sinn, und eine von ihr in genau diesem Sinn bestimmte Art zu schreiben - und ich weiß sehr gut, daß es ganz viele ganz andere gibt, mit vollem Recht - eine gewaltige Obsession dem Tod entgegen hat, bearbeitet, sich der verdankt, und von ihr abhängt und gegen sie protestiert, sich auflehnt. Und sich schließlich ihr doch fügt. Anschrift. FORM. Sich FÜGEN. Von der Seite des Lebens dieses Vortrags hier her gesehen: daß wir es heute, nach dem unmittelbaren, stammelnden Vorgehen der ZEIT beim letzten Mal, der früh-morgendlich-wilden Auflehnung gegen das Diktat der Vorgabe, in einer kohärent nachvollziehbaren Weise hier Mitteilungen inhaltlicher Art machen zu wollen, und dennoch FREI, in Gestalt des Lebens, des Moments, in dem der Gedanke geschieht und sich selbst aufleuchten sieht, usw usw wir es heute also, von Erfahrung schon so leicht gebückt, geprügelt, eingeschüchtert vielleicht sogar - mit dem Versuch zu tun haben, AUCH auf jeden Fall, das THEMA REDE hier zu erfassen, seine Form anzunehmen und sich ihr zu fügen. Anschrift. KAPUTTE SZENE. Daß also die Bühne, und damit der Text fürs Theater, der schriftinternen Totheit der Schrift, nicht auf der Ebene des Lebens, sondern genau auf der der KUNST, wie vorhin gesagt, eine Lebendigkeits-Aufgabe stellt, die, wie es mir immer vorkommt, doch eigentlich JEDEN Schreiber unendlich faszinieren muß. Neulich, auf der Zeit-Relaunch-Party in Hamburg, redete ich wieder mal auf Maxim Biller ein, daß er doch AUCH Theaterstücke schreiben müßte, daß doch sozusagen jeder Schreiber zumindest AUCH Theaterstücke schreiben muß. Begründet quasi in der Natur der Schrift selbst, in ihrer Totheit, ihrer diesbezüglichen Absurdität. Daheim kams mir dann erst, daß Maxim Billers Schreiben ja genau NICHT von der Schrift, sondern vom Erzählen handelt, von Geschichten, und daß da dann natürlich ganz andere Fragen, Aporien und Probleme sich stellen. Die ich alle noch gar nicht richtig kenne. Mit dem Erzählen, das ist das tolle Gefühl im Moment, bin ich nämlich erst noch ganz am Anfang. ICH FASSE ZUSAMMEN Okay. Es war mir ja schon so vorgekommen neulich, als ich die Folge der beiden Worte 'morgendlich zuversichtlich', die dem noch live gedachten 'montäglich bedrückt' gefolgt waren, von meinem A 1 Manuskriptzettel ABLAS und dann aussprach, als hätte ich mich in diesem Augenblick eines BETRUGS schuldig gemacht, vor Ihnen, vor meiner Zuhörerschaft hier, weil ich da gespickt hatte, weil nicht das Jetzt in mir und aus mir, sondern die Schrift, gelesen, durch mich hindurch gesprochen hatte. Weil ich also nur als der SCHAUSPIELER aufgetreten war, der die von dem anderen, der ich war, als ich das Konzept erdachte und stichwortartig niederschrieb, gedachten Gedanken hier so vorträgt, als wären es SEINE EIGENEN. Um schließlich, in den nachfassenden Überlegungen, natürlich im Nu bei der Banalität zu landen, daß DAS eben genau die FORM der öffentlichen Rede ist: daß einer das von ihm irgendwann vorher mal Erdachte selbst zum Vortrag bringt, und so beglaubigt, authentifiziert. Und wie absolut LÄCHERLICH ich das finde, im Grunde. Leider muß ich das sagen. Und vielleicht deshalb auch ist dies hier ja der erste öffentliche Vortrag, den ich halte. Und wenn diese Veranstaltungsreihe erst einmal hinter mir liegen wird, wird es für lange Zeit, glaube ich, das letzte öffentlich Reden gewesen sein, an dem ich mich versucht habe. Es ist schlicht und einfach in sich, für mich, auf absolut QUÄLENDE Art ABSURD. Wobei mir einfällt: Lüge. Ich habe schon einmal öffentlich einen Vortrag gehalten. Ich habe nämlich 1974, in genau diesen wunderbaren Mai- Anfangs- Tagen, am Ludwigs- Gymnasium in München, die mit mehreren Freunden und einem befreundeten Lehrer gemeinsam zusammen verfaßte ABITURREDE vorgetragen. Im Parka. Ja. So war das. DAS TRAGISCHE Und in der Schultheater-Aufführung, unter der Leitung von Herrn Professor Heißner, spielten wir die Bacchen des Euripides. Und ich war: Dionysos. Daran denke ich oft, wenn ich im Theater sitze, daran dachte ich an jenem Abend in Kresniks Hotel Lux. Die Stelle, auf die die abgebrochene Szene vorhin in der Kantine der Berliner Volksbühne zusteuerte. Wilfried Schulz, Dramaturg am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, hatte mich angerufen, ob ich mitkomme, in die Premiere. Es war der Tag, an dem die ganzen Krieg-Verrisse erschienen waren. Anselm Weber, der Regisseur und ich, hatten in Hamburg eine Neufassung des alten Stück von mir zusammengebaut - und nach der Premiere tatsächlich gedacht, es wäre uns da, unter schwierigen Bedingung doch etwas gelungen. Nein, sagte die Kritik. Aua. Und dann saß ich also, an diesem Abend in der Volksbühne, und dachte dauernd: verstehe, klar, natürlich. Ich hatte noch so gekämpft dagegen, daß in Krieg Fernsehmonitore zu sehen sein würden. Und jetzt sah ich es plötzlich: zum ersten Mal wirklich war auf einer BÜHNE das Medium FERNSEHEN als ein wirklich eigenständiger Agent in Aktion aufgetreten. Überwachung. Die Lupe der Linse des Auges der Kamera. Und der alles entblößende Monitor des Fernsehers, der böse und übernah die Nacktheit aller zeigt. Terror, im Namen des Guten. Das Pathos von Kresniks politischer Passion, aber diesmal nicht wütend in der Anklage, sondern klagend, als Elegie gesungen sozusagen. Aus der Perspektie der Richtigkeit und Größe der anfänglichen Ideale, ohne aufstampfend trotzig zu sagen, aber wir müßten daran doch noch glauben können heute. Sondern einfach nur megarealistisch traurig: so war das gewesen, das ist diese Geschichte, so ist das heute. Und so sah ich auch, während das Stück lief, was in unserem neuen Hamburger Krieg wohl doch alles fehlte. Daß die Bühne doch der Ort sein muß, wo ein Moment der BEZAUBERUNG einen atemlos macht, für einen Augenblick zumindest. Ein Moment der Berührung, der Rührung muß einen fassen. Ja. Ohne Erschütterung kein Theater. Das wäre die sogenannte Ent-fremdungs-Aufgabe, die sich heute, via Medien, an der Stelle, wo früher Brechts Verfremdungs-Effekt stand, dem Theater allabendlich stellt. Man könnte auch von der Kategorie des MITLEIDS sprechen. Und während da auf der Bühne also die politische Tragödie der Linken in unserem beinahe vergangenen Jahrhundert ablief, war ich in den ultra- traditionellsten und allerurältesten aristotelischen Begrifflichkeiten meiner Abiturzeit wie in etwas für mich plötzlich wieder ganz NEUEM, Lebendigen, geradezu imperativ Weisen und Herrlichen umhergewandert, in meinem Geist. Und es gab keine Pause, und es war zu lang, nach irgendwelchen Zeitrechnungen, und trotzdem war es richtig. Dann in der Kantine. Ich hörte nur zu, und in mir ackerte es. Es gibt so viele Arten von tollem Theater. Und ich verstand plötzlich auch die Castorfsche, die ich 10 Jahre lang innerlich bekämpft hatte. Anschrift: Sehnsucht nach Abend. Daß da noch mal eine ganz andere Art von RESPEKT für die Fremdheit und Unerreichbarkeit der anderen wirkt, der Zuschauer, des Publikums, auch für die totale Unhomogenität dieses Kollektivs als Ganzem, für die Individualität der vielen Einzelnen, aus denen sich so eine Zuschauerschaft also zusammensetzt usw usw usw usw - Und ich dachte: ich muß hier raus. Ich muß das schnell aufschreiben alles. Warf meine rote Pferdedecke über, verabschiedete mich und verschwand. WORTHAUFEN Das Thema also: ein Haufen von Aspekten. Ich kann die Ordnung kaum erkennen. In dieser Arbeitsphase springen von x-beliebigen Eindrücken, Erlebnissen, Lektüremomenten und um ganz andere Dinge kreisenden Gedanken - dauernd irgendwelche ASPEKTE zur Sache auf. Im Hinblick auf das Thema der Erzählung, den Gegenstand des Stücks, die vage Idee des Büchleins. Das ist die einzige Ordnung dieser Aspekte: ihr Schwerefeld in den Projekten, worauf hin sie hin streben, worauf hin sie sich hinrichten. Alles zeigt aufs Thema. Ich mag diese Arbeitsphasen gern, weil sie so FREI sind. Weil es keine Vorgabe und eigentlich auch kein Scheitern gibt in ihnen. Sie versprechen so viel. Man weiß zwar noch nicht genau, was, schon gar nicht, wie genau. Aber man ist doch auch täglich schon viel weiter, als nur bei einer ersten morgendlichen Ahnung. Man hat sich schon ganz schön verwickelt in alles. Findet das schwierig, toll. Das Projekt ist nicht mehr maßlos, aber dafür mehr als nur ein Irgendwie- Phantasma. Man hat das Gefühl, eine tolle Zeit liegt vor einem. Und viel ARBEIT. Anschrift. BLUMEN an den FENSTERN. Schönheit der ARBEIT. Dieser kleine Scherz stammt von Westbam. Aus unserem Interview-Büchlein, Mix, Cuts & Scratches. In der übernächsten Veranstaltung zum Thema TEXT möchte ich davon genauer erzählen. Beim nächsten Mal - und prophylaktische ruft der letzte Einwurf: hätten Sie es nicht vielleicht eine kleine Nummer kleiner - nee, es tut mir leid - hier also: WELT. Vieleicht bis dann, auf wiedersehen. * * * 1923. Wieder im Hotel. 2143. Wie beim letzten Mal: direkt danach war ich so tot, daß ich vor K.o.heit fast nicht mehr essen konnte, obwohl ich brutal Hunger hatte. Gerade war ich noch zu müde zum Schlafen, dann liege ich aber doch da, und wache auch schon plötzlich wieder auf, vor lauter Müdigkeit, und kann jetzt vor Müdigkeit nicht mehr weiter schlafen. Dann gehe ich aufgeregt in meinem Zimmer 17 auf und ab, weil ich nicht weiß, ob ich die neuen Praxis Sachen jetzt gleich aufschreiben muß, oder ob es reicht, wenn demnächst. Und da geht ja doch glatt auch schon wieder die geile Giovanni di Lorenzo Talkshow los. Tom Koenigs ist mir so sympathisch. Schubeck auch. Sogar Kerner. Nur die Neid-Hetz-Frau nicht, ha! Sie diskutieren über Reichtum. Ich würde gerne mal unsere Psychologin Frau Doktor Schorr fragen. Super Idee, Giovanni, mach ruhig. Wobei ich ihn ja auch noch klasse finde heute. 2313. Und im WDR sitzt Michael Rutschky und weiß was über Guildo Horn. Mit bißchen brüchiger Stimme. Unter seinem Namen erscheint die Schrift: Kulturtheoretiker. Ich habe das nur referiert, sagt er, das hätte man in den 70er Jahren gesagt. Er will sich vorsehen vor Dünkel und Überheblichkeit, kündigt er an. Wenns was nützt, warum nicht? Heike Melba-Fendel, Trendmacherin: Und das ist übrigens ein internationales Phänomen. 2337. Hossa: sagt Harald Schmidt. ICE 993 ISAR-SPRINTER II 7.3 Mittwoch, 6.5.98, im ICE 993 Isar-Sprinter. Auf der Fahrt von Frankfurt nach München. 641. In einem ganz leeren Abteil, neben der Steckdose, vor dem milde summenden Maschinchen. Rückblick: gestern, während dem Fernsehen, ich gab die Streichungen und Korrekturen in die Praxis II Datei ein, Endfassung 4. Es war ja noch Biolek, mit Desiree Nick. Seit ihrem Kind stimmt irgendwas nicht mehr so ganz, an der camp hermaphroditischen Domina- Persona. Lispeln allein genügt scheinbar nicht. Dann die Brigitte-TV-Kuh bei Harald Schmidt. Wie die Hochzeit war, in Frankreich, als Überraschung. Mit lieben Freunden, in legeren Tagesklamotten, alles ganz super. Hier - ma schiert - der na - tio na - le Wi - der stand. Das höre ich da von irgendwoher als Subtext, wenn sie vier mal hintereinander, weil Harald Schmidt mögliche Komplimente zitiert, danke sagt. Diese Brigitte Welt produziert die DVU Wählerschaft, ich schwörs. Ich machte das Licht aus. Ein unruhiger, flacher Schlaf kam. Um 4 Uhr 59 läutete der Wecker, eine Minute später fiepte das Telefon, und der Weckruf von neulich war wieder dran. 5 Uhr 36: Als dann der Morgen graute ... Und am Bahnsteig sagte der Kollege von der Bundesbahn auf die Frage nach Plätzen mit Steckdose: ansonsten fragen Sie den Kollegen vorne. Ich: den Kollegen vorne, vielen Dank. 737. Praxis II Endfassung 5 ist fertig. Soll sie jetzt hier rein gehängt werden? Oder genau nicht? Oder nur für einen Tag? Ich kann das nicht so richtig erkennen. 934. Meine Damen und Herren, wir erreichen in wenigen Minuten München Hauptbahnhof. Dieser Zug endet dort. Bitte alle aussteigen. 1007. Daheim. 1556. Zurück aus der Stadt. 1909. Ins Bett. TOTENBUCH II 7.4 Donnerstag, 7.5.98, München. 438. Morgen schauts schon wieder ganz anders aus. Hat es gestern Abend geheißen, zur Ermutigung. Und tatsächlich suche ich jetzt hier schon wieder nach einer weiteren Tasche für die Bücher, die ich nach Berlin schleppen möchte oder muß, um sie dann nach Frankfurt zu schleppen. Daß die gräßlich Groteske ihren Fortgang nehmen kann. Grotesk. 505. Verrußt, versifft, total aufgeräumt und brutal abweisend: die Wohnung hier. Eine durch Nichtbenutzung zerstörte Lebensformmöglichkeit. Am Abend wollte ich einen der drei Videorekorder anmachen. Der war da nicht mehr. Vielleicht habe ich den vor Monaten zur Reperatur gebracht? Oder verloren? Oder weggeschmissen? Ich kann mich nicht daran erinnern. Das gibts doch nicht. 522. Wieder gepackt, fast fertig. 812. Aufgeschlagen in Berlin. 836. Im Taxifunk die Worte: Allee der Kosmonauten. 859. Wieder daheim. 1054. Praxis.II.EF.5.Di.5.5.98=index=111.ff. 1708. Ich stolpere durch die Wohnung und fühle die Pläne für den Dienstag sich so langsam ordnen. Friere. Im Bett lese ich in Timothy Learys Totenbuch, das ich mir gestern im Optimal gekauft habe. Ich finde die Verbindung von Drogen und Wissenschaft immer irgendwie gruselig. Als Selbstversuch angelegt in D.M. Turners Essential Psychedelic Guide, am allerhärtesten, mit beängstigend blühender Psychose, bei John Lilly. Es gibt dann den Drogen gegenüber kein Exterritorium mehr. Keine Tagwelt sozusagen, keine Arbeit, keine Vernunft, keine Nonerleuchtung. Dann wirds finster, und zwar richtig. 1754. Why. Die hier neue Burial Mix 5 läuft. Perfekt, nochmal einfach ein weiteres mal, für mich: perfekt. Shout! Dieser - es darf wirklich so heißen: - unbeschreibliche Trost der basal vitalen Vorgänge. Alle sieben Minuten muß ich an den Plattenspieler gehen und sie von vorne auflegen. Sie könnte von mir aus auch 45 Minuten dauern, das wäre mir auch nicht zu lange. Daß Klaus, der Musiker der offenen Ohren, diese Musik so ganz anders hört, empfindet, liest. Das war echt ein Highlight bei der Krieg Musik Produktion. Wir waren von der 1987er Jungle Wonz Welt, über Ron Hardy Selected Bad Boy Stimmungen, Ectomorph Sounds, die Relics Harmonien, den Clair Libre Vibe der Cheap 10, eine Theorem Nano Melodie und die Roman IV Playhouse Classic bei der Maurizio 4 gelandet, an der ich diesen ultimativen Groove demonstrieren wollte. Und Klaus schaute mich ganz traurig an. Bei allem konnte man das Gemeinte ganz präzise klären, fassen, sich sofort verständigen. Nur die Maurizio, von der ich sagte, das wäre doch die Musik der innersten Ruhe und dieses Element müßten wir auch noch ihrgendwie mit reinkriegen: die machte ihn zuinnerst RASEND. Ja! Das Gefinkelte, das er darin hörte, ein künstliches Rauschen, zu dem ich mich erst mühsam hin vorhören mußte, so sehr gehörte das für mich da dazu, so wenig störte mich das. Das machte ihn absolut NERVÖS, innerlich, rasend. Den ruhigen Klaus. Ich sah es richtig, wie ihn das nervte. Er brachte noch mehrere Gründe, analysierte das Ganze in alle Richtungen aufs Präziseste, wie gesagt werden muß, da wir uns hier, naturgemäß, nicht zu vergessen, immer in einer leicht bernhardesk durchwirkten Welt - so der letzte Titel des neuesten Romans von Westbam - bewegen, klaro. Und der entscheidende Punkt: daß ich beim Hören von einer Musik, von der ich glaubte, sie lasse mich definitiv an etwas Allgemeinem teilnehmen, eben doch auch wieder merken mußte: NEIN. Es sind allein diese Ohren, es ist allein dieser Körper, dieses Gehirn, dieses System hier, das so hört, empfindet, interpretiert. Erschütterung der Urteilskraft. Von all diesen Problemen handelt natürlich auch die Textform Kritik. CHRONIK DER VOR- UND FRÜHGESCHICHTE II 7.5 Freitag, 8.5.98, Berlin. 634. Der Lappen muß hoch, egal was. Hat es gestern geheißen, bei Ostermeier im Interview, in Theater Heute. Auch das bewundere ich so, am Theater, das Pathos dieser Position, das absolut Ausgesetzte, in die Zeit hinein, der Zeit ausgesetzt. Um 19 Uhr 30 hat sich der Zuschauerraum gefüllt, auch wenn die ganze Welt untergegangen ist, im Hauptdarsteller, durch privates Unglück, im Tonmann oder im Mann fürs Licht. Der sitzt dann da, stellt seine Apparate ein, Stimmung eins eins, ab dafür. Und das Licht geht aus, das Licht geht an, und es beginnt. 624. Im Traum, Achtung Zeitsprung, war es viertel vor neun und es läutete das Telefon, in echt, Blick auf die Uhr, zehn vor halb sieben. Und ich dachte: also was jetzt? 804. Gegenbeispiel Wissenschaft und Drogen: Albert Hoffmann, LSD - mein Sorgenkind. Er ist so ein megasympathischer Uncharismatiker, in diesem Buch, paarmal im Fernsehen, wo ich ihn sah. Das ist selten. Drogenbeschäftigung tendiert fast immer, auf nicht angenehme Art, ins Charismatische. Es muß für diese ganzen, aus Rave aktiv ausgeklammerten Probleme noch einmal einen Reflexionsort geben, in einer Person, in DEKONSPIRATIONE. - Wie ich mich im Moment aufs Schreiben dieses Buches freue. Auf dem Höhepunkt der Verstrickung ins schwer Lösbare der gegenwärtigen Aufgabenstellung, steht einem das Phantasma der kommenden Sache wie eine Erlösung vor Augen. 854. Im Grunde ist es so: Sachen, die ich mündlich erzählt habe, kann ich nicht mehr schreiben. Das schafft natürlich kaputte Verhältnisse, in beide Richtung. Die Schrift verhakt sich bösartig im Stummen. Und Stillesehnsucht und Schweigepflicht zerstören das Soziale. Andererseits betritt von hier, durch die Feststellung, daß es so ist, - wovon ich bisher gar nichts wußte, es war halt einfach so -, die Möglichkeit des Gegenteils das Leben, daß es nämlich anders wird. Weil ich es anders mache. Weil ich will. 1544. Sie müssen UNS AUCH verstehenen, meinte die junge Frau von der Polizei vorgestern, in München, am Baldeplatz. Und eben, am Rad, beim Überfahren einer hiesigen roten Ampel, kams mir, daß das eigentlich erst der Punkt ist, wo der Kontakt mit der Macht der Behörde in Empörung umkippt. Weil ich MUSS alles mögliche, z.B. 120 Mark zahlen, weil sie findet: EINE rote Ampel, von mir mit dem Rad überfahren, da hätte sie ja noch mit sich reden lassen. Aber bei zwei: nein. Das würde wirklich zu weit gehen. Da müsse ich sie auch verstehen. Verstehe. Und ich stand da so vor der, komplett AM ENDE, mit Zeug und Scheiß und Büchern und Platten beladen, daß ich es am Rad kaum balancieren konnte, total übernächtigt, und schaute in ihr teigig blaßes, freundlich ländliches Akne- Narben- Krater- Gesicht, 22 vielleicht, und dachte eigentlich gar nichts, außer: is ja gut, mach halt. Aber laß mich bitte in Ruhe mit irgendeinem blöden Text. Daß man sich da nicht nur bestrafen lassen, sondern auch noch mit ERZIEHUNG quälen lassen muß. Das ist der Punkt, wo Renitenz und Wiederholungstat entsteht, geradezu entstehen. Geben Sie den Verkehrsverstoß zu? Ja. Logisch. Was solls. Soll ich vor Gericht ziehen? Bin ich verrückt oder was? Sie müssen uns ja AUCH verstehen. NEIN. Das ist das einzige, was ich NICHT muß. Vor allem das 'auch' ist gut: weil sie mich ja auch nicht verstehen, im Sinn von es einfach gut sein lassen, deswegen muß ich sie auch verstehen. - Auf DER Ebene von Autoritätsterror und Reflexrebellion, entschuldigung, daß ich es nochmal sage, erlebe ich ja leider ALLE diese sprachlichen PC-Probleme im Polit-, Musik- und Kunst-Bereich. Wenn Ordnung nicht freigestellt wird, sondern angemahnt, für vernünftig erklärt, kraft Vernunft für notwendig, richtig und verbindlich - da drehe ich durch, automatisch. Automatisch kommt es dann zu Übertretungshandlungen, notwehrmäßig. Weil das alles ja immer überhaupt NICHT stimmt. Die ganzen Gründe. Weil man zu allem ja immer sagen kann: kann man schon so sehen. Aber auch genau umgekehrt. Wenn Gründe nicht erklären, warum der Gründehaber so und so die Dinge sieht, sondern alle anderen sie auch so sehen sollten. NEIN. Sie müssen UNS ja AUCH verstehen. Eben nicht, eben nicht, eben nicht. DIE REPUBLIK II 7.6 Samstag, 9.5.98, Berlin. 917. Gestern sah ich seit langem mal wieder einen ganzen Film im Fernsehen, von Anfang bis Ende. Vom FAZ-Vorschau-Artikel und diesem Komödien-Preis agitiert. 'Mammamia' von Sandra Nettelbeck. Senta Berger als sprichwörtliche wunde Frau, schwer erträglich, toll das Ganze. Diese grotesken Probleme, die angeblich zum Leben dazugehören. Daß man sich mit den Menschen, die man am meisten liebt, am meisten und am heftigsten streiten würde. Echt? Wieso? Stimmt doch alles gar nicht. Auch wenn es schon tausend und eine Nacht mal ge